American Gods – Der fantastische Roman als Spiegel der Seele

Die Analytische Psychologie nach C. G. Jung

American Gods, der Bestseller von Neil Gaiman, entführt den Leser in die Welt der Mythen und lädt damit eine Jungsche Analyse des Stoffes quasi mit offenen Armen ein.

Carl Gustav Jung, Begründer der analytischen Psychologie, dachte über die Psyche grundsätzlich holistisch nach und maß dem Mythos dabei erhebliche psychologische Bedeutung zu. Wohingegen modernere Therapieformen, wie die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), hauptsächlich darauf gerichtet sind, Symptome handhabbar zu machen, ging er davon aus, dass äußeren Fehlanpassungen innere Konflikte zugrunde liegen, die grundsätzlich befriedet werden können und im Mythos ihren Ausdruck finden. Im Unterschied zu dem Modell seines ursprünglichen Lehrmeisters und Kollegen Sigmund Freud, ist Jungs Modell weitgehend unpersönlich. Die eigene Historie, die in der Psychoanalyse nach Freud hinter den Störungen liegt, bildet in der analytischen Psychologie nur eine dünne Schicht, und den eigentlichen Kern des Pudels, kann man nur in Auseinandersetzung mit den sogenannten Archetypen aufspüren.

Die relevante Grundannahme ist, dass Mythen repräsentativ für innerpsychische Vorgänge und Phänomene stehen und nicht nur das Resultat von protowissenschaftlichen Versuchen einer primitiven Urherde sind, die vor dem Donner zuckend, einen menschenähnlichen Auslöser erdachte. Die Überlegung ist folgendermaßen: das äußere Phänomen hinterlässt einen Eindruck auf dem empfangende Subjekt, wodurch bereits vorhandene, innere Bilder wachgerufen werden, die dann auf das äußere Ereignis projiziert werden. Donnergott Thor ist demnach ein Abkömmling eines inneren Bildes, eines Archetyps, der intern in der Psyche wirksam ist aber den Gefühlen und Assoziationen, die ein Gewittersturm auslöst nicht unähnlich zu sein scheint.

Fundstücke eines Psychonauten

Was ein Archetyp nun wirklich genau ist, ist schwer zu sagen, da Jung den Begriff nie exakt definiert und dafür schrittweise in seinen Werken mit Bedeutung aufgeladen hat. Zunächst ist ein Archetyp eine Art Urbild, eine spontane Vision des inneren Auges, die dem Subjekt in Traum und Phantasiespiel zugänglich wird. Darüber hinaus scheint der Archetyp aber auch das zu sein, was hinter dem Bild liegt und dieses nur als Kommunikationsmittel benutzt. In diesem Sinne beschreibt Jung den Archetyp als eine Subpersönlichkeitsstruktur, die intelligent handelt und Wissen und Motivationen besitzt, die dem Bewusstsein (dem Ego) nicht direkt zugänglich sind. Als innere Mitbewohner sind Archetypen für alle Mitglieder unserer Spezies mehr oder weniger identisch und bilden damit die Akteure des Theaterstücks der conditio humana mit denen sich jeder Einzelne arrangieren muss.

Wer (A)rchetyp sagt, muss auch (B)egierde sagen, denn Archetyp und Instinkt sind genealogisch eng miteinander verwandt. So eng, dass Jungs Starschüler Erich Neumann sogar so weit ging, den Archetyp als das menschliche Pendant zum tierischen Instinkt zu bezeichnen. Demnach haben Tiere keine Probleme im eigentlichen Sinne, weil Tiere den Göttern (Archetypen und Instinkten) blinden Gehorsam leisten. Wir Menschen hingegen sind neurotische Äffchen, weil durch irgendein Wunder auf den verschlungenen Pfaden der Evolution das „Erfahrende Etwas“ begonnen hat sich selbst zu reflektieren und damit Bewusstsein geboren wurde. Durch diesen herzhaften Biss in den Sündenapfel findet die Geschichte ihren Anfang und damit, als Dimension des Handelns, auch die Moral. Wo vorher nur das zeitlose Erleben stand, rangelt man nun mit guten und schlechten Entscheidungen und hat so etwas kurioses wie „generalisierte Unzufriedenheit“- und mit zunehmender Entfremdung in einer entzauberten Welt, auch noch „Stress“. 

