Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame

Es ist ein farbenfrohes, grausames Bild, das der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) kreiert. Schauplatz ist das spätmittelalterliche Paris an der Schwelle zur Neuzeit, auf dessen Bühne er individuelle Schicksale, geschichtliche Hintergründe und Lebenskultur des 15. Jahrhunderts miteinander verbindet.

Seine Darstellungen der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit, der Gewalt gegenüber Andersgläubigen und Menschen mit körperlicher Behinderung instrumentalisiert Hugo als eine Kritik an rückständigen gesellschaftlichen Konventionen sowie Vorurteilen und drückt Verurteilung der Todesstrafe und der Folter aus. Durch die Charakterzüge und Handlungsweisen seiner Figuren führt er uns vor Augen, wie tief die Verbindung von körperlicher und innerer Schönheit als Ideal unser Denken bestimmt. Dieser Konflikt taucht immer wieder auf und wird als solcher vom wenig attraktiven Glöckner Quasimodo aus seiner Sicht geäußert: „Was nicht schön ist, hat kein Recht zu sein; / Schönheit liebt allein nur Schönheit, / Dem April zeigt Januar den Rücken.“ (S. 447).

Schönheit und Liebe in all ihren Facetten stehen im Zentrum des Romans. Sie fungieren als Schlüsselwörter, die Schicksale offenbaren und entscheiden, das Schlimmste und Beste im Menschen herauskehren und die Figuren in einer Folge von fast schon reißerischen Geschehnissen an den Rand des Möglichen bringen. Der Glöckner von Notre-Dame erzählt von der romantischen Liebe, Nächstenliebe, von jener zwischen Eltern und Kindern, vor allem aber von der Macht, welche Schönheit und Liebe über uns Menschen haben.

Es ist keine schöne Liebesgeschichte, die sich in Hugos Roman entfaltet. Ist es überhaupt eine? Denn Liebe ist eher der Katalysator als das gewünschte Ziel und Endprodukt der Handlung.

Ein kurzes Vorwort des Verfassers führt in die Geschichte ein. In diesem wird erklärt, dass er bei der Besichtigung eines der Türme von Notre-Dame das altgriechische Wort ANAГKH in die Steinmauer geritzt fand: Verhängnis. „Er [der Verfasser] fragte sich, er suchte zu erraten, wer wohl die bedrängte Seele sein konnte, welche diese Welt nicht hatte verlassen wollen, ohne dieses Zeichen eines Verbrechens oder Unglücks auf der Stirn der alten Kirche zu hinterlassen. […] Doch gerade auf dieses Wort hin ist vorliegendes Buch entstanden.“ (S. 5-6)

Es wird dem Leser auch schnell klar, dass es in der Geschichte um wesentlich mehr als nur den armen Glöckner geht. Die deutsche Version des Titels lässt vermuten, dass der Fokus auf dieser berühmt-berüchtigten Figur liegt, im Original heißt der Roman jedoch Notre-Dame de Paris. Obwohl der Glöckner als Charakter eine der Hauptrollen spielt, findet die gesamte Handlung um und in der gotischen Kathedrale statt, welche schon seit dem Frühmittelalter ihren Platz auf der Île de la Cité hat.

Wir schreiben den 6. Januar 1482. Die bunte Gesellschaft aus einfachen Parisern, Adel und fahrendem Volk feiert das „Dreikönigsfest“ und den Narrentag. Die Vermählung des Kronprinzen von Frankreich mit Margarete von Flandern steht bevor, und so soll das öffentliche Amüsement auch den flandrischen Gesandten gelten: „An diesem Tage sollte auf dem Place de Grève ein Freudenfeuer brennen, vor der Kapelle von Braque ein Maibaum gepflanzt werden und im Justizpalast ein Mysterienspiel zu sehen sein.“ (S. 10)

Place de Grève

Passend zum Durcheinander dieses mittelalterlichen Volksfestes entwirft Hugo ein sehr breites, manchmal verworrenes Netz an Personen und Handlungssträngen, die des Öfteren vom Hauptgeschehen wegzuleiten scheinen und doch letztendlich wieder darauf treffen. Auf den ersten Blick vermag es schwer erscheinen, in dieser Vielfalt eine oder mehrere Hauptfiguren herauszustreichen. Letztendlich kann man sich wohl darauf einigen, dass es sich bei den wichtigsten um eine „Fünfeckbeziehung“ handelt: Pierre Gringoire, Esmeralda, Claude Frollo, Quasimodo und Phoebus de Châteaupers. Rechnet man die Rahmenhandlung um die Klausnerin Schwester Gudule mit ein, wären es sogar sechs. Doch da diese sich nicht aktiv an der Handlung beteiligt, sondern für die Vorgeschichte und deren Auflösung sorgt, wollen wir uns auf die besagten fünf Personen konzentrieren.

