Zukunft im Digital: Über Hoffnung und Angst in der Utopie

Zählen und Erzählen

Unsere erste Rechenmaschine ist die Hand. Mit Fingern, das heißt digital, haben wir immer gerechnet. Seit wir aufrecht gehen, haben wir Zeit und Raum zum Bezeichnen und damit zum Zählen. Bis heute gibt es Kulturen, die mit Fingern, Händen und Zehen rechnen. Im Mittelalter etwa bedeutete der geschlossene Kreis zwischen Daumen und Zeigefinger 100. Die Scheiben oder Kugeln am Abakus können als ausgelagerte Fingerknöchel gedeutet werden.

Der Mensch ist ein messendes Wesen, er zählt oft und viel, um sich Orientierung zu verschaffen, etwas zu überprüfen oder zu verkaufen und einzukaufen. Er macht Kerben oder knotet Zahlen, schreibt an und berechnet die Erscheinungen des Mondes (lat. mens, der Monat). Im Deutschen sind Zählen und Erzählen ganz nah beieinander. Zählen heißt ursprünglich, eine Kerbe machen, eine Delle, ein Tal einschneiden, eine Markierung also im Raum. (Daraus wird über den Umweg des böhmischen Namens Joachimsthal eines Tages sogar der Taler und daraus wiederum der Dollar.) Erzählen wiederum folgt dem Präfix er-, was auf eine größere Bewegung in einem Raum verweist (erkunden, erforschen, erraten), nicht einfach auf einen Schnitt. Auch hier kommt die Hand ins Spiel, die das Erzählen begleitet durch Gestik, ja, Gefühle erweckt bei den Hörern, weil sie anrührt oder auch die Welt ertastet, die Erinnerungen beschwört. Das englische Verb to tell gibt noch deutlicher die Identität von erzählen (to tell a story) und zählen (to tell the time) preis.

Die Hand zählt, wenn sie in einem mechanischen, wiederholbaren Akt Markierungen nacheinander setzt; sie erzählt, wenn sie sich organisch bewegt, Bilder zaubert oder Gefühle malt. Dann ist sie nicht digital, d.h. sie zeigt nicht einfach mit Fingern oder zählt ab, sondern benutzt ihr ganzes Bewegungsspektrum. Zwei Funktionen der Hand, aus denen man den Gegensatz zwischen den beiden Kulturen, den Geistes- und Naturwissenschaften deuten kann, oder noch mehr: den Gegensatz zwischen analogen Bewegungen und digitalen Repräsentationen. Wenn ich zeige zum Zählen, hebe ich einen Teil hervor, der für das Ganze steht. Zum Beispiel zeige ich auf den Kopf des Bullen, den caput (lat.). Die Anzahl der Köpfe, die für den ganzen Bullen stehen, bilden mein Kapital. Ich verhalte mich also metonymisch, wenn ich den Teil das Ganze vertreten lasse. Wenn ich aber den Bullen mit meinen Händen in der Luft nachmale, seine Größe, Stärke und Form, dann bewege ich mich analog. Ich vergleiche, ich gehe nach Ähnlichkeit vor, wie jemand der metaphorisch redet.

Derzeit erleben wir den Siegeszug des Digitalen. Noch während ich dies schreibe, bediene ich mich der Technologie, die von diesen rechnenden Fingern hervorgebracht wurde; selbst wenn ich die Gestaltungskraft der Hände preise, die da schnitzen, kneten, simulieren, tanzen oder meine Nase kratzen.

Die Hand hat weitere Funktionen. Sie zeigt nach vorne, sie führt an, sie droht, sie warnt, sie fürchtet sich, sie ergibt sich. Wir sind mitten in Geschichten angekommen, in politischen wie gesellschaftlichen, familiären wie biographischen. Indem sie nach vorne zeigt, deutet sie auf die Zukunft. Um uns dorthin mitzunehmen, sei es als Gefolgsleute, sei es als gebannte Zuhörer, muss sie in den Erzählmodus fallen, uns etwas ausmalen, Schönes oder Bedrohliches, alles was uns bewegt. Dabei ist ihre eigene Geschichte, als die der zählenden und erzählenden Hand immer präsent.

Als das Alphabet erfunden wurde, war ein erster Schritt getan, das lautliche Zeichen durch ein visuelles zu ersetzen. Aus dem stimmlichen Ton wurde ein Buchstabe. Eine Abkehr von der Ähnlichkeit, die zuvor durch bildliche Darstellungen (Alpha war ein Stier, Beta ein Haus) noch gesucht wurde. Die ersten Herrscher über die Buchstaben waren Magier und Priester, Eingeweihte. Das engl. spell gibt auch hier Auskunft: als Verb heißt es buchstabieren, als Substantiv Zauberspruch. Die Kenntnis der neuen Technik verlieh Macht und schloss aus. Abstraktion ist Macht.

Der Prozess heißt Abstraktion: immer weniger steht für immer mehr. Dem vorsokratischen Pythagoras wurde diese Erkenntnis zugeschrieben: Alles ist Zahl. Das heißt, wenn ich die Welt wissenschaftlich erzählen will, muss ich das Werk der Zahlen kennen. Noch hatte jede Zahl ein symbolisches Kraftfeld: ungerade Zahlen waren gut, gerade Zahlen waren schlecht, die 6 und die 28 waren die ersten Vollkommenen Zahlen, die 3 stand für die Dreifaltigkeit, die 5 für die Wunden Jesu. Dann stürzte die Null ins System (übrigens noch vor den Indern von den Maya benutzt), aus lat. nulla figura, also „kein Zeichen.“ Das Nichts hatte nur noch einen Widerpart, die Eins. Leibniz studierte das chinesische Orakelbuch I Ging und stellte sich ein System vor, das alle Zahlen nur noch durch 1 und 0 repräsentiert, das binäre System. Abstraktion über Abstraktion, die Sinneswelt auf der Flucht, eine kopernikanische Wende in der Zahlenwelt. Unvorstellbar, wie für die meisten von uns der wahre Sonnenaufgang, der eben keiner ist. Jede Zukunftserzählung, zumal mit dem Aufkommen der Science Fiction, dem Einfluss der abstrahierenden und spezialisierenden Wissenschaften, musste mit sich diesem Sinnesentzug, dieser Misstrauenserklärung an unser leiblich-sinnliches Dasein und unsere Wahrnehmungsform auseinandersetzen.

Immer schon gab es Allianzen zwischen Buchstaben und Zahlen, so in der Kabbala oder im Koran, wenn Verse umgerechnet werden in Zahlen und Buchstaben Zahlenwerte haben. Das Erzählen und Zählen nähern sich dann an und erzeugen neue Wirklichkeiten. Der neuzeitliche Prozess aber besteht letztlich in der Ersetzung der Zeichenwelt durch Zahlen. Moleküle werden durch Zahlen und Formeln beschrieben, ebenso physikalische Gesetze oder sprachliche Vorgänge. Ich denke, ein großer Teil unserer Zukunftsentwürfe von der Antike bis heute steht unter dem Zeichen der Auseinandersetzung zwischen Zählen und Erzählen, zwischen digital und analog, zwischen Metonymie und Metapher, Repräsentation und Ähnlichkeit. Die Hand, die die Erinnerungen belebt, ist auch die Hand, die in die Zukunft zeigt, in ein Nirgendwo, das wir nur imaginieren können. Wir tun dies mit Hilfe der zählenden Finger

Zukunft: Utopie / Dystopie

Wann haben Menschen gelernt, über die Zukunft zu reden, und warum? Zukunft dürfte schon für die Jäger und Sammler eine Kategorie gewesen sein, denn sie mussten sich an die Zyklen der Natur halten. Und diese verlangen, dass man sich an das erinnert, was kommen wird – die Jagdsaison, der Herbst, der Winter. Zukunft ist also zunächst eine Erinnerung an die Vergangenheit. Das kann so lange gelingen, wie die Zyklen Regeln einhalten. Werden diese aber durch Naturkatastrophen durchbrochen, müssen Denkformen erfunden werden, die über das Bekannte hinausgehen. Es reicht nicht mehr die Ähnlichkeit, es muss gerechnet werden.

Doch das vorgeblich Unbekannte wird immer wieder durch Rückbezug auf Bekanntes vorgestellt. Die frühen Dichter wie die religiösen Anführer redeten von Paradiesen und Goldenen Zeitaltern, die sie in einer tiefen Vergangenheit lokalisierten. Und jeder Einzelne kann solchen Gedanken folgen, denn auch wir lebten in einem Paradies, das sich Mutterleib nannte. Dies ist wie die der großen Menschheitserinnerungen ebenfalls eine ‚verlorene Zeit’. Der französische Autor Marcel Proust spürte ihr nach, als er den Geschmack eines Gebäcks entdeckte, das ihn wie eine Zeitmaschine zurücktrug in die unermesslichen Welten seiner eigenen Kindheit.

Alles utopische Denken, das sich mit dem Nirgendwo beschäftigt, geht also auf solch Vergangenes zurück. U-topos bedeutet griechisch bekanntlich der Nicht-Ort, aber er ist vor allem eine Nicht-Zeit, ein Nicht-Mehr – ein Abschied von der Metapher, die uns Ähnliches unterschieben will.

Platon erschuf sich sein Atlantis als ideale Republik, es lag weit zurück in sagenhafter Zeit und sollte Phantasten und Theosophen im 19. Jahrhundert wieder zur Suche anregen. In der Neuzeit griff Thomas Morus solche Mythen wieder auf und veröffentlichte vor genau 500 Jahren seinen Manifest-Roman Utopia. Thomas Morus’ Werk fällt in die Renaissance, eine Zeit der Neubestimmung aller kulturellen Koordinaten. Man besann sich zurück auf die Antike, man schaute voraus und engagierte sich in Projekten für die Zukunft – die ideale Stadt, der ideale Staat, der ideale Mensch. Aus dem Nicht-Mehr der Vergangenheit wurde ein Extrakt für das Noch-Nicht gewonnen. Das Entstehen eines historischen Sinnes erzeugte zugleich dessen Fortschreibung in die Zukunft.

Programme wurden erstellt auf dem Reißbrett. Hier war das Rechnen und Geometrisieren gefordert. Ganze Ländereien mussten für die imaginäre Ausführung herhalten. Auffällig ist dabei, dass es sich immer um Inseln, also isolierte Räume und Zeiten, handelt, auch im übertragenen Sinn. Es kann die Insel eines Morus sein, die zunächst Halbinsel ist, aber dann von einem König vom Festland abgetrennt wird. Es kann der Mond sein, auf dem utopisch gelebt wird, etwa bei Cyrano de Bergerac (Der Mondstaat). Es kann auch eine mittelalterliche Parallelwelt wie bei William Morris (Nachrichten von Nirgendwo) oder bei Mark Twains Connecticut Yankee am Hofe König Arturs sein, der durch einen Schlag auf den Kopf in die alte Zeit zurückkatapultiert wird und dort für einen Regime Change sorgt, der das gesamte Mittelalter in die Luft sprengen sollte. Parallele Welten auch in der gespaltenen Zukunft eines H.G. Wells. In seinem Klassiker Die Zeitmaschine (1895) stoßen wir mit dem Zeitreisenden im Jahre 802 701 auf ein England, das in eine Unter- und eine Oberflächenwelt geteilt ist. Oben scheint es utopisch-schön zuzugehen, unten lauern die Bösen im Dunkeln, die Morlocks. Wells, der explizit die Zukunft entdeckte (Die Entdeckung der Zukunft, 1901), kann nicht umgangen werden, wenn man über moderne Dystopien und Utopien spricht. Er hat die Saat für beide gelegt. Auf der einen Seite hat er sich eine eugenisch perfekte Welt ausgedacht, auf der anderen war er erschrocken über die Zukunft, die auf uns zukommt. Seine Marsmenschen in Der Krieg der Welten sind ja evolutionäre Fortentwicklungen des Menschen, unsere Zukunft sozusagen. Und diese Zukunft greift die Gegenwart an, um sie auszusaugen. In Wells finden sich alle Motive, die dann bei Huxley und Orwell zu den bekannten Dystopien führen. Wobei Huxleys Schöne Neue Welt ja zugleich sehr schön-utopisch angelegt ist. Auch Huxley schwankte in seiner Beurteilung dieser chemisch gelenkten Utopie. Vielleicht wollen wir das ja so?

Wichtig ist in all diesen Werken, dass experimentiert werden kann, und das geht nur in laborartig isolierten Umwelten, in denen man die Analogie zur Realität aufheben kann. Der Einfluss der herrschenden Gegenwart muss minimiert sein. Aber Insel ist nicht gleich schöne Welt. Auffällig ist, dass die meisten Experimente in dieser Richtung seit dem 19. Jahrhundert schief gehen und Dystopien hervorbringen. Nicht zuletzt Charles Darwin hat hier nolens volens Vorlagen geschaffen. Die Beobachtung der Evolution gibt keinen Aufschluss über den Sinn des Ganzen und nicht einmal die Richtung lässt sich voraussagen. So kamen Ende des 19. Jahrhunderts auch Vorstellungen der Degeneration auf, die sich sogleich auf die Gesellschaft anwenden ließen. Der Journalist und Kulturkritiker Max Nordau landete in dieser Zeit mit seinem Buch Entartung einen europäischen Bestseller.

Ob es die Übernahme der Herrschaft durch Roboter und Maschinen ist oder die Katastrophen, die aus dem genetischen Eingriff in die Natur entstehen, sind – Prophezeiungen für die Zukunft werden immer finsterer. Der Einbruch des Mechanischen, der Herrschaft der Zahl und der Statistik erzeugt fortwährend Ungeheuer. Vieles ist zunächst schön gedacht, doch wenn man sie umsetzt in die Wirklichkeit einer erzählten Welt, die ja mögliche Verläufe simulieren will, erlebt man bald, wie schnell die angestrebte Utopie umkippt und alles vergiftet. Die Eugenik ist ein Beispiel für die Dominanz der Statistik über das Individuelle. Kollektive sind dem Einzelnen zahlenmäßig überlegen. Züchtungen folgen einem Kalkül.

H.G. Wells‘ Doktor Moreau (Die Insel des Dr. Moreau, 1896) hatte einst den hehren Wunsch, aus Tieren Menschen zu machen. Er bezog eine Insel im Pazifik und machte sich an die Arbeit. Mit Hilfe von Chirurgie, Hypnose und Chemie kam er ein Stückchen weit voran, doch eines Tages revoltierte die Natur der Jaguar-Frauen und Menschen-Affen. William Golding setzte eine Horde von Jungen nach einem Unfall auf einer Insel aus – es hätte ein schönes Jungen-Abenteuerland werden können, doch bald holt die Wirklichkeit die Knaben ein; sie werden böse wie die Erwachsenen, deren Welt sie eigentlich entkommen waren (Herr der Fliegen). Interessant ist, dass die wirkungsmächtigsten Utopien/Dystopien aus der angloamerikanischen Welt kommen, man denke nur an Namen von Aldous Huxley und George Orwell bis Margaret Atwood. (Warum das so ist, müsste einmal ergründet werden, es gilt ja auch für Fantasy und Kinderbuch und viele Klassiker der Weltliteratur.) 

Dennoch erleben wir auch heute noch Ansätze zu utopischen Bildwelten. Unsterblichkeit ist ein großes Thema geworden (auch dies mit Gruß aus tiefster Vergangenheit!) und man sucht sie durch Einfrieren, Genetik oder entsprechende Software zu erreichen. Digital lässt sich ohnehin einiges an Unsterblichkeit erreichen, wenn wir an Ray Kurzweils Phantasien denken. Doch es wird immer nur zu kurz gedacht, zu sehr im Korsett von Zahlen und Software.

Das Dilemma der Unsterblichkeit hat der Anti-Utopiker Jonathan Swift schon bedacht in Gullivers Reisen. Dort trifft der Schiffsdoktor Gulliver auf den Stamm der Unsterblichen – und ist entsetzt. Andere setzen auf ökologische oder feministische Utopien, die aber auch faschistoide, zumindest kollektivistische Züge annehmen können (Ernest Callenbachs Ökotopia, 1975, Charlotte Perkins Gilmans Herland, 1890). Züchtung und Eugenik, Anpassung und Kontrolle tauchen immer wieder in solchen positiv gemeinten Utopien auf.