Ziel einer Jungianischen Psychoanalyse ist es, den Menschen wieder mit den Göttern zu versöhnen und die Einseitigkeit seiner bewussten Anpassung (Glaubensmustern) durch archetypischen Input zu erfrischen, ohne eigene Einseitigkeit durch archetypische Besessenheit zu ersetzen. Bei allem gebührenden Respekt muss es schließlich einen Grund dafür gegeben haben, dass Adam und Eva meinten, dass ein wenig Abstand der Beziehung ganz guttun würde (auch wenn Gott uns die Geschichte anders erzählt). Vielleicht war das Paradies ja einfach nur: „ok“ mit Luft nach oben.

Nehmen wir das griechische Pantheon als Landkarte für Jungs psychische Objektivitäten, erkennen wir, dass jedem Gott eine spezifische emotionale Domäne zugeordnet wird, ein Motiv oder Themenkreis, der den Herrschaftsbereich des Archetyps absteckt. Archetypen sind demzufolge in gewisser Weise engstirnig und fokussiert auf eine überschaubare Objektmenge. Ebenfalls aus der griechischen Mythologie wissen wir, dass die Götter nicht direkt für ihre weitreichende Vernunft und Beherrschtheit bekannt sind und ebenso wenig als Musterbeispiel für eine glückliche, harmonische Familie genommen werden können.

Um einem Krieg aller gegen aller zu entkommen, a battle of wills, gibt es eine psychische Funktion, die Jung als Archetyp des Selbst identifiziert hat und deren spezifisches Verlangen es ist, alle anderen Triebe miteinander in Einklang zu bringen. Der Held, halb menschlich, halb göttlich, ist ihr Gefäß und dazu bestimmt oftmals einen frühen Tod zu erdulden, denn sobald er das Ziel erreicht hat, also eine stabile Konstellation von Außenwelt, Ego, und Triebwelt herzustellen, transformiert er sich in den König (oft ausgedrückt in einer anderen Person), der symbolisch für eine ordnende Struktur steht.

Archetypische Hermeneutik

Wenn Träume Botschaften aus dem Reich der Archetypen sind, Mythen kristallisierte Träume und Religion kodifizierter Mythos, dann ist der fantastische Roman moderne Offenbarung und sein Autor faszinierter Alchemist und Prophet zugleich. Bei Geschichten in denen Götter und Helden, Magie und Fabelwesen, Königreiche und Handlanger eines diffusen „Bösen“ auftauchen, kann man generell vermuten, dass es sich um bildliche Darstellungen unbewusster Vorgänge und Phänomene handelt. So auch bei Gaimans „American Gods“. Dabei wendet sich der archetypische Blickwinkel gegen eine Interpretation, die versucht dem Schriftsteller zu viel bewusste Symbolik und Konstruktion zu unterstellen. Der ganze Spaß an der Sache ist eben, dass der Urheber oft selbst nicht weiß, was er genau produziert, sondern dass er vielmehr auch den Handlungen seiner Charaktere folgt und das Schreiben der Geschichte ebenso ein Abenteuer ins Unbekannte ist, wie sie zu Lesen. Die Frage ist nicht „Was wollte uns der Künstler damit sagen?“, sondern: „Was wollte sein Unbewusstes ausdrücken?“. Auf Basis der kollektiven Natur des Unbewussten hat der Roman damit in letzter Konsequenz auch kommunikativen Wert für den Leser.

Amerikanische Götter

Die Welt von Shadow, dem Helden von American Gods, dreht sich nach dem tragisch/komischen Tod seiner Frau und seiner zeitgleichen Entlassung aus dem Gefängnis langsam aber sicher auf den Kopf. Mythische Wesenheiten, allen voran Mr. Wednesday als nordische Gottheit Wotan, beginnen sich für ihn zu interessieren und ziehen ihn in Streitigkeiten, die mit ihm persönlich eigentlich gar nichts zu tun haben. Oder etwa doch?

In ihrem Krieg geht es um Macht und Einfluss bestehend aus einer ausgewogenen Zufuhr von menschlichem Zutrauen. Damit die Archetypen genug Stärke haben, um als quasi-reale Entitäten in der materiellen Welt wirksam werden zu können, benötigen sie Menschen, die genügend an sie glauben. Denn wer an etwas glaubt, hat zwischen sich und dem geglaubten Objekt keine trennenden Bannkreise und versorgt es mit Libido, der universellen psychischen Energie in Jungs System.