Es sind die Geschehnisse dieses 6. Januar 1482, die alles ins Rollen bringen und, obwohl der Spruch reichlich abgenutzt ist, das Schicksal der Hauptcharaktere besiegeln werden.

Nach einer detaillierten Beschreibung der Stadtansicht (samt Klage um den Verlust alter und schöner Bauwerke im Laufe der Zeiten), gebotenen Aktivitäten und Menschenmassen, findet sich die Erzählung im großen Saal des Pariser Justizpalastes ein. Dort soll ein Theaterstück aufgeführt werden – ironischerweise handelt es sich dabei um ein Sittenspiel – welches zwar den philosophisch-moralischen Vorstellungen seines Autors Pierre Gringoire entspricht, doch so gar nicht den derben Geschmack der Zuhörer und die zügellose Stimmung des Narrenfestes trifft. Gringoire ist ein erfolgloser Dichter und Philosoph und die Bezahlung für das Theaterstück seine letzte Chance, in dieser Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben.

Die Zuhörer wenden sich dann aber eher der alljährlichen Wahl des Narrenpapstes zu, ein Amt, welches jenem zufällt, der durch die Öffnung eines kaputten Maßwerkfensters die schrecklichste Fratze ziehen kann. Das Volk wählt schließlich Quasimodo, den buckligen, tauben Glöckner von Notre-Dame, der einst als Findelkind in die Obhut der Kathedrale gelangte und sich an diesem Tag ausnahmsweise unter die Menschen gemischt hat. Für gewöhnlich wird er vom Volk gemieden, da man ihn aufgrund seiner Entstellung durch einen verkrümmten Rücken, einen Buckel, ein verkürztes Bein und nur ein sehendes Auge als zaubernde Brut des Teufels fürchtet. An diesem Narrentag der umgestürzten gesellschaftlichen Regeln kommt er jedoch gerade recht. Als die Ansammlung von fahrendem Volk, Bettlern und Zuschauern zusammen mit ihrem neuen Narrenpapst in Richtung des Place de Grève abzieht, scheint für kurze Zeit eine Rückkehr der Aufmerksamkeit zu Gringoires Stück möglich. Diese wird jedoch endgültig durch lauthalse Rufe „Die Esmeralda! Die Esmeralda!“ (S. 60) beendet.

Was es mit dieser Esmeralda auf sich hat, erfährt der Leser in Begleitung Pierre Gringoires, als dieser sich dem Place de Grève unter anhaltendem Gejammer über sein missglücktes Stück nähert. Eine junge Frau tanzt im Schein des großen öffentlichen Feuers auf dem Platz, und nicht eine Person ist unter den Zuschauern, die nicht von ihrem Tanz, ihrer fantasievoll bunten Aufmachung und blendenden Schönheit bezaubert ist. Gringoire ergeht es nicht anders und er fasst ein reges Interesse an Esmeralda.

Esmeralda

Diese gehört zu den Zigeunern, die im vergangenen Jahr in die Stadt einzogen sind und verdient ihren Lebensunterhalt durch Tanzen und Possen mit ihrer treuen Begleiterin, der Ziege Djali. Ihrer großen Schönheit wegen wird sie unter den Zigeunern geradezu wie eine zweite Madonna verehrt. Sie ist abergläubisch und leichtfertig. Um den Hals trägt sie ein Säckchen mit einem grünen Stück Glas in der Form eines Edelsteines, der einen Zauber enthält. Dieser soll ihr helfen ihre Eltern wiederzufinden, doch er bliebe nur wirksam, solange sie ihre Jungfräulichkeit nicht verliert.

Während sie tanzt, bemerkt Gringoire eine dunkelgekleidete Figur, ein Mann, der Esmeralda mit Argusaugen beobachtet, wobei sein Blick geradezu Flammen sprüht. Er erkennt ihn als Claude Frollo, Archidiakonus von Notre-Dame, den er von seinen früheren Studien her kennt. Obwohl die beiden im Laufe der Geschichte noch mehrmals miteinander im Vertrauen sprechen, so wird Gringoire die Beudeutung dieses einen schweren Blicks nie begreifen, ebenso wenig wie das Gewicht dieses 6. Januars, der so vielen zum Verhängnis werden wird.