Digitale Dystopie

Wieder andere sehen die Zukunft in einer kompletten digitalisierten Welt, etwa der Australier Greg Egan in Diaspora von 1997. Darin gibt es nur noch künstliche Intelligenzen und die Welt könnte somit gerechter und besser sein, vor allem rationaler. Auch dieser Traum dürfte sich sehr bald als Alptraum erweisen, denn der Mensch entkommt nicht seinen evolutionären Bedingungen, ohne sich selbst aufzugeben. Möglicherweise ist unser altes Reptiliengehirn besonders tätig, wenn wir an die Zukunft denken. Das Unbekannte bedeutet in erster Linie Gefahr und wir schalten auf Sicherheit und negative Gefühle. Wir stellen, auch literarisch, die Stacheln des Misstrauens auf. Von Daniel F. Galouyes Simulacron-3, das von Fassbinder als Welt am Draht verfilmt wurde, bis zum Film Matrix (1999) der Geschwister Wachowski wird das Eintauchen in digitale Welten als Entfremdung, Verlust von Selbstbestimmung und Fernsteuerung erlebt. Paranoia, wohin man schaut – Das Schweigen der Lämmer eingeschlossen. Die Entfesselung der Zahl im digitalen Weltreich ruft alte Ängste zurück, vor allem den des leiblichen Verlustes. Was passiert mit unserem Körper und unseren Sinnen, wenn alles nur noch eine Folge von Zahlen ist? Auch dies hat schon in den 1920er Jahren die Science Fiction vorausgesehen. Evgenij Zamjatins Wir (1920) kennt nur noch Zahlen statt Namen für die Akteure – und war ein wichtiges Vorbild für Orwells Dystopie 1984. Es sind ja nicht mehr die symbolisch-qualitativen Zahlen, die, wie oben erwähnt, spirituelle und politische Orientierung schaffen, sondern beliebige Folgen, so sinnlos und unberechenbar wie die Stellen nach dem Komma bei der Zahl π. Nicht ohne Grund tauchen in Matrix gnostische Motive auf – der Untergott, die Entleiblichung und Codierung, der Dualismus von Gut und Böse, die Täuschung. Allesamt beziehen sie sich auf Ängste, die aus der tiefsten Vorgeschichte unserer Gattung kommen, und sich in der technisch-digitalen Verkleidung neu aufstellen. Denn wo viele Wünsche wahr werden, werden alle sie begleitenden Schatten gleichfalls wieder mächtig. Hier gibt es kein Entrinnen. Es ist wohl auch die Herrschaft der zählenden Finger, die von der erzählenden Hand immer wieder in Frage gestellt werden muss: Wenn ihr euch, ihr Zahlengötter und Zahlenanbeter, als unsere Erzeuger darstellt, so müssen wir euch entgegnen: ohne unsere Erzählung wäret ihr nichts. Ist hier möglicherweise auch im Spiel, dass die virtuellen Welten, die auf Digitalisierung zurückgehen, von Menschen erfunden und verstärkt werden, die man als Nerds bezeichnet und die uns somit ihre beschränkte, hochspezialisierte Welt aufdrängen wollen? Wir brauchen sie selbstverständlich, wir kaufen ihnen vieles ab, aber etwas regt sich in unserem erzählenden Teil, dass nicht damit einverstanden ist. Wir fühlen uns eingemauert von hohen Wänden, und da ist etwas in uns, das Mauern nicht mag, wie Robert Frost es einmal in einem Gedicht gesagt hat: „Something there is that doesn‘t love a wall…”

Das Digitale will immer durch das Analoge, das Abstrakte durch das Berührend-Konkrete ergänzt werden. Eine Welt, die von Statistik und Zahl, von anonymen Zeichen und Formeln gesteuert wird, wollen und können wir uns nicht vorstellen. Sie scheint einem autistischen Gehirn entsprungen zu sein, das kontrafaktisch und sinnenfeindlich konstruiert ist. Dann nehmen wir Rache und wir finden sie in bösen Geschichten.

Für Utopien gibt es ja den schönen Ausdruck „Himmel auf Erden“. Doch dieser heruntergeholte Himmel hat auf Erden gar keinen Platz. Er ist zu groß und zu schön für uns unvollkommene Wesen. Wir können ihn nur künstlich erzeugen wie eine Matrix, in der alle zu ihrem Glücklichsein gezwungen werden. Es geht also sogleich um Zwang. Utopie ist eigentlich kein Ort, eben Kein-Ort, sondern ein äußerst flüchtiges Wesen, das nur deshalb lebt, weil es ständig auf der Flucht ist vor der Realität. Sobald es von der Realität eingeholt ist, verwelkt es und vergiftet dabei seine Umgebung. Manche Utopien werden nur ein paar Sekunden alt, andere hält man ein paar Stunden aus, manchmal geht es auch einige Jahre gut. Utopien bleiben nur dann Utopien, wenn sie nicht dauern. Nur Dystopien dauern.   

Kein Mensch ist immer und überall glücklich, sonst wäre er allenfalls ein Gott. Es widerspricht dem Glück, dass es permanent ist. Glück ist nur fühlbar im Kontrast: kein Licht ohne Schatten,  kein Dunkel ohne das Helle. Polarität ist unser wirklicher Dauerzustand, bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Und dennoch, es muss weiter fabuliert werden an dem was kommt und kommen soll, was erwünscht und gefürchtet wird. Das tun wir alle von Tag zu Tag, das tut die Menschheit in ihren utopisch angelegten Büchern. Selbst die Vergangenheit nimmt in der fälschenden Erinnerung utopische Züge an. Sprache und Phantasie bleiben unsere Werkzeuge, die Zukunft zu ergründen und trotz allem ein besseres Leben zu erfinden oder es zumindest zu reflektieren.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel

Der Neunkräuterzauber, oder: Von der Magie der Medizin

Die Medizin der Vergangenheit mag uns heute fragwürdig vorkommen. Gerade wenn das ‚düstere Mittelalter‘ erwähnt wird, ein Zeitabschnitt, der immerhin fast eintausend Jahre einnimmt, fallen Begriffe wie Quacksalber und Aberglaube. Von Erkältungen, kleinsten Verletzungen seien die Menschen wie die Fliegen gestorben. Dass jedoch Ärzte an der großen Schule von Salerno im 12. Jahrhundert durch Bohrung erfolgreiche Operationen am offenen Gehirn durchführten, lässt so manchen innehalten. Dort florierte die fortschrittlichste Medizin, vor allem durch die Nähe zum arabischen Raum, welcher damals die hervorragendsten Ärzte hervorbrachte.

Die universitären Lehren gelangten langsamer und oft weniger umfangreich in nördliche Gefilde, die eine ganz eigene Welt aus Wissen, Gebräuchen und Heilmitteln ausbildeten. Eine dieser einzigartigen Welten eröffnet sich im angelsächsischen medizinischen Sammelwerk „Lacnunga„, welches ungefähr ins späte 10. bis Mitte des 11. Jahrhunderts datiert werden kann. Sein altenglischer Name bedeutet in modernes Englisch übersetzt ‚remedies‚, was soviel wie Heilmittel oder Arzeneien bedeuten kann. Die Sammlung besteht jedoch nicht nur aus Rezepten – auch wenn diese zahlreich vertreten sind – sondern auch aus Gebeten, Ritualen und Zaubern.

Einer davon ist der Neunkräuterzauber (engl. Nine Herbs Charm), ein einzigartiges Zeugnis des Volksglaubens sowie der Volksheilkunde im „Lacnunga„. Dass für die Menschen des angelsächsischen Englands Heilung, Glaube und magische Kräfte untrennbar zusammen gehörten, wird hier auf faszinierende Art und Weise deutlich. Der Neunkräuterzauber stammt vermutlich aus der Zeit zwischen dem Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts, eine Zeit in der das Christentum längst vorherrschte, und weist doch dominierende Elemente nordisch-germanischer Mythologie auf. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass seine Wurzeln weit zurückliegen und in den vorchristlichen Religionen der Britischen Inseln sowie germanischen Glaubensvorstellungen liegen. Letztere waren bereits mit Menschen vom Kontinent ins Land gekommen.

Ein Meltingpot der Kulturen

Nachdem die Römer im 5. Jahrhundert Britannien verlassen hatten, um ihr zerfallendes Reich zu retten, herrschte Chaos und die verschiedenen Stämme der Insel begannen sogleich damit, sich zu bekriegen. Bis dato hatten die Briten seit Jahrhunderten unter römischer Kontrolle, römischer Politik, römischer Ökonomie gelebt und ein neues Machtgefüge musste ausgefochten werden, um der Gesellschaft Struktur zu geben.

Mitte des 5. Jahrhunderts erreichten germanische Stämme aus Norddeutschland und Jütland die britischen Inseln. Diese waren von dem einen odere anderen Stammesoberhaupt angeworben worden, um Unterstützung in den herrschenden Kämpfen zu bieten. Es schien den zugezogenen Kriegern jedoch in Großbritannien zu gefallen. Sie rebellierten gegen diejenigen, die sie angeheuert hatten, ließen sich nieder und so assimilierten die bestehenden und die germanischen Bräuche, Religionen und Traditionen. Das Resultat war eine vielschichtige Kultur.

Das Christentum war im 8. Jahrhundert als Religion vollständig etabliert. Es scheint beinahe ein Schalk des Schicksals gewesen zu sein, dass just zu dieser Zeit eine erneute Welle kriegerischer Einflüsse unaufhaltsam auf die Inseln zurollte. Den Beginn des Viking Conquest, den Einfall der Nordmänner oder auch Wikinger genannt, markiert die Plünderung des Klosters Lindisfarne an der nordöstlichen Küste. Weitere Plünderungsstreifzüge folgten, die mithilfe der fortschrittlichen Schiffe der Wikinger immer weiter im Landesinneren stattfanden. Die Eroberer begannen, das Land systematisch zu überrennen. Mit Erfolg.

Ein erneutes Aufleben der germanischen und nordischen Kultur fand statt und bahnte sich einen Weg in die Mitte der Gesellschaft. Dass auch hier über kurz oder lang eine Konvertierung stattfand, muss nicht extra ausgeführt werden. Aber, dass kulturell ein interessanter Hybrid aus keltischen, germanischen, nordischen und christlichen Elementen das Produkt war, sehr wohl. Dies spiegelt sich auch im Neunkräuterzauber wieder. Heilung konnte nicht allein von einer Person durch das Aufsagen eines Zauberspruches bewirkt werden, sondern musste mithilfe der Formeln erbeten werden. Man rief die Heilkräft von Pflanzen und der übrigen Geister der Natur an, natürlich als Schöpfungen des christlichen Gottes.

Die Magie der Pflanzen

Der altenglische Neunkräuterzauber besteht aus zwei Teilen. Zum einen dem Zauberspruch, welcher über die neun zu verwendenden, namensgebenden Kräuter gesprochen werden muss, um aus ihren Kräften zu schöpfen. Dabei konzentriert sich der Spruch vor allem auf ihre nützlichen Eigenschaften und die Krankheiten oder Leiden, die mit ihnen bekämpft werden sollen. In diesem ersten Teil finden sich auch Überlieferungen der germanischen Mythologie sowie christliche Elemente, beides als signifikante, spirituelle Unterstützung der zu benutzenden Kräuter. Der zweite Teil besteht aus dem Rezept einer Salbe und Anweisungen zur Anwendung des Zaubers. Er ist in Prosa verfasst, während Teil eins in angelsächsischer Dichtung, der metrical poetry, geschrieben ist. Diese Dichtform unterscheidet sich sehr von jener des modernen Englisch und orientiert sich mehr an den alten germanischen Sprachen, wie zum Beispiel dem Altnordischem. Die metrischen Muster basieren auf dem Prinzip des Stabreims mit einer variablen Anzahl von Silben, aber für gewöhnlich vier starken Betonungen in jeder Zeile. Die Zäsur, die Pause am Ende einer Zeile, hob die Wichtigkeit des Gesagten hervor.

Manchmal wird der erste Teil auch noch einmal in den Kräuterspruch und die einbezogene Geschichte unterteilt, da sie jedoch miteinander verwoben und nicht klar von einander getrennt werden können, kann durchaus von insgesamt zwei Teilen des Neunkräuterzaubers gesprochen werden. Die „Stimme“ des ersten, poetischen Teils, richtet den Zauberspruch direkt an die Pflanzen. Jede wird einzeln mit ‚þu‚ angesprochen, dem altenglischen Personalpronomen, welches dem häutigen ‚you‚ gleichkommt. Somit wird ihnen ein Charakter, eine Identität als mächtiges Wesen mit Eigenschaften und Persönlichkeit zugedacht.

Die neun Heilkräuter umfassen “Mucgwyrt”, Wegbrāde”, Stune”, Stiðe”, Āttorlaðe”, Mægðe”, Wergulu, Fille” und Finule. Die Forschung rund um das Lacnunga gibt zu bedenken, dass eine eindeutige Gleichsetzung mit einem termina der modernen englischen Sprache nur bedingt möglich ist. Auch in der deutschen Sprache bestehen für ein und dieselbe Pflanze oft zahlreiche Namen, was rückblickend eine eindeutige Identifikation erschwert. Die am weitesten verbreiteten Interpretationen der altenglischen Namen, deuten auf die Pflanzen Beifuß (“Mucgwyrt”), (Breit)Wegerich (“Wegbrāde”), (Brunnen)Kresse (“Stune”), Brennnessel (“Stiðe”), Heilziest (“Āttorlaðe”), Kamille (“Mægðe”), Wildapfel (“Wergulu”), Kerbel (“Fille”) und Fenchel (“Finule”) hin.

Pflanzendarstellungen im „Lacnunga“ Manuskript

Gegen alles ist ein Kraut gewachsen…

Kennt man sich ein wenig mit Pflanzenheilkunde aus, weiß man schon auf den ersten Blick, dass einige der ‚Kräuter‘ tatsächlich heilende, wirksame Eigenschaften besitzen. Dass die angelsächsischen Heilkundigen sie verwendeten, ist also kein Zufall. Auch ihnen waren der medizinische Wert bekannt. Zusätzlich zu ihren Heilkräften, die auch die moderne Medizin als solche erkennt, werden die Pflanzen mit der göttlichen und spirituellen Welt in Verbindung gebracht, wobei Figuren und Themen aus der Folklore und Volksreligion auftauchen.

Beifuß wurde als Schutz gegen böse Geister zur Sommer- und Wintersonnenwende, und vor allem in den Rauhnächten, zusammen mit anderen getrocknetenen Kräutern genutzt, um Häuser und Ställe zu beräuchern. Man ordnete ihn der Frau Holle zu, deren Ursprung auf alteuropäische Wurzeln zurückgeht. Beifuß wurde sowohl von Wehmüttern, Heilern als auch Schamanen benutzt. Für Letztere galt er als magisches, segnendes Mittel vor einer Reise in die Anderswelt, was ihm auch in dieser Dimension den Ruf eines vorzüglichen Schutzes auf Reisen einbrachte.

Der (Breit)Wegerich wirkt antiseptisch und bei Problemen in allen Bereichen des Verdauungstrakts. Berühmt für seine Widerstandsfähigkeit, die ihn an viel frequentierten Wegen und sogar in Pflasterritzen wachsen lässt, soll durch den Zauber diese Eigenschaft auf den Patienten übertragen werden.

“[…] nach Osten geöffnet, im Innern mächtig;
über dir knarrten Wagen ,über dir weinten Frauen,
über dir schrieen Bräute, über dir schnaubten Stiere.
Allen hast du widerstanden, und dich widersetzt;
ebenso widerstehe dem Gift und der Ansteckung […]”
(Z. 8-12)

Die Erwähnung der Himmelsrichtung Osten bezieht sich zum einen auf die Blütezeit des Wegerichs von ungefähr Juni bis Oktober, zum anderen auf die lebensspendenden Sonnenstrahlen, welche dem Kraut ihre Macht verleihen. Als nährende Quelle der Natur war die Sonne den vorchristlichen Religionen heilig.

Dass auch die (Brunnen)Kresse große gesundheitliche Vorzüge für uns hat, ist kein Geheimnis. Sie galt in jeder Hinsicht als belebend: appetitanregend, stoffwechselfördernd, harn- und wehentreibend und sogar als Aphrodisiakum. Womöglich wussten auch die Urheber des Zaubers dieser Macht nichts weiter hinzuzufügen, denn der Teil, welcher sich auf eben diese Pflanze bezieht, ist äußerst kurz.

Sobald im Frühjahr die ersten jungen Brennnesseln hervorkommen, wird in meiner Familie Brennesselspinat gekocht, frischer Brennnesseltee zubereitet oder die jungen Blätter in Wildkräutersalat verarbeitet. Die Brennnessel hat eine sehr lange Tradition als Heilpflanze, die sich bis heute ungebrochen erhalten hat. Reich an Mineralstoffen, Vitamin C, Eisen und Eiweiß, und dank ihrer unkomplizierten und anspruchslosen Art, wächst sie für gewöhnlich breitflächig. Brennnesseltee hat eine entwässernde und blutreinigende Wirkung und wird deshalb gern unterstützend bei Detoxkuren getrunken. Da man Krankheiten in früheren Zeiten oft im Blut angesiedelt sah, ist die Wertschätzung dieser Pflanze daher kaum überraschend.

