Es weihnachtet schwer 4.0: Das Neunerlei – Ein Weihnachtsbrauch

Ich bin im Vogtland geboren und aufgewachsen. Wer jetzt nicht weiß, wo das liegt (denn die meisten tun es nicht), es handelt sich dabei um die Region im Südwesten von Sachsen, die aber auch Gebiete von Bayern, Thüringen und Böhmen umfasst. Der Historiker Enno Bünz beschreibt sie folgendermaßen: „Unter den Kulturlandschaften Sachsens, … ist das Vogtland die kleinste, die freilich über ein ausgeprägtes, historisch gewachsenes Regionalbewusstsein verfügt.“ Das ist eine diplomatische Art auszudrücken, dass so manche aus dieser Gegend sofort jeden berichtigen, der sie als „Sachsen“ bezeichnet; sie seien keine Sachsen, sondern Vogtländer. Und die sind im allgemeinen als „kleines, zänkisches Bergvolk“ verschrien.

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Es weihnachtet schwer 3.0: Der Weihnachtsmann – Ein traditionsreicher und moderner Mythos


„Morgen kommt der Weihnachtsmann,
Kommt mit seinen Gaben.“

So viele Bräuche und Traditionen ranken sich um die Adventszeit und das Weihnachtsfest. Am 6. Dezember bringt der Nikolaus für gute Kinder mit blankgeputzen Schuhen kleine Gaben, und mancherorts hat er seinen grausigen Gegenpart Krampus im Schlepptau, um unartige Kinder das Fürchten zu lehren. Der Nikolaustag ist, in gewissem Sinne, die Vorhut für das eigentliche Weihnachtsfest.

Ein Symbol der Weihnachtszeit

Bei manchen kommt er durch den Schornstein und packt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum, bei anderen füllt er diese in Strümpfe, die am Kamin hängen. Und wieder in anderen Fällen kommt er am Heiligen Abend zu Besuch und bringt sie vor den Augen aller vorbei. Von Land zu Land, von Region zu Region, manchmal sogar von Familie zu Familie, variieren die Bräuche des weihnachtlichen Schenkens, doch meist gibt es nur einen, der dafür verantwortlich ist. Die Rede ist vom Weihnachtsmann, in unserer heutigen Zeit DER Weihnachtsfigur schlechthin. 

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Es weihnachtet schwer 2.0: Vom Nikolaus und seinen schaurigen Begleitern

Liebe Leserinnen und Leser des Mytho-Blogs,

haben Sie Schuhe geputzt oder Teller aufgestellt? Am 6. Dezember geht der Nikolaus wieder um, dieses Jahr sogar an einem Donnerstag. (Achtung, Achtung: Besondere Vorsicht ist an diesen Dezemberwochentagen geboten!) Man sagt ihm nach, dass er sauberes Fußwerk besonders schätzt. Außerdem ist er auf seinen adventlichen Streifzügen nicht allein unterwegs. Wer ihn begleitet und warum, diesen Fragen wollen wir im zweiten Teil unseres Weihnachtsspecials nachgehen.

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Es weihnachtet schwer 1.0: Advent, Advent…

Liebe Leserinnen und Leser des Mytho-Blogs,

wieder einmal ist es soweit: Das Jahr geht zu Ende. Der Winter hält (dem Klimawandel zum Trotz) allmählich Einzug. Die Tannenbäume werden geschlagen und die aus dem post-modernen Brauchtum nicht mehr wegzudenkenden Weihnachtsmärkte mit Glühwein, Gedrängel, Fressbuden, Kräppelchen, Riesenrad und den hier und da doch noch auffindbaren Kunsthandwerksbuden öffnen den Weihnachtshungrigen die Pforten.