Auch Esmeralda bemerkt den düsteren Zuschauer und erschrickt sichtlich, denn er verfolgte sie schon mehrere Male zuvor mit seiner unheimlichen Aufmerksamkeit. Dies und die hasserfüllten, antiziganistischen Rufe der Schwester Gudule, die als Klausnerin in einer Art Kerkerloch am Place de Grève öffentlich Buße tut, verscheuchen Esmeralda schließlich. Gudules Abscheu vor Zigeunern wird im Laufe der Geschichte erklärt und löst letztendlich so einige versteckte Zusammenhänge auf.

Es ist Gringoires Bewunderung, die ihn Esmeralda folgen und miterleben lässt, wie der bucklige Glöckner die Zigeunerin zu entführen versucht. Dieser ist in Begleitung des Archidiakonus, seinem Ziehvater, ein Fakt, der Gringoire später entfällt (vermutlich des Schlags wegen, den Quasimodo ihm versetzt und der ihn mehrere Meter durch die Luft schleudert). Die Schreie der verängstigten und überwältigten Esmeralda rufen eine Wachmannschaft auf den Plan, von der sie schließlich gerettet wird. Mit dieser tritt ein weiterer der Hauptcharaktere auf, der Hauptmann Phoebus de Châteaupers.

Dieser ist nicht nur gutaussehend, sondern macht in seinem Hauptmannsstaat und durch die heldenhafte Rettung einen großen Eindruck auf die junge Frau, die sich auf den ersten Blick in ihn verliebt. Dass er nicht ganz frei ist, weiß sie an diesem Punkt noch nicht; und es hält Phoebus auch in weiterem Verlauf nicht davon ab, Esmeralda verführen zu wollen. Nur verführen, ein anderes Interesse hat er nicht an ihr. Von den Zigeunern als irrtümlicher Angreifer Esmeraldas gefasst, droht Gringoire der Galgen, dem er, laut deren Gesetze, nur durch eine ‚Ehe des zerbrochenen Kruges‘ entgehen kann. Eine Zigeunerin muss sich seiner erbarmen und ihn zum Mann nehmen.

Überraschenderweise erklärt sich Esmeralda bereit, wohlwissend, dass Gringoire nichts mit dem Überfall zu tun hatte und nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Man besiegelt die Trauung mit dem Zerbrechen eines Kruges, und wortlos wird Gringoire, der sein Glück kaum fassen kann, von Esmeralda in ihre Behausung mitgenommen. Dort wird ihm jedoch sehr schnell klar, dass er sich an diesem Abend eine Josefsehe eingehandelt hat – Esmeralda erzählt ihm von dem Zauber und seinen Bedingungen, die sie im Notfall auch mit einem Dolch verteidigen würde. Nach einem gemeinsamen Essen sperrt sie ihn in sein Zimmerchen ein (zur Sicherheit) und legt sich selbst ebenfalls schlafen. Gringoire beobachtet sie zwar noch durchs Schlüsselloch und hätte sicher auch nichts gegen eine Hochzeitsnacht gehabt, seine Zufriedenheit darüber, ein Bett und Dach über dem Kopf zu haben, obsiegt jedoch. Auf diese Weise endet der schicksalsschwere 6. Januar 1482.

Weshalb ist die Liebe nun so schwerwiegend? Bis jetzt ist der Leser doch lediglich davon Zeuge geworden, dass Gringoire für die schöne Esmeralda schwärmt und diese sich in den gutaussehenden Phoebus verguckt? Dass Schönheit die beiden oberflächlichen Männer einfängt, scheint nicht verwunderlich.

Was womöglich der eine oder andere schon erraten haben mag, ist, dass nicht nur Gringoire eine Vorliebe für die Zigeunerin gefasst hat, sondern auch der wesentlich ältere Claude Frollo, dessen Liebe sich jedoch zu Obsession und Wahnsinn steigert. Seine unheilvollen Gefühle treiben ihn dazu, an seiner Liebe zu Philosophie und Wissenschaft, seinen Überzeugungen der Überlegenheit und des Zölibats, ja, an Gott und dem christlichen Glauben zu zweifeln. Er liebt und begehrt die junge Frau, für die er sogar die Verdammnis in Kauf nehmen würde, mit einer inbrünstigen Heftigkeit. Im Vergleich dazu erscheint ihm sein bisheriges Leben kalt und vergeudet. Die Tatsache, dass Esmeralda seine Gefühle nicht erwidert, sie ihn fürchtet und im Laufe der Geschichte verabscheuen und sogar hassen lernt, ist zu viel für ihn.