Die Echte Betonie, auch Heilziest genannt, war schon in der Antike als Heilkraut bekannt. Sie wuchs in den Gärten Karls des Großen und war in jedem Klostergarten zu finden. Verwendet wurde sie bei Erkrankungen der Atemwege und des Magen-Darm-Traktes. Als Schutz gegen bösen Zauber trug man ihre Stiele mit roter Wolle am Handgelenk oder um den Hals.

Auch Kamille ist eines der Kräuter, welches sich mit seinen zuträglichen Eigenschaften in der Mitte der heutigen Gesellschaft eingefunden hat. Entzündungshemmend, krampflösend und antibakteriell wird sie zum Beispiel als Tee bei Magenschmerzen getrunken, findet sich aber auch in Kosmetika wieder.

Im Falle des Wildapfels ist nicht eindeutig, ob für den Zauber die Blüten oder die Frucht gemeint sind oder welche Heilkräfte er besitzen soll. Der Zauberspruch lautet wie folgt:

„Dies ist das Kraut, das wergulu heisst;
das entsandte der Seehund über dem Rücken der See
zur Hilfe gegen die Bosheit von einem anderen Gift.”
(Z. 27-29)

Die Anspielung auf die Reise über das Meer spielt womöglich darauf an, dass der Apfel auf den Britischen Inseln nicht heimisch ist, sondern durch Reisende mitgebracht wurde.

Göttliche Kraft und menschlicher Wille

Nachdem sich der Zauberspruch mit diesen sieben der neun Kräuter befasst hat, schiebt sich an dieser Stelle ein kurzer Erzählstrang ein:

“Diese 9 [Kräuter] haben Macht gegen neun Gifte.
Eine Schlange kam gekrochen, zerriss einen Menschen;
da nahm Wodan 9 Ruhmeszweige,
erschlug da die Natter, dass sie in 9 [Stücke] zerbarst.”
(Z. 30-33)

Es wird wird erwähnt, dass die neun Kräuter des Zaubers gegen neun bestimmte Gifte helfen. Der kurze Erzählungsstrang berichtet davon, wie diese Gifte entstanden. Wodan, einer der vielen Namen für den Göttervater Odin, erschlug mit neun Ruhmeszweigen eine Schlange, die Menschen tötete. Diese zersprang dabei in neun Teile, die von da an über das Land flogen und Krankheit brachten. Diese neun Teile der Schlange stellen die neun Gifte dar. Neben Zauber und bösen Geistern galt Gift als einer der Hauptgründe für Krankheiten bei den Angelsachsen und steht deshalb als Synonym für verschiedene Krankheitsursprünge und ihre Symptome.

Die Ruhmeszweige, welche erwähnt werden, sind geheime Runenzauber, die Odin einst meisterte und auf Zweige schrieb. Diese Geschichte ist Teil der altisländischen “Lieder-Edda” und taucht in der “Hávamál” auf, auch bekannt als “Sprüche des Hohen”. Gewidmet ist der Geschichte der magischen Runen dort das Lied “Rúnatal“. Es berichtet davon, wie Odin neun Tage und Nächte verletzt in den Zweigen des Weltenbaumes Yggdrasil hing, ein Selbstopfer, um die neun Runenzauber zu erlernen.

“Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst, […]
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde.
Hauptlieder neun lernt ich von dem weisen Sohn
Bölthorns, des Vaters Bestlas, […]”
(Vers 139-141)

Die Kräfte der Kräuter werden durch die Ursprungsgeschichte der Gifte und den Hinweis auf die Runenzauber, in spirituellen Kontext gesetzt – sie entspringen göttlicher Macht. Obwohl Wodan namentlich erwähnt wird, lässt die weitere Formulierung des Zaubers jedoch eine mehrdeutige Interpretation zu:

“Dort sprach der Apfel gegen das Gift, …
Kerbel und Fenchel, zwei sehr mächtige,
diese Kräuter schuf der weise Herr,
der Heilige im Himmel, als er hing;
setze und sandte [sie]…
den Armen und Reichen, allen zur Hilfe.”
(Z. 34-40)

Kerbel und Fenchel werden zusammen erwähnt. Ersterer weist eine vitalisierende und blutverdünnende Wirkung auf, während Fenchel in jeder Hinsicht beruhigend wirkt, sei es bei Lungen- oder Magenerkrankungen. Sogar gegen Schlangenbisse, so glaubte man, half er. Viel wichtiger ist jedoch, dass “der weise Herr”, der “ hing” und die magischen Gegenmittel hinaussandte, auch als der am Kreuz hängende Christus interpretiert werden kann. Der Zauber, welcher unübersehbar germanischen Ursprungs ist, wird somit umgedeutet und Wodan mit Gott/Christus gleichgesetzt.

Die angelsächsiche Christenheit interpretierte das Kreuz auch als Baum, wie es zum Beispiel im Gedicht “The Dream of the Rood” (Manuskript aus dem 10. Jahrhundert) dargestellt wird. Auch Christus hing und litt eine Anzahl von Stunden an diesem. Das Evangelium des Johannes macht keine Angaben zum Todeszeitpunkt Christi, doch nach Matthäus, Markus und Lukas starb Christus zur neunten Stunde. Dann ließ er sein Menschsein hinter sich, um schließlich zu Gott aufzusteigen. Odin hing ebenfalls in Selbstopferung an Yggdrasil und erhielt nach dessen Ende die mächtigen, magischen Kräfte. Es sind also durchaus Parallelen zwischen den beiden ersichtlich, die im Neunkräuterzauber verwendet werden, um sowohl die alten Geschichten der germanischen Mythologie als auch den christlichen Glauben zu vereinen.

Bis zu diesem Punkt des Zaubers haben seine Ausführungen die Kräfte der Kräuter aktiviert, nun zählt man die Namen der Gifte und der einhergehenden Krankheiten auf. Diese werden durch Farben und Geruch charakterisiert: Es gibt rotes, stinkendes, weißes und purpurnes Gift, aber auch gelbes, blaues, braunes und karminrotes. Die erwähnten Krankheiten sind Schlangenblattern, Wasserblattern, Dornblattern, Diestelblattern, Eisblattern und Giftblattern. Was genau die Gifte und Krankheiten betiteln, ist jedoch unklar, da es zahlreiche und uneindeutige Interpretationsmöglichkeiten gibt. Ohne Zweifel an dieser Stelle des Textes jedoch, “Christus stand über Krankheit jeder Art.” (Z. 58)

Der Zauberspruch und somit Teil eins des Neunkräuterzauber, endet mit den Worten, welche die ganze Bandbreite der Kräuterkräfte herauskehrt:

“Ich allein weiss ein rinnendes Wasser
da neun Nattern nahe bewachen;
mögen alle Kräuter nun von ihren Wurzeln aufspringen,
die Seen sich öffnen, all das Salzwasser,
wenn ich dieses Gift von dir blase.”
(Z. 59-63)

Zum Schluss

Auf das Ende des Zauberspruches folgt Teil zwei, das Rezept für eine Salbe. Dieses ist im Vergleich zum Spruch recht kurz. Es weist den Praktizierenden an, dass der Zauberspruch drei Mal über jedem Kraut gesungen werden soll, bevor man es vorbereitet. Die Pflanzen müssen zerstoßen und mit Seife vermischt werden. Dazu gibt man den Saft eines Apfels, über dem ebenfalls drei Mal der Zauberspruch gesungen wurde. Aus Wasser und Asche wird ein Brei gerührt, in dem man dann Fenchel kocht. Diese Mixtur muss zusammen mit der Salbe vor und nach jeder Anwendung erhitzt werden.

Will man die Salbe auftragen, so singt der Praktizierende zuerst den Zauberspruch in Mund, Ohren und über der Wunde des Patienten. Die Körperöffnungen und zu behandelnde Stellen galten für die Angelsachsen als Eintrittstselle von bösen Geistern, Zaubern und Giften. Deshalb mussten sie auf dem gleichen Wege wieder ‚ausgesungen‘ werden. Bezüglich einer Melodie oder Ähnlichem, gibt der Text keine Hinweise.

Gebete und Zaubersprüche zur Heilung stellten für die Angelsachsen keine Widersprüche dar. Man bediente sich sowohl der Gebete und Messen in der Kirche, um Gesundheit zu erbitten, als auch den Kräften der Natur, die man mit Sprüchen heraufbeschwor. Jede Krankheit war gefährlich und man zog alle Register, um das Leben zu beschützen. Nur mit Hilfe von Gott und allen guten Geistern, die ihren Willen dazugaben, konnten die schlechten Geister als Ursprung von Krankheiten vertrieben werden.

Die Neun war eine heilige Zahl der Germanen, wie ich bereits in früheren Beiträgen schon erwähnt habe. Und auf dieselbe Art, wie Odin die neun Runenzauber nutzte, ruft der Heiler mit dem “Neunkräuterzauber” die Kräfte von neun magischen Pflanzen an. Obwohl sie aus Mangel an moderner Technik keinen wissenschaftlichen Beweis für die natürlichen Wirkstoffe der Pflanzen erbringen konnten, verließen sich die Angelsachsen auf althergebrachtes Wissen. Für sie waren die heilenden Eigenschaften der Pflanzen eben reine Magie.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweise:

Chaney, William A. “Paganism to Christianity in Anglo-Saxon England” The Harvard Theological Review, vol. 53, no. 3, 1960, pp. 197-217. Jstor. Web. 14 Mai. 2019

Die Bibel. (nach der deutschen Übersetzung des Martin Luther). Altenburg: Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, 1956.

Getz, Faye Marie. Medicine in the English Middle Ages. Princeton, NJ: Princeton University Press, 1998.

Jolly, Karen Louise. Popular Religion in Late Saxon England. Elf Charms in Context. Chapel Hill and London: The University of North Carolina Press, 1996.

Pettit, Edward (Ed. Transl.) Anglo-Saxon Remedies, Charms, and Prayers from British Library Ms Harley 585. The Lacnunga. Volume 1: Introduction, Text, Translation, and Appendices. Lewiston, New York: Mellen, 2001.

Pollington, Stephen. Leechcraft. Hockwold-cum-Wilton: Anglo-Saxon-Books, 2003.

Hávamál“, abgerufen 14. Mai 2019

Der Neunkräuterzauber„, abgerufen 15. Mai 2019 (für größere Genauigkeit verglichen mit Pettits englischer Übersetzung)

Antike Gegenwarten – Warum sich ein Gespräch mit Steinen lohnt

Nachdem ich im März auf Erkundungstour nach Pergamon gereist bin, führte mich eine erneute Reise dieser Tage in die anderen weiten Welten der griechischen und römischen Antike. Oder, womit mir eine Mitreisende aus dem Herzen sprach, in das schönste Museum der Berliner Museumsinsel: Das Alte Museum. Hätte ich je eine Statistik über meine bisherigen Berlinbesuche führen müssen, die beiden Etagen von Karl Friedrich Schinkels klassizistischem Bau mit den imposanten Reiterstandbildern „Amazone zu Pferd“ (von Alfred Kiß) und „Löwenkämpfer“ (von Albert Wolff) – seit 1999 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes – würden es tatsächlich unangefochten auf Platz eins schaffen.

Zum einen gibt es im Alten Museum und seiner Antikensammlung viel Raum, sodass die Besucher nicht versucht sind, sich gegenseitig auf die Füße zu treten; zum anderen ist die Distanz zwischen Exponaten und Besuchern quasi auf Augenhöhe. Man ist mittendrin statt nur dabei. Und das fühlt sich für die Dauer des Besuches tatsächlich so an, als würde man durch die Zeugnisse einer Zeit wandeln, die für unser modern geprägtes Gehirn furchtbar weit entfernt erscheint, obwohl sie – begreift man Geschichte auf einem Zeitstrahl – dank Renaissance, Klassizismus etc. nicht so fern ist, wie es die Werke der ägyptischen oder mesopotamischen Kunst bisweilen sind, die mit ihrer Wuchtigkeit und der Dimension ihrer Anlagen und Darstellungen erschlagend bzw. befremdlich anmuten. Man denke da beispielsweise an die Reliefdarstellungen der assyrischen Könige, welche die Ausstellungsräume der Vorderasienabteilung des Pergamonmuseums zieren. Dagegen fühlt sich der Rundgang im Alten Museum so an, als sei man auf Besuch bei Altvertrautem, das man lange nicht gesehen hat, dem man sich aber irgendwie verbunden fühlt.

Die Sammlung besitzt für mich das erstaunliche Potenzial, den Betrachter mit einer Ruhe zu füllen, die inmitten von Trubel und Hektik der Museumsinsel (respektiv ganz Berlins) sehr wohltuend wirkt. Zudem gibt es, egal wie oft man die Plastiken, Ascheurnen, Keramiken, Münzen, Reliefs, Schmuckstücke und Porträts bereits gesehen hat, stets Neues zu entdecken. Dabei übermitteln die meist steinernen Objekte in ihrer Stummheit: Hab keine Berührungsängste. Eine Einladung, welche die Atmosphäre beim „antiken Date“ merklich lockert und man am Ende nur noch entscheiden muss, welche Form der Kommunikation man für sich wählt: den Audio-Guide, die übersichtlich angeordnete und äußerst wohltuende „Un-Flut“ von Lesetexten an Wänden und Ausstellungsobjekten oder aber keines von beiden. Im Alten Museum genügt es manchmal auch, sich einfach treiben zu lassen und Auge in Auge mit dem Stein, den Bildern und den Farben zu sprechen.

Anfänge

Man wird, wie sich das für einen guten Anfang gehört, in der Bronzezeit abgeholt, jener Epoche, die im ägäischen Raum die Kulturen der Kykladen (benannt nach der gleichnamigen Inselgruppe), der Minoer (angesiedelt auf Kreta) und der von Mykene (im Nordosten der Halbinsel Peleponnes) hervorgebracht hat und deren Einflüsse bis in den kleinasiatischen Raum ausstrahlten. Aufgrund der linearen Dekoration (u.a. auf Keramiken) nennt man diese Epoche auch die geometrische. Zeitlich wird sie zwischen 1000 v. Chr. und 700 v. Chr. eingeordnet. Sie ist verbunden mit der Übernahme der Alphabetschrift der Griechen von den Phöniziern, der Etablierung der griechischen Stadtstaaten sowie der epischen Dichtkunst des Homer, die von der legendären Stadt Troja und ihrem Untergang sowie von Göttern und Helden berichtet. Diese „früh-archaische“ Zeit nennen die Ausstellungstexte auch die „orientalisierende Periode“ Griechenlands, da sie von einem regen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen „Ost“ und „West“ gekennzeichnet ist, was sich u. a. in den Dekorationsformen der Vasen und Keramiken sowie der damit verwendeten Handwerkstechniken ausdrückt.

Ein Stockwerk höher sind die Anfänge gänzlich anders geprägt. Von den Etruskern (oder auch Etruriern) ist dort zu lesen, einem antiken Volk aus Mittelitalien, dessen Siedlungsräume sich vor allem auf die heutige Toskana, Latium und Umbrien erstreckte. Um Bologna etwa ist seit 1000 v. Chr. die sogenannte Vilanova-Kultur bekannt, die vor allem aufgrund ihrer Friedhofskultur hervorsticht. Zahlreiche Urnen tragen dem in den Ausstellungsräumen Rechnung. Denn die Etrurier waren dafür bekannt, ihre Toten zu verbrennen und die Asche in hohen oder auch kastenförmigen Urnen mit bemalten oder auch plastischen Verzierungen zu verwahren. Das Jenseits repräsentierte, ähnlich wie in den religiösen und mythischen Vorstellungen der Griechen, eine eigene Welt. Totengötter, Dämonen und Furien, u. a. mit Namen Vanth, Lasa oder Charun, prägen seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. die etrurische Vorstellungswelt. Hinzu kommt das Totengericht, das mehr und mehr mit Strafe und Pein Hand in Hand ging. Aus „Charon“, dem griechischen Fährmann, der Seelen der Toten begleitete, wurde „Charun“, ein düsterer Geselle mit einem furchteinflößendem Äußeren. Inwieweit darin spätere Vorstellungen vom Teufel mitschwingen, wie die Ausstellungstexte behaupten, sei dahingestellt und auch ein wenig mit Vorsicht zu genießen.

Als „Magna Graecia“ (lat. Großes Griechenland) werden jene Regionen in Südtialien (inkl. Siziliens) bezeichnet, mit denen ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. griechische Siedler gewissermaßen eine eigene Kolonie begründeten. Von hier aus haben die griechische Sprache und Kultur auch in den etrurischen Raum ausgestrahlt, was sich u. a. darin widerspiegelt, dass die Etrusker viele Mythen und mythische Aspekte von den Griechen übernahmen – Herakles und seine Heldentaten zum Beispiel, aber auch den Trojanischen Krieg, Amazonenkämpfe oder die Schlacht der griechischen Götter gegen die Giganten. All diese Motive sind auf Urnen und Vasen gebannt und für die Nachwelt auch heute noch zu bestaunen.