Advent, Advent … Da es uns leider nur symbolisch möglich ist, für alle unsere Mitglieder, Freunde, Interessierten, Mythenliebhaber, Kultursüchtigen, Abonnenten, Leseratten und Neugierigen ein Lichtlein auf dem Adventskranz anzuzünden, soll unser Weihnachtsspecial alle über den Feiertagsstress bis ins neue Jahr begleiten. Von bösen Nikoläusen wird zu lesen sein. Von fleißigen Weihnachtsmännern. Festtagsbräuchen. Weihnachtsgeistern. Wilden Jägern. Und verstorbenen Päpsten. Natürlich wie immer gespickt mit allerlei Mythischem, Kulturhistorischem und natürlich mit Literatur! „Es weihnachtet schwer 1.0: Advent, Advent…“ weiterlesen

Heldentod und Zeitenwende: Mythologisch-literarische Anmerkungen zum Ende des Ersten Weltkriegs

Und dann war es endlich vorbei. Um 12 Uhr ertönte an allen Frontabschnitten, an denen noch gekämpft worden war, ein Trompetensignal, und die Waffen schwiegen. Man schrieb den 11. November 1918. Der Erste Weltkrieg war nach vier Jahren Dauer mit einem Waffenstillstand zu Ende gegangen, auch wenn es bis zum Abschluss von Friedensverträgen noch ein weiter Weg sein sollte. Ungefähr 65,8 Millionen Soldaten hatten in Belgien und Frankreich, in Ostpreußen, Galizien, Rußland, auf dem Balkan, in Norditalien, in Mesopotamien, Palästina und auf der Arabischen Halbinsel gekämpft, aber auch in deutschen Kolonien in Afrika und Ozeanien. Auf der einen Seite standen die Mächte der Entente, d. h. Frankeich, England und Russland, sowie Italien, Japan und weitere Verbündete, nicht zu vergessen Truppen aus den französischen und britischen Kolonien, aus Kanada, Australien und Neuseeland, und 1917 auch die USA. Ihnen gegenüber standen die so genannten Mittelmächte Deutschland und die multinationale Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, denen sich bald das Osmanische Reich anschloss, das außer der Türkei und Albanien den ganzen Nahen und Mittleren Osten umfasste, sowie Verbündete. Bilanz: rund zehn Millionen Gefallene und 15 bis 21 Millionen dauerhaft duch Verletzungen Geschädigte.

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Tierwesen: Über eine mythisch-cineastische Beziehung

Es ist wieder soweit! In den Kinos flimmern zum zweiten Mal die „Phantastischen Tierwesen“ der britischen Autorin und „Mutter von Harry Potter“, Joanne K. Rowling, über die Leinwand und begeistern große und kleine Zauberer und Hexen, sorry, Zuschauer, natürlich. Da gibt es den süßen Niffler, eine Art bepelztes Schnabeltier mit körpereigenem Kängurubeutel, in den er alle glitzernden und glänzenden Sachen stopft (vorzugsweise Münzen, Goldbarren und Schmuck), die er in seine Pfötchen bekommt. Ebenfalls mit von der Partie ist der Bowtruckle Pickett, der Ähnlichkeit mit einem grünen Miniatur-Baum-Insekt aufweist. Auf Bäumen lebt seine Art denn auch, bevorzugt in solchen, die sich für die Herstellung von Zauberstäben eignen. Von Bowtrucklen weiß man, dass sie aufgrund ihrer Größe gut Schlösser knacken können. Exemplare wie Pickett entwickeln zudem eine relativ große Anhänglichkeit für ihre Beschützer und reagieren entsprechend vergnatzt, wenn man sie für scheinbar unlautere Pläne einspannen will. So geschehen im ersten Teil der „Phantastischen Tierwesen“, als Pickett an den gierigen Kobold Gnarlak gegen wichtige Informationen verkauft werden soll. Natürlich nur zum Schein. Streit vorprogrammiert.

Weitere Tiere (in Auswahl), die die meiste Zeit über im Koffer des Zauberers Newt Scamander (seines Zeichens Autor eines Buches über magische Geschöpfe) leben, hören auf Namen wie Graphorn, Occamy, Knuddelmuff und Murtlap. Einer meiner persönlichen Lieblinge ist allerdings der Böse Sturzfalter, ein Tierwesen, das Reptil und Insekt in sich vereint. Passenderweise bewirkt sein Gift das Vergessen von unschönen, leider aber auch schönen Erinnerungen. Wenn man sich denn daran erinnert. Sturzfalter ernähren sich bevorzugt von menschlichen Gehirnen. Stolpert man also zufällig über seinen recht unscheinbar wirkenden Kokon, bitte nicht berühren, denn einmal geweckt und im Flug begriffen, kann der Böse Sturzfalter eine beachtliche Größe annehmen.