Dabei kämpfen alte Götter, die man aus der Mythologie bereits kennt, gegen neue Götter, die in ihrer Erscheinungsform die Errungenschaften und Versuchungen des Informationszeitalters widerspiegeln. Die weibliche „Media“ und der „Technologische Junge“. Beide enthalten in ihrer Typologie Elemente, welche der Jungsche Analyst und Autor Robert Moore zum archetypischen Komplex des „Drachen der Grandiosität“ fassen würde. Dieser in den Tiefen des kollektiven Unbewussten schnaubende Drache, ist ein psychologischer Trieb sui generis, welcher immer weiter hinauswill, der bestrebt ist, mehr aus dem Individuum herauszuholen, als was er bereits manifestiert hat und der sich niemals mit dem bereits Erreichten begnügen kann. Als Schlange ist er vielleicht sogar jene lichtbringende, luziferische Kraft, die den Menschen ursprünglich zur gotteslästerlichen Reflexion anstiftete und als Prometheus dafür von anderen archetypischen Kräften bestraft und gebunden wurde.

Auf seinem Weg der innerlichen Reife muss sich Shadow mit allerlei rumschlagen, unter anderem mit dem Trickster Mad Sweeney, welchen er schließlich besiegen wird. Zwischen Trickster und Held besteht generell eine innere Affinität, ausgedrückt in dem Bedürfnis nach Freiheit und Handlungen, die von außen betrachtet, durchaus als regelwidrig aufgefasst werden können. Allerdings ist der Held bestrebt ein dysfunktionales System durch ein funktionales zu ersetzen, er ist also nicht per se in Konflikt mit dem Konzept von Ordnung und Struktur. Der Trickster hingegen agiert oft willkürlich und anarchistisch: vollständige, menschliche Schwäche und Hilfsbedürftigkeit ignorierende Autonomie ist sein Ziel. Er treibt Schabernack um des resultierenden Chaos willens, und baut sich mit all seinen Gruben letztlich selbst die größte. Dennoch ist er als Champion der Passiv-aggressiven auch Vorbote des Helden, denn wilde Kritik und Unzufriedenheit haben ihren Grund, und obwohl er nicht die Mittel hat die Situation zu transformieren, repräsentiert er die Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.

Die Suche nach Frieden

In der holistischen Lesart werden alle magischen Begegnungen die Shadow macht, als innerlich zu ihm gehörig begriffen und damit auch zur Psyche des Autors, wobei der Held der Teil von ihm ist, der sich dem Problem stellt und es lösen will. Das Ziel seiner Reise soll es sein den göttlichen Konflikt zu bereinigen und in gewisser Weise „er selbst“ zu werden, indem er sich mit seiner Seele verbindet: Shadows Ehefrau Laura hat ihr irdisches Leben zwar ausgehaucht, taucht aber wenig später als Untote wieder auf und Shadows zweite Mission besteht darin, sie wiederzubeleben. Laura repräsentiert dabei einen weiteren Archetyp, den der Anima beziehungsweise Seele. Anima und Animus hypothesierte Jung als die inneren Botschafter von allen gegengeschlechtlichen Aspekten in der Persönlichkeit, welche das Individuum nicht vollständig integriert oder anerkennt. Gleichzeitig steht die Anima für den Mann (der Animus für die Frau) als Mittler zwischen der Gesamtheit der Archetypen und dem Bewusstsein per se und ist mit der harmoniestiftenden Funktion des Selbst verbunden.

Der größte Feind der Harmonie ist singulärer Fokus, also die Lieblingsbeschäftigung des einzelnen Archetyps (Minus dem Selbst). Ebenso kann der Ausschluss von unliebsamen Persönlichkeitsaspekten niemals zum Ziel führen, was Shadow in permanenten Auseinandersetzungen mit seinem eigenen Schatten erlebt. Sogar die Heldenreise als solche ist eine archetypische Funktion und kann die Persönlichkeit über Gebühr dominieren und strapazieren, weswegen der Held am Ende die Bühne verlassen muss und nur in seinem Werk fortbesteht. Auf den Menschen bezogen bedeutet das Ende der Heldenreise einen Tod und einen Neuanfang. Da die Jungsche Psychologie der Ganzheit verpflichtet ist, hat alles seine Zeit und seinen Ort und die einzige Konstante des Selbst, ist sein beständiger Wandel. Äußere und innere Umstände ändern sich, permanente Neuanpassungen sind notwendig und wo jedes Königreich einen neuen Helden ausschickt und jeder Held das Königreich erneuert, wird eine Zeit kommen, in der auch der neue Regent abdanken muss. Le roi est mort, vive le roi.

