Über die Grenzen

Liebe Leserinnen und Leser,

wir freuen uns sehr, ankündigen zu dürfen, dass es die Essays des Mytho-Blogs nun auch in klassischer Buchform zu lesen gibt. Anlässlich des diesjährigen Wave-Gotik-Treffens in Leipzig haben wir fünf unserer Beiträge unter dem Titel „Über die Grenzen – Geschichten zwischen Oberwelt und Unterwelt“ publiziert. Weitere Texte sind in Arbeit.

Wenn Sie also nicht ausschließlich klicken und scrollen möchten, können sie sich über mythische Unterwelten, dem Wahnsinn verfallene Phantome, Geister, Glöckner, Kopflose Reiter und die Wilde Jagd ab sofort auch gemütlich auf dem Sofa informieren.

Denn Mythen kennen keine Grenzen.

Wir danken Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Treue!

Ihr Autorenteam vom Mytho-Blog

Dr. Constance Timm und Pia Stöger

Zukunft im Digital: Über Hoffnung und Angst in der Utopie

Zählen und Erzählen

Unsere erste Rechenmaschine ist die Hand. Mit Fingern, das heißt digital, haben wir immer gerechnet. Seit wir aufrecht gehen, haben wir Zeit und Raum zum Bezeichnen und damit zum Zählen. Bis heute gibt es Kulturen, die mit Fingern, Händen und Zehen rechnen. Im Mittelalter etwa bedeutete der geschlossene Kreis zwischen Daumen und Zeigefinger 100. Die Scheiben oder Kugeln am Abakus können als ausgelagerte Fingerknöchel gedeutet werden.

Der Mensch ist ein messendes Wesen, er zählt oft und viel, um sich Orientierung zu verschaffen, etwas zu überprüfen oder zu verkaufen und einzukaufen. Er macht Kerben oder knotet Zahlen, schreibt an und berechnet die Erscheinungen des Mondes (lat. mens, der Monat). Im Deutschen sind Zählen und Erzählen ganz nah beieinander. Zählen heißt ursprünglich, eine Kerbe machen, eine Delle, ein Tal einschneiden, eine Markierung also im Raum. (Daraus wird über den Umweg des böhmischen Namens Joachimsthal eines Tages sogar der Taler und daraus wiederum der Dollar.) Erzählen wiederum folgt dem Präfix er-, was auf eine größere Bewegung in einem Raum verweist (erkunden, erforschen, erraten), nicht einfach auf einen Schnitt. Auch hier kommt die Hand ins Spiel, die das Erzählen begleitet durch Gestik, ja, Gefühle erweckt bei den Hörern, weil sie anrührt oder auch die Welt ertastet, die Erinnerungen beschwört. Das englische Verb to tell gibt noch deutlicher die Identität von erzählen (to tell a story) und zählen (to tell the time) preis.

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Der Neunkräuterzauber, oder: Von der Magie der Medizin

Die Medizin der Vergangenheit mag uns heute fragwürdig vorkommen. Gerade wenn das ‚düstere Mittelalter‘ erwähnt wird, ein Zeitabschnitt, der immerhin fast eintausend Jahre einnimmt, fallen Begriffe wie Quacksalber und Aberglaube. Von Erkältungen, kleinsten Verletzungen seien die Menschen wie die Fliegen gestorben. Dass jedoch Ärzte an der großen Schule von Salerno im 12. Jahrhundert durch Bohrung erfolgreiche Operationen am offenen Gehirn durchführten, lässt so manchen innehalten. Dort florierte die fortschrittlichste Medizin, vor allem durch die Nähe zum arabischen Raum, welcher damals die hervorragendsten Ärzte hervorbrachte.

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Die Welt und das Wir oder: Impressionen über das Erzählen

„Alles, was die Menschheit getan, gedacht, erlangt hat oder gewesen ist: es liegt wie in zauberartiger Erhaltung in den Blättern der Bücher aufbewahrt“, schrieb der schottische Philosoph, Essayist und Historiker Thomas Carlyle (1795-1881) im Jahr 1841. Seit jeher sind es Geschichten, Erzählungen und Mythen gewesen, welche die drei elementarsten Fragen überhaupt gestellt oder zu beantworten versucht haben: Wer waren wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Fragen, die auf den ersten Blick einfach erscheinen. Trotzdem gibt es darauf bis heute keine Antworten, die rundum befriedigen könnten, sind diese Antworten doch sowohl vom fachlichen Hintergrund (sei es nun Biologie, Geschichte, Sprachwissenschaft, Theologie, Philosophie, Physik etc.) desjenigen abhängig, der sich mit ihnen auseinandersetzt als auch von den jeweiligen Eigenerfahrungen des Schreibers. D.h. die Sicht auf das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ wie es Johann Wolfgang Goethe so wunderbar im ersten Teil des Faust formulierte, das „Waren“, das „Sind“ und das „Wohin“ also, ob nun mündlich überliefert oder als Buch verfasst, vermittelt und hinterlassen, kann nie nur objektiv sein, sondern besitzt stets auch einen subjektiven Part.