„Ach! Ein Weib lieben! Priester sein! Gehaßt werden! Sie mit der ganzen Raserei seiner Seele zu lieben; fühlen, daß man für das leiseste Lächeln von ihr sein Blut, sein Herz, seinen Ruf, sein Heil, die Untsterblichkeit und die Ewigkeit, dieses und das ewige Leben hingeben würde; bedauern, daß man nicht König, Genius, Kaiser, Erzengel, Gott ist, um ihr einen bedeutenderen Sklaven vor die Füße zu legen; sie Tag und Nacht in seinen Träumen und seinen Gedanken fassen – und sie in eine Soldatenuniform verliebt zu sehen! […] Ich flehe dich an“, rief er, „wenn du ein Herz hast, stoße mich nicht von dir!“ (S. 387-388)

Esmeralda und Quasimodo

Nachdem er sie schon lange beobachtet hat, beschließt Frollo an diesem Tag – passenderweise dem Narrentag – Esmeralda mithilfe seines ungestalten Ziehsohns zu entführen. Der vereitelte Versuch bringt Quasimodo, der aus Liebe und Pflichtgefühl gegenüber seinem Ziehvater handelte, zum Strafgericht der öffentlichen Auspeitschung. Frollo aber stürzt es noch tiefer in seine Verzweiflung und Besessenheit, besonders als er eine unvorhergesehene Wandlung in Quasimodo entdeckt. Dieser verliert sein Herz aufgrund ihres Mitleids an Esmeralda, als sie dem am Schandpfahl stehenden Unglücksraben zu trinken gibt. Diese Szene des Schönen, das sich des Hässlichen erbarmt, macht sie beim Volk beliebt und sichert ihr Quasimodos ewig Verehrung und Dankbarkeit.

Die „Fünfeckbeziehung“, deren verhängnisvolle Entwicklung durch Frollos Plan seinen Lauf nahm, ist somit komplett. Es ist eine tragische Konstellation. Esmeralda, die das Zentrum bildet, hat ihr Herz an Phoebus verschenkt und glaubt an seine ewige, aufrichtige Liebe. Phoebus sieht in ihr lediglich eine schnelle Affäre und ein mögliches Vergnügen (er kann sich nicht einmal ihren Namen merken). Dies treibt den Archidiakonus in rasende Eifersucht, nicht nur wegen des offensichtlichen Interesses des Hauptmannes, sondern auch, weil es vermeintlich auf Gegenseitigkeit beruht. Phoebus ist alles, was Frollo niemals sein kann, ein Verbrechen, dass auch dem leichtlebigen Hauptmann noch viele Scherereien bereiten wird.

Quasimodo steht durch seine Entstellung außerhalb, denn, wie sie sowohl Gringoire als auch Frollo ins Gesicht sagt, ist Esmeralda äußerliche Schönheit wichtig und sie könne nur einen schönen, starken Mann lieben; der schlechte Charakter des Hauptmanns kommt ihr gar nicht in den Sinn. Die Liebe des ungestalten Glöckners ist eine stille Liebe, die aber womöglich die ehrlichste und aufrichtigste von allen romantischen Gefühlen ist. Ihm liegt das Wohlergehen, das Glück der jungen Frau wirklich am Herzen, und trotz der Ablehnung durch seine Angebetete (für die sich Esmeralda zumindest etwas schuldig fühlt), lassen seine Bemühungen zu ihrem Schutz niemals nach.

Während Gringoire sich irgendwann damit abfindet, dass Esmeralda ihn nicht liebt und Phoebus mangels echter Gefühle noch schneller über sie hinwegkommt, wird für den Archidiakonus und den Glöckner die Liebe zum Untergang. Ein Ende, in das sie die unglückliche Esmeralda mit hineinreißen.

