Platon und die Kugelmenschen

Bevor der Mythos von den Kugelmenschen an dieser Stelle auszugsweise wiedergegeben werden soll, seien einige Vorbemerkungen gestattet. Schon allein das Wort „Kugelmensch“ als solches ist, ebenso wie die dazu erdachte Geschichte, ein Kunstbegriff. Vor allem die „Kugel“ soll an dieser Stelle näher interessieren, denn mit ihr wird gemeinhin ein Objekt von runder Form in Verbindung gebracht, vornehmlich ein Gegenstand, dem Ecken und Kanten fehlen und den man als füllig, voll bzw. ganzheitlich wahrnimmt. Was rund ist, ist in sich geschlossen, ruht in sich und reicht weit – erneut in der Wahrnehmung – an die Vorstellung des Vollkommen seins heran. Aber eben nur fast. Denn das Mathematische „rund“ oder „runden“ bedeutet nichts anderes als ungefähr oder etwa und verweist damit auf ein Ziel, das zwar der Ganzheit zustrebt, diese aber niemals völlig zu erreichen vermag. Abwertend kann „rund“ wiederum auch dick und voluminös meinen. Und ist etwas clever, ausgereift und gelungen, bedient man sich ebenfalls gern dieses Terminus.

Kreise sind rund. Kugeln sind rund. Zirkel und Ringe sind rund. Es gibt das Erden- oder Weltenrund. Wir nehmen unseren Mond und die Sonne als runde Scheiben wahr. Und unsere Planetenmodelle bestehen aus runden Objekten. Regen klebt als rundliches Gebilde an Scheiben oder fällt als Tropfen in Pfützen. Bei Schneeballschlachten formen wir Kugeln und der Menschheit liebster Sport, der Fußball, wird durch Glück und Umgang mit einem runden Ball entschieden. Runde Objekte wirken weich und ausgleichend, was auf ihrem ureigenen In-sich-geschlossen-sein beruht. Darüber hinaus sind wir Menschen es auch gewohnt, gewissermaßen „rund“ zu denken oder besser ausgedrückt zyklisch. Man denke an Tag und Nacht, die regelmäßig wiederkehren, die Wahrnehmung der Jahreszeiten, die Abfolge des Jahres, Leben und Tod. Dies alles sind Kreisläufe, denen wir entweder selbst unterworfen sind oder die wir in wiederkehrender Folge eigens geschaffen haben. Der Anfang ist Ende ist Anfang.

Bereits in der Ikonographie des Alten Ägypten (u. a. auf dem Sarkophag des Pharaos Tutanchamun) ist das bildliche Symbol einer Schlange bekannt, welche sich in ihren eigenen Schwanz beißt und auf diese Weise ihren Körper in einen endlosen Kreis verwandelt. „Allem Künftigem beißt das Vergangene in den Schwanz“, heißt es dazu beim Philosophen Friedrich Nietzsche. Im Griechischen nennt sich diese Phänomen Οὐροβόρος („Ouroboros“), wortwörtlich „Schwanzverzehrender“ oder „Selbstverzehrer“. Es symbolisiert die kosmische Einheit von Makrokosmos und Mikokosmos und wird in diesem Zusammenhang vor allem von den Alchemisten gebraucht. Aber auch in der germanischen (Midgardschlange) oder der vedischen Mythologie (Upanishad, Kundalini-Schlange) sind dererlei „Kreise“ bekannt.

Kommen wir in diesem Zusammenhang auf den antiken Philosophen Platon (428/427 – 348/347 v. Chr.) zu sprechen. In seinem Dialog „Timaios“ (um 360 v. Chr.), der zu seinem späten Werken zählt, ist von einem Kugelwesen die Rede, das als erstes Lebewesen die Erde bevölkerte. „Aus diesem Grunde […] gestaltete er [der Gott] aus lauter Ganzen als ein vollkommenes, nie alterndes noch erkrankendes Ganzes und verlieh ihm die ihm angemessene und verwandte Gestalt. Dem Lebenden aber, das bestimmt war, alles Lebende in sich zu umfassen, dürfte wohl die Gestalt angemessen sein, welche alle irgend vorhandenen Gestalten in sich schließt; darum verlieh er ihm die kugelige, vom Mittelpunkte aus nach allen Endpunkten gleich weit abstehende kreisförmige Gestalt, die vollkommenste und sich selbst ähnlichste aller Gestalten, indem er das Gleichartige für unendlich schöner ansah als das Ungleichartige. Die Außenseite gestaltete er aber aus vielen Gründen ringsum vollkommen glatt. Bedurfte es doch nicht der Augen, denn außerhalbt war nichts Sichtbares, nicht der Ohren, denn auch nichts Hörbares war geblieben; auch keine des Einatmens fähige Luft umgab es; ebenso wenig war es eines Werkzeugs bedürftig, die Nahrung in sich aufzunehmen und, nachdem es dieselbe zuvor verarbeitete, sie wieder fortzuschaffen. Denn nirgendwärtsher fand ein Zugang oder Abgang statt, war doch nichts vorhanden, sondern ein Sichselbstverzehren gewährt der Welt ihre Nahrung; sie ist kunstvoll so gestaltet, dass sie alles in sich und durch sich tut und erleidet, da ihr Bildner meinte, als sich selbst genügend werde sie besser sein als eines andern bedürftig. Auch Hände, deren sie weder um, etwas zu fassen noch zur Abwehr bedurfte, ihr zwecklos anzufügen, hielt er für unnötig, desgleichen auch Füße oder überhaupt sonst etwas der zum Gehen erforderlichen Dienerschaft.“ (Platon, Timaios, Über die Natur, S. 27)

Platon bezieht das „Kugelhafte“ und „Runde“ hier auf die Natur (und den Weltenkörper), der in einem ewigen, sich selbst verschlingenden und wiedergeborenen Kreislauf eingebunden ist. Einige Jahre zuvor (die konkrete Abfassungszeit bleibt vage) hat Platon in seinem „Gastmahl“ (Symposion; auch „Trinkgelage“ genannt) den Dichter Aristophanes in einem fiktiven Gespräch über die Kugelmenschen nachdenken lassen. Wie bereits erwähnt, handelt es sich hierbei um einen Mythos aus Platons eigener Fiktion. In der griechischen Mythologie oder den übrigen antiken Mythologien gibt es kein vergleichbares Pendant.