Mehr sei an dieser Stelle auch nicht über den Roman verraten, nur noch so viel: wenn man sich die Jungsche Lesebrille aufsetzt, lohnt es sich die drei folgenden Grundannahmen präsent zu halten: a) alle Charaktere sind Teil einer psychische Gesamtheit und stehen in einem kommunikativen Prozess b) psychische Energie wird transformiert und stärkt oder schwächt Archetypen, je nachdem ob sie von den Komplexen abgezogen oder zugeführt wird und schließlich c) alles transformiert sich, nichts vergeht oder besteht für immer.

Eine vollständige Analyse des Romans (auf Englisch), ist demnächst auf der Verlagsseite „edition vulcanus“ der Homepage zu finden.

Ein Beitrag von Sebastian Helm

Zur Einsamkeit verflucht: The Lady of Shalott

„I am half sick of shadows, said
The Lady of Shalott.“

Ein einsames Leben in ihrer Burg auf der Insel Shalott, welche im Fluss nach Camelot, dem Schloss des sagenumwobenen König Arthurs liegt. Auf ewig dazu verdammt die Bilder der Außenwelt in ihrem magischen Spiegel zu betrachten und das Gesehene in ein wildes Geflecht zu weben – dies ist das Schicksal der Lady of Shalott („Die Dame von Shalott“). Nur dann und wann hören die Menschen auf den Feldern ihren Gesang herüberwehen, meist in den blauen Stunden des Abends. Dann flüstern sie von der Fee, der verwunschenen Dame, welche auf der wild bewachsenen Insel fern von allem lebt. Keiner hat sie je gesehen, noch weiß man, wer sie ist. Ein Fluch hindert sie daran, ihr Heim zu verlassen – auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünscht. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Liebe wird ihr zum Verhängnis und führt sie in den Tod.

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Teuflische Tricks

Auf unserer mythischen, kulturellen und literarischen Spurensuche zum Trickster, die im Oktober 2018 begonnen hat, ist es an der Zeit einmal die „teuflische“ Seite jenes Wesens zu betrachten, das nicht so recht in die Ordnung der Welt passen will, diese jedoch mehr oder minder erfolgreich – in allen Fällen aber folgenreich – durcheinander zu wirbeln versteht. Was haben nun aber Satan, Beelzebub oder der Herr der Hölle mit dem Trickster zu schaffen? Der christliche Teufel, dieser gefallenen Engel und Widersacher Gottes, besitzt ja ohnehin einen eigenen und vor allem eigentümlichen Werdegang. Mithin scheint er sogar eine richtige Chimäre zu sein, wenn man ihn einmal über die theologische Deutung hinaus betrachtet …

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Über die Grenzen

Liebe Leserinnen und Leser,

wir freuen uns sehr, ankündigen zu dürfen, dass es die Essays des Mytho-Blogs nun auch in klassischer Buchform zu lesen gibt. Anlässlich des diesjährigen Wave-Gotik-Treffens in Leipzig haben wir fünf unserer Beiträge unter dem Titel „Über die Grenzen – Geschichten zwischen Oberwelt und Unterwelt“ publiziert. Weitere Texte sind in Arbeit.

Wenn Sie also nicht ausschließlich klicken und scrollen möchten, können sie sich über mythische Unterwelten, dem Wahnsinn verfallene Phantome, Geister, Glöckner, Kopflose Reiter und die Wilde Jagd ab sofort auch gemütlich auf dem Sofa informieren.

Denn Mythen kennen keine Grenzen.

Wir danken Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Treue!

Ihr Autorenteam vom Mytho-Blog

Dr. Constance Timm und Pia Stöger

Zukunft im Digital: Über Hoffnung und Angst in der Utopie

Zählen und Erzählen

Unsere erste Rechenmaschine ist die Hand. Mit Fingern, das heißt digital, haben wir immer gerechnet. Seit wir aufrecht gehen, haben wir Zeit und Raum zum Bezeichnen und damit zum Zählen. Bis heute gibt es Kulturen, die mit Fingern, Händen und Zehen rechnen. Im Mittelalter etwa bedeutete der geschlossene Kreis zwischen Daumen und Zeigefinger 100. Die Scheiben oder Kugeln am Abakus können als ausgelagerte Fingerknöchel gedeutet werden.