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„This is your universe, Frankenstein!“ – Theater mit Geschöpf und Schöpfer

Wir haben den Roman vorgestellt. Wir haben Mensch und Monster untersucht. Nun begeben wir uns anlässlich des Frankenstein-Jahres 2018 ins Londoner Royal National Theatre.

Theater mit Geschöpf und Schöpfer

Stille. Dunkelheit. Plötzlich zerreißen Blitz und Donnerschlag das angespannte Nichts.

Eine Apparatur mit einer Art Kokon, darin ein großer Fötus. Erneutes Wetterleuchten, erneuter Donner. Der Fötus bewegt sich. Ein Unwetter wütet. Der Blitz schlägt in die Apparatur des Grauens ein und bringt schließlich das Herz des übergroßen Ungeborenen zum Schlagen. Die Membran reißt. Der Vogel kämpft sich aus dem Ei, sprich, das Wesen ohne Namen sich auf die Welt. Der Zuschauer wird zum Zeugen einer Geburt. Es ist auch hier eine schmerzhafte Geburt, mit Blut, Schleim und Schrei. Da liegt es, das Neugeborene. Gleich einem Säugling schreit es, strampelt, erschrickt vor grellem Licht und lauten Geräuschen. Es windet sich, kriecht, kommt schließlich auf die Beine und läuft ungelenk umher. Frankensteins Kreatur. Der Wissenschaftler hatte in nächtelanger, geheimer Forschungsarbeit aus Leichenteilen einen neuen Körper zusammengesetzt und dann vorübergehend sein Labor verlassen. Als er nach einiger Zeit zurückkehrt und „seine“ zum Leben erwachte Kreatur vorfindet, erschrickt er bis ins Mark. Was er so lange ersehnte, nämlich tote Materie zum Leben erwecken zu können, ist ihm letztendlich gelungen. Doch welch grauenvollen Anblick bietet dieses Wesen! Voller Narben, Rotz und Schmutz, guttural lallend und stammelnd, denn noch hat ihm niemand das Sprechen gelehrt. Frankenstein flieht voller Abscheu, nicht ohne sein Werk zu verdammen: „What have I done?“

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Halloween 3.0: „Köpfe werden rollen“

Im dritten Teil unseres diesjährigen Specials im Zeichen des Schaurigen, das sich bislang mit reitenden Toten sowie Folklore, Geistern und Kürbissen beschäftigt hat, sind wir nun den Mythen um Sleepy Hollow und dem Reiter ohne Kopf auf der Spur. Den meisten ist die Geschichte wahrscheinlich durch den 1999 erschienenen Film von Tim Burton mit Johnny Depp und Christina Ricci (und natürlich ebenfalls legendär: Christopher Walker als kopflosen Reiter) bekannt. 2013 bekam der düstere, märchenhaft und gleichzeitig skurril anmutende Film, der Grusel und den einen oder anderen Lacher perfekt kombiniert, Konkurrenz durch eine gleichnamigen Serie. Dieses Sleepy Hollow (u. a. mit Tom Mison und Nicole Beharie in den Hauptrollen) verlegt die Handlung – per Zeitreise – in die Gegenwart und verbindet dabei Mysterie- und Krimihandlung in mittlerweile 4 Staffeln.

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Halloween 2.0: Von Geistern und Kürbissen

Oktober. Herbst. In Parks und Wäldern verfärben sich die Blätter der Bäume. Es ist die Zeit der Ernte. Des Drachensteigens. Der Spinnennetze. Des Schmuddelwetters. Der Umstellung der Uhren auf die Winterzeit. Wir sehen und spüren, dass die Tage kürzer werden. Wir ahnen, dass das Jahr zu Ende geht und wir (vielleicht auch darüber hinaus) anfangen, Bilanz zu ziehen: „Eine trübe, kaltfeuchte Wagenspur:/ Das ist die herbstliche Natur./ Sie hat geleuchtet, geduftet, und trug/Ihre Früchte. – Nun, ausgeglichen,/Hat sie vom Kämpfen und Wachsen genug. –/ Scheint’s nicht, als wäre alles Betrug/
Gewesen, was ihr entwichen?!“ (Joachim Ringelnatz, Herbst)

Der Herbst ist auch die Zeit der Feste und Gedenktage. Erntedank (in den USA und Kanada bekannt als Thanksgiving). Oktoberfest. Reformationstag. Allerheiligen. Buß- und Bettag. Martinstag. Totensonntag. Der Herbst ist Ausgleich (mit der Natur) und Besinnung (auf uns selbst und auf unsere Umwelt). Ein besonderes Fest, das in Deutschland seit einigen Jahren vor allem kommerziell beworben wird, sich trotz vieler regionaler Parallelen bislang aber nur schleppend verwurzelt hat, ist Halloween.