Denn im Gegensatz zu den klaren Kategorien von Gut und Böse, dem Happy End der Disney-Verfilmung, ist Victor Hugos Roman ein Strudel aus Unglück und zertretenen Hoffnungen. Obwohl Disney die begehrliche Besessenheit des Claude Frollo besonders im Soundtrack Das Feuer der Hölle gut darstellt, stilisieren sie ihn jedoch zum verabscheuungswürdigen Bösewicht ohne Gefühl. Die Gewissensbisse, die Verzweiflung und Zerrissenheit des ursprünglichen Charakters werden dabei um der klaren Linie willen weggelassen. Keiner der Charaktere bei Hugo ist durch und durch sympathisch, doch man kann ihre Empfindungen nachvollziehen (mal mehr, mal weniger) und nimmt lebhaft Anteil an ihrer Wahrnehmung.

Esmeralda, die sich im Grunde nichts zuschulden hat kommen lassen, wird ihre Schönheit und der rechtlose Stand des fahrenden Volkes zum Verhängnis. Schönheit ist es bei Phoebus, Frollo und Gringoire, die eingebildete oder wahnsinnige Liebe hervorruft und sie den Machenschaften von Männern ausliefert, die im allgemeinen gesellschaftlich weit über ihr stehen. Schönheit, Liebe und Macht – die Machtdynamik der mittelalterlichen Ständegesellschaft und Geschlechterrollen – treibt das Rad der Handlung voran.

Im Gegensatz zu manch anderen Beiträgen über literarische Themen, habe ich diesmal versucht, so wenig wie möglich von der weiteren Handlung und dem Ende des Romans zu verraten. Ich kann nämlich jedem, der gern historische Romane liest, nur empfehlen, Victor Hugos meisterlichen Roman einmal selbst zu lesen.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis: Victor Hugo. Der Glöckner von Notre-Dame. München 2009.

Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot

„Wer den Gong ertönen läßt,
dem erscheinet sie sofort!
Weiß wie Jade,
kalt wie Stahl:
das ist die schöne Turandot!“
(Turandot, Giacomo Puccini, Libretto)

Als der italienische Komponist Giacomo Puccini im Jahr 1920 zusammen mit dem Liberettisten Guiseppe Adami und dem Dramaturgen Renato Simoni über dem Stoff seiner sechs Jahre später uraufgeführten Oper „Turandot“ zu brüten begann, schrieb er Letzterem geradezu hoffnungsvoll: „machen wir ein Märchen, gefiltert durch unser modernes Gehirn!“ Das Märchen lag dem Kreativ-Trio zu dieser Zeit längst vor, u. a. in Form des Theaterstücks „Turandot“ von Friedrich Schiller (1802 uraufgeführt), welches auf einer Vorlage des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi aus dem Jahr 1762 beruhte. Darüber hinaus war dem Stoff bereits eine Reihe von Vertonungen vorausgegangen. Franz Seraph Destouches, Carl Maria von Weber, Antonia Bazzini sind nur einige der Namen, die sich der Geschichte annahmen. Daher war sich Puccini unsicher, auf welche Weise er den bereits bekannten Stoff zum Leben erwecken sollte. Am ehesten schien ihm dies über die Psychologie der Figuren möglich, mehr noch über die Gefühle. „Sie müssen das Letzte an Gefühl und Rührung herausholen … und sie können die rechten Verse finden!“, schreibt er an Adami. „[Der] Liebesausbruch muss wie ein leuchtender Meteorstein unter die rufende Volksmenge fallen, die mit gespannten Nerven … das Fluidum der Liebe begeistert aufnimmt.“

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Die Poesie des „Nevermore“ – Edgar Allan Poes dunkle Romantik

„Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
‚‘Tis some visitor,‘ I muttered, ‚tapping at my chamber door –
Only this, and nothing more.‘“

(Edgar Allan Poe, „The Raven“)

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Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: „Trickster“, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

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Es weihnachtet schwer 5.0: „Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren“

Frohe Weihnachten! Mit welchem Recht bist du froh? Aus welchem Grund bist du froh? Du bist doch ganz arm!“
Na komm”, versetzte der Neffe freudig. „Mit welchem Recht bist du trübsinnig? Aus welchem Grund bist du mürrisch? Du bist doch ganz reich!” (14)

Wir schreiben das viktorianische London. Arm und Reich leben durch einen tiefen Abgrund getrennt und doch dicht gedrängt in der, von den schwarzen Rauchwolken der Industrie überspannten Metropole. Allen täglichen Kämpfen und Sorgen zum Trotz liegt so etwas wie freudige Erwartung in der Luft. Denn es ist der 24. Dezember, der Tag vor dem Weihnachtsmorgen. Als Ebenezer Scrooge – alt, bitter und steinreich – die Zeit damit verbringt, seine ablehnende Haltung zum Weihnachtsfest kund zu tun und anderen die Freude gründlich zu verderben, hat er noch keine Ahnung, dass die vor ihm liegende Weihnachtsnacht alles verändern wird.