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Hinter der Maske – Die vielen Gesichter des Phantoms der Oper

Die Pariser Oper in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Theater wird von einer schattenhaften Gestalt heimgesucht, welche das abergläubische Theatervolk „Das Phantom der Oper“ nennt. An diesem Punkt setzt das vermutlich erfolgreichste Musical aller Zeiten an.

Es erzählt die Geschichte der jungen Sängerin Christine Daaé, deren unsichtbarer Gesangslehrer, ihr „Engel der Muse“ (im Englischen Angel of Music), sich als das berühmt-berüchtigte Phantom der Oper entpuppt. Dieser ist jedoch weder unsichtbar noch körperlos, sondern ein geheimnisvoll maskierter Mann von musikalischem und technischem Genie. Und unsterblich in Christine Daaé verliebt. Als der junge Raoul, Vicomte de Chagny, ein Kindheitsfreund Christines, die Gönnerschaft für die Oper übernimmt, spitzt sich eine dramatische Dreiecksbeziehung zu, die nur tragisch enden kann. Ein bildgewaltiges Werk über Liebe, Hass und die Abgründe des Menschlichen.

Eine fantastische Mysterie-Erzählung

Die Romanvorlage stammt aus der Feder des französischen Journalisten und Autors Gaston Leroux, welcher vor allem durch seine Detektiv-Geschichten wie „Das Geheimnis des gelben Zimmers” (1907) oder “Das Parfum der Dame in Schwarz” (1908), Berühmtheit erlangte. Sein Schreibtalent für mysteriöse Erzählungen wurde auch in „Le fantôme de l’opéra“ deutlich. Der Roman erschien vom 23. September 1909 bis zum 08. Januar 1910 in Fortsetzung in der Zeitschrift Le Gaulois. Letzteres mag eine Erklärung dafür sein, weshalb Leroux regelmäßig tief in Be- und Umschreibungen eintaucht. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es üblich, dass Autoren solcher Zeitschriftengeschichten nach Wortzahl entlohnt wurden. Es war ihnen – möglicherweise also auch Leroux – daran gelegen, Geschehnisse und Szenen so detailiert wie möglich auszuformulieren.

Bereits im März 1910 erschien der Roman als gebundenes Werk, herausgegeben von Pierre Lafitte. Die erste deutsche Version erschien im Albert Langen Verlag im Jahre 1912. Die Schnelligkeit dieser Veröffentlichung zeigt, wie beliebt die Geschichte schon damals war. Tatsächlich erhielt der Roman sowohl von Kritikerseite als auch von der Öffentlichkeit positives Feedback, auch wenn der Ruhm nicht an andere Werke des Autors heranreichte.

Originalcover der gebundenen Ausgabe

Durch seine Erzählart entsteht ein gewisser Realitätsanspruch. Der Ich-Erzähler, ein Journalist, stellt den Roman als detektivische Investigation auf den Spuren des Phantoms dar. Der Prolog beteuert die Realität des Phantoms und berichtet von intensiven Recherchearbeiten des Erzählers. Im Laufe des Romans bedient er sich einer Reihe von Aussagen, Memoiren und Schriftstücken, die von handelnden, fiktiven Personen stammen. Auch die Zeit der Handlung in den 1880er Jahren, gut zehn Jahre nachdem die Opéra Garnier, der Schauplatz und Handlungsort, fertiggestellt wurde, trägt weiter dazu bei, dass die Erzählung wie eine tatsächliche Begebenheit erscheint.

Der Wirklichkeit entspricht die Tatsache, dass das Gebäude auf einem tiefen, labyrinthartigen Unterbau errichtet war, von dem ein großer Teil geflutet und damit zum geheimen See des Phantoms wurde. Mysteriöse Geräusche aus diesem Abgrund während Aufführungen, der Fund eines menschlichen Skeletts bei Bauarbeiten und der ungeklärte Unfall des herabstürzenden Kronleuchters mit einem Todesfall, führte zu der Entstehung des Phantom-Mythos, den Leroux verarbeitete und weiterentwickelte.