Der Mensch ist ein messendes Wesen, er zählt oft und viel, um sich Orientierung zu verschaffen, etwas zu überprüfen oder zu verkaufen und einzukaufen. Er macht Kerben oder knotet Zahlen, schreibt an und berechnet die Erscheinungen des Mondes (lat. mens, der Monat). Im Deutschen sind Zählen und Erzählen ganz nah beieinander. Zählen heißt ursprünglich, eine Kerbe machen, eine Delle, ein Tal einschneiden, eine Markierung also im Raum. (Daraus wird über den Umweg des böhmischen Namens Joachimsthal eines Tages sogar der Taler und daraus wiederum der Dollar.) Erzählen wiederum folgt dem Präfix er-, was auf eine größere Bewegung in einem Raum verweist (erkunden, erforschen, erraten), nicht einfach auf einen Schnitt. Auch hier kommt die Hand ins Spiel, die das Erzählen begleitet durch Gestik, ja, Gefühle erweckt bei den Hörern, weil sie anrührt oder auch die Welt ertastet, die Erinnerungen beschwört. Das englische Verb to tell gibt noch deutlicher die Identität von erzählen (to tell a story) und zählen (to tell the time) preis.

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Der Neunkräuterzauber, oder: Von der Magie der Medizin

Die Medizin der Vergangenheit mag uns heute fragwürdig vorkommen. Gerade wenn das ‚düstere Mittelalter‘ erwähnt wird, ein Zeitabschnitt, der immerhin fast eintausend Jahre einnimmt, fallen Begriffe wie Quacksalber und Aberglaube. Von Erkältungen, kleinsten Verletzungen seien die Menschen wie die Fliegen gestorben. Dass jedoch Ärzte an der großen Schule von Salerno im 12. Jahrhundert durch Bohrung erfolgreiche Operationen am offenen Gehirn durchführten, lässt so manchen innehalten. Dort florierte die fortschrittlichste Medizin, vor allem durch die Nähe zum arabischen Raum, welcher damals die hervorragendsten Ärzte hervorbrachte.

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Die Welt und das Wir oder: Impressionen über das Erzählen

„Alles, was die Menschheit getan, gedacht, erlangt hat oder gewesen ist: es liegt wie in zauberartiger Erhaltung in den Blättern der Bücher aufbewahrt“, schrieb der schottische Philosoph, Essayist und Historiker Thomas Carlyle (1795-1881) im Jahr 1841. Seit jeher sind es Geschichten, Erzählungen und Mythen gewesen, welche die drei elementarsten Fragen überhaupt gestellt oder zu beantworten versucht haben: Wer waren wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Fragen, die auf den ersten Blick einfach erscheinen. Trotzdem gibt es darauf bis heute keine Antworten, die rundum befriedigen könnten, sind diese Antworten doch sowohl vom fachlichen Hintergrund (sei es nun Biologie, Geschichte, Sprachwissenschaft, Theologie, Philosophie, Physik etc.) desjenigen abhängig, der sich mit ihnen auseinandersetzt als auch von den jeweiligen Eigenerfahrungen des Schreibers. D.h. die Sicht auf das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ wie es Johann Wolfgang Goethe so wunderbar im ersten Teil des Faust formulierte, das „Waren“, das „Sind“ und das „Wohin“ also, ob nun mündlich überliefert oder als Buch verfasst, vermittelt und hinterlassen, kann nie nur objektiv sein, sondern besitzt stets auch einen subjektiven Part.

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Hinter der Maske – Die vielen Gesichter des Phantoms der Oper

Die Pariser Oper in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Theater wird von einer schattenhaften Gestalt heimgesucht, welche das abergläubische Theatervolk „Das Phantom der Oper“ nennt. An diesem Punkt setzt das vermutlich erfolgreichste Musical aller Zeiten an.

Es erzählt die Geschichte der jungen Sängerin Christine Daaé, deren unsichtbarer Gesangslehrer, ihr „Engel der Muse“ (im Englischen Angel of Music), sich als das berühmt-berüchtigte Phantom der Oper entpuppt. Dieser ist jedoch weder unsichtbar noch körperlos, sondern ein geheimnisvoll maskierter Mann von musikalischem und technischem Genie. Und unsterblich in Christine Daaé verliebt. Als der junge Raoul, Vicomte de Chagny, ein Kindheitsfreund Christines, die Gönnerschaft für die Oper übernimmt, spitzt sich eine dramatische Dreiecksbeziehung zu, die nur tragisch enden kann. Ein bildgewaltiges Werk über Liebe, Hass und die Abgründe des Menschlichen.

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„Lesen ist denken mit fremden Gehirn“ – Jorge Luis Borges

Liebe Leser/-innen und Buchfreunde,

das Team vom Mytho-Blog bedankt sich ganz herzlich für Ihr Interesse  an unseren Themen und Beiträgen. Mythen sind ein so weites und tief verwurzeltes Gebiet, dass uns die Auswahl oft nicht leicht fällt. So vieles ist erzählenswert und verbirgt sich im Alltäglichen, ist vergessen oder wird viel zu selten wahrgenommen. Mythen sind wie kleine Reisen. Nicht nur zu uns selbst, sondern vor allem auch in die Literatur und damit in die Welt der Bücher.

