Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e.V.

Nachdenken über Leipzig

Nachdenken über Leipzig

Ein Schatzhaus des Unentdeckten

Von Elmar Schenkel
Leipzig - Augustusplatz

Mark Twain bemerkte einmal, dass die schon lange angekündigte Beerdigung der katholischen Kirche immer irgendwie aufgeschoben wurde, vielleicht auf Grund des Wetters. Ähnlich wie der Katholizismus scheint auch Leipzig nicht am Ende zu sein, vermutlich ebenfalls auf Grund des Wetters. Meine Mutter in Soest schaut täglich nach dem westfälischen und dem sächsischen Wetterbericht.

Mag Leipzig keine Verlagsstadt mehr sein, so doch Buch- und Lesestadt, ist aber auch Schreibhaus oder Malsaal - der Genius Loci bleibt findig und vor allem musikalisch.

Windharfen haben mich lange interessiert: Übernatürliche Klänge, wenn der Wind in die Saiten haucht oder zerrt, Töne schwebend wie Raumschiffe, und Babies sollen schön ruhig dabei werden. Die Romantiker haben sie bedichtet, als Bild der Seele. Ich habe diese Windharfen überall gesucht, in Schottland, in Amerika, am Rhein.

Grassimuseum

Aber erst vor kurzem, obwohl ich seit über zwölf Jahren in Leipzig lebe, habe ich festgestellt, dass ich täglich an einem Haus vorbeifahre, in dem mehrere dieser Äolsharfen stehen und dazu noch ganz andere Schätze, das älteste Pianoforte der Welt etwa. Das Musikinstrumente-Museum im Grassi entdeckte ich durch eine Veranstaltungsreihe des Studium universale und war so begeistert, dass ich gleich ein Seminarthema fingierte, um meine Literaturstudenten dorthin zu lotsen.

Schulmuseum in Leipzig am Dittrichring

Mir wird allmählich klar, dass Leipzig ein Schatzhaus des Unentdeckten, kaum Bekannten ist. Die Sammlungen der Universität gehören zu den reichhaltigsten Deutschlands, man sollte sie nutzen. Oder das Schulmuseum an der Runden Ecke. Wir gingen dort einmal auf Zeitreise und saßen eine Klasse von 1980 nach, mit Pionierhalstüchern, ich war der Heiko, und als nächstes nehm ich mir die Kaiserzeit vor.

Leipziger Schätze, das sind aber auch die vielen Menschen, die sich in Vereinen finden. Im Übersetzerverein Die Fähre oder dem deutschlandweit einmaligen Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e.V..

Vor einigen Jahren wäre für mich die Vorstellung, in einen Heimatverein einzutreten, eine Lachnummer gewesen. Als kritischer Intellektueller tut man so was nicht. Doch eines Morgens rieb ich mir die Augen, denn ich war Mitglied des Heimatvereins Holzhausen geworden. Da gibt es Leute, die arbeiten mit ihren Ideen und Taten nicht an muffigem Brauchtum, sondern an der kulturellen Seele des Ortes, weil sie wissen, dass diese Seele dem Ort im Laufe der letzten Jahrzehnte von der Geschichte ausgepustet wurde. Sie wissen auch, trotz aller gegenteiligen Lautsprecher, dass Kultur immer wichtiger werden wird, und zwar als weltoffene.

Kaum habe ich diesen wertvollen Gedanken aufgeschrieben, teilt mir umgehend das Finanzamt mit, dass Mitgliedsbeiträge für Heimatvereine ebenso wenig steuerlich absetzbar sind wie für Vereine, die im Hundesport, Amateurfunk und Karneval tätig sind.

Leipzig - Neues Rathaus

Als ich mich 1992 um eine Stelle an der Universität bewarb, wohnte ich im Südwesten des Westens und musste erst eine Landkarte konsultieren, um zu sehen, wo dieses Leipzig eigentlich lag, über oder unter Dresden? Sachsen kannte ich aus Karl May. Es stellte sich alsbald heraus, dass der größere Teil der deutschen Kultur irgendwie östlich lag.

Zur Zeit wird viel geklagt über den Zustand Leipzigs, den Tunnel und all die Baustellen. Recht so, klagen ist eine feine Sache, sicherlich stärkt es das Immunsystem. Aber in meinem Inneren freue ich mich über diese riesige Baustelle wie mein Lieblingshund "Molly". Es ist viel spannender geworden, jeden Tag auf dem Weg aus dem Hobbitnest Zuckelhausen in die Stadt zu radeln: Wir dürfen immer neue Wege suchen, ein Schutz vor Routine, vor Verblödung und Langeweile.
Im Frühjahr ordentlich Schlamm, da denk ich an Russland gern, im Sommer, pfui, Staub, da kommt mir Indien in den Sinn.