Obwohl der Roman, wie bereits erwähnt, über die Jahre weitgehend in Vergessenheit geraten war, gelangte eine Secondhand Ausgabe in die Hände Andrew Lloyd Webbers – und eine Idee wurde geboren.

Vom Buch zum Film

Zu allererst muss festgehalten werden, dass es gravierende Unterschiede zwischen dem Handlungsverlauf des Romans, der Musicalversion und der filmischen Adaption von 2004 mit Gerard Butler, Emmy Rossum und Patrick Wilson in den Hauptrollen – einer Verfilumg des Musicals, nicht des Buches wohlgemerkt – gibt. Handlungsstränge wurden abgewandelt, Charaktere ausgelassen oder Geschehnisse an einem anderen Zeitpunkt eingebracht. Bei den Inszenierungen erhalten wir durch die visuellen Mittel weit mehr Einsicht in verschiedene Charaktere (das Phantom eingeschlossen), als im Roman. Dort begleiten wir als Leser besonders den jungen Raoul, Vicomte de Chagny, der versucht, das schreckliche Geheimnis zu lüften, dass Christine Daaé angstvoll hütet.

Wie bereits erwähnt, konzentrieren sich Musical und Musical-Verfilmung vor allem auf das Beziehungsdreieck des Phantoms, des Vicomtes de Chagny und Christine Daaés und machen eine Liebesgeschichte daraus. Für beide Männer hat sie unleugbar Gefühle und ist zwischen ihnen hin- und hergerissen. Der blonde Raoul symbolisiert dabei schon rein optisch mit seiner heiteren Art das sonnige, sorglose, aber gebundene Leben, das Christine weit weg von der Oper als Frau eines Vicomtes führen könnte. Das mysteriöse Phantom stellt hingegen durch seine Aufmachung mit Maske und Umhang den sinnlichen Nervenkitzel einer leidenschaftlichen Liebe außerhalb der gesellschaftlichen Norm dar.

Auf der einen Seite also der Wunsch nach Liebe inmitten der Gesellschaft, auf der anderen die unwiderstehliche Anziehungskraft des Geheimnsivollen. Christine lebt bereits als mittellose „Ballettratte“, wie Leroux die Tänzerinnen der Oper nennt, und begäbe sich in jedem Fall in eine neue Abhängigkeit: das einer adligen Ehe oder dazu, verdammt im Schatten, ein Leben abseits jeder Gesellschaft zu verbringen. Manchem mag der Charakter des Raoul im Gegensatz zum charismatischen Phantom eher fad vorkommen (so wie mir zuerst), aber denkt man länger darüber nach, erkennt man, in welcher Misere die junge Frau tatsächlich steckt.

Hinter der Maske – Der Zauber von Oper und Theater

Das Musical und der Film übernahmen den Zauber des Theaters, der Oper, die für ihre Besucher immer wieder Wunder erschaffen. Der Film selbst kreiiert eine Traumwelt, in der Logik, gesellschaftliche Regeln und dann und wann auch die Regeln der Physik außer Kraft gesetzt sind. Ein Management lässt sich jeden Monat von einem sich selbst als „Operngeist“ bezeichnenden Fremden um tausende Francs erpressen und duldet gleichzeitig eine jähnzornige Diva, die, sobald etwas nicht nach ihrem Kopf geht, alle fünf Sekunden mit Sack und Pack zu kündigen gedenkt. Hier kann der Vicomte eine mittellose Sängerin heiraten, ohne dass jemand daran Anstoß nimmt. Und Leuchter tauchen samt brennenden Kerzen aus einem unterirdischen See auf. Diese Dinge fallen einem auf, man begreift, dass dies nicht der Wirklichkeit entspricht, aber es stört nicht. Man nimmt sie hin, denn es geht um die wunderbare Musik, die Atmosphäre, die Liebesgeschichte.

„Der Tanzunterricht“ (um 1874) von Edgar Degas – Hinter den Kulissen war die Oper eine Welt für sich.

Die Maske, die das Symbol des Theaters (und nebenbei das Erkennungsmerkmal des Phantoms) ist, taucht immer wieder auf. Metaphorisch oder als plastisches Objekt, zeigt eine Maske nach außen das Eine und verbirgt das Andere. In der Oper existieren die Bühne und das Stück als das, was der Außenwelt präsentiert wird, während hinter den Kulissen eine geheime Welt existiert, die sich nur Eingeweihten öffnet. Im „Phantom der Oper“ besitzt Letzteres zudem eine weitere Unterteilung: der Oberbau des Opernhauses, der dem Personal gehört, und der architektonische Unterbau, in dem das Phantom herrscht.

