Reise im Traum, oder: An Dante denken

Dinanzi a me non fuor cose create

se non etterne, e io etterno duro.

Lasciate ogne speranza, voi ch’intrate.

Divina Commedia, Inferno III, v. 1–9

So in der Mitte des Lebens gestrandet, Bewegung im zweiten, bedrohlich sich einkürzenden Drittel, wird unsere Angst „ein wenig stille“, ist das so? Vor uns die krümligen Schaluppen des Abstiegs, die gebogenen Horizonte des brennenden Sands, der lodernden Brandung, durch die lonza, in Pantherscheckung, verschwindend greint und schimmert. Wollüstig biegt sich der Blick der Bestie gegen uns, die wir uns mit Chemikalien behelfen, nicht zu versagen. Aus der eigenen Tiefe schöpfen: Das haben wir lange verlernt, haben’s aber nicht vergessen. Einzig, wir sind die Hindernisse, die wir uns selbst stellen, im Fleisch, in den Gedanken, in der Bemessenheit unserer Zeit und daß wir sie nicht wahrhaben mögen. Ja, es ist der gemähnte Hochmut, grollend und miauend, und die borstige Habgier, die uns, die Völker (kein, wie es der zänkische Schwabe verhieß, Schweigen, kein Schlummern) ins Verderben stürzt, wieder und wieder – eine Wölfin, die uns von der Läuterung abhält grausam und kalt. Keine Sonne. Schweigen, wo ihr Strahl fehlt.

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“Dante gleich – durchschritt ich die Hölle zu Lebzeiten”: Zygmunt Krasiński (1812-1859) – der polnische Dante

Der Schriftsteller Zygmunt Krasiński wird zuweilen auch „polnischer Dante“ genannt, es wäre allerdings falsch, die Wirkung Dantes in Polen allein auf einen Vertreter der polnischen Literatur zu beschränken, denn nicht nur bei Krasiński geht es um mehr als nur um einen fruchtbaren „Kulturtransfer im europäischen Kontext“ (Meier) oder einen bloßen „Dialog mit Dante“ (Freise). Vielmehr können wir im Falle Dantes von einer aufschlussreichen Verflechtungsgeschichte (histoire croisée) und literarisch miteinander „verflochtenen Geschichten“ (Ulbricht) bzw. „gekreuzten Geschichten“ (Olcese) sprechen.

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Landschaften jenseits der Wirklichkeit – Die Commedia und einige Gedanken zur Topografie des Jenseits

er nahm sich an der Göttersitze allesamt. Allumfassende Weisheit besaß er in jeglichen Dingen. Er sah das Geheime und deckte auf das Verhüllte (Gilgamesch-Epos)

Wohin sich Jenseitsreisende auch immer begeben – sei es Hades, Hölle, oder Paradies – und auf welchen Wegen sie dahin gelangen, sie verlassen in jedem Fall die Lebenswelt der Menschen, um „das Geheime zu sehen und das Verhüllte aufzudecken“. Jenseitsreisende überschreiten den Fluss, überqueren das Gebirge, erheben sich in die Lüfte so leicht wie ein Hauch und erreichen die höchsten aller Himmel. Sie steigen hinunter in düstere Unterwelten, wagen sich in Schlünde und Grüfte, tauchen zum Meeresgrund, gelangen in die tiefste aller Tiefen, und – was normalerweise den Sterblichen verwehrt bleibt – sie kehren wieder zurück, um uns Lebenden Bericht zu erstatten.

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Beatrice oder Die verklärte Herrin

Ein Gruß

Diese Liebesgeschichte beginnt so einfach, dass mancher, der über Dante schrieb, sie als unglaubwürdig und romanhaft bezweifelte oder ganz verwarf. Warme Frühlingssonne erleuchtet die Hügel der Toskana und die Gassen und Gärten der Stadt am Arno. Florenz ist schon eine der größten europäischen Städte dieser Zeit. Noch überragen nicht die weit ausladend gewölbte Kuppel Brunelleschis und der marmorweiße Campanile Giottos die ziegelroten Dächer. Sondern die düsteren, schmucklosen Wohntürme der untereinander vielfach zerstrittenen Adelsgeschlechter werfen, wie es heute nur noch in San Gimignano zu sehen ist, ihre Schatten auf ärmlichere Quartiere. Es ist der 1. Mai des Jahres 1274. Der begüterte Kaufmann Folco Portinari gibt in seinem Garten mit Musik, Wein und Speisen ein Blütenfest. Eingeladen sind Geschäftsleute und Nachbarn, unter ihnen auch die zum niederen Adel gehörende Familie Alighieri. Ihr Sohn Dante, noch nicht ganz neun Jahre alt, erblickt zwischen den spielenden Kindern Bice, die Tochter des Hauses. Das rote Kleid leuchtet im frischen Grün des sprießenden Laubes. Sie steht, bezeugt der Dichter später, „im Beginn ihres neunten Lebensjahres“.