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Vom ersten Erzählen oder: Wie erobern Mythen die Welt?

Im Sommersemester 2018 hatte ich das Glück, im Anglistikseminar von Prof. Dr. Elmar Schenkel an der Universität Leipzig einem Vortrag zu lauschen, der die anwesenden Studenten ebenso wie einen promovierten Post-Studenten wie mich nicht nur auf Spurensuche zu den Ursprüngen der Mythen, sondern des menschlichen Erzählens überhaupt führen sollte. Unter dem Titel The Origins of the World’s Mythologies stellte der Journalist, Herausgeber und vergleichende Mythologe Christoph Sorger das gleichnamige, 2012 erschienene Buch des renommierten Indologen, Linguisten und Harvard-Professors E. J. Michael Witzel vor. Eine 688 Seiten starke, bisher leider nur auf Englisch verfügbare, Lektüre, die nicht nur erkärt, was ein Mythos ist und was diesen ausmacht, sondern sich gewissermaßen der Ur-Mythologie widmet, jener Frage, die schon Goethe in seinem Faust umtrieb, wenn er eben jenen sagen lässt: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Witzels ambitionierte und ebenso viel gelobte wie skeptisch resümierte Mythentheorie erklärt das ursprüngliche Beschreiben von Welt und Umwelt, d.h. die Entwicklung von Mythologien, aus der Evolution und Verbreitung von homo sapiens sapiens von seiner Urheimat Afrika aus in mehreren Wanderungswellen über die ganze Welt. Seit jeher liegt es in der Natur des Menschen, Geschichten zu erzählen. Geschichten über höhere Wesen. Geschichten über die Elemente. Geschichten über Himmel und Erde. Geschichten über „trickster deities“ (Trickster-Götter), die die göttliche Ordnung durcheinanderbringen, in dem sie die aufgestellten Regeln brechen, so wie etwa Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt. Und eben jene Geschichten sind es, die den Menschen bei seiner Verbreitung über die Kontinente (Witze verwendet den schönen Begriff „Out-of-Africa-movement“) hinweg begleitet und die sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen menschlicher Gemeinschaften gefestigt haben.

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Ein Trickster kommt selten allein

Die Leipziger Stadtbibliothek ist gut besucht am vor-halloweenlichen Montag. Anlässlich des 22. Leipziger Literarischen Herbstes macht sich die edition vulcanus daran, den mythologischen Schwerpunkt der allherbstlichen Lese- und Literaturwoche zu setzen. „Brücken bauen“ heißt das Motto 2018, welches, auch im Rahmen der Houston-Week (bezogen auf die 25-jährige Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Houston), kulturelle, literarische, gesellschaftliche, poetische, künstlerische, nachdenkliche, lakonische, zwie- und zweisprachige, historische und eben auch mythologische Verbindungen von Hier nach Dort und Dort nach Hier knüpfen soll.

Eine solche Brücke ist der Trickster, dem der neu erschienene Sammelband der edition vulcanus mit dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ gewidmet ist.

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Halloween 3.0: „Köpfe werden rollen“

Im dritten Teil unseres diesjährigen Specials im Zeichen des Schaurigen, das sich bislang mit reitenden Toten sowie Folklore, Geistern und Kürbissen beschäftigt hat, sind wir nun den Mythen um Sleepy Hollow und dem Reiter ohne Kopf auf der Spur. Den meisten ist die Geschichte wahrscheinlich durch den 1999 erschienenen Film von Tim Burton mit Johnny Depp und Christina Ricci (und natürlich ebenfalls legendär: Christopher Walken als kopflosen Reiter) bekannt. 2013 bekam der düstere, märchenhaft und gleichzeitig skurril anmutende Film, der Grusel und den einen oder anderen Lacher perfekt kombiniert, Konkurrenz durch eine gleichnamigen Serie. Dieses Sleepy Hollow (u. a. mit Tom Mison und Nicole Beharie in den Hauptrollen) verlegt die Handlung – per Zeitreise – in die Gegenwart und verbindet dabei Mysterie- und Krimihandlung in mittlerweile 4 Staffeln.