Götter

Kehren wir wieder ins untere Museumsgeschoss zurück. Auch dort spielen Religion und Mythos eine wichtige Rolle. Man erfährt, dass die Griechen ihre Götter zunächst vor allem in der Natur verehrten (auf Bergen und Felsen, in Höhlen, Bäumen und Quellen), ehe sie ihnen Tempel bzw. ganze Tempelbezirke widmeten, ihnen Statuen errichteten und Brandopfer (oder Opfer in speziellen Gruben) darbrachten. Indem man ihnen Plätze zuwies, den Götter also gewissermaßen eine Art Zuhause gab, webte man ein enges Band mit ihnen. Die Götter wurden präsent. Man konnte zu ihnen gehen. Man konnte sie um Gesundheit, eine gute Ernte, Glück in der Liebe, Kampfesmut in der Schlacht oder Kindersegen bitten (um nur eine kleine Auswahl zu nennen). Man konnte mit ihnen feiern. Man stiftete ihnen Gefäße, Statuen aus Marmor und Bronze und konnte sie auf diese Weise sogar berühren. Die Stätten ihrer Verehrung waren sakrosankt, besaßen häufig Votive von kolossalem Ausmaß (als Dank- oder Bittopfer) und erfreuten sich auch überregional großer Bekanntheit.

Das Heiligtum des Apollon von Delphi ist solch ein Beispiel. In der griechischen Mythologie steht Apollon u. a. für die Heilung, das Licht und die Weissagung. Als Heiligtum und berühmt-berüchtigtes Orakel mit seinem Adyton, dem Raum, in dem sich die Pythia einschloss, um den göttlichen Willen zu empfangen, genoss Delphi in der antiken Welt hohes Ansehen. Sogar zum Nabel der Welt wurde es durch einen Zeus-Mythos erklärt, und kein Kriegsherr hat es je gewagt, Hand an diese heilige Stätte zu legen. Vielleicht aus Furcht vor göttlichem Zorn. Vielleicht auch aus Furcht, von einer der Weissagungen negativ überrascht zu werden. Den göttlichen Willen verehrte man, man forderte ihn nicht heraus.

Ähnlich hielten es auch die Römer, deren Götterwelt griechische Wurzeln besitzt. So wurden die zwölf Hauptgötter des griechischen Pantheons den römischen Göttern gleichgesetzt und angepasst. „Interpretatio Romana“ (römische Übersetzung) nennt sich die Praxis, fremde Götter mit römischen Gottheiten zu verweben, zu erweitern und dabei der eigenen Religion einzuverleiben. So finden sich auch Spuren der keltischen, germanischen, ägyptischen, etruskischen und orientalischen Götterwelt bei den Römern wieder. Man kann fast sagen, Rom war ein Schmelztiegel der Religionen und die „Interpretatio Romana“ trug bis zur Ausbreitung des Christentums maßgeblich zum Religionsfrieden im Reich bei. Göttlich-römische „Eigengewächse“ findet man bei entsprechender Suche allerdings auch.

Janus ist so ein Beispiel, der Gott mit den zwei Gesichtern, den man – wenn auch nicht allzu offensichtlich – auf Reliefdarstellungen im Obergeschoss des Alten Museums findet. Auch das Forum Romanum war mit einem Janustempel ausgestattet. Kein unbedeutender Kult also, bedenkt man auch, dass Janus als der Gott der „Dualität“ schlechthin gilt. Er ist der Gott von Anfang (der Januar, der 1. Monat des Jahres ist nach ihm benannt) und Ende, Licht und Dunkelheit, Tod und Leben, Zukunft und Vergangenheit. Zudem ist er der Gott der Türen und Durchgänge, einer, der „dazwischen“ steht und deshalb auch eine Art Mittlerposition zwischen Menschen und Göttern einnimmt.

Eine mythische Amphora

Zurück im Untergeschoss des Alten Museums und auf meinem Rundgang bin ich zwischen Götterbildern und Münzen und Darstellungen von Grablöwen und natürlich auch dem Abbild der „Berliner Göttin“, einer Grabfigur der archaisch-griechischen Zeit in Gestalt einer jungen Frau, auf ein für mich besonders Ausstellungsstück gestoßen. Dabei handelt es sich um eine korinthische Keramikamphore aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Lange stand ich vor der entsprechenden Vitrine und führte quasi ein Zwiegespräch mit dem abgebildeten Figurentrio, eine Figur davon männlich, die andere weiblich und die dritte eine Kreatur, die man nur als wildschweinähnlich bezeichnen kann. Die Szene zeigt Andromeda und Perseus, während das Tierwesen Ketos veranschaulichen soll.

Amphora mit Ketos (links), Perseus und Andromeda (rechts)

Der dazugehörende Mythos lautet wie folgt: Ketos (oder Keto) ist der griechischen Mythologie nach die Tochter und von Gaia und Pontus, eines alten Meeresgottes, und, wie ihr Vater, eine Meeresgöttin. Sie gebiert eine Reihe monströser und dämonischer Kinder, darunter die Gorgonen, Echidna und den mehrköpfigen Drachen Ladon. All diese hat wenig mit einem wildschweinähnlichen Ungeheuer zu tun, wie es auf der Amphore zu sehen ist. Allerdings kann „ketos“ auch allgemein mit „Seeungeheuer“ wiedergegeben werden, was wiederum zum Mythos von Andromeda und Perseus passt. Andromeda war die Tochter der äthiopischen Königin Cassiopeia, die sehr eitel war und sich schöner als die Nereiden (Meeresnymphen) wähnte. Damit forderte sie den Zorn von Poseidon heraus, der Ketos nach Äthiophien schickte, um das Land zu verwüsten. Ein Seher beschwor Cassiopeia, ihre Tochter zu opfern, um Poseidon gnädig zu stimmen. Man band Andromeda an einen Felsen über der Küste, wo Perseus, einer der Heroen, sie fand und rettete (unter der Zusage der Eltern, dass sie seine Frau werden würde).

Eine Version des Mythos besagt, dass Perseus Ketos besiegt, indem er dem Ungeheuer mit Hilfe des Kopfs der Medusa versteinerte. In einer anderen Version tötet er Ketos mit Hilfe eines von Hermes verzauberten Schwertes. Auf der Amphorendarstellung könnte man den korbähnlichen Gegenstand um Perseus‘ Arm eventuell als Behälter für Medusas Kopf interpretieren oder als Aufbewahrung für eine unbekannte Waffe, mit der er Ketos besiegt.

Das Bild erweckt den Eindruck, als wolle er das Wildschwein, das eine etwas zu lange Zunge besitzt, mit einer Handvoll Kugeln oder Eiern bewerfen, während Andromeda die Hände in einem dunklen Muff vergräbt, der wohl den Felsen, der sie gefangen hält, symbolisieren soll. Dass es sich um eben diese Rettungsszene handelt, weiß man anhand der Inschriften, welche die Namen der Beteiligten nennen. Allerdings linksläufig – ähnlich wie die phönizische Schrift – und unter inkorrekter Verwendung der griechischen Buchstaben (u. a. wird bei „Ketos“ ΚΕΤΟΣ ein Epsilon anstelle eines Eta verwendet). Ob dies möglicherweise absichtlich geschah, bleibt offen. Da die Amphore von ihren Maßen her nicht sonderlich groß ist, dürften viele Besucher wohl an der mythischen Szene vorübergehen. Etwas, das mir ebenso ging, ehe ich sie bei meinem vergangenen Besuch nicht mehr ignorieren konnte. Dinge finden einen, wenn sie es möchten. Oder finden wir sie?

Amor und Psyche

Zu offensichtlich, um unentdeckt zu bleiben, ist die gut 1,30 m hohe Skulpturengruppe von Amor und Psyche aus weißem Marmor im Obergeschoss der Antikensammlung. Die Gruppe wird in das 2. Jahrhundert n. Chr. datiert. Doch die Forschung nimmt an, dass das Motiv auf späthellenistische Vorbilder des 1. vorchristlichen Jahrhunderts zurückgeht. Seine mythischen Ursprünge sind sogar noch älter, wobei es vor allem der Schriftsteller, Philosoph und Redner Apuleius von Madauros (ca. 123 -170 n. Chr.) gewesen ist, der die Geschichte von der Königstochter Psyche (Seele) und des Liebesgottes Amor in seinen „Metamorphosen“ ausführlich beschrieben hat.

Amor und Psyche (Altes Museum, Berlin)

Ähnlich wie bei Cassiopeia und den Nereiden spielen Eitelkeit und Rachsucht eine tragende Rolle in der Geschichte. Psyche ist von derart schöner Gestalt, dass sie den Neid von Venus erregt, die ihrem Sohn Amor befiehlt, er möge dafür Sorge tragen, dass Psyche sich in einen Mann von schlechter Gesinnung verliebe. Auf Geheiß ihres Vaters, der dazu das Orakel von Delphi befragt hat, soll sie denn auch (auf einem Berg) einen Dämon heiraten. Doch statt dem Gebot seiner Mutter zu folgen, entführt Amor die Holde, deren Schönheit er selbst erlegen ist, auf ein Schloss. Da er tagsüber immer verschwinden muss, um sein göttliches Werk zu tun, gestattet er Psyche, ihre Schwestern einzuladen. Allerdings darf niemand von ihnen herausfinden, wer er in Wahrheit ist. Natürlich komm es, wie es kommen muss: Psyche findet die Wahrheit heraus und der betrogene Amor flüchtet. Psyche, die mittlerweile ein Kind erwartet, wird von Venus aufgesucht und muss für diese eine Reihe gefährlicher Aufgaben lösen. Allerdings erliegt sie bei der letzten Aufgabe, bei der sie nicht der Versuchung nach ihren Geliebten nachgeben soll, dem Reiz und fällt in einen todesähnlichen Schlaf. Amor eilt ihr daraufhin zu Hilfe und vertreibt den Todesschlaf mit seinen Flügeln.

Am Ende gestattet es Jupiter, dass er Psyche ehelichen darf, worauf diese dank eines Bechers voller Ambrosia unsterblich wird. Die Tochter der beiden erhält den Namen Wollust (Voluptas), die das Christentum später zu einer der sieben Todsünden erklärt. Inwieweit Voluptas mit Volupia, der Göttin des Wohlbefindens in Verbindung steht, welcher schon der römische Gelehrte Plinius der Ältere in seiner „Naturalis historia“ einen alten Kult bescheinigt, ist bislang noch ungeklärt. Zumindest besitzt das Wohlbefinden in Verbindung mit Liebe und Seele eine weitaus positivere Assoziation.

Vor allem in Literatur und Kunst, aber auch in Musik und Erzählforschung sind Amor und Psyche durch die Jahrhunderte hinweg präsent geblieben. Im Alten Museum wirkt ihre Darstellung verzückend kindlich, zart und zugewandt, fast schon verspielt. Der Betrachter kann um sie herumgehen, sich in den Facetten des Steins aus der 360-Grad-Perspektive zuwenden und aus jedem Blickwinkel einen anderen Aspekt entdecken. Mal ist es das Lächeln. Mal ist es die Umarmung. Mal ist es der Blick.

Apropos Blick und Blickwinkel. Nicht weit von Amor und Psyche entfernt sieht sich der Besucher einem wahren Blickgewitter ausgesetzt. Es sind die Plastiken (oder besser gesagt die Köpfe und Büsten) der römischen Kaiser, ihrer Frauen und ihrer Geliebten, die mal grimmig dreinzuschauen scheinen, mal tadelnd und mal nachgiebig, mal offen und mal verkniffen, mal herausfordernd und mal durchdringend. Es ist der Raum, der mir am meisten einen Schauer über den Rücken jagt. Vielleicht liegt es daran, dass der Stein dort wie sonst an keinem anderen Raum im Alten Museum Berlin in seiner gesamten Fülle zum Leben erwacht. Aber statt vorüberzugehen, lohnt es sich auch hier, stehenzubleiben und ein Gespräch zu führen.

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Apuleius: Metamorphosen oder Der goldne Esel. Die Andere Bibliothek, Bd. 400: Berlin 2018.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums. Historia Media: Sofia 2018.

Martin Zimmermann: Die seltsamsten Orte der Antike. Gespensterhäuser, Hängende Gärten und die Enden der Welt. C.H.Beck: München 2018.


Die Walpurgisnacht

„Am Kreuzweg feiert der Böse sein Fest,
Mit Sang und Klang und Reigen:
Die Eule rafft sich vom heimlichen Nest
Und lädt viel luftige Gäste.
Die stürzen sich jach durch die Lüfte heran,
Geschmückt mit Distel und Drachenzahn,
Und grüßen den harrenden Meister.“

aus „Walpurgisnacht“ von Theodor Storm

Es ist tiefe Nacht. Lautlos wiegen sich die schemenhaften Gestalten von Bäumen und Büschen im Wind, matt beleuchtet vom Mondlicht. Doch plötzlich – ein Rauschen, die Luft erfüllt von Lachen, Schreien und wilden Gesängen. Auf Besen, Mistgabeln und Böcken kommen sie geflogen, um in der Nacht vor dem Tag der heiligen Walburga ihr ausschweifendes und gottloses Treiben abzuhalten: Hexen. Männer und Frauen, manche halbnackt, mit glänzenden Augen und vom Wind zerzausten Haaren. Zuerst sind es nur ein paar, doch rasch werden es immer mehr. Ein großes Feuer lodert auf der Lichtung des Berggipfels auf, Schatten tanzen im flackernden Licht der Flammen zu wilder Musik.

Und da ist er – der Herr der Finsternis, einen Moment als blasser, hagerer Mann, dann als großer, schwarzer Ziegenbock. Er sitzt auf einem Thron und seine Untertanen huldigen ihm auf abstoßende Weise. Ein Festmahl wird abgehalten, Salben aus dem Blut von Kindern und Kräutern hergestellt und schlechtes Wetter gekocht. Die Hexen stellen ihre Novizen vor, die in dieser Nacht ihre Seele im Pakt mit dem Teufel verkaufen, um im Gegensatz teuflische Mächte zu erhalten. Die Besiegelung und der Ausklang des Festes enden in einer Orgie.

„Hexensabbat auf dem Brocken“ (1650) von Michael Herr (1591-1661)

Es ist die allgemeine Vorstellung der Walpurgisnacht, vom 30. April auf den 1. Mai, in der sich Hexen zusammenrotten und wilde Feste abhalten. Aber sie gilt nicht nur als eine Zeit der Magie und Hexerei, sondern symbolisiert einen Übergang: Man kommt zusammen, verabschiedet sich von der kalten Jahreszeit, treibt mit Feuern den Winter aus und läutet die warmen, sonnigen Monate ein. Mancherorts ist es geradezu ein gesellschaftliches Spektakel. Auf dem Brocken, der auch Blocksberg genannt wird und als der Hexentreffpunkt schlechthin bekannt ist, treffen sich jedes Jahr tausende Menschen, feiern auf dem berühmten „Hexentanzplatz“ diese gewichtige Nacht und vermischen dabei den Glaube an Hexensabbat und Jahreszeitenwechsel. Doch was macht dieses Datum so besonders?

Ein heiliger Name

Die Namensgeberin der „Walpurgisnacht“ ist die heilige Walburga, eine angelsächsiche Benediktinerin, die um 710 in Devonshire (England) geboren wurde. Angeblich soll sie die Tochter des heiligen Richard von Wessex gewesen sein, was jedoch nicht belegt ist. Als sicher gilt jedoch, dass sie 735 vom heiligen Bonifatius zusammen mit anderen Nonnen als Missionarin nach Deutschland geholt wurde. Einige Legenden, wie die Speisung eines Kindes mit nur drei Kornähren und die Abwendung eines Angriffes durch wilde Hunde, existieren aus ihrer Zeit als Nonne. In Heidenheim wurde sie schließlich Äbtissin des Frauenklosters, wo sie bis zu ihrem Tod am 25. Februar 780 wirkte.

Walburgas offizieller Gedenktag in der katholischen Kirche ist ihr Todestag. Das weiter verbreitete Datum des 1. Mais bezieht sich auf ihre Heiligsprechung, welche 870 von Papst Hadrian II. durchgeführt wurde. Auch in England, ihrer Heimat, verehrt man sie an diesem Tag. Walburga gilt unter anderem als Patronin der Wöchnerinnen und Bauern. Sie wird zudem für das Gedeihen der Feldfrüchte, gegen Hungersnot und Missernten angerufen, aber nicht als Abwehrerin von böser Magie oder Dämonen.