Könnte man es deshalb nicht als den ungreifbaren und doch fleischgewordenen Zauber dieses Kosmos bezeichnen?

Die einzige Maske im eigentlichen Sinn trägt eben jene berühmt-berüchtigte Figur. Nach außen eine glatte, elegante Marmorerscheinung, versteckt sie eine körperliche Entstellung, die das Phantom zu seinem Dasein in Dunkelheit und Einsamkeit verdammt. Vergleicht man seine Darstellung in Roman, Musical und Film, wird klar, dass er ein Charakter von größter Ambivalenz ist.

Das Phantom als Bösewicht

Die träumerische Atmosphäre der Adaptionen, die bereits erläutert wurde, exisitiert im Roman nicht. Es ist die Welt des 19. Jahrhunderts, nur eben mit einem Phantom im Keller. Das Management ist seiner weniger karikierten Diva gegenüber klar und deutlich, Raouls älterer Bruder, der Comte de Chagny, versucht mit allen Mitteln dessen Pläne einer Heirat mit Christine zu verhindern und von unter Wasser brennenden Kerzen ist nirgendwo die Rede. Auch das Phantom ist ein Anderer, nämlich ein verzweifelter Mensch namens Erik, bei dem Wahnsinn und Genie Hand in Hand gehen und dessen obsessive Liebe zu Christine ihn in einen grausamen Bösewicht verwandelt.

Christine, das Objekt seiner Begierde, hat nach einer unsanften Entführung und seiner Demaskierung panische Angst vor ihm und traut sich doch lange Zeit nicht, jemandem von ihrem Geheimnis zu erzählen. Der „Operngeist“ ist zu allem fähig, droht ihr und Christine fürchtet in seiner Labilität noch mehr Tode. Besonders um Raoul, der sich in sie verliebt hat und ihre kühle Ablehnung verwirrt zu verstehen versucht, hat sie Angst, denn ihr „Engel der Muse“ ist krankhaft eifersüchtig.

Nachdem Erik seine Angebetete erneut und vor den Augen aller von der Bühne entführt hat, droht er, die ganze Oper samt Galagästen in die Luft zu jagen, sofern sie sich nicht von Raoul abwendet und für ihn entscheidet. Um so überraschender ist das Ende, an dem die beiden Liebenden freikommen und der Roman mit dem Tod des Phantoms schließt

Erst danach wird mehr über den Charakter aufgeklärt und man beginnt Mitleid und Sympathie für diese entstellte Seele zu haben. Seine Herkunft handelt Leroux erst im Epilog ab.

Das Phantom als Opfer

Im Musical und Film tritt das Phantom zuerst als eine art romantisch-verklärter Geist in Erscheinung. Da ist sein erster Streich lediglich eine herabfallende Leinwand der Requisite, die keinem Schaden zufügt. Auch die „Entführung“ der Christine Daaé ist eher eine fantastische, sinnliche Reise, auf die sich diese voll betörtem Staunen freiwillig begibt. In der Wohnung des Phantoms am See wartet´n Kerzenschein und Musik, keine Angst und Dunkelheit. Sein wütender Ausbruch über die Enthüllung seiner Entstellung, als Christine ihn zum ersten mal demaskiert, erschreckt sie nur kurzfristig. Ihr Mitleid überwiegt.

Erst nachdem das Phantom jemanden getötet hat, bekommt Christine Angst vor ihm und wird in ein verwirrendes Chaos aus romantischen Gefühlen, Angst und immer noch Mitleid gestoßen. Das Phantom, das namenlos bleibt, ist in erster Linie eine tragische Existenz, die durch kontinurierliche Ablehnung und grausame Behandlung seines Äußeren wegens zu dem wurde, was es ist.

Die Idee des entstellten Außenseiters, der sich in das erste Schöne unsterblich verliebt, das ihm nahe kommt, tauchte bereits in Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“ auf, dem ich mich bereits in einem früheren Blogbeitrag gewidmet habe. Hugos Roman erschien 1831 und obwohl ich keine Belege dafür finden konnte, dass Gaston Leroux ihn kannte, so ist es doch anzunehmen. Es gibt gewisse Parallelen zwischen dem missgestalteten Quasimodo und dem Phantom: Beide wurden von ihren Familien verstoßen und erfuhren ein Leben lang Gewalt, Ausgrenzung und Verachtung aufgrund ihrer Erscheinung.