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Halloween 1.0: „Die Toten reiten schnell“

 

Willkommen zum ersten Teil unseres Blogspecials im Zeichen des Schaurigen!

 

 

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
„Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?“ –
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.
(Str. 1)

Die erste Strophe der Ballade Lenore, verfasst vom deutschen Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794), fackelt nicht lange und führt den Leser sofort an den springenden Punkt heran, der die gesamte Handlung ins Rollen bringt: Willhelm, Lenores Verlobter, kämpft im Siebenjährigen Krieg und keiner weiß, welches Schicksal ihn ereilt hat. Eines Nachts jedoch wird die Hauptcharakterin von einer unheilvollen Ahnung heimgesucht und stellt den Leser bereits zu anfangs vor eine vollendete Tatsache; der Verlobte ist entweder untreu geworden und im fremden Land geblieben, oder er ist im Kampf gefallen. Es ist ein böses Erwachen, welches in seiner Abruptheit die Ballade eröffnet. Ein böses Erwachen in der Tat, ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte um Lenores unheilvolles Schicksal zieht.

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Frankenstein im Pfingstgeflüster

Mit unserem Beitrag zum Wave Gotik Treffen 2018 wollten wir die Thematik des Frankenstein und seiner Schöpfung einem breiten Publikum auf unterhaltsame Art und Weise näher bringen, was uns auch gelungen ist. Ein volles Haus und interessierte Zuhörer haben uns bestätigt, wie aktuell dieser Roman und seine Grundidee ist.

Umso mehr freute es uns, als mich Marcus Rietzsch, der Herausgeber des Pfingstgeflüster, auf Facebook kontaktierte und anfragte, ob wir nicht Lust hätten einen Vortragsbeitrag beizusteuern. Das Pfingstgeflüster, ein Bild-Text-Band, der jährlich im Zuge des Wave Gotik Treffens in der Edition Subkultur erscheint, hat es sich zur Aufgabe gemacht Impressionen des einzigartigen Musik- und Kulturfestivals festzuhalten und diese in hochwertigem Design zu verewigen. Es bietet Einblicke in Lesungen, musikalische Highlights, Kunstausstellungen und natürlich dem Herz des Leipziger Festivals – die Besucher. Für alle, die diesmal nicht dabei sein konnten, die ein literarisches, zusammenfassendes Erinnerungsstück mitnehmen oder sich Einblicke in Veranstaltungen holen wollen, zu denen sie es leider nicht geschafft haben.

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Der wahnsinnige Wissenschaftler und das Scheusal: Zweihundert Jahre „Frankenstein“

   Zwei Gestalten der populären Imagination werden dieses Jahr zweihundert: Frankenstein und sein Monster. Jeder kennt sie, weil jeder mindestens einen Film über sie gesehen hat, und Boris Karloff als Monster in der Verfilmung von 1931 ist geradezu eine Ikone geworden. Immer wieder variieren Drehbuchautor und Regisseure die Geschichte vom besessenen Wissenschaftler, der aus Leichenteilen einen Menschen zusammenbaut, ihn belebt – meist per Galvanismus – und dann vor seiner monströs geratenen Schöpfung Reißaus nimmt und damit eine Kette katastrophaler Ereignisse in Gang setzt. All diese Versionen gehen letztlich auf einen Roman zurück, der 1818 – zunächst anonym – in London erschien: „Frankenstein, oder Der moderne Prometheus“ von Mary Wollstonecraft Shelley. Seine Vielschichtigkeit erreichen sie allerdings selten oder vielleicht nie. Denn um puren Horror geht es darin nicht, auch wenn die Grundidee tatsächlich eine Gruselgeschichte war: Mitte Juni 1816 saßen die englischen Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, Shelleys damals 18jährige Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Mary und Byrons Leibarzt und Reisebegleiter John William Polidori in einer Villa am Genfer See, während es tagelang in Strömen regnete. Die Protagonisten der literarischen Romantik unterhielten sich über neueste naturwissenschaftliche Experimente, über die Möglichkeit, künstliches Leben zu schaffen, lasen einander Gespenstergeschichten vor, die aus dem Deutschen ins Französische übersetzt worden waren und beschlossen dann, selber welche zu erfinden. Bloß Mary wollte lange keine einfallen. Aber dann hatte sie einen Alptraum und ihre Geschichte – und in den folgenden beiden Jahren machte sie ihren ersten Roman daraus.

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