In dieser Woche ist unser Team auf einer solchen Bücherreise. Daher muss der Blog aufgrund der Leipziger Buchmesse leider entfallen. Aber keine Bange. Ab nächsten Freitag sind wir wie gewohnt mit spannenden, skurilen, nachdenklichen und (hoffentlich) lehrreichen Themen zurück. 

Genießen Sie den mythischen Frühlingsbeginn. Vielleicht bei einem Buch.

„We’re all stories in the end.“

Ihr Team vom Mytho-Blog

Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame

Es ist ein farbenfrohes, grausames Bild, das der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) kreiert. Schauplatz ist das spätmittelalterliche Paris an der Schwelle zur Neuzeit, auf dessen Bühne er individuelle Schicksale, geschichtliche Hintergründe und Lebenskultur des 15. Jahrhunderts miteinander verbindet.

Seine Darstellungen der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit, der Gewalt gegenüber Andersgläubigen und Menschen mit körperlicher Behinderung instrumentalisiert Hugo als eine Kritik an rückständigen gesellschaftlichen Konventionen sowie Vorurteilen und drückt Verurteilung der Todesstrafe und der Folter aus. Durch die Charakterzüge und Handlungsweisen seiner Figuren führt er uns vor Augen, wie tief die Verbindung von körperlicher und innerer Schönheit als Ideal unser Denken bestimmt. Dieser Konflikt taucht immer wieder auf und wird als solcher vom wenig attraktiven Glöckner Quasimodo aus seiner Sicht geäußert: „Was nicht schön ist, hat kein Recht zu sein; / Schönheit liebt allein nur Schönheit, / Dem April zeigt Januar den Rücken.“ (S. 447)

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Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot

„Wer den Gong ertönen läßt,
dem erscheinet sie sofort!
Weiß wie Jade,
kalt wie Stahl:
das ist die schöne Turandot!“
(Turandot, Giacomo Puccini, Libretto)

Als der italienische Komponist Giacomo Puccini im Jahr 1920 zusammen mit dem Liberettisten Guiseppe Adami und dem Dramaturgen Renato Simoni über dem Stoff seiner sechs Jahre später uraufgeführten Oper „Turandot“ zu brüten begann, schrieb er Letzterem geradezu hoffnungsvoll: „machen wir ein Märchen, gefiltert durch unser modernes Gehirn!“ Das Märchen lag dem Kreativ-Trio zu dieser Zeit längst vor, u. a. in Form des Theaterstücks „Turandot“ von Friedrich Schiller (1802 uraufgeführt), welches auf einer Vorlage des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi aus dem Jahr 1762 beruhte. Darüber hinaus war dem Stoff bereits eine Reihe von Vertonungen vorausgegangen. Franz Seraph Destouches, Carl Maria von Weber, Antonia Bazzini sind nur einige der Namen, die sich der Geschichte annahmen. Daher war sich Puccini unsicher, auf welche Weise er den bereits bekannten Stoff zum Leben erwecken sollte. Am ehesten schien ihm dies über die Psychologie der Figuren möglich, mehr noch über die Gefühle. „Sie müssen das Letzte an Gefühl und Rührung herausholen … und sie können die rechten Verse finden!“, schreibt er an Adami. „[Der] Liebesausbruch muss wie ein leuchtender Meteorstein unter die rufende Volksmenge fallen, die mit gespannten Nerven … das Fluidum der Liebe begeistert aufnimmt.“

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Die Poesie des „Nevermore“ – Edgar Allan Poes dunkle Romantik

„Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
‚‘Tis some visitor,‘ I muttered, ‚tapping at my chamber door –
Only this, and nothing more.‘“

(Edgar Allan Poe, „The Raven“)

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Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: „Trickster“, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

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Es weihnachtet schwer 5.0: „Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren“

Frohe Weihnachten! Mit welchem Recht bist du froh? Aus welchem Grund bist du froh? Du bist doch ganz arm!“
Na komm”, versetzte der Neffe freudig. „Mit welchem Recht bist du trübsinnig? Aus welchem Grund bist du mürrisch? Du bist doch ganz reich!” (14)

Wir schreiben das viktorianische London. Arm und Reich leben durch einen tiefen Abgrund getrennt und doch dicht gedrängt in der, von den schwarzen Rauchwolken der Industrie überspannten Metropole. Allen täglichen Kämpfen und Sorgen zum Trotz liegt so etwas wie freudige Erwartung in der Luft. Denn es ist der 24. Dezember, der Tag vor dem Weihnachtsmorgen. Als Ebenezer Scrooge – alt, bitter und steinreich – die Zeit damit verbringt, seine ablehnende Haltung zum Weihnachtsfest kund zu tun und anderen die Freude gründlich zu verderben, hat er noch keine Ahnung, dass die vor ihm liegende Weihnachtsnacht alles verändern wird.