Die neun Tage, welche der Walpurgisnacht vorangehen, wurden „Walpurgistage“ genannt. In diesem Zeitraum läutete man die Kirchenglocken als Abwehr gegen das Treiben des Bösen. Anstatt dieses als „Hexennacht“ oder „Teufelsnacht“ zu betiteln, erinnerte man an den Namen und den Tag der Heiligen, der ihm folgt. Namen können magische oder, wie in diesem Fall, heilige Macht besitzen. Mit der heiligen Walburga als Namensgeberin glaubte man wohl, Unheil und Zauber zu bannen. Dass der berühmte Hexenflug jedoch ausgerechnet in dieser Nacht stattfindet, ist dennoch kein Zufall.

Keltische Wurzeln

Das keltische Fest Beltaine, oder auch Beltane, mit welchem ich mich bereits in einem meiner früheren Beiträge kurz befasst habe, fällt auf den 1. Mai. Es liegt somit ungefähr auf halbem Wege zwischen Frühlingsanfang und der Sommersonnenwende. Da in der Zeitrechnung des keltischen Jahres der Anbruch des nächsten Tages stets mit dem Sonnenuntergang beginnt, findet es schon in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai statt.

Beltane markiert den Beginn des Sommers und ist vor allem in Irland, Schottland und der Isle of Man belegt. In der irischen Kultur ist es derart verwurzelt, dass das Wort Bealtaine im modernen Irisch den Monat Mai bezeichnet. An diesem Tag ist es den Menschen – sowie an den anderen hohen Feiertagen Imbolc, Lughnasadh und Samhain – möglich, die Bewohner der Feenhügel und -bäume zu sehen, da sich die Grenzen zwischen unserer und der Anderswelt weitgehend auflösen.

Das Fest galt dem größten Reichtum der Kelten, ihren Rindern, um die eine Zahl und Ritualen betrieben wurden. Man entzündete große Freudenfeuer, deren Flammen, Asche und Rauch als heilig und gesegnet galten. Die Menschen führten ihre Rinder zwischen den Feuern hindurch oder darum herum. Oft sprangen sie sogar mit ihnen über die Glut, um die schutzbringenden Kräfte des Feuers auf Mensch und Tier zu übertragen.

Feuer segnen die Menschen und Tiere

Auch ein Festmahl gehörte dazu und während man speiste, wurden einige ausgewählte Speisen und Getränke bereitgestellt. Diese bot man den umtreibenden Bewohnern der Anderswelt an, um sie milde zu stimmen und Unheil abzuwenden. Traditionsgemäß löschte man alle Herdfeuer und entzündete sie mit den Flammen der Freudenfeuer neu, damit ihr Segen auf das Heim überginge. Am Tag schmückte man Haus und Tier mit gelben Maiblumen und die Rinder wurden zum ersten Mal auf die Sommerweiden getrieben, was auch als Cétshamhain („first of summer“) bekannt ist.

Der Morgentau, den man vor Sonnenaufgang am 1. Mai auffing, galt als magisches Schönheitsmittel. Man breitete Tücher auf Wiesen und unter Bäumen aus, die den sogenannten „Maitau“ aufsaugten. Wusch man sich damit Gesicht und Körper, sollte er sogar weniger ansehnlichen Frauen zur Schönheit verhelfen bzw. Schönheit bis ins hohe Alter bewahren.

Die Tradition des Maibusches hat sich bis heute in den ländlichen Gegenden von Irland erhalten. Besonders in Leinster, den Midlands, dem westlichen Galway, südlichen Ulster und Donegal war diese verbreitet. Ein Dornenbusch wurde mit bunten Bändern, Blumen und manchmal den übriggebliebenen buntgefärbten Eierschalen vom Osterfest geschmückt. Die Schönheit des dekorierten Busches versprach Glück für den Haushalt oder die Gemeinschaft. In Städten wachte man darüber, dass keiner den Busch stahl und somit Unglück heraufbeschwor. Eine ähnliche Tradition des Maibaumes kennen wir auch hier in Deutschland.

Übermalt und re-interpretiert

Es ist kein Geheimnis, dass in der Geschichte des Christentums Feste und Traditionen vorchristlicher Religionen und Kulte umgedeutet und neu interpretiert wurden, um sie dem neuen religiösen Kontext anzupassen. Auch die Maifestlichkeiten erfuhren diese Behandlung. Betrachtete man die Geister der Anderswelt als Geschöpfe des Teufels, so wurden die Menschen, die sich zu ihren heiligen Festen versammelten, über die Zeit zu Hexen und Teufelsanbetern. Der Grundgedanke einer besonders magischen Zeit, sei er übler oder heiliger Natur, blieb jedoch erhalten.

Die christliche Vorstellung vom Bösen und vom Heiligen, mit denen die Walpurgisnacht und der 1. Mai derart geballt aufgeladen sind, reflektiert die Gewichtigkeit des Maifestes, das in Walburgas Heimat eine lange Geschichte aufweist und auch hierzulande noch praktiziert wird. In meiner Kindheit war es ein aufregendes Ereignis, bei dem das ganze Dorf zusammenkam und man die ganze Nacht (oder zumindest bis zum Herabbrennen des Feuers) wach bleiben konnte. So, wie man in Grüppchen zusammenstand, ein paar Gläser trank, die Kinder spielten und ums Feuer tanzten, hat dieses Fest wohl nie ganz seinen ursprünglichen Charakter eingebüßt.

Im Vogtland hieß es jedoch weder Beltaine noch Walpurgisnacht, sondern “Hexenfeuer”. Es war Brauch, eine mit Stroh gefüllte Puppe auf den Holzhaufen zu packen, der dann später angezündet wurde; ein symbolischer Akt, mit dem der Winter endgültig ausgetrieben werden sollte. Es scheint also in den großen Feuern der Walpurgisnacht mehr als nur eine Bedeutung mitzubrennen.

Faszination Hexenglaube

Das Verbrennen einer Hexenpuppe erinnert offensichtlich an die Hexenverbrennungen der Neuzeit. Dieses blutige Kapitel der Geschichte ist bis heute ebenso abstoßend wie faszinierend. Den Angeklagten wurde die Teilnahme an sogenannten „Hexensabbatten“ vorgeworfen, welch ähnlich abliefen, wie ich zu Beginn dieses Beitrags bereits beschrieben habe: ein opulentes, wildes Fest, bei dem Hexen ums Feuer tanzten, durch Teufelspakt und Teufelsbuhlschaft (besiegelnder Geschlechtsverkehr mit dem Teufel) ihre magischen Kräfte erhielten und diese einsetzten, um der Christenheit zu schaden.

„Die Alte Hexe“ (um 1500) von Albrecht Dürer (1471-1528 )

Sowohl Literatur als auch bildende Kunst und Musik haben eine besondere Vorliebe für das Thema Walpurgisnacht. Dabei kommen uralter Glaube an Magie und die Vorstellungen der neuzeitlichen Hexenverfolgung zusammen und ergeben oft ein fantastisches, ekstatisches Bild. Das Geheimnis der Zusammenkünfte, der Hauch des Verbotenen, welcher diese sexuell aufgeladene Festivitäten umgibt und die Hexe als von Konventionen losgelöste Frau, hat begeistert und inspiriert.

Wer kennt nicht die Szene der „Walpurgisnacht“ in Goethes „Faust I“, als Mephistopheles den Doktor zum wilden Hexentanz in den Harz entführt?

„Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muß sich dran gewohnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
Was sagst du, Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe
Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt“

(Faust I, Vs. 4046-4059)

Künstler wie Albrecht Dürer ( 1471-1528 ) oder Luis Ricardo Falero (1851-1896) bildeten Hexen und ihr Treiben der Walpurgisnacht ab, wobei sie sich auf gängige Vorstellungen des Hexenglaubens stützten.

„Walpurgisnacht. Der Aufbruch der Hexen“ (1878) von Luis Ricardo Falero (1851-1896)

Einen interessanten Fall liefert erneut Johann Wolfgang Goethe, dessen Ballade „Die erste Walpurgisnacht“ (1799) von Felix Mendelssohn Bartholdys als gleichnamige weltliche Kantate (1833) vertont wurde. Sie stellt ein ganz anderes Bild der Walpurgisnacht als im „Faust I“ vor und konzentriert sich auf die Konflikte des vorchristlichen Glaubens mit dem Christentum. Dabei beschreibt Goethe, wie diese erste Walpurgisnacht nichts mit einer wilden, dämonischen Orgie zu tun hat, sondern bietet eine erzählerische Erklärung für eine mögliche Entstehung dieses Volksglaubens.

Man trifft sich heimlich zum Freudenfeuer, man warnt vor der christlichen Überwachung. Um diese zu überlisten, lässt der führende Druide einen inszenierten Spuk auftreten, der die beobachtenden Christen in ihren Ideen von Ausschweifung und Teufeln bestärkt, damit sie sich fernhalten.

„Diese dumpfen Pfaffenchristen,
lasst uns keck sie überlisten!
Mit dem Teufel, den sie fabeln,
wollen wir sie selbst erschrecken.
Kommt! Kommt mit Zacken und mit Gabeln,
und mit Glut und Klapperstöcken
lärmen wir bei nächt’ger Weile
durch die engen Felsenstrecken!
Kauz und Eule,
Heul’ in unser Rundgeheule,
kommt! Kommt! Kommt!“

(Ein Wächter der Druiden und Chor der Wächter der Druide)

Die Ballade ist zugleich von ernster Thematik, aber auch sehr humoristisch angelegt. Sie entfernt sich von den so populären Vorstellungen der Walpurgisnacht, die Goethe selbst gepflegt hat, und wirft einen Blick zurück auf das Ursprüngliche: Menschen, die die Natur und den Jahreszeitenwechsel feierten.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis:

Albrecht Schöne. Götterzeichen, Liebeszauber, Satanskult – Neue Einblicke in alte Goethetexte. C.H. Beck: München 1982.

Heilige Walburga von Joachim Schäfer. Ökumenisches Heiligenlexikon. 30. April 2019 https://www.heiligenlexikon.de/BiographienW/Walburga.htm

Johann Wolfgang von Goethe. Faust. Reclam: Stuttgart 2000.

Kevin Danaher. The Year in Ireland. Mercier Dublin 1972.

„The Maybush“ National Museum of Ireland. Web. 02. Mai 2019 https://www.museum.ie/Country-Life/Folklife-Collections/Featured-Topics/May-Day/The-May-Bush

Thomas P. Becker. „Mythos Walpurgisnacht“ Anmerkungen aus historischer Sicht. In: Materialdienst. Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen 4/2007, S 142 – 148. Web. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. 30. April 2019 https://www.ezw-berlin.de/downloads/Materialdienst_04_2007.pdf

Die Welt und das Wir oder: Impressionen über das Erzählen

„Alles, was die Menschheit getan, gedacht, erlangt hat oder gewesen ist: es liegt wie in zauberartiger Erhaltung in den Blättern der Bücher aufbewahrt“, schrieb der schottische Philosoph, Essayist und Historiker Thomas Carlyle (1795-1881) im Jahr 1841. Seit jeher sind es Geschichten, Erzählungen und Mythen gewesen, welche die drei elementarsten Fragen überhaupt gestellt oder zu beantworten versucht haben: Wer waren wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Fragen, die auf den ersten Blick einfach erscheinen. Trotzdem gibt es darauf bis heute keine Antworten, die rundum befriedigen könnten, sind diese Antworten doch sowohl vom fachlichen Hintergrund (sei es nun Biologie, Geschichte, Sprachwissenschaft, Theologie, Philosophie, Physik etc.) desjenigen abhängig, der sich mit ihnen auseinandersetzt als auch von den jeweiligen Eigenerfahrungen des Schreibers. D.h. die Sicht auf das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ wie es Johann Wolfgang Goethe so wunderbar im ersten Teil des Faust formulierte, das „Waren“, das „Sind“ und das „Wohin“ also, ob nun mündlich überliefert oder als Buch verfasst, vermittelt und hinterlassen, kann nie nur objektiv sein, sondern besitzt stets auch einen subjektiven Part.

„Die Welt und das Wir oder: Impressionen über das Erzählen“ weiterlesen

Von Ende und Anfang: Mythische Gedanken zum Osterfest

Der Tod und die Auferstehung liegen nah beinander. Nachdem am Montag die Bilder der brennenden, nicht erst durch Victor Hugos Roman bekannten Kathedrale von Notre-Dame de Paris um die Welt gingen, deren steinernes Skelett – glaubt man den Berichten – beinahe nicht hätte gerettet werden können, wächst nun von Tag zu Tag die Hoffnung auf einen raschen Wiederaufbau. In fünf Jahren soll die Rekonstruktion abgeschlossen sein, geht es nach dem Willen der Offiziellen; Jahrzehnte wird es mindestens brauchen, dämpfen Experten die von Schock und Fassungslosigkeit überlagerte Euphorie. Wie lange die Erneuerung tatsächlich dauert, wird wieder einmal die Zeit zeigen. Es entbehrt allerdings nicht der Tragik, bedenkt man, dass das Unglück ausgerechnet vor Ostern, dem wichtigsten Fest der Christenheit, seinen Lauf genommen hat.

„Von Ende und Anfang: Mythische Gedanken zum Osterfest“ weiterlesen

Wale in der Mythologie der Nordwestküsten-Indianer

Wale spielen in der Kultur von Bewohnern meeresnaher Gebiete und Inseln eine große Rolle. Den Nordwestküsten-Indianern gilt der Wal als ein Wesen mit besonderen und übernatürlichen Kräften. Die südlichen Stämme – Nuu-chah-nulth, Makah, Quinault und Quileute – waren die Einzigen, die die großen Meeressäuger jagten, bevorzugt Buckel- und Grauwale. Andere Kulturen verwerteten lediglich gestrandete Tiere. Die Bedeutung des Wals war nicht nur ökonomisch begründet: Er lieferte auf einmal eine große Menge Nahrung und war auch im sozialen und religiösen Leben verankert. Als kommerzielle Walfänger die Grauwale in den 1920er Jahren fast ausrotteten, gaben die Indianer ihre traditionelle Waljagd auf. Seit 1994 stehen Nordpazifik-Grauwale nicht mehr auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Seitdem versuchen die Nuu-chah-nulth und Makah, ihre Walfangtradition wiederzubeleben.

„Wale in der Mythologie der Nordwestküsten-Indianer“ weiterlesen

Hinter der Maske – Die vielen Gesichter des Phantoms der Oper

Die Pariser Oper in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Theater wird von einer schattenhaften Gestalt heimgesucht, welche das abergläubische Theatervolk „Das Phantom der Oper“ nennt. An diesem Punkt setzt das vermutlich erfolgreichste Musical aller Zeiten an.

Es erzählt die Geschichte der jungen Sängerin Christine Daaé, deren unsichtbarer Gesangslehrer, ihr „Engel der Muse“ (im Englischen Angel of Music), sich als das berühmt-berüchtigte Phantom der Oper entpuppt. Dieser ist jedoch weder unsichtbar noch körperlos, sondern ein geheimnisvoll maskierter Mann von musikalischem und technischem Genie. Und unsterblich in Christine Daaé verliebt. Als der junge Raoul, Vicomte de Chagny, ein Kindheitsfreund Christines, die Gönnerschaft für die Oper übernimmt, spitzt sich eine dramatische Dreiecksbeziehung zu, die nur tragisch enden kann. Ein bildgewaltiges Werk über Liebe, Hass und die Abgründe des Menschlichen.

Eine fantastische Mysterie-Erzählung

Die Romanvorlage stammt aus der Feder des französischen Journalisten und Autors Gaston Leroux, welcher vor allem durch seine Detektiv-Geschichten wie „Das Geheimnis des gelben Zimmers” (1907) oder “Das Parfum der Dame in Schwarz” (1908), Berühmtheit erlangte. Sein Schreibtalent für mysteriöse Erzählungen wurde auch in „Le fantôme de l’opéra“ deutlich. Der Roman erschien vom 23. September 1909 bis zum 08. Januar 1910 in Fortsetzung in der Zeitschrift Le Gaulois. Letzteres mag eine Erklärung dafür sein, weshalb Leroux regelmäßig tief in Be- und Umschreibungen eintaucht. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es üblich, dass Autoren solcher Zeitschriftengeschichten nach Wortzahl entlohnt wurden. Es war ihnen – möglicherweise also auch Leroux – daran gelegen, Geschehnisse und Szenen so detailiert wie möglich auszuformulieren.

Bereits im März 1910 erschien der Roman als gebundenes Werk, herausgegeben von Pierre Lafitte. Die erste deutsche Version erschien im Albert Langen Verlag im Jahre 1912. Die Schnelligkeit dieser Veröffentlichung zeigt, wie beliebt die Geschichte schon damals war. Tatsächlich erhielt der Roman sowohl von Kritikerseite als auch von der Öffentlichkeit positives Feedback, auch wenn der Ruhm nicht an andere Werke des Autors heranreichte.