Doch während Ersterer glücklicherweise vom Archidiakonus Frollo adoptiert wird, fehlt dem Phantom diese Mittelsfigur zwischen der Welt und ihm. Er erleidet das Schicksal, als lebende Kuriosität in einem Wanderzirkus ausgestellt zu werden, welches Quasimodo als Kind einer Zigeunerin vielleicht auch geblüht hätte, wäre er nicht auf glücklichen Umwegen nach Paris gelangt.

Quasimodo versteckt sich zwar oft aus Furcht vor den Menschen, doch ist sein Erscheinungsbild ein Zustand, mit dem er sich weitgehend abgefunden hat. Im Falle des Phantoms ist das Tragen der Maske vor allem mit Scham behaftet. Im Roman verdeckt sie das ganze Gesicht, in den Inszenierungen nur die obere Hälfte oder eine Seite, da sonst die Darsteller beim Singen behindert würden.

Zwei schicksalsschwere Male wird das Phantom in Musical und Film demaskiert, beide Male durch die Hände der Frau, deren Ablehnung ihn zerstören würde und der er sein Gesicht deshalb auf keinen Fall zeigen will. Sein kompletter Kontrollverlust in beiden Szenen zeigt, wie emotional aufgeladen die Maskensituation. Die zweite, öffentliche Demaskierung gipfelt schließlich im Showdown, bei dem das Phantom Christine dazu zwingen will, sich für ihn zu entscheiden. Bewegt von ihrem unerschütterlich guten Herzen, lässt er die beiden frei und verschwindet in einem Geheimgang.

Ansicht der Pariser Oper Ende des 19. Jahrhunderts

Das tragische Phantom

Das „Phantom der Oper“ ist Geist, Künstler, Bösewicht, eine verstoßene Seele, Genie und Opfer. Gaston Leroux macht aus ihm einen Menschen aus Fleisch und Blut, einen Charakter, der seitdem immer wieder verändert, erweitert und neu erfunden wurde. Auf der Bühne bekam es durch viele Künstler ebenso viele verschiedene Gesichter, wie es als Figur Facetten hat. Basierend auf seiner kurzen Biographie, die Leroux in seinem Epilog aufführt, erschuf die britische Schriftstellerin Susan Kay mit ihrem Roman „Das Phantom“ eine tief eintauchende, bewegende Lebensgeschichte, die mehr denn je das Phantom als ein Opfer seiner Umstände darstellt und ihm ein „Gesicht“ gibt.

Auch Leroux erwähnt am Ende seines Buches, es sei ein großes Unglück, das diesen armen Menschen prägte und er habe an seinem Grab für sein Seelenheil gebetet. In Anbetracht seines armseligen Lebens, ohne Liebe und im Schatten, hätte er das trotz seiner Verbrechen verdient.

Vermutlich fasst keiner das Dilemma des Phantoms der Oper so getroffen zusammen, wie das Phantom selbst in dem Lied „Die Erinnerung kommt zurück“:

„Schlimmer als ein Alptraum.
Wie erträgst du’s hinzuschau’n?
Erfasst dich nicht ein Graun,
von mir, dem Höllentier?
Fratzenhaft doch sehnsuchtskrank.
Nach dem Himmel.
Sehnsuchtskrank, sehnsuchtskrank…

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis:

Kay, Susan. Das Phantom. Frankfurt a. M. 2016.

Leroux, Gaston. Das Phantom der Oper. München 1993.

Newart, Cormac. „Vous qui faites l’endormie. The Phantom and the Buried Voices of the Paris Opéra“. 19th-Century Music Vol. 33, No. 1, 2009, S. 62-78. Web. JStor. 03. April 2019

Shah, Raj. „No Ordinary Skeleton. Unmasking the Secret Source of Gaston Leroux’s Le fantôme de l’opéra“. Forum for Modern Language Studies Vol. 50, No. 1, 2013, S. 16-29. Web. JStor. 03. April 2019

„The Publication and Initial French Reception of Gaston Leroux’s Le fantôme de l’opéra“. French Studies Bulletin Vol. 37, No. 138, 2016, S. 13-16. Web. Oxford Journals. 03. April 2019

„Lesen ist denken mit fremden Gehirn“ – Jorge Luis Borges

Liebe Leser/-innen und Buchfreunde,

das Team vom Mytho-Blog bedankt sich ganz herzlich für Ihr Interesse  an unseren Themen und Beiträgen. Mythen sind ein so weites und tief verwurzeltes Gebiet, dass uns die Auswahl oft nicht leicht fällt. So vieles ist erzählenswert und verbirgt sich im Alltäglichen, ist vergessen oder wird viel zu selten wahrgenommen. Mythen sind wie kleine Reisen. Nicht nur zu uns selbst, sondern vor allem auch in die Literatur und damit in die Welt der Bücher.