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Vom ersten Erzählen oder: Wie erobern Mythen die Welt?

Im Sommersemester 2018 hatte ich das Glück, im Anglistikseminar von Prof. Dr. Elmar Schenkel an der Universität Leipzig einem Vortrag zu lauschen, der die anwesenden Studenten ebenso wie einen promovierten Post-Studenten wie mich nicht nur auf Spurensuche zu den Ursprüngen der Mythen, sondern des menschlichen Erzählens überhaupt führen sollte. Unter dem Titel The Origins of the World’s Mythologies stellte der Journalist, Herausgeber und vergleichende Mythologe Christoph Sorger das gleichnamige, 2012 erschienene Buch des renommierten Indologen, Linguisten und Harvard-Professors E. J. Michael Witzel vor. Eine 688 Seiten starke, bisher leider nur auf Englisch verfügbare, Lektüre, die nicht nur erkärt, was ein Mythos ist und was diesen ausmacht, sondern sich gewissermaßen der Ur-Mythologie widmet, jener Frage, die schon Goethe in seinem Faust umtrieb, wenn er eben jenen sagen lässt: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Witzels ambitionierte und ebenso viel gelobte wie skeptisch resümierte Mythentheorie erklärt das ursprüngliche Beschreiben von Welt und Umwelt, d.h. die Entwicklung von Mythologien, aus der Evolution und Verbreitung von homo sapiens sapiens von seiner Urheimat Afrika aus in mehreren Wanderungswellen über die ganze Welt. Seit jeher liegt es in der Natur des Menschen, Geschichten zu erzählen. Geschichten über höhere Wesen. Geschichten über die Elemente. Geschichten über Himmel und Erde. Geschichten über „trickster deities“ (Trickster-Götter), die die göttliche Ordnung durcheinanderbringen, in dem sie die aufgestellten Regeln brechen, so wie etwa Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt. Und eben jene Geschichten sind es, die den Menschen bei seiner Verbreitung über die Kontinente (Witze verwendet den schönen Begriff „Out-of-Africa-movement“) hinweg begleitet und die sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen menschlicher Gemeinschaften gefestigt haben.

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Ein Trickster kommt selten allein

Die Leipziger Stadtbibliothek ist gut besucht am vor-halloweenlichen Montag. Anlässlich des 22. Leipziger Literarischen Herbstes macht sich die edition vulcanus daran, den mythologischen Schwerpunkt der allherbstlichen Lese- und Literaturwoche zu setzen. „Brücken bauen“ heißt das Motto 2018, welches, auch im Rahmen der Houston-Week (bezogen auf die 25-jährige Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Houston), kulturelle, literarische, gesellschaftliche, poetische, künstlerische, nachdenkliche, lakonische, zwie- und zweisprachige, historische und eben auch mythologische Verbindungen von Hier nach Dort und Dort nach Hier knüpfen soll.

Eine solche Brücke ist der Trickster, dem der neu erschienene Sammelband der edition vulcanus mit dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ gewidmet ist.

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Halloween 3.0: „Köpfe werden rollen“

Im dritten Teil unseres diesjährigen Specials im Zeichen des Schaurigen, das sich bislang mit reitenden Toten sowie Folklore, Geistern und Kürbissen beschäftigt hat, sind wir nun den Mythen um Sleepy Hollow und dem Reiter ohne Kopf auf der Spur. Den meisten ist die Geschichte wahrscheinlich durch den 1999 erschienenen Film von Tim Burton mit Johnny Depp und Christina Ricci (und natürlich ebenfalls legendär: Christopher Walken als kopflosen Reiter) bekannt. 2013 bekam der düstere, märchenhaft und gleichzeitig skurril anmutende Film, der Grusel und den einen oder anderen Lacher perfekt kombiniert, Konkurrenz durch eine gleichnamige Serie. Dieses Sleepy Hollow (u. a. mit Tom Mison und Nicole Beharie in den Hauptrollen) verlegt die Handlung – per Zeitreise – in die Gegenwart und verbindet dabei Mysterie- und Krimihandlung in mittlerweile 4 Staffeln.

