n Leipzigs Innenstadt, unmittelbar vor dem Eingang zum Museum der Bildenden Künste, lauert ein Monster. Es ist nicht besonders groß, wie ein Truthahn vielleicht, so dass es auf einen Sockel gestellt werden muss. Trotzdem ist es von durchschlagender Wirkung und zieht den Betrachter unwillkürlich in seinen Bann. Ob es mich verschlingen will?
Es handelt sich um die Bronzeskulptur der Künstlerin Stella Hamberg (* 1975) „das ist das“ aus dem Jahr 2015 – ein merkwürdig belangloser Titel für ein eindringliches Werk wie dieses. Dargestellt ist das weit aufgerissene Maul eines Ur-Tieres. Man denkt wahrscheinlich als erstes an einen Hai, aber die übergroßen, spitzen Zähne verorten dieses Ungetüm eher im Tethysmeer einer Vorzeit, die wir mit vielen Nullen umschreiben. Die spitz aufragende Schnauze verleiht der Skulptur etwas Dynamisches und Ungestümes. Die Oberfläche ist unruhig; zeigt noch die kraftvollen Handgriffe der Künstlerin an ihrem Tonmodell. Gleichzeitig aber ist die äußere Umrissform der Skulptur kompakt und definiert und einem Berg nicht unähnlich.

Stella Hamberg ist bekannt für ihre figurativen Bronzefiguren, allen voran die überlebensgroßen Berserker. Grundsätzlich sind ihre Skulpturen für alle Monsterjäger interessant, denn nicht selten haftet ihren Werken etwas Fabelwesenhaftes an: Oger ohne Oberkörper, Pferde mit zwei Köpfen und Wesen, die irgendwo zwischen Stanzmaschine und Watvogel chargieren…
Im vergangenen Jahr wurde ihr der Robert-Jacobsen-Preis der Stiftung Würth zugesprochen. In der Begründung der Jury heißt es: „Ihre Werke verzichten bewusst auf narrative Klarheit und eröffnen dem Betrachter vielfältige Assoziationsräume. […] Hamberg verbindet die archaischen Ursprünge mit der physischen Präsenz des menschlichen und tierischen Körpers und nutzt abstrahierende Mittel, um neue Perspektiven auf das Menschenbild, aber auch das Medium selbst zu eröffnen.“

Ob Megalodon, Leviathan oder Lindwurm – Hambergs Skulptur führt uns direkt in den Höllenschlund. Sie ist ein kraftvolles Pars pro toto des Schreckens und spielt mit der Angst der Menschen vor dem Monströsen, Unbekannten, das uns mit Haut und Haar verschlingen und in seinen dunklen Schlund ziehen wird. Mittelalterliche Höllendarstellungen spiegeln sich darin genauso wie Jona und der Wal, die Versuchung des Heiligen Antonius oder die wilden Neu-Kreationen aus dem Jurassic Park.
Interessanterweise ist die Skulptur im hinteren Teil nicht geschlossen. Auch wenn das aufgerissene Maul mit den spitzen Zähnen zweifellos die Hauptansicht ist, so kann der Betrachter doch die Perspektive wechseln und aus dem Schlund hinausschauen. Und hier kommen wir noch einmal auf die Assoziation mit dem Berg zurück: Aus der umgekehrten Perspektive sieht das Maul wie der Ausgang einer Tropfsteinhöhle aus. Die Stalaktiten solcher Kalksteinhöhlen wurden wahrscheinlich die längste Zeit mit den Zähnen von Drachen assoziiert, die ja bekanntlich in ihnen wohnen.
Stella Hambergs „das ist das“ birgt wilde Welten und provoziert älteste Ängste – mitten in der Stadt.
Ein Beitrag von Dr. Tanja Müller-Jonak
Zum Weiterlesen:
Bettina Ruhrberg / Manfred Schneckenburger: Stella Hamberg. Skulptur, Berlin: Hatje Cantz 2011.
https://eigen-art.com/kuenstlerinnen/stella-hamberg/arbeiten/skulptur
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