In dieser Woche ist unser Team auf einer solchen Bücherreise. Daher muss der Blog aufgrund der Leipziger Buchmesse leider entfallen. Aber keine Bange. Ab nächsten Freitag sind wir wie gewohnt mit spannenden, skurilen, nachdenklichen und (hoffentlich) lehrreichen Themen zurück. 

Genießen Sie den mythischen Frühlingsbeginn. Vielleicht bei einem Buch.

„We’re all stories in the end.“

Ihr Team vom Mytho-Blog

Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame

Es ist ein farbenfrohes, grausames Bild, das der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) kreiert. Schauplatz ist das spätmittelalterliche Paris an der Schwelle zur Neuzeit, auf dessen Bühne er individuelle Schicksale, geschichtliche Hintergründe und Lebenskultur des 15. Jahrhunderts miteinander verbindet.

Seine Darstellungen der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit, der Gewalt gegenüber Andersgläubigen und Menschen mit körperlicher Behinderung instrumentalisiert Hugo als eine Kritik an rückständigen gesellschaftlichen Konventionen sowie Vorurteilen und drückt Verurteilung der Todesstrafe und der Folter aus. Durch die Charakterzüge und Handlungsweisen seiner Figuren führt er uns vor Augen, wie tief die Verbindung von körperlicher und innerer Schönheit als Ideal unser Denken bestimmt. Dieser Konflikt taucht immer wieder auf und wird als solcher vom wenig attraktiven Glöckner Quasimodo aus seiner Sicht geäußert: „Was nicht schön ist, hat kein Recht zu sein; / Schönheit liebt allein nur Schönheit, / Dem April zeigt Januar den Rücken.“ (S. 447)

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Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot

„Wer den Gong ertönen läßt,
dem erscheinet sie sofort!
Weiß wie Jade,
kalt wie Stahl:
das ist die schöne Turandot!“
(Turandot, Giacomo Puccini, Libretto)

Als der italienische Komponist Giacomo Puccini im Jahr 1920 zusammen mit dem Liberettisten Guiseppe Adami und dem Dramaturgen Renato Simoni über dem Stoff seiner sechs Jahre später uraufgeführten Oper „Turandot“ zu brüten begann, schrieb er Letzterem geradezu hoffnungsvoll: „machen wir ein Märchen, gefiltert durch unser modernes Gehirn!“ Das Märchen lag dem Kreativ-Trio zu dieser Zeit längst vor, u. a. in Form des Theaterstücks „Turandot“ von Friedrich Schiller (1802 uraufgeführt), welches auf einer Vorlage des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi aus dem Jahr 1762 beruhte. Darüber hinaus war dem Stoff bereits eine Reihe von Vertonungen vorausgegangen. Franz Seraph Destouches, Carl Maria von Weber, Antonia Bazzini sind nur einige der Namen, die sich der Geschichte annahmen. Daher war sich Puccini unsicher, auf welche Weise er den bereits bekannten Stoff zum Leben erwecken sollte. Am ehesten schien ihm dies über die Psychologie der Figuren möglich, mehr noch über die Gefühle. „Sie müssen das Letzte an Gefühl und Rührung herausholen … und sie können die rechten Verse finden!“, schreibt er an Adami. „[Der] Liebesausbruch muss wie ein leuchtender Meteorstein unter die rufende Volksmenge fallen, die mit gespannten Nerven … das Fluidum der Liebe begeistert aufnimmt.“

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Die Poesie des „Nevermore“ – Edgar Allan Poes dunkle Romantik

„Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
‚‘Tis some visitor,‘ I muttered, ‚tapping at my chamber door –
Only this, and nothing more.‘“

(Edgar Allan Poe, „The Raven“)

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Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: „Trickster“, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

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Es weihnachtet schwer 5.0: „Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren“

Frohe Weihnachten! Mit welchem Recht bist du froh? Aus welchem Grund bist du froh? Du bist doch ganz arm!“
Na komm”, versetzte der Neffe freudig. „Mit welchem Recht bist du trübsinnig? Aus welchem Grund bist du mürrisch? Du bist doch ganz reich!” (14)

Wir schreiben das viktorianische London. Arm und Reich leben durch einen tiefen Abgrund getrennt und doch dicht gedrängt in der, von den schwarzen Rauchwolken der Industrie überspannten Metropole. Allen täglichen Kämpfen und Sorgen zum Trotz liegt so etwas wie freudige Erwartung in der Luft. Denn es ist der 24. Dezember, der Tag vor dem Weihnachtsmorgen. Als Ebenezer Scrooge – alt, bitter und steinreich – die Zeit damit verbringt, seine ablehnende Haltung zum Weihnachtsfest kund zu tun und anderen die Freude gründlich zu verderben, hat er noch keine Ahnung, dass die vor ihm liegende Weihnachtsnacht alles verändern wird.