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Vergil und Dante oder: Handschlag der Klassiker

Am Karfreitag des Jahres 1300 verirrt sich ein Wanderer in einem furchteinflößend finsteren und dichten Wald, weil er von seinem Weg abgekommen ist. Als er den Waldrand erreicht hat, erblickt er eine Anhöhe, über der gerade die Sonne aufgeht. Er kann sie aber nicht erreichen: Drei wilde Tiere nähern sich ihm bedrohlich, eine Pantherkatze, ein Löwe und eine Wölfin. Der Wanderer weicht erschreckt zurück …

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Etwas über Dante

Der Florentiner Dante Alighieri ist 1321 – also vor 700 Jahren – in Ravenna gestorben, und aus diesem Anlass werden viele kluge Menschen viele kluge Dinge über den verehrten Schöpfer der Göttlichen Komödie schreiben. Wer sich auf den Dichter Dante einlässt, kann erfahren, dass er gefordert hat, jeden Text müsse man in vierfachem Sinn auslegen können – einmal im buchstäblichen Sinn, dann im allegorischen Sinn, weiter im moralischen Sinn und schließlich im anagogischen Sinn, wobei anagogisch eine Anleitung zum Aufstieg meint, und zwar „zum Aufstieg in die Sphäre der Glaubenswahrheit“, wie es bei Ernst Robert Curtius in dem Buch zu lesen ist, in dem er 1932 „Elemente der Bildung“ beschrieben hat. Als jemand, der vor allem über Fortschritte und Einsichten der Naturwissenschaften schreibt, möchte ich einmal in knapper Form nachprüfen, ob Dantes vierfache Forderung an Geschriebenes etwa in Sachbüchern erfüllt werden kann.

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Planet Dante. Ein Reisebericht

Je größer ein Gegenstand ist, desto subjektiver die Zugänge zu ihm. Der Gegenstand hört bei einer bestimmten Größe geradezu auf, Gegenstand, das heißt überschaubar, beschreibbar, berechenbar zu sein. Er wächst über das Vermögen des einzeln Wahrnehmenden hinaus, wie der Berg Mont Sainte Victoire bei Cézanne, der ihn immer wieder neu malen musste. Solche großen „Gegenstände“ sind Meere und Gebirge. Auch die mikrobiologischen Vorgänge gehören dazu, die sich in ihre andere Unendlichkeit verlieren: Das Kleine ist nur der Zipfel eines großen Unsichtbaren. Groß ist die Erde selbst, sodass wir nur durch den Blick aus dem Weltall sehen, wie rund sie ist. Ähnlich die Werke Shakespeares, die Bibel, Leonardo da Vinci. Wie Planeten schwingen sie um unser Bewusstsein und mehr noch um unser Unbewusstes. Auch Dantes Werk ist ein solcher Planet, möglicherweise noch der am wenigsten bekannte. In unseren Breiten ein fast unsichtbarer, der nur von Zeit zu Zeit, je nach Maßgabe des sich feiernden Dezimalsystems, das uns Jubiläen beschert, auftaucht. Einige Astronomen richten kurzzeitig ihre Fernrohre auf den Himmelskörper, echauffieren sich und diskutieren, während er schon längst wieder am Horizont verschwunden ist.

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Dazwischen?

Vor wenigen Tagen wurde Kroatien von einem Erdbeben mittlerer Stärke erschüttert. Die Ausläufer dieser Plattenbewegungen waren noch in den anderen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens zu spüren. Auch in den Höhlen von Pazin geriet das weit verzweigte unterirdische Wassersystem in Unordnung, spülte Unmengen von Artefakten an, Helme, Puppen, Knochen, Flaschen, blaue Plastikteile, die von Antipersonenminen aus den Kriegen der Neunziger Jahre stammten, alte aufgeweichte Soldbücher, Gasmasken sogar aus den ersten beiden großen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Karsthöhle von Pazin, die am Rande einer gewaltigen Schlucht liegt, wurde zwar immer wieder erforscht, Taucher drangen weit vor oder verschwanden, aber es ist nicht genau geklärt, bis wohin sich diese Seen, die teilweise über- beziehungsweise untereinander liegen, und die sie verbindenden Höhlensysteme erstrecken.

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