Originalcover der gebundenen Ausgabe

Durch seine Erzählart entsteht ein gewisser Realitätsanspruch. Der Ich-Erzähler, ein Journalist, stellt den Roman als detektivische Investigation auf den Spuren des Phantoms dar. Der Prolog beteuert die Realität des Phantoms und berichtet von intensiven Recherchearbeiten des Erzählers. Im Laufe des Romans bedient er sich einer Reihe von Aussagen, Memoiren und Schriftstücken, die von handelnden, fiktiven Personen stammen. Auch die Zeit der Handlung in den 1880er Jahren, gut zehn Jahre nachdem die Opéra Garnier, der Schauplatz und Handlungsort, fertiggestellt wurde, trägt weiter dazu bei, dass die Erzählung wie eine tatsächliche Begebenheit erscheint.

Der Wirklichkeit entspricht die Tatsache, dass das Gebäude auf einem tiefen, labyrinthartigen Unterbau errichtet war, von dem ein großer Teil geflutet und damit zum geheimen See des Phantoms wurde. Mysteriöse Geräusche aus diesem Abgrund während Aufführungen, der Fund eines menschlichen Skeletts bei Bauarbeiten und der ungeklärte Unfall des herabstürzenden Kronleuchters mit einem Todesfall, führte zu der Entstehung des Phantom-Mythos, den Leroux verarbeitete und weiterentwickelte.

Obwohl der Roman, wie bereits erwähnt, über die Jahre weitgehend in Vergessenheit geraten war, gelangte eine Secondhand Ausgabe in die Hände Andrew Lloyd Webbers – und eine Idee wurde geboren.

Vom Buch zum Film

Zu allererst muss festgehalten werden, dass es gravierende Unterschiede zwischen dem Handlungsverlauf des Romans, der Musicalversion und der filmischen Adaption von 2004 mit Gerard Butler, Emmy Rossum und Patrick Wilson in den Hauptrollen – einer Verfilumg des Musicals, nicht des Buches wohlgemerkt – gibt. Handlungsstränge wurden abgewandelt, Charaktere ausgelassen oder Geschehnisse an einem anderen Zeitpunkt eingebracht. Bei den Inszenierungen erhalten wir durch die visuellen Mittel weit mehr Einsicht in verschiedene Charaktere (das Phantom eingeschlossen), als im Roman. Dort begleiten wir als Leser besonders den jungen Raoul, Vicomte de Chagny, der versucht, das schreckliche Geheimnis zu lüften, dass Christine Daaé angstvoll hütet.

Wie bereits erwähnt, konzentrieren sich Musical und Musical-Verfilmung vor allem auf das Beziehungsdreieck des Phantoms, des Vicomtes de Chagny und Christine Daaés und machen eine Liebesgeschichte daraus. Für beide Männer hat sie unleugbar Gefühle und ist zwischen ihnen hin- und hergerissen. Der blonde Raoul symbolisiert dabei schon rein optisch mit seiner heiteren Art das sonnige, sorglose, aber gebundene Leben, das Christine weit weg von der Oper als Frau eines Vicomtes führen könnte. Das mysteriöse Phantom stellt hingegen durch seine Aufmachung mit Maske und Umhang den sinnlichen Nervenkitzel einer leidenschaftlichen Liebe außerhalb der gesellschaftlichen Norm dar.

Auf der einen Seite also der Wunsch nach Liebe inmitten der Gesellschaft, auf der anderen die unwiderstehliche Anziehungskraft des Geheimnsivollen. Christine lebt bereits als mittellose „Ballettratte“, wie Leroux die Tänzerinnen der Oper nennt, und begäbe sich in jedem Fall in eine neue Abhängigkeit: das einer adligen Ehe oder dazu, verdammt im Schatten, ein Leben abseits jeder Gesellschaft zu verbringen. Manchem mag der Charakter des Raoul im Gegensatz zum charismatischen Phantom eher fad vorkommen (so wie mir zuerst), aber denkt man länger darüber nach, erkennt man, in welcher Misere die junge Frau tatsächlich steckt.

Hinter der Maske – Der Zauber von Oper und Theater

Das Musical und der Film übernahmen den Zauber des Theaters, der Oper, die für ihre Besucher immer wieder Wunder erschaffen. Der Film selbst kreiiert eine Traumwelt, in der Logik, gesellschaftliche Regeln und dann und wann auch die Regeln der Physik außer Kraft gesetzt sind. Ein Management lässt sich jeden Monat von einem sich selbst als „Operngeist“ bezeichnenden Fremden um tausende Francs erpressen und duldet gleichzeitig eine jähnzornige Diva, die, sobald etwas nicht nach ihrem Kopf geht, alle fünf Sekunden mit Sack und Pack zu kündigen gedenkt. Hier kann der Vicomte eine mittellose Sängerin heiraten, ohne dass jemand daran Anstoß nimmt. Und Leuchter tauchen samt brennenden Kerzen aus einem unterirdischen See auf. Diese Dinge fallen einem auf, man begreift, dass dies nicht der Wirklichkeit entspricht, aber es stört nicht. Man nimmt sie hin, denn es geht um die wunderbare Musik, die Atmosphäre, die Liebesgeschichte.

„Der Tanzunterricht“ (um 1874) von Edgar Degas – Hinter den Kulissen war die Oper eine Welt für sich.

Die Maske, die das Symbol des Theaters (und nebenbei das Erkennungsmerkmal des Phantoms) ist, taucht immer wieder auf. Metaphorisch oder als plastisches Objekt, zeigt eine Maske nach außen das Eine und verbirgt das Andere. In der Oper existieren die Bühne und das Stück als das, was der Außenwelt präsentiert wird, während hinter den Kulissen eine geheime Welt existiert, die sich nur Eingeweihten öffnet. Im „Phantom der Oper“ besitzt Letzteres zudem eine weitere Unterteilung: der Oberbau des Opernhauses, der dem Personal gehört, und der architektonische Unterbau, in dem das Phantom herrscht.

Könnte man es deshalb nicht als den ungreifbaren und doch fleischgewordenen Zauber dieses Kosmos bezeichnen?

Die einzige Maske im eigentlichen Sinn trägt eben jene berühmt-berüchtigte Figur. Nach außen eine glatte, elegante Marmorerscheinung, versteckt sie eine körperliche Entstellung, die das Phantom zu seinem Dasein in Dunkelheit und Einsamkeit verdammt. Vergleicht man seine Darstellung in Roman, Musical und Film, wird klar, dass er ein Charakter von größter Ambivalenz ist.

Das Phantom als Bösewicht

Die träumerische Atmosphäre der Adaptionen, die bereits erläutert wurde, exisitiert im Roman nicht. Es ist die Welt des 19. Jahrhunderts, nur eben mit einem Phantom im Keller. Das Management ist seiner weniger karikierten Diva gegenüber klar und deutlich, Raouls älterer Bruder, der Comte de Chagny, versucht mit allen Mitteln dessen Pläne einer Heirat mit Christine zu verhindern und von unter Wasser brennenden Kerzen ist nirgendwo die Rede. Auch das Phantom ist ein Anderer, nämlich ein verzweifelter Mensch namens Erik, bei dem Wahnsinn und Genie Hand in Hand gehen und dessen obsessive Liebe zu Christine ihn in einen grausamen Bösewicht verwandelt.

Christine, das Objekt seiner Begierde, hat nach einer unsanften Entführung und seiner Demaskierung panische Angst vor ihm und traut sich doch lange Zeit nicht, jemandem von ihrem Geheimnis zu erzählen. Der „Operngeist“ ist zu allem fähig, droht ihr und Christine fürchtet in seiner Labilität noch mehr Tode. Besonders um Raoul, der sich in sie verliebt hat und ihre kühle Ablehnung verwirrt zu verstehen versucht, hat sie Angst, denn ihr „Engel der Muse“ ist krankhaft eifersüchtig.

Nachdem Erik seine Angebetete erneut und vor den Augen aller von der Bühne entführt hat, droht er, die ganze Oper samt Galagästen in die Luft zu jagen, sofern sie sich nicht von Raoul abwendet und für ihn entscheidet. Um so überraschender ist das Ende, an dem die beiden Liebenden freikommen und der Roman mit dem Tod des Phantoms schließt

Erst danach wird mehr über den Charakter aufgeklärt und man beginnt Mitleid und Sympathie für diese entstellte Seele zu haben. Seine Herkunft handelt Leroux erst im Epilog ab.

Das Phantom als Opfer

Im Musical und Film tritt das Phantom zuerst als eine art romantisch-verklärter Geist in Erscheinung. Da ist sein erster Streich lediglich eine herabfallende Leinwand der Requisite, die keinem Schaden zufügt. Auch die „Entführung“ der Christine Daaé ist eher eine fantastische, sinnliche Reise, auf die sich diese voll betörtem Staunen freiwillig begibt. In der Wohnung des Phantoms am See wartet´n Kerzenschein und Musik, keine Angst und Dunkelheit. Sein wütender Ausbruch über die Enthüllung seiner Entstellung, als Christine ihn zum ersten mal demaskiert, erschreckt sie nur kurzfristig. Ihr Mitleid überwiegt.

Erst nachdem das Phantom jemanden getötet hat, bekommt Christine Angst vor ihm und wird in ein verwirrendes Chaos aus romantischen Gefühlen, Angst und immer noch Mitleid gestoßen. Das Phantom, das namenlos bleibt, ist in erster Linie eine tragische Existenz, die durch kontinurierliche Ablehnung und grausame Behandlung seines Äußeren wegens zu dem wurde, was es ist.

Die Idee des entstellten Außenseiters, der sich in das erste Schöne unsterblich verliebt, das ihm nahe kommt, tauchte bereits in Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“ auf, dem ich mich bereits in einem früheren Blogbeitrag gewidmet habe. Hugos Roman erschien 1831 und obwohl ich keine Belege dafür finden konnte, dass Gaston Leroux ihn kannte, so ist es doch anzunehmen. Es gibt gewisse Parallelen zwischen dem missgestalteten Quasimodo und dem Phantom: Beide wurden von ihren Familien verstoßen und erfuhren ein Leben lang Gewalt, Ausgrenzung und Verachtung aufgrund ihrer Erscheinung.

Doch während Ersterer glücklicherweise vom Archidiakonus Frollo adoptiert wird, fehlt dem Phantom diese Mittelsfigur zwischen der Welt und ihm. Er erleidet das Schicksal, als lebende Kuriosität in einem Wanderzirkus ausgestellt zu werden, welches Quasimodo als Kind einer Zigeunerin vielleicht auch geblüht hätte, wäre er nicht auf glücklichen Umwegen nach Paris gelangt.

Quasimodo versteckt sich zwar oft aus Furcht vor den Menschen, doch ist sein Erscheinungsbild ein Zustand, mit dem er sich weitgehend abgefunden hat. Im Falle des Phantoms ist das Tragen der Maske vor allem mit Scham behaftet. Im Roman verdeckt sie das ganze Gesicht, in den Inszenierungen nur die obere Hälfte oder eine Seite, da sonst die Darsteller beim Singen behindert würden.

Zwei schicksalsschwere Male wird das Phantom in Musical und Film demaskiert, beide Male durch die Hände der Frau, deren Ablehnung ihn zerstören würde und der er sein Gesicht deshalb auf keinen Fall zeigen will. Sein kompletter Kontrollverlust in beiden Szenen zeigt, wie emotional aufgeladen die Maskensituation. Die zweite, öffentliche Demaskierung gipfelt schließlich im Showdown, bei dem das Phantom Christine dazu zwingen will, sich für ihn zu entscheiden. Bewegt von ihrem unerschütterlich guten Herzen, lässt er die beiden frei und verschwindet in einem Geheimgang.

Ansicht der Pariser Oper Ende des 19. Jahrhunderts

Das tragische Phantom

Das „Phantom der Oper“ ist Geist, Künstler, Bösewicht, eine verstoßene Seele, Genie und Opfer. Gaston Leroux macht aus ihm einen Menschen aus Fleisch und Blut, einen Charakter, der seitdem immer wieder verändert, erweitert und neu erfunden wurde. Auf der Bühne bekam es durch viele Künstler ebenso viele verschiedene Gesichter, wie es als Figur Facetten hat. Basierend auf seiner kurzen Biographie, die Leroux in seinem Epilog aufführt, erschuf die britische Schriftstellerin Susan Kay mit ihrem Roman „Das Phantom“ eine tief eintauchende, bewegende Lebensgeschichte, die mehr denn je das Phantom als ein Opfer seiner Umstände darstellt und ihm ein „Gesicht“ gibt.

Auch Leroux erwähnt am Ende seines Buches, es sei ein großes Unglück, das diesen armen Menschen prägte und er habe an seinem Grab für sein Seelenheil gebetet. In Anbetracht seines armseligen Lebens, ohne Liebe und im Schatten, hätte er das trotz seiner Verbrechen verdient.

Vermutlich fasst keiner das Dilemma des Phantoms der Oper so getroffen zusammen, wie das Phantom selbst in dem Lied „Die Erinnerung kommt zurück“:

„Schlimmer als ein Alptraum.
Wie erträgst du’s hinzuschau’n?
Erfasst dich nicht ein Graun,
von mir, dem Höllentier?
Fratzenhaft doch sehnsuchtskrank.
Nach dem Himmel.
Sehnsuchtskrank, sehnsuchtskrank…

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis:

Kay, Susan. Das Phantom. Frankfurt a. M. 2016.

Leroux, Gaston. Das Phantom der Oper. München 1993.

Newart, Cormac. „Vous qui faites l’endormie. The Phantom and the Buried Voices of the Paris Opéra“. 19th-Century Music Vol. 33, No. 1, 2009, S. 62-78. Web. JStor. 03. April 2019

Shah, Raj. „No Ordinary Skeleton. Unmasking the Secret Source of Gaston Leroux’s Le fantôme de l’opéra“. Forum for Modern Language Studies Vol. 50, No. 1, 2013, S. 16-29. Web. JStor. 03. April 2019

„The Publication and Initial French Reception of Gaston Leroux’s Le fantôme de l’opéra“. French Studies Bulletin Vol. 37, No. 138, 2016, S. 13-16. Web. Oxford Journals. 03. April 2019

Pergamon, oder ein Blick hinter die Kulissen der Vergänglichkeit

Als ich 1996 auf einem Schulausflug das Pergamonmuseum in Berlin zum ersten Mal erkunden durfte, gab es nur eine Reaktion, um den Augenblick zu beschreiben, als ich den Altarraum betrat: ungläubiges Staunen, gefolgt von abwechselnder Begeisterung und dem Gefühl, irgendwie „klein“ zu sein. Noch heute finde ich keine Worte für das Empfinden von damals. Was bleibt auch zu sagen, wenn man sich plötzlich Auge in Auge mit Architektur und Mythen aus über 2000 Jahren Menschheitsgeschichte gegenübersieht? Natürlich kannten wir die Antike aus dem Unterricht. Und hin und wieder begegnete uns die eine oder andere klassizistische oder renaissanceangehauchte Zeichnung in einem Buch für Kunsterziehung (und ja, die Wende-Zeit war da längst vorüber). Aber die Dinge in realis zu sehen ist, wie immer, eine vollkommen andere Erfahrung, als sie zweidimensional auf Papier gepresst vorzufinden. Das also war die Museumsinsel von Berlin. Das also war der Ort, der die Zeugnisse einer antiken Stadt bewahrte, deren Blütezeit längst vergangen war. Und es sollten in den angrenzenden Räumen noch weitere Beispiele aus versunkenen Zeiten folgen: das Markttor von Milet, das Ishtar-Tor von Babylon, Gräber und Reliefs aus dem Zweistromland (Mesopotamien), Kunst aus dem Islam, Münzen, Götterstatuen, Porträts und und und. Die alte Welt konserviert in Räumen. Und jeder ist eingeladen, diese zu besuchen; einzutauchen in eine andere Welt, die dennoch unsere Welt ist.

„Pergamon, oder ein Blick hinter die Kulissen der Vergänglichkeit“ weiterlesen

„Lesen ist denken mit fremden Gehirn“ – Jorge Luis Borges

Liebe Leser/-innen und Buchfreunde,

das Team vom Mytho-Blog bedankt sich ganz herzlich für Ihr Interesse  an unseren Themen und Beiträgen. Mythen sind ein so weites und tief verwurzeltes Gebiet, dass uns die Auswahl oft nicht leicht fällt. So vieles ist erzählenswert und verbirgt sich im Alltäglichen, ist vergessen oder wird viel zu selten wahrgenommen. Mythen sind wie kleine Reisen. Nicht nur zu uns selbst, sondern vor allem auch in die Literatur und damit in die Welt der Bücher.