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Vom ersten Erzählen oder: Wie erobern Mythen die Welt?

Im Sommersemester 2018 hatte ich das Glück, im Anglistikseminar von Prof. Dr. Elmar Schenkel an der Universität Leipzig einem Vortrag zu lauschen, der die anwesenden Studenten ebenso wie einen promovierten Post-Studenten wie mich nicht nur auf Spurensuche zu den Ursprüngen der Mythen, sondern des menschlichen Erzählens überhaupt führen sollte. Unter dem Titel The Origins of the World’s Mythologies stellte der Journalist, Herausgeber und vergleichende Mythologe Christoph Sorger das gleichnamige, 2012 erschienene Buch des renommierten Indologen, Linguisten und Harvard-Professors E. J. Michael Witzel vor. Eine 688 Seiten starke, bisher leider nur auf Englisch verfügbare, Lektüre, die nicht nur erkärt, was ein Mythos ist und was diesen ausmacht, sondern sich gewissermaßen der Ur-Mythologie widmet, jener Frage, die schon Goethe in seinem Faust umtrieb, wenn er eben jenen sagen lässt: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Witzels ambitionierte und ebenso viel gelobte wie skeptisch resümierte Mythentheorie erklärt das ursprüngliche Beschreiben von Welt und Umwelt, d.h. die Entwicklung von Mythologien, aus der Evolution und Verbreitung von homo sapiens sapiens von seiner Urheimat Afrika aus in mehreren Wanderungswellen über die ganze Welt. Seit jeher liegt es in der Natur des Menschen, Geschichten zu erzählen. Geschichten über höhere Wesen. Geschichten über die Elemente. Geschichten über Himmel und Erde. Geschichten über „trickster deities“ (Trickster-Götter), die die göttliche Ordnung durcheinanderbringen, in dem sie die aufgestellten Regeln brechen, so wie etwa Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt. Und eben jene Geschichten sind es, die den Menschen bei seiner Verbreitung über die Kontinente (Witze verwendet den schönen Begriff „Out-of-Africa-movement“) hinweg begleitet und die sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen menschlicher Gemeinschaften gefestigt haben.

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Ein Trickster kommt selten allein

Die Leipziger Stadtbibliothek ist gut besucht am vor-halloweenlichen Montag. Anlässlich des 22. Leipziger Literarischen Herbstes macht sich die edition vulcanus daran, den mythologischen Schwerpunkt der allherbstlichen Lese- und Literaturwoche zu setzen. „Brücken bauen“ heißt das Motto 2018, welches, auch im Rahmen der Houston-Week (bezogen auf die 25-jährige Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Houston), kulturelle, literarische, gesellschaftliche, poetische, künstlerische, nachdenkliche, lakonische, zwie- und zweisprachige, historische und eben auch mythologische Verbindungen von Hier nach Dort und Dort nach Hier knüpfen soll.

Eine solche Brücke ist der Trickster, dem der neu erschienene Sammelband der edition vulcanus mit dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ gewidmet ist.

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Halloween 3.0: „Köpfe werden rollen“

Im dritten Teil unseres diesjährigen Specials im Zeichen des Schaurigen, das sich bislang mit reitenden Toten sowie Folklore, Geistern und Kürbissen beschäftigt hat, sind wir nun den Mythen um Sleepy Hollow und dem Reiter ohne Kopf auf der Spur. Den meisten ist die Geschichte wahrscheinlich durch den 1999 erschienenen Film von Tim Burton mit Johnny Depp und Christina Ricci (und natürlich ebenfalls legendär: Christopher Walken als kopflosen Reiter) bekannt. 2013 bekam der düstere, märchenhaft und gleichzeitig skurril anmutende Film, der Grusel und den einen oder anderen Lacher perfekt kombiniert, Konkurrenz durch eine gleichnamige Serie. Dieses Sleepy Hollow (u. a. mit Tom Mison und Nicole Beharie in den Hauptrollen) verlegt die Handlung – per Zeitreise – in die Gegenwart und verbindet dabei Mysterie- und Krimihandlung in mittlerweile 4 Staffeln.