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Stonehenge – Eine mythische Reise in die Steinzeit

  Stonehenge. Geheimnisvoll. Mythisch. Sagenumwoben. Um   kaum einen anderen Ort ranken sich mehr Mysterien, als um die jungsteinzeitliche Kultstätte im Süden Englands. Der Steinkreis zieht nach wie vor Besucher aus der ganzen Welt an und gehört zu den touristischen Hauptattraktionen Großbritanniens.

Als ich mit Freunden im April dieses Jahres nach Bristol reiste, gehörte deshalb ein Besuch dieses Weltkulturerbes ganz selbstverständlich zu unserem Programm. Ich hatte Stonehenge bereits 1991 besucht und war damals recht desillusioniert über dessen in meinen Augen arg kommerzialisierte und inadäquate Darbietung; die nahegelegene, stark frequentierte Fernstraße tat ein Übriges dazu, die Aura dieses geschichtsträchtigen Ortes erheblich zu schmälern. Rotweißes Absperrband flatterte rund um die Anlage im Wind und bei jeder fotografischen Aufnahme musste man aufpassen, dass einem nicht versehentlich ein anderer Besucher durchs Bild lief. Umso erfreuter war ich, bei meinem jüngsten Besuch eine völlig neue, der Bedeutung dieses Kulturplatzes weitaus angemessenere Präsentation vorzufinden.

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Rabe und die ersten Menschen

Während Raben in Europa fast ausschließlich als Erkennungstiere von Göttern erscheinen, ist der Rabe in den Kulturen der Nordwestküsten-Indianer selbst eine Gottheit. Er ist sowohl Demiurg als auch Trickster, sowohl Held als auch Schurke, und dies häufig zur gleichen Zeit. In nahezu jeder Schöpfungsmythe der Region ist der Rabe entweder der tatsächliche Schöpfer der Welt oder spielt bei der Schöpfung eine große Rolle. In vielen Mythen erscheint der Rabe in mehreren Gestalten. Dies ist möglich durch die Personifizierung der Tiercharaktere in der Kultur. In der Mythologie der Nordwestküsten-Indianer können Tiere problemlos menschliche Gestalt annehmen und auch ein Leben wie Menschen führen – wobei der Rabe der größte Verwandler von ihnen ist, der in der Lage ist, sich in alles zu verwandeln, um zu bekommen, was er will.

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9 Monate Irland – Eine Exkursion in Folklore

  Der Begriff Folklore umfasst die populären Glaubensvorstellungen einer Kultur oder Minderheit, und ist somit ein vielschichtiges und breitgefächertes Phänomen der kulturellen Erinnerung und Identität. Es sind Glaubens- und Vorstellungsmuster, welche zwar in Verbindung mit der vorherrschenden Religion entstehen, jedoch weitestgehend außerhalb der etablierten religiösen Institution existieren. Von Traditionen und Bräuchen, über Volksmärchen, Sagen und Aberglaube, umfasst die Folklore einer Kultur alle Aspekte, die meist bereits seit langer Zeit von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden. Diese können in ihren Feinheiten je nach Land, Landstrich oder sogar Region unterscheiden und bieten für alle Außenstehenden, die diese kennenlernen und verstehen wollen, eine Herausforderung, die aufzunehmen sich lohnt. Will man die Kultur eines anderen Landes kennenlernen, ist die Folklore unumgänglich.

Als ich die Kurse für mein Auslandsstudium am University College Cork in Irland auswählte, stieß ich auf etwas, das ich so noch an keiner deutschen Uni in diesem Umfang gesehen hatte: Ein ganzes Institut, welches sich nur mit irischer Folklore beschäftigt. Wie die meisten Studenten, die ein Auslandsjahr planen, wollte ich vor allem Kurse belegen, die mich interessierten und etwas völlig Neues boten – und wann würde ich schon wieder die Gelegenheit haben, akademische Kurse in irischer Folklore zu belegen?