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Halloween 1.0: „Die Toten reiten schnell“

 

Willkommen zum ersten Teil unseres Blogspecials im Zeichen des Schaurigen!

 

 

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
„Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?“ –
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.
(Str. 1)

Die erste Strophe der Ballade Lenore, verfasst vom deutschen Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794), fackelt nicht lange und führt den Leser sofort an den springenden Punkt heran, der die gesamte Handlung ins Rollen bringt: Willhelm, Lenores Verlobter, kämpft im Siebenjährigen Krieg und keiner weiß, welches Schicksal ihn ereilt hat. Eines Nachts jedoch wird die Hauptcharakterin von einer unheilvollen Ahnung heimgesucht und stellt den Leser bereits zu anfangs vor eine vollendete Tatsache; der Verlobte ist entweder untreu geworden und im fremden Land geblieben, oder er ist im Kampf gefallen. Es ist ein böses Erwachen, welches in seiner Abruptheit die Ballade eröffnet. Ein böses Erwachen in der Tat, ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte um Lenores unheilvolles Schicksal zieht.

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Frankenstein im Pfingstgeflüster

Mit unserem Beitrag zum Wave Gotik Treffen 2018 wollten wir die Thematik des Frankenstein und seiner Schöpfung einem breiten Publikum auf unterhaltsame Art und Weise näher bringen, was uns auch gelungen ist. Ein volles Haus und interessierte Zuhörer haben uns bestätigt, wie aktuell dieser Roman und seine Grundidee ist.

Umso mehr freute es uns, als mich Marcus Rietzsch, der Herausgeber des Pfingstgeflüster, auf Facebook kontaktierte und anfragte, ob wir nicht Lust hätten einen Vortragsbeitrag beizusteuern. Das Pfingstgeflüster, ein Bild-Text-Band, der jährlich im Zuge des Wave Gotik Treffens in der Edition Subkultur erscheint, hat es sich zur Aufgabe gemacht Impressionen des einzigartigen Musik- und Kulturfestivals festzuhalten und diese in hochwertigem Design zu verewigen. Es bietet Einblicke in Lesungen, musikalische Highlights, Kunstausstellungen und natürlich dem Herz des Leipziger Festivals – die Besucher. Für alle, die diesmal nicht dabei sein konnten, die ein literarisches, zusammenfassendes Erinnerungsstück mitnehmen oder sich Einblicke in Veranstaltungen holen wollen, zu denen sie es leider nicht geschafft haben.

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Der wahnsinnige Wissenschaftler und das Scheusal: Zweihundert Jahre „Frankenstein“

   Zwei Gestalten der populären Imagination werden dieses Jahr zweihundert: Frankenstein und sein Monster. Jeder kennt sie, weil jeder mindestens einen Film über sie gesehen hat, und Boris Karloff als Monster in der Verfilmung von 1931 ist geradezu eine Ikone geworden. Immer wieder variieren Drehbuchautor und Regisseure die Geschichte vom besessenen Wissenschaftler, der aus Leichenteilen einen Menschen zusammenbaut, ihn belebt – meist per Galvanismus – und dann vor seiner monströs geratenen Schöpfung Reißaus nimmt und damit eine Kette katastrophaler Ereignisse in Gang setzt. All diese Versionen gehen letztlich auf einen Roman zurück, der 1818 – zunächst anonym – in London erschien: „Frankenstein, oder Der moderne Prometheus“ von Mary Wollstonecraft Shelley. Seine Vielschichtigkeit erreichen sie allerdings selten oder vielleicht nie. Denn um puren Horror geht es darin nicht, auch wenn die Grundidee tatsächlich eine Gruselgeschichte war: Mitte Juni 1816 saßen die englischen Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, Shelleys damals 18jährige Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Mary und Byrons Leibarzt und Reisebegleiter John William Polidori in einer Villa am Genfer See, während es tagelang in Strömen regnete. Die Protagonisten der literarischen Romantik unterhielten sich über neueste naturwissenschaftliche Experimente, über die Möglichkeit, künstliches Leben zu schaffen, lasen einander Gespenstergeschichten vor, die aus dem Deutschen ins Französische übersetzt worden waren und beschlossen dann, selber welche zu erfinden. Bloß Mary wollte lange keine einfallen. Aber dann hatte sie einen Alptraum und ihre Geschichte – und in den folgenden beiden Jahren machte sie ihren ersten Roman daraus.

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