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Halloween 1.0: „Die Toten reiten schnell“

 

Willkommen zum ersten Teil unseres Blogspecials im Zeichen des Schaurigen!

 

 

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
„Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?“ –
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.
(Str. 1)

Die erste Strophe der Ballade Lenore, verfasst vom deutschen Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794), fackelt nicht lange und führt den Leser sofort an den springenden Punkt heran, der die gesamte Handlung ins Rollen bringt: Willhelm, Lenores Verlobter, kämpft im Siebenjährigen Krieg und keiner weiß, welches Schicksal ihn ereilt hat. Eines Nachts jedoch wird die Hauptcharakterin von einer unheilvollen Ahnung heimgesucht und stellt den Leser bereits zu anfangs vor eine vollendete Tatsache; der Verlobte ist entweder untreu geworden und im fremden Land geblieben, oder er ist im Kampf gefallen. Es ist ein böses Erwachen, welches in seiner Abruptheit die Ballade eröffnet. Ein böses Erwachen in der Tat, ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte um Lenores unheilvolles Schicksal zieht.

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Frankenstein im Pfingstgeflüster

Mit unserem Beitrag zum Wave Gotik Treffen 2018 wollten wir die Thematik des Frankenstein und seiner Schöpfung einem breiten Publikum auf unterhaltsame Art und Weise näher bringen, was uns auch gelungen ist. Ein volles Haus und interessierte Zuhörer haben uns bestätigt, wie aktuell dieser Roman und seine Grundidee ist.

Umso mehr freute es uns, als mich Marcus Rietzsch, der Herausgeber des Pfingstgeflüster, auf Facebook kontaktierte und anfragte, ob wir nicht Lust hätten einen Vortragsbeitrag beizusteuern. Das Pfingstgeflüster, ein Bild-Text-Band, der jährlich im Zuge des Wave Gotik Treffens in der Edition Subkultur erscheint, hat es sich zur Aufgabe gemacht Impressionen des einzigartigen Musik- und Kulturfestivals festzuhalten und diese in hochwertigem Design zu verewigen. Es bietet Einblicke in Lesungen, musikalische Highlights, Kunstausstellungen und natürlich dem Herz des Leipziger Festivals – die Besucher. Für alle, die diesmal nicht dabei sein konnten, die ein literarisches, zusammenfassendes Erinnerungsstück mitnehmen oder sich Einblicke in Veranstaltungen holen wollen, zu denen sie es leider nicht geschafft haben.

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Der wahnsinnige Wissenschaftler und das Scheusal: Zweihundert Jahre „Frankenstein“

   Zwei Gestalten der populären Imagination werden dieses Jahr zweihundert: Frankenstein und sein Monster. Jeder kennt sie, weil jeder mindestens einen Film über sie gesehen hat, und Boris Karloff als Monster in der Verfilmung von 1931 ist geradezu eine Ikone geworden. Immer wieder variieren Drehbuchautor und Regisseure die Geschichte vom besessenen Wissenschaftler, der aus Leichenteilen einen Menschen zusammenbaut, ihn belebt – meist per Galvanismus – und dann vor seiner monströs geratenen Schöpfung Reißaus nimmt und damit eine Kette katastrophaler Ereignisse in Gang setzt. All diese Versionen gehen letztlich auf einen Roman zurück, der 1818 – zunächst anonym – in London erschien: „Frankenstein, oder Der moderne Prometheus“ von Mary Wollstonecraft Shelley. Seine Vielschichtigkeit erreichen sie allerdings selten oder vielleicht nie. Denn um puren Horror geht es darin nicht, auch wenn die Grundidee tatsächlich eine Gruselgeschichte war: Mitte Juni 1816 saßen die englischen Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, Shelleys damals 18jährige Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Mary und Byrons Leibarzt und Reisebegleiter John William Polidori in einer Villa am Genfer See, während es tagelang in Strömen regnete. Die Protagonisten der literarischen Romantik unterhielten sich über neueste naturwissenschaftliche Experimente, über die Möglichkeit, künstliches Leben zu schaffen, lasen einander Gespenstergeschichten vor, die aus dem Deutschen ins Französische übersetzt worden waren und beschlossen dann, selber welche zu erfinden. Bloß Mary wollte lange keine einfallen. Aber dann hatte sie einen Alptraum und ihre Geschichte – und in den folgenden beiden Jahren machte sie ihren ersten Roman daraus.

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