In dieser Woche ist unser Team auf einer solchen Bücherreise. Daher muss der Blog aufgrund der Leipziger Buchmesse leider entfallen. Aber keine Bange. Ab nächsten Freitag sind wir wie gewohnt mit spannenden, skurilen, nachdenklichen und (hoffentlich) lehrreichen Themen zurück. 

Genießen Sie den mythischen Frühlingsbeginn. Vielleicht bei einem Buch.

„We’re all stories in the end.“

Ihr Team vom Mytho-Blog

„Leicht ist der Abstieg zur Unterwelt“ – Eine mythische Reise unter Tage

Der Begriff „Unterwelt“ weckt in uns verschiedenste Assoziationen. Manch einer verbindet damit etwas Düsteres, Kriminelles; eine Parallelwelt, in der Menschen leben und wirken, die sich einen eigenen Raum fernab gängiger Normen und Gesetze geschaffen haben. Für andere bedeutet „Unterwelt“ ein Ort unter Tage, fernab vom Licht, bedrückt von Enge und Mangel an frischer Luft, wie es über Jahrhunderte lang im Kohle- und Erzbergbau der Fall gewesen ist. Die „Unterwelt“ ist also eine räumliche Abgrenzung von der Welt, die wir kennen, die den Besucher mit besonderen Begebenheiten und Ansprüchen konfrontiert. In kultureller und mythischer Deutung ist sie auch die Welt, in der die Seelen der Verstorbenen nach dem Tod einziehen und leben, ein Reich, das für den Sterblichen verschlossen bleibt. Sie ist eine Vorstellung, ein Konstrukt, das wir uns in Geschichten und Legenden imaginieren und bevölkern. Vielleicht, um uns dadurch unsere Angst vor dem Dunkeln (und die Unterwelt wird mit Dunkelheit per se in Verbindung gebracht), dem Unbekannten, dem Unterbewussten in uns selbst und in unserer Umwelt einen Ausdruck zu verleihen. Vielleicht auch, um uns das Wissen um den Tod, der letzten Schwelle zum Unbekannten, die uns allen vorherbestimmt ist, erträglicher zu machen. Der Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung (1875-1961), hat die „Unterwelt“ mit den sogenannten Mutterarchetypen in Zusammenhang gebracht; das Gebärende, Fruchtspendende und Leben bringende einerseits, schließt andererseits das Geheime, das Finstere, Todbringende und Abgründige wie in einem Kreislauf mit ein. Oder, wie es die Alchemisten, ausgehend von ihrer mythischen Schrift, der Smaragdtafel des Hermes Trismegistos, auszudrücken wussten: Das Oberen ist das Untere. Das eine existiert nicht ohne das andere. Das passt in die dualistische Vorstellung, die dem Menschen zu eigen ist, man denke da an Gut und Böse, Groß und Klein, Laut und Leise, Himmel und Hölle, Schwarz und Weiß etc. Und so muss es – fast zwangsläufig – neben der Oberwelt auch einen Ort jenseits davon geben.

„„Leicht ist der Abstieg zur Unterwelt“ – Eine mythische Reise unter Tage“ weiterlesen

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“

Lasst uns vom Wind erzählen. Ich gebe zu, würde mich jemand fragen, was der Wind ist, würde mir im ersten Moment keine passende Antwort einfallen und im zweiten Moment vermutlich das Zitat aus Hänsel und Gretel: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“. Zum einen, weil es ein bekannter Reim aus einem bekannten Märchen ist. Zum anderen, weil dem Wind, lässt man sich die Worte einmal gründlich auf der Zunge zergehen, tatsächlich etwas Kindliches anmutet. Er ist verspielt. Er ist unberechenbar. Ist er ausgeglichen, beglückt er uns mit einem lauen Lüftchen. Ist er aufgewühlt, stürmt und tobt er. Ist er traurig, heult er. Und ist er zufrieden, säuselt er. Wind ist im Grunde ständig um uns. Wir sehen von ihm aber nur seine Wirkung auf die sichtbaren Dinge und auf uns selbst. Sein Wesen, seine Gestalt ist für uns – mit Ausnahme von Tornados oder Superstürmen – weitgehend unsichtbar. Wind ist bewegte Luft und Luft brauchen wir zum Atmen und für die Erhaltung unserer Existenz.

„„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind““ weiterlesen

Person und Mythos – Die heilige Elisabeth von Thüringen

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Dies ist die Lebensbeschreibung und die Legende der gottseligen St. Elisabeth, der Tochter des edlen Königs von Ungarn, die nach Gottes Willen und Fügung mit dem edlen Fürsten Landgraf Ludwig von Thüringen vermählt wurde.” (Leben und Legende, S. 7)

Mit diesen Worten beginnt der Dominikaner Dietrich von Apolda (vermutlich 1230-1302) seine Vita, welche zwischen 1289 und 1291 entstand: die Vita der heiligen Elisabeth von Thüringen. Diese schillernde Gestalt des Mittelalters, heilige Landespatronin von Thüringen und Hessen, erfährt hier eine Aufarbeitung im Sinne von “Leben und Legende”: neben den Fakten finden sich viel Erzählstoff und Geschichten um die Person Elisabeth von Thüringen, die zur Bildung eines unverkennbaren Mythos führten.

„Person und Mythos – Die heilige Elisabeth von Thüringen“ weiterlesen

Verwandlung

„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue
Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,
Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse
Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!”

(Ovid, Metamorphosen, Buch 1, Vs. 1-4)

Alles um uns herum befindet sich in steter Veränderung. Jeder Aspekt unseres menschlichen Lebens führt uns das Tag für Tag vor Augen, und dennoch tun sich die meisten Menschen mit Veränderungen eher schwer. “Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein”, sagte Johann Wolfgang von Goethe, wobei er wohl eher auf den eben beschriebenen, täglichen Umgang mit dem steten Fluss des Neuen anspielt, als die Verwandlung einer jungen Frau in eine Kuh.

„Verwandlung“ weiterlesen

Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame

Es ist ein farbenfrohes, grausames Bild, das der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) kreiert. Schauplatz ist das spätmittelalterliche Paris an der Schwelle zur Neuzeit, auf dessen Bühne er individuelle Schicksale, geschichtliche Hintergründe und Lebenskultur des 15. Jahrhunderts miteinander verbindet.

Seine Darstellungen der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit, der Gewalt gegenüber Andersgläubigen und Menschen mit körperlicher Behinderung instrumentalisiert Hugo als eine Kritik an rückständigen gesellschaftlichen Konventionen sowie Vorurteilen und drückt Verurteilung der Todesstrafe und der Folter aus. Durch die Charakterzüge und Handlungsweisen seiner Figuren führt er uns vor Augen, wie tief die Verbindung von körperlicher und innerer Schönheit als Ideal unser Denken bestimmt. Dieser Konflikt taucht immer wieder auf und wird als solcher vom wenig attraktiven Glöckner Quasimodo aus seiner Sicht geäußert: „Was nicht schön ist, hat kein Recht zu sein; / Schönheit liebt allein nur Schönheit, / Dem April zeigt Januar den Rücken.“ (S. 447).

„Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame“ weiterlesen

„Die Erde steht offen“: Geister, Tote und der heilige Valentin

Die Welt ist rot und besteht aus Herzen. Dieser Eindruck zwingt sich einem unmittelbar auf, schaut man dieser Tage ins private Mail-Postfach, wo sich die Werbungen tummeln. Dasselbe gilt für den Marsch durch Einkaufspassagen oder – der Konsumapathie zum Trotz – für den Besuch von Cafés, Drogerien, Kaufhäusern. Von den tausenden um tausenden Internetseiten ganz zu schweigen. Herzen. Bärchen. Rosen. Schokolade. Kissen. Kitsch. Es ist überall. Und wir ahnen es: Der Valentinstag steht bevor. Der Tag der Verliebten, an dem man sich besonders lieb hat (oder lieb haben sollte), was für die restlichen 364 Tage des Jahres hoffentlich genauso gilt. Dabei ist es um den Festtag des heiligen Valentin, der am 14. Februar begangen wird, nicht gar so romantisch bestellt, zumindest nicht bis ins 14. Jahrhundert. Denn erst im Spätmittelalter erkor man den Tag, den Papst Gelasius I. im Jahre 496 offiziell als Gedenktag eingeführt hatte, als geeignet für das Fest der höfischen (und später der romantischen) Liebe. Die Süßigkeiten, Blumen und Liebesbekundungen sind sogar erst seit dem 18. Jahrhundert in Gebrauch. Auch begann um diese Zeit die Tradition, dem oder der Liebsten kleine Grußgarten zu senden, die sogenannten „Valentines“. Sogar Schlüssel erfreuten sich großer Beliebtheit, symbolisieren sie doch das Aufschließen des Herzens. Sogar an Kinder wurden sie verschenkt. Allerdings nur indirekt als Liebesbeweis, denn man sagte Schlüsseln nach, sie könnten die „Valentins-Krankheit“ abhalten. Damit war die Epilepsie gemeint, denn der heilige Valentin von Terni (3. Jahrhundert n. Chr.) wurde bei Krankheiten (allen voran der benannten „Fallsucht“), um Beistand angerufen. Allerdings war eben dieser Valentin nicht der einzige Valentin oder Valentinus. So gab es noch einen Valentin von Rom. Dieser war Priester und erlitt um 269 n. Chr. eben dort den Märtyrertod. Sein Begräbnisort, die Kirche San Valentino in Rom, galt bis zum Ende des Mittelalters als wichtiger Wallfahrtsort. Der bereits erwähnte Valentin von Terni wiederum war Bischof und erlitt das Martyrium um 273 n. Chr., nachdem er Kranke geheilt und christliche Taufen vollzogen hatte. Es wurde lange vermutet, dass es sich bei beiden um ein und dieselbe Person gehandelt haben könnte, unabhängig davon, dass in verschiedenen Kirchen Roms oder in Terni Reliquien von ihnen aufbewahrt und verehrt werden. Der endgültige Beweis darüber steht allerdings noch aus. Zudem erwähnt die „Katholische Enzyklopädie“, ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts publiziertes Nachschlagewerk zum katholischen Glauben, einen dritten Valentin, der angeblich in Afrika das Martyrium erlitt und über den ansonsten nicht viel bekannt ist.

„„Die Erde steht offen“: Geister, Tote und der heilige Valentin“ weiterlesen

Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot

„Wer den Gong ertönen läßt,
dem erscheinet sie sofort!
Weiß wie Jade,
kalt wie Stahl:
das ist die schöne Turandot!“
(Turandot, Giacomo Puccini, Libretto)

Als der italienische Komponist Giacomo Puccini im Jahr 1920 zusammen mit dem Liberettisten Guiseppe Adami und dem Dramaturgen Renato Simoni über dem Stoff seiner sechs Jahre später uraufgeführten Oper „Turandot“ zu brüten begann, schrieb er Letzterem geradezu hoffnungsvoll: „machen wir ein Märchen, gefiltert durch unser modernes Gehirn!“ Das Märchen lag dem Kreativ-Trio zu dieser Zeit längst vor, u. a. in Form des Theaterstücks „Turandot“ von Friedrich Schiller (1802 uraufgeführt), welches auf einer Vorlage des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi aus dem Jahr 1762 beruhte. Darüber hinaus war dem Stoff bereits eine Reihe von Vertonungen vorausgegangen. Franz Seraph Destouches, Carl Maria von Weber, Antonia Bazzini sind nur einige der Namen, die sich der Geschichte annahmen. Daher war sich Puccini unsicher, auf welche Weise er den bereits bekannten Stoff zum Leben erwecken sollte. Am ehesten schien ihm dies über die Psychologie der Figuren möglich, mehr noch über die Gefühle. „Sie müssen das Letzte an Gefühl und Rührung herausholen … und sie können die rechten Verse finden!“, schreibt er an Adami. „[Der] Liebesausbruch muss wie ein leuchtender Meteorstein unter die rufende Volksmenge fallen, die mit gespannten Nerven … das Fluidum der Liebe begeistert aufnimmt.“

„Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot“ weiterlesen

Eros und Aphrodite

Alles sei voll von Göttern, soll der griechische Philosoph Thales von Milet (6. Jahrhundert v. Chr.) gesagt haben. Er blieb damit, auch wenn er dieser Behauptung eine abstraktere, nicht-wörtliche Bedeutung gegeben haben mag, der Weltsicht seiner Zeitgenossen verbunden. In der Tat fassen polytheistische Weltbilder – und die alten Griechen waren ja Polytheisten – ihre Götter nicht als transzendente Wesenheiten auf, die der Welt gegenüberstehen, sondern als Teil der Welt. Und in diesem Sinne hatte das, was wir Natur nennen, teil am Göttlichen, und Götter wirkten auch hinein in die Lebensvollzüge der Menschen. Sie wachten über die einzelnen Lebensbereiche, wenngleich sie häufig zu komplexe Gestalten waren, als dass man sie restlos mit einer Funktion hätte identifizieren können. Für das, was man im weitesten Sinne Liebe nennen kann, waren zwei Gottheiten zuständig: Eros (Liebesbegehren) und Aphrodite. Sie haben die Antike überlebt und sind nicht zuletzt durch die Kunst des Abendlandes bis heute populär: die schöne junge Frau und ihr knabenhafter Begleiter, der meist mit Pfeil und Bogen und oft auch geflügelt dargestellt wird. Freilich sind sie auf ihrem langen Weg auch zu puren Versinnbildlichungen, zu Allegorien geworden. Für die antike Welt aber waren sie mehr.

„Eros und Aphrodite“ weiterlesen

Was ist Liebe? – Eine mythische und literarische Einführung

Wenn wir von Liebe sprechen, verbinden wir mit ihr das intensive Gefühl von Zuneigung, Geborgenheit, Aufgehobensein, Verbundenheit, das sich im menschlich-emotionalen Erklärungskanon nicht mehr steigern lässt. „Es ist was es ist sagt die Liebe“ in Erich Fried’s (1921-1988) bekanntem Gedicht und würde man eintausend Menschen darüber befragen, würde man wohl eintausend verschiedene Antworten erhalten. Denn Liebe ist nicht nur der romantische Höhepunkt jeder Paarbeziehung, so wie sie in Medien, Dichtung, Romanen, Liedern oder Kunst im Regelfall proklamiert wird. Liebe kann sich auch auf Gruppen beziehen, auf die Familie, Geschwister, Freunde, zu Tieren, Natur etc. Es gibt kein Limit für Liebe.

„Was ist Liebe? – Eine mythische und literarische Einführung“ weiterlesen

Die Poesie des „Nevermore“ – Edgar Allan Poes dunkle Romantik

„Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
‚‘Tis some visitor,‘ I muttered, ‚tapping at my chamber door –
Only this, and nothing more.‘“

(Edgar Allan Poe, „The Raven“)

„Die Poesie des „Nevermore“ – Edgar Allan Poes dunkle Romantik“ weiterlesen

Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: „Trickster“, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

„Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held“ weiterlesen

Feuer der Götter: Vulkane und ihre Mythen

Erneut rumort es im Mongibello (gelegen zwischen den sizilianischen Städten Messina und Catania), den die meisten von uns als Ätna kennen. Seit Weihnachten spuckt der aktivste Vulkan Europas Asche und Lava. Experten prognostizieren gar das Bevorstehen eines größeren Ausbruchs. Erdbeben, Flugausfälle, Evakuierungen. Viele erinnern sich vielleicht noch an das Spektakel von 2010. Damals war es der Eyjafjallajökull an der Südküste von Island, der mit seinen Eruptionen vor allem die Geduld der Flugreisenden strapazierte. Im Gegensatz zum Ätna liegt der Eyjafjalla weistenstgehend abseits von Städten und Siedlungen. Von einer neuen Magmakammer unter dem „Gutmütigen“ gehen die Forscher derzeit aus und in der Tat, sind spontane, exposionsartige Eruptionen am Ätna, wenn auch vorhanden, in den historischen Aufzeichnungen eher seltener Natur. Sein italienisches Pendant, der Vesus (gelegen am Golf von Neapel), hat es aufgrund seines verheerenden Ausbruchs im Jahr 79 n. Chr. (überliefert vom römischen Schriftsteller Plinius dem Jüngeren), bei dem die antiken Städte Pompeji, Herculaneum, Oplontis und Stabiae verschüttet wurden, zu wesentlich traurigerer Berühmtheit gebracht. Aus dem 12., 17. und 18. Jahrhundert sind weitere heftige Ausbrüche des Vesuvs bekannt; der zuletzt dokumentierte fand im Jahr 1944 statt.

„Feuer der Götter: Vulkane und ihre Mythen“ weiterlesen

Böller, Papst und Neues Jahr

Liebe Leserinnen und Leser des Mytho-Blogs,

es ist wieder soweit. The same procedure as every year. Silvester. Der letzte Tag des Jahres. Manch einen mag Wehmut über das Vergangene befallen. Manch einer ist froh, den „gesammelten Altkram“ hinter sich zu lassen. Silvester ist die Zeit des Abschlusses. Der Vorsätze. Der Pläne. Des greifbaren Neuanfangs.