Das Symposion ist eine in Dialogform angelegte Würdigung an den Liebesgott Eros und soll dessen Bedeutung aufwerten, die häufig allein mit der erotischen Liebe assoziiert wurde. Besonders der Kugelmenschenmythos soll dabei verdeutlichen, dass wir in der Liebe stets naturgemäß nicht nur nach Einheit (nicht allein bezogen auf körperliche Vereinigung) streben, sondern auch nach Vollkommenheit in Form von seelischem Gleichklang. Wir suchen unbewusst also nach dem „Runden“, aber nicht um uns selbst zu verzehren oder uns verschlingen zu lassen, sondern um uns auszugleichen. Weiter gedacht könnte man den Mythos daher eher als ein geistiges Konstrukt verstehen, dessen Analogie sich in der äußeren Natur spiegelt. Ein Ideal von „Liebe“ und des „Vollkommenseins“, das den Göttern derart suspekt war, woraufhin sie das „Runde“ trennten, das seitdem versucht, sich wieder zu vereinen. Ob dies ein aussichtloses Unterfangen ist, wie beim Runden in der Mathematik, oder ob es gelingen kann, mag der Vorstellung jedes Einzelnen überlassen bleiben. Der Mythos selbst lautet wie folgt:

„Unsere ehemalige Naturbeschaffenheit nämlich war nicht dieselbe wie jetzt, sondern von ganz anderer Art. Denn zunächst gab es damals drei Geschlechter unter den Menschen während jetzt nur noch zwei, das männliche und das weibliche; damals kam nämlich als ein drittes noch ein aus diesen beiden zusammengesetztes hinzu, ovn welchem jetzt nur noch der Name übrig ist, während es selber verschwunden ist. Denn Mannweib war damals nicht bloß ein Name, aus beidem, Mann und Weib, zusammengesetzt, sondern auch ein wirkliches ebenso gestaltetes Geschlecht; jetzt aber ist ess nur noch ein Schimpfname geblieben. Ferner war damals die ganze Gestalt jedes Menschen rund, indem Rücken und Seiten im Kreise herumliefen, und ein jeder hatte vier Hände und ebenso viele Füße und zwei einander durchaus ähnliche Gesichter auf einem rings herumgehenden Nacken, zu den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einander stehenden Gesichtern aber einen gemeinschaftlichen Kopf, ferner vier Ohren und zwei Schamteile, und so alle übrige, wie man es sich hiernacht wohl vorstellen kann. Man ging aber nicht nur aufrecht wie jetzt, nach welcher Seite man wollte, sondern, wenn man recht schnell fortzukommen beabsichtigte, dann bewegte man sich, wie die Radschlagenden die Beine aufwärtsgestreckt sich überschlagen, so, auf seine damaligen acht Glieder gestützt, schnell im Kreise fort. Es waren aber deshalb der Geschlechter drei und von solcher Beschaffenheit, weil das männliche ursprünglich von der Sonne stammte, das weibliche von der Erde, das aus beiden gemischte vom Monde, da ja auch der Mond an der Beschaffenheit der beiden anderen Weltkörper teil hat; eben deshalb waren sie selber und ihr Gang kreisförmig, um so ihren Erzeugern zu gleichen. Sie waren daher auch von gewaltiger Kraft und Stärke und gingen mit hohen Gedanken um, so daß sie selbst an die Götter sich wagten […]; daß sie sich einen Zugang zum Himmel bahnen wollten, um die Götter anzugreifen.

Zeus nun und die übrigen Götter hielten Rat, was sie mit ihnen anfangen sollten, und sie wußten sich nicht zu helfen; denn sie wünschten nicht, sie zu töten und ihre ganze Gattung zugrunde zu richten […] – denn damit wären ihnen auch die Ehrenbezeugungen und Opfer von den Menschen gleichzeitig zugrunde gegangen […] Endlich nach langer Überlegung sprache Zeus: ‚Ich glaube ein Mittel gefunden zu haben, wie die Menschen erhalten bleiben können und doch ihrem Übermut Einhalt geschieht, idnem sie schwächer geworden. Ich will nämlich jetzt jeden von ihnen in zwei Hälften zerschneiden, und so werden sie zugleich schwächer und uns nützlicher werden, weil dadurch ihre Zahl vergrößert wird, und sie sollen nunmehr aufrecht auf zwei Beinen gehen […].‘ Nachdem er das gesagt, schnitt er die Menschen entzwei, wie wenn man Beeren zerschneidet, um sie einzumachen, oder Eier mit Pferdehaaren. […]

Als nun so jeder Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme um einander und hielten sich umfaßt, voller Begierde, weider zusammenzuwachsen. […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeborenund sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen. Jeder von uns ist demnacht nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten, wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig seine andere Hälfte.“

(Platon, Das Gastmahl, 2016, S. 22-25)

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm