Mušḫuššu

Hallo, mein Name ist Mušḫuššu. Ich bin etwas, das Ihr jämmerlichen Menschen als „Mischwesen“ bezeichnet. Da denke ich mir auch manchmal, dass ihr wirklich für alles einen Namen braucht. Als ob ihr mich verstehen könntet, nur weil ihr mich in eine
von euren Fantasieschubladen steckt. Angeblich habe ich demnach die Vorderläufe eines Löwen, die Hinterläufe eines Adlers, den Schwanz eines Skorpiones und eine Schlangenzunge. Wenn überhaupt, würde ich diese Angelegenheit aber andersrum
betrachten. Nämlich so, dass die Herrschaften mich imitieren, was ja auch ihr gutes Recht ist, und Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung. Aber mich als ihr Puzzlewerk zu bezichtigen, ist wirklich eine Frechheit. Und da sage ich auch einfach mal ganz klar, nein danke, nicht mit mir. Dass hingegen die griechische vielköpfige Hydra sich von mir hat inspirieren lassenm kann ich so weder bestätigen noch abweisen. Und einige vermuten sogar, in Disneys Mulan sei mir mit dem Drachenbegleiter der Heldin, Mushu, eine Hommage gesetzt worden – also hier gehe ich einfach mal davon aus, dass das stimmt.

Ursprünglich kennt man mich aber aus der Mesopotamischen Mythologie. Natürlich bin ich selbst viel viel älter, aber dort habt ihr Menschen mich so richtig bemerkt. Marduk, der Stadtgott von Babylon war einer von diesen Mesopotamiern und der war so
begeistert von mir, dass er mich praktisch angefleht hat, mein Diener sein zu dürfen. Zugegeben, die Nachwelt hat das dann irgendwie verwechselt, und notiert, dass ich sein Begleiter und Symboltier gewesen bin, und ich wurde später unter dem Namen
Sirrush bekannt. Vor Marduk hing mir genauso der werte Enlil an. Quasi der Zeus des sumerisch/arkadischen Pantheons (nur mal so, man will ja keine Namen nennen); aber ganz unter uns gesagt: in Wirklichkeit waren die beiden eher meine getreuen Diener, und auf meinem Rücken durfte Enlil auch nur dann reiten, wenn mir danach war, und das ist mein letztes Wort.

Sehr diffamierend empfinde ich übrigens die biblische Geschichte von Bel und dem Drachen, die auf einer Lüge basiert und von der ich mich in aller Deutlichkeit distanzieren möchte. Laut der apokryphischen Erzählung habe ich da wohl vom Propheten Daniel in seinem Bekehrungseifer einen Klumpen Pech vorgeworfen bekommen und bin an diesem auch noch erstickt. Lächerlich. Das müssen sich die Anhänger des christlichen Gottes aus Propagandagründen aus den Fingern gesogen haben, denn noch habe ich so jeden „Gott“ zum Zittern gebracht. Wer mich sehen möchte, was selbstevident und ein ganz und gar verständliches, wenn nicht löbliches Verlangen ist, der kann mich noch auf dem Ischtar-Tor im Vorderasiatischen Museum in Berlin finden. Da stelle ich Stier, Löwe und sämtliche angekarrten Schätze seit 1930 in den Schatten und lasse weitere Anmaßungen wie gehabt von meinem schuppigen Rücken abperlen.

Herzlichst
Euer Mušḫuššu

 

 

Mušḫuššu dankt seinem Autor Sebastian Helm.

 

Mehr über mich lesen, könnte ihr bei:

Edzard Dietz-Otto u. a.: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie, Bd. 1, de Gruyter: Berlin, 1993.

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V. 

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