In Meusdorf stieß ich eines Morgens auf einen Stein, der dem persischen Dichter Hafiz gewidmet ist. In der Nähe der Gletschersteinpyramide fand ich einen Stein mit einem kopfgroßen Loch: ein Summloch! Steckt man den Kopf hinein und summt auf einer bestimmten Frequenz, so erlebt man was. Vor 30 Jahren hat der Soester Philosoph und Künstler, Hugo Kükelhaus (1900-1984), diese Summsteine gebaut, ich war mit ihm befreundet. So grüßt er mich aus der Vergangenheit hier in Stötteritz.

Wo sonst kann man gleichzeitig an so vielen Orten, so unterschiedlichen Zeiten sein? Wie eine Melodienführung bei Gustav Mahler, eine spannende Raumzeitinstallation ist diese Stadt, wie ein vierdimensionaler Kubus. Sie ist eine Äolsharfe, der wir Töne der Geschichte ablauschen können. Stadt, ich lausche deinem Herzen, schrieb Alberto Savinio in einem meiner vielen Lieblingsbücher, die ich immer noch nicht gelesen habe. Savinio meinte Mailand, ich sage Leipzig.

Fechners Wohnhaus, Scherlstrasse 2, von 1850 bis zu seinem Tod 1887

Gegenüber dem Ort, dem ich mein inneres und äußeres Gleichgewicht verdanke, meinem Fitness-Studio, steht die Villa, in der einst einst der Philosoph, Psychologe und Autor Gustav Theodor Fechner wohnte, ein paar Meter weiter übrigens Nietzsche. Als ich neulich in Fechners Tagebüchern las, stieß ich auf einige Namen, die heute Straßen sind, zum Beispiel Strümpel oder Wundt. Die Vergangenheit ist vorbei, aber sie scheint unsere Gegenwart weiterhin zu planen. Menschen werden als Straßen wiedergeboren.

Denkmal für Gustav Theodor Fechner im Leipziger Zoo

Eines Tages, nachdem er zu lange seine Augen bei Lichtexperimenten überanstrengt hatte, erlitt Fechner einen Zusammenbruch. Es folgten zwei schlimme Jahre Depression, Lichtscheue, Essstörung.

Leipziger Rosental

Er ging mit einer Maske durchs Rosental, und durch die Schlitze sprach er Eichendorffs Gedichte. Nahrung konnte er kaum noch aufnehmen. Da kam ihm Leipzig zu Hilfe, und zwar das träumende Leipzig. Eine Bürgerin hatte von seinem schlimmen Zustand gehört, und es träumte ihr eines Nachts ein Rezept mit Schinken und Zitrone. Sie brachte Fechner diese Speise, und von nun an war eine Besserung zu spüren.

Der Genius Loci zeigt sich immer neu und überraschend. Fechner, der die Traumseite in seinen späteren Werken wichtiger nahm und über das Seelenleben der Pflanzen und das Leben nach dem Tod schrieb, war auch ein Freund des Gedankenexperiments. So war er wohl der Erste, der sich die Zeit als die vierte Dimension vorstellte. Ihm folgte H.G. Wells mit seiner Zeitmaschine und diesem wiederum Einstein mit seiner Relativitätsmaschine.

In Leipzig dachte man im 19.Jahrhundert intensiv über die vierte Dimension nach. Der Astrophysiker Zöllner ließ sich von einem amerikanischen Medium narren und schrieb massive Traktate über Dimensionen. Leipzig ist inzwischen -neben dem tatarischen Kasan- eine der Hauptstädte der Vierten Dimension geworden, klar erkennbar auf Landkarten des Unsichtbaren.

Hoffentlich wird es nur bald auch eine Hauptstadt des Radfahrens, aber dafür müssen wir wohl die nächste Energiekrise abwarten.

In Mexiko verschwand kurz vor dem Ersten Weltkrieg Ambrose Bierce, ein amerikanischer Autor, der sich in seinen Erzählungen gerne mit dem Verschwinden beschäftigt hatte. In einer dieser Geschichten berichtete er von einem Leipziger Gelehrten namens Dr. Hern, der ein Buch über Verschwinden und seine Theorie vorgelegt habe. Ich finde es bemerkenswert, dass Leipzig mit dem Verschwinden assoziiert wird. Ich glaube aber, dass es sich um eine besondere Art des Verschwindens handelt. Wenn hier nämlich etwas verschwindet, so, um wieder aufzutauchen, und zwar als Überraschung.

Wehr an der Weissen Elster in Leipzig

Wenn Sie das nächste Mal einen Spaziergang machen, achten Sie auf eine Überraschung. Es mag nichts Großes sein, vielleicht nur ein leises Rauschen in der Luft, aber eine Entdeckung werden Sie machen.