Allein die Tatsache, dass das University College Cork der irischen Folklore einen gesamten Studiengang widmet, zeigt wie verwurzelt diese im Bewusstsein der Iren ist. Dies ist, wie ich dann während meines Auslandsstudiums lernte, der einzigartigen Missionsgeschichte Irlands geschuldet. Um dieses komplexe aber nötige Thema zu umreißen, ist es wichtig zu wissen, dass das Christentum Irland ungefähr in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts erreichte und dort eine einzigartige Form des christlichen Glaubens herausbildete. Was als Celtic Church bekannt ist, beschreibt die Verschmelzung bestehender keltischer Bräuche und Traditionen mit den Glaubensvorstellungen des Christentums. So wurden keltische Götterwesen mitunter zu Heiligen umgedeutet, wie es zum Beispiel im Falle der Heiligen Brigid geschah, und heilige Orte des Keltentums zu Plätzen für den christlichen Gottesdienst umfunktioniert. In diesem Umfeld war es möglich, dass keltische Kultur in einem breiten Spektrum erhalten blieb und auch heute noch Irlands Kultur maßgeblich prägt. Dies ist in Europa ein einzigartiges Phänomen.

Ein großer Teil irischer Volkssagen und -geschichten dreht sich um Tír na nÓg – die Anderswelt, welche übernatürliche Wesen und die Geister der Verstorbenen beheimatet. Besonders berühmt sind die fairies, das Feenvolk, das in einer Art Paralleluniversum der Menschenwelt haust. Bevorzugt sind sie in einzeln stehenden, großen Bäumen zuhause, welche zu fällen man sich hüten sollte. Werden sie gekränkt, sind diese Wesen dafür bekannt, dass sie Krankheiten auslösen, Menschen in die Anderswelt entführen, die Milch verderben und die Butter stehlen. Im früheren Irland, in dem Viehwirtschaft, Milch- und besonders Butterproduktion als gesichertes, gutbezahltes Einkommen galt, wäre Vergeltung auf diese Art in der Tat eine Katastrophe gewesen. Eine christliche Ursprungstheorie bezeichnet das Feenvolk als die gefallenen Engel, welche zusammen mit Luzifer aus dem Paradies verbannt wurden. Um dorthin zurück zu gelangen, müssen sie jedoch sterblich, beziehungsweise menschlich werden, denn nur so wird ihnen das Versprechen auf Erlösung zuteil. Entführungen durch das Feenvolk seien also oft durch den Wunsch motiviert, sich menschliches Blut anzueignen.

In vielen Fällen stehlen sie menschliche Kinder, da diese als besonders unschuldig und frei von Sünde gelten, in der Hoffnung, durch sie ihre Menschlichkeit wiederzuerlangen. An ihrer statt lassen sie eines ihrer eigenen Kinder, sogenannte Wechselbälger, zurück, die sich in den Geschichten durch ungewöhnliches oder übernatürliches Verhalten verraten. Meist bemerken die menschlichen Mütter sehr schnell, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Nach einer Weile Rangelei mit dem untergeschobenen Kindersatz, kehren schließlich die verantwortlichen fairy Eltern zurück um ihr aufgeflogenes Wechselbalg vor den tobenden Menschenfrauen zu retten und im Tausch für dessen Wohlergehen, das Menschenkind zurückzugeben.

Diese Geschichten zeigen jedoch nur eine der Theorien und Interpretationen, nicht alle stellen die fairies als schlichtweg böse und den Menschen feindlich gesinnt dar. Oft gelten sie als schalkhaft, Spieler von Streichen und das beliebte Spiel Hurling, das sich auch bei den menschlichen Bewohnern Irlands großer Beliebtheit erfreut, ist das Spiel der fairies. Zieht ein starker Windstoß an einem vorbei, so heißt es, sei gerade eine Feengesellschaft im wilden Ritt an einem vorbei gezogen. Und noch heute heißt es bei den älteren Leuten, wenn jemand in Gedanken versunken ist oder vor sich hinträumt, he’s off and away with the fairies – er ist auf und davon bei den Feen.

In vielen Geschichten lebt das Feenvolk in ihrer Parallelwelt in einer Gesellschaft, welche unserer sehr ähnelt und kommen nur an den Tagen des Jahres mit der Menschenwelt in Berührung, an denen die Grenzen zwischen den Welten sich weitgehend auflösen. Dies tritt an den besonderen Festtagen des keltischen Kalenders auf; Feste, die den Wechsel der Jahreszeiten und deren Höhepunkte markieren.

Da in dieser Zeitrechnung der Tag mit dem Sonnenuntergang beginnt, startet das keltische Jahr ebenfalls mit dem Fest der beginnenden Dunkelheit Samhain, dem Ursprung des heute so beliebten Halloween am 31. November. Besonders an Samhain gelangen die nicht immer freundlich gesinnten Wesen der Anderswelt, die angeblich auch die Seelen der Toten beheimatet, in die Welt der Menschen. Deshalb verkleiden sich die Lebenden um von den Toten nicht als solche erkannt zu werden .

Der Beginn des lichten Jahres wird gebührend an Imbolc, oder auch das Fest der Heiligen Brigid genannt, am 1. und 2. Februar gefeiert. Um sich Fruchtbarkeit und Wohlstand zu sichern, werden Brigid’s crosses geflochten, Kreuzen und Triskelen nachempfundene Gebilde aus Schilf, die im Haus aufgehängt werden. Auch eine kleine Strohpuppe, der Heiligen als Kind nachempfunden, wird als Sinnbild derer gebastelt und von Haus zu Haus getragen, da sie an diesem Tag die Häuser der Menschen mit ihrem Segen besucht.

Darauf folgt Beltaine, der 1. Mai, an dem im keltischen Jahr der Sommer beginnt. Dieser Tag ist vor allem den Rindern gewidmet, die in vergangenen Zeiten großen Reichtum bedeuteten. Man zündet große Feuer an und springt über die Flammen und Kohlen, deren Rauch angeblich segnet und vor Unheil bewahrt.

Im August findet schließlich Lughnasadh statt, an dem die Menschen der Erde für die reiche Ernte danken, die sie einbringen werden bevor erneut die dunkle Jahreszeit beginnt. Der Name leitet sich von dem keltischen Gott Lugh ab, der mit vielen verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens in Verbindung gebracht wurde; um einige zu nennen, gilt er als Gott der Handwerke, des Hafers und der Sonne.

In den Kursen am University College Cork erzählten die Dozenten begeistert Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit, in der sie mit der Brigid-Puppe von Haus zu Haus zogen, oder den Besuch einer heiligen Quelle, welche die ein oder andere Großmutter aufsuchte um ihr Augenleiden zu lindern. Für viele, vor allem die älteren Generationen, sind der Feenglaube, die alten Feste, das Aufsuchen heiliger Quellen und Bäume noch sehr lebendig, und finden auch im alltäglichen Leben Anwendung. In einer der Vorlesungen wurde sogar ein Mann vorgestellt, der von Leuten als eine Art Medium zur Anderswelt gebucht werden konnte; wollte man ein Haus auf dem Land bauen, würde er beurteilen ob es ein sicherer Ort wäre oder ob an dieser Stelle eine viel frequentierte Reiseroute der fairies läge. Im zweiten Fall, würde er einem dazu raten, das Haus doch woanders zu bauen um Streit mit dem Feenvolk zu vermeiden. Und obwohl die internationalen Studenten skeptische und spöttische Blicke tauschten – er war auf seinem Gebiet tatsächlich sehr gefragt.

Die alten Traditionen werden von den jüngeren Iren und Irinnen nur teilweise aktiv gepflegt, meist bleibt es bei Halloween Partys und dem knüpfen von Brigid’s crosses. Schulen und Universitäten haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Folklore der irischen Kultur bewusst zu erhalten und diese den nachfolgenden Generationen näher zu bringen. In diesem Zuge erlebt auch die gälische Sprache ein Come-back in den Klassen- und Seminarräumen Irlands. Da der Nachhall der Celtic Church im heutigen Katholizismus der Iren noch sehr präsent ist, sind viele Aspekte des keltischen Erbes auf solche Art im täglichen Leben verankert, dass sie gar nicht als solche wahrgenommen, sondern als die gängige, religiöse Praxis gesehen werden. Die irische Folklore existiert somit im Zentrum der Gesellschaft und wird es, obwohl für den ein oder anderen ungesehen, noch lange sein.

 

Beitrag von Pia Stöger.