Wie Sie an diesem Abend und in dieser Rauhnacht auch feiern mögen, ob im Familienkreis oder mit Freunden, ob mit lauter Partymusik oder eher klassisch, ob sie dem Feuerwerk fröhnen oder dem Lärm eher fernbleiben, das Team vom Mytho-Blog bedankt sich herzlich für Ihr Interesse an unserer Seite und unseren Artikeln. Natürlich werden wir uns auch weiterhin bemühen, Sie freitags regelmäßig mit mythischen, volkskundlichen, literarischen, philosophischen, historischen und wissenschaftlichen Besonderheiten zu versorgen.

„Böller, Papst und Neues Jahr“ weiterlesen

Es weihnachtet schwer 6.0: Rauchige Nächte und Wilde Jäger

Die Tannenbäume sind geschmückt. Die Lieder sind gesungen. Die Geschenke sind verteilt und der Weihnachtsmann hat seine Aufgabe vollbracht. Wir befinden uns in der Zeit zwischen den Jahren, die einerseits noch zum alljährlichen Dezemberfestkanon zählt, andererseits aber gefühlt losgelöst zwischen dem zu Ende gehenden Alten und dem in den Startlöchern rumorenden Neuen steht. Grund genug, diese Tage und vor allem ihre Nächte im letzten Teil des diesjährigen Weihnachtsspecials ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen.

Dunkelheit, Finsternis, Schwarz, Nacht. Seit jeher ist die Zeit nach dem Sonnenuntergang Stoff für Geschichten, Phantasie, Furcht, Träume, Kreativität, Gedanken, Geheimnisse und Mythen gewesen. Alles, was der Tag verbirgt, wird in der Nacht aufgedeckt. Es sind die Stunden, in denen Geister oder Wesen der Anderswelten umgehen. Das Christentum assoziierte die Nacht lange mit dem Tod und dem Bösen. Die Zeit der Dämonen. Die Zeit des Teufels. Vor allem die Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens, der Übergang zwischen den Tagen, war es, den man als besonders furchtbringend, unheilvoll oder auch schicksalhaft betrachtete. Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) hat es in seinem „Nachtwandler-Lied“ aus der Schrift Also sprach Zarathustra treffend zusammengefasst: „Oh Mensch! Gieb Acht!/ Was spricht die tiefe Mitternacht?/ ‚Ich schlief, ich schlief -, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -/ Die Welt ist tief, / Und tiefer als der Tag gedacht.“

„Es weihnachtet schwer 6.0: Rauchige Nächte und Wilde Jäger“ weiterlesen

Es weihnachtet schwer 5.0: „Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren“

Frohe Weihnachten! Mit welchem Recht bist du froh? Aus welchem Grund bist du froh? Du bist doch ganz arm!“
Na komm”, versetzte der Neffe freudig. „Mit welchem Recht bist du trübsinnig? Aus welchem Grund bist du mürrisch? Du bist doch ganz reich!” (14)

Wir schreiben das viktorianische London. Arm und Reich leben durch einen tiefen Abgrund getrennt und doch dicht gedrängt in der, von den schwarzen Rauchwolken der Industrie überspannten Metropole. Allen täglichen Kämpfen und Sorgen zum Trotz liegt so etwas wie freudige Erwartung in der Luft. Denn es ist der 24. Dezember, der Tag vor dem Weihnachtsmorgen. Als Ebenezer Scrooge – alt, bitter und steinreich – die Zeit damit verbringt, seine ablehnende Haltung zum Weihnachtsfest kund zu tun und anderen die Freude gründlich zu verderben, hat er noch keine Ahnung, dass die vor ihm liegende Weihnachtsnacht alles verändern wird.

„Es weihnachtet schwer 5.0: „Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren““ weiterlesen

Es weihnachtet schwer 4.0: Das Neunerlei – Ein Weihnachtsbrauch

Ich bin im Vogtland geboren und aufgewachsen. Wer jetzt nicht weiß, wo das liegt (denn die meisten tun es nicht), es handelt sich dabei um die Region im Südwesten von Sachsen, die aber auch Gebiete von Bayern, Thüringen und Böhmen umfasst. Der Historiker Enno Bünz beschreibt sie folgendermaßen: „Unter den Kulturlandschaften Sachsens, … ist das Vogtland die kleinste, die freilich über ein ausgeprägtes, historisch gewachsenes Regionalbewusstsein verfügt.“ Das ist eine diplomatische Art auszudrücken, dass so manche aus dieser Gegend sofort jeden berichtigen, der sie als „Sachsen“ bezeichnet; sie seien keine Sachsen, sondern Vogtländer. Und die sind im allgemeinen als „kleines, zänkisches Bergvolk“ verschrien.

„Es weihnachtet schwer 4.0: Das Neunerlei – Ein Weihnachtsbrauch“ weiterlesen

Es weihnachtet schwer 3.0: Der Weihnachtsmann – Ein traditionsreicher und moderner Mythos


„Morgen kommt der Weihnachtsmann,
Kommt mit seinen Gaben.“

So viele Bräuche und Traditionen ranken sich um die Adventszeit und das Weihnachtsfest. Am 6. Dezember bringt der Nikolaus für gute Kinder mit blankgeputzen Schuhen kleine Gaben, und mancherorts hat er seinen grausigen Gegenpart Krampus im Schlepptau, um unartige Kinder das Fürchten zu lehren. Der Nikolaustag ist, in gewissem Sinne, die Vorhut für das eigentliche Weihnachtsfest.

Ein Symbol der Weihnachtszeit

Bei manchen kommt er durch den Schornstein und packt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum, bei anderen füllt er diese in Strümpfe, die am Kamin hängen. Und wieder in anderen Fällen kommt er am Heiligen Abend zu Besuch und bringt sie vor den Augen aller vorbei. Von Land zu Land, von Region zu Region, manchmal sogar von Familie zu Familie, variieren die Bräuche des weihnachtlichen Schenkens, doch meist gibt es nur einen, der dafür verantwortlich ist. Die Rede ist vom Weihnachtsmann, in unserer heutigen Zeit DER Weihnachtsfigur schlechthin. 

„Es weihnachtet schwer 3.0: Der Weihnachtsmann – Ein traditionsreicher und moderner Mythos“ weiterlesen

Es weihnachtet schwer 2.0: Vom Nikolaus und seinen schaurigen Begleitern

Liebe Leserinnen und Leser des Mytho-Blogs,

haben Sie Schuhe geputzt oder Teller aufgestellt? Am 6. Dezember geht der Nikolaus wieder um, dieses Jahr sogar an einem Donnerstag. (Achtung, Achtung: Besondere Vorsicht ist an diesen Dezemberwochentagen geboten!) Man sagt ihm nach, dass er sauberes Fußwerk besonders schätzt. Außerdem ist er auf seinen adventlichen Streifzügen nicht allein unterwegs. Wer ihn begleitet und warum, diesen Fragen wollen wir im zweiten Teil unseres Weihnachtsspecials nachgehen.

„Es weihnachtet schwer 2.0: Vom Nikolaus und seinen schaurigen Begleitern“ weiterlesen

Es weihnachtet schwer 1.0: Advent, Advent…

Liebe Leserinnen und Leser des Mytho-Blogs,

wieder einmal ist es soweit: Das Jahr geht zu Ende. Der Winter hält (dem Klimawandel zum Trotz) allmählich Einzug. Die Tannenbäume werden geschlagen und die aus dem post-modernen Brauchtum nicht mehr wegzudenkenden Weihnachtsmärkte mit Glühwein, Gedrängel, Fressbuden, Kräppelchen, Riesenrad und den hier und da doch noch auffindbaren Kunsthandwerksbuden öffnen den Weihnachtshungrigen die Pforten.

Advent, Advent … Da es uns leider nur symbolisch möglich ist, für alle unsere Mitglieder, Freunde, Interessierten, Mythenliebhaber, Kultursüchtigen, Abonnenten, Leseratten und Neugierigen ein Lichtlein auf dem Adventskranz anzuzünden, soll unser Weihnachtsspecial alle über den Feiertagsstress bis ins neue Jahr begleiten. Von bösen Nikoläusen wird zu lesen sein. Von fleißigen Weihnachtsmännern. Festtagsbräuchen. Weihnachtsgeistern. Wilden Jägern. Und verstorbenen Päpsten. Natürlich wie immer gespickt mit allerlei Mythischem, Kulturhistorischem und natürlich mit Literatur! „Es weihnachtet schwer 1.0: Advent, Advent…“ weiterlesen

Zwischen Angst und Hoffnung: Der künstliche Mensch in Mythos und Science-Fiction

Stellen Sie sich vor: Ihr Wissen, Ihre Gedanken, Ihre Meinungen und Ansichten, Ihre Träume und Vorstellungen,  ja sogar Ihre Gefühle – also alles, was Sie sind und was Sie ausmacht, wäre auf einer Disc gespeichert, die kaum größer ist als die Speicherkarte einer Digitalkamera. Ein Stick für das Backup Ihres Selbst. Sie könnten den Körper wechseln, wann und wie Sie es wollten. Nie wieder Krankheiten. Nie wieder gebrochene Knochen. Nie wieder Angst vor dem Tod. Sie wären unsterblich. Geht nicht, sagen Sie? Doch, sage ich. Die Serie „Altered Carbon“ (Netflix, 2018), basierend auf dem gleichnamigen Roman von Richard Morgan, stellt „das Unsterblichkeitsprogramm“ in der dystopischen Welt des 24. Jahrhunderts vor und outet sich dabei als ein Hybrid aus Blade Runner und Ghost in the Shell. Im Mittelpunkt stehen dabei die sogenannten „Meths“ (in Anspielung auf Methusalem, den Großvater Noahs, der dem Alten Testament zufolge 969 Jahre alt geworden sein soll). Durch den Kauf von Körpern oder mit Hilfe von Klonen verlängern sie ihr Dasein über Jahrhunderte hinweg. Doch das ewige Leben hat sie skrupellos gemacht, vergnügungssüchtig und abgestumpft gegenüber dem Leben. Den Meths gegenüber stehen all jene Menschen, die sich entweder keine oder nur standardisierte neue „Körper“ leisten können. Manche müssen mit dem Vorlieb nehmen, was sie bekommen. Andere lehnen einen neuen Leib aus religiösen Gründen ab und verbringen die Ewigkeit gefangen in immer wiederkehrenden Träumen oder in einer holografisch erzeugten Welt. „Altered Carbon“ ist Science-Fiction. Krimi. Und ein Stück weit Philosophie. Was ist der Mensch? Was ist Seele? Was ist Körper? Und was davon ist wichtiger? Sind wir tatsächlich die Schöpfer einer unendlichen Existenz oder durch die Unsterblichkeitssticks am Ende selbst zu Geschöpfen in endlichen und künstlichen Hüllen geworden?

„Zwischen Angst und Hoffnung: Der künstliche Mensch in Mythos und Science-Fiction“ weiterlesen

Heldentod und Zeitenwende: Mythologisch-literarische Anmerkungen zum Ende des Ersten Weltkriegs

Und dann war es endlich vorbei. Um 12 Uhr ertönte an allen Frontabschnitten, an denen noch gekämpft worden war, ein Trompetensignal, und die Waffen schwiegen. Man schrieb den 11. November 1918. Der Erste Weltkrieg war nach vier Jahren Dauer mit einem Waffenstillstand zu Ende gegangen, auch wenn es bis zum Abschluss von Friedensverträgen noch ein weiter Weg sein sollte. Ungefähr 65,8 Millionen Soldaten hatten in Belgien und Frankreich, in Ostpreußen, Galizien, Rußland, auf dem Balkan, in Norditalien, in Mesopotamien, Palästina und auf der Arabischen Halbinsel gekämpft, aber auch in deutschen Kolonien in Afrika und Ozeanien. Auf der einen Seite standen die Mächte der Entente, d. h. Frankeich, England und Russland, sowie Italien, Japan und weitere Verbündete, nicht zu vergessen Truppen aus den französischen und britischen Kolonien, aus Kanada, Australien und Neuseeland, und 1917 auch die USA. Ihnen gegenüber standen die so genannten Mittelmächte Deutschland und die multinationale Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, denen sich bald das Osmanische Reich anschloss, das außer der Türkei und Albanien den ganzen Nahen und Mittleren Osten umfasste, sowie Verbündete. Bilanz: rund zehn Millionen Gefallene und 15 bis 21 Millionen dauerhaft duch Verletzungen Geschädigte.

„Heldentod und Zeitenwende: Mythologisch-literarische Anmerkungen zum Ende des Ersten Weltkriegs“ weiterlesen

Tierwesen: Über eine mythisch-cineastische Beziehung

Es ist wieder soweit! In den Kinos flimmern zum zweiten Mal die „Phantastischen Tierwesen“ der britischen Autorin und „Mutter von Harry Potter“, Joanne K. Rowling, über die Leinwand und begeistern große und kleine Zauberer und Hexen, sorry, Zuschauer, natürlich. Da gibt es den süßen Niffler, eine Art bepelztes Schnabeltier mit körpereigenem Kängurubeutel, in den er alle glitzernden und glänzenden Sachen stopft (vorzugsweise Münzen, Goldbarren und Schmuck), die er in seine Pfötchen bekommt. Ebenfalls mit von der Partie ist der Bowtruckle Pickett, der Ähnlichkeit mit einem grünen Miniatur-Baum-Insekt aufweist. Auf Bäumen lebt seine Art denn auch, bevorzugt in solchen, die sich für die Herstellung von Zauberstäben eignen. Von Bowtrucklen weiß man, dass sie aufgrund ihrer Größe gut Schlösser knacken können. Exemplare wie Pickett entwickeln zudem eine relativ große Anhänglichkeit für ihre Beschützer und reagieren entsprechend vergnatzt, wenn man sie für scheinbar unlautere Pläne einspannen will. So geschehen im ersten Teil der „Phantastischen Tierwesen“, als Pickett an den gierigen Kobold Gnarlak gegen wichtige Informationen verkauft werden soll. Natürlich nur zum Schein. Streit vorprogrammiert.

Weitere Tiere (in Auswahl), die die meiste Zeit über im Koffer des Zauberers Newt Scamander (seines Zeichens Autor eines Buches über magische Geschöpfe) leben, hören auf Namen wie Graphorn, Occamy, Knuddelmuff und Murtlap. Einer meiner persönlichen Lieblinge ist allerdings der Böse Sturzfalter, ein Tierwesen, das Reptil und Insekt in sich vereint. Passenderweise bewirkt sein Gift das Vergessen von unschönen, leider aber auch schönen Erinnerungen. Wenn man sich denn daran erinnert. Sturzfalter ernähren sich bevorzugt von menschlichen Gehirnen. Stolpert man also zufällig über seinen recht unscheinbar wirkenden Kokon, bitte nicht berühren, denn einmal geweckt und im Flug begriffen, kann der Böse Sturzfalter eine beachtliche Größe annehmen.

„Tierwesen: Über eine mythisch-cineastische Beziehung“ weiterlesen

Vom ersten Erzählen oder: Wie erobern Mythen die Welt?

Im Sommersemester 2018 hatte ich das Glück, im Anglistikseminar von Prof. Dr. Elmar Schenkel an der Universität Leipzig einem Vortrag zu lauschen, der die anwesenden Studenten ebenso wie einen promovierten Post-Studenten wie mich nicht nur auf Spurensuche zu den Ursprüngen der Mythen, sondern des menschlichen Erzählens überhaupt führen sollte. Unter dem Titel The Origins of the World’s Mythologies stellte der Journalist, Herausgeber und vergleichende Mythologe Christoph Sorger das gleichnamige, 2012 erschienene Buch des renommierten Indologen, Linguisten und Harvard-Professors E. J. Michael Witzel vor. Eine 688 Seiten starke, bisher leider nur auf Englisch verfügbare, Lektüre, die nicht nur erkärt, was ein Mythos ist und was diesen ausmacht, sondern sich gewissermaßen der Ur-Mythologie widmet, jener Frage, die schon Goethe in seinem Faust umtrieb, wenn er eben jenen sagen lässt: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Witzels ambitionierte und ebenso viel gelobte wie skeptisch resümierte Mythentheorie erklärt das ursprüngliche Beschreiben von Welt und Umwelt, d.h. die Entwicklung von Mythologien, aus der Evolution und Verbreitung von homo sapiens sapiens von seiner Urheimat Afrika aus in mehreren Wanderungswellen über die ganze Welt. Seit jeher liegt es in der Natur des Menschen, Geschichten zu erzählen. Geschichten über höhere Wesen. Geschichten über die Elemente. Geschichten über Himmel und Erde. Geschichten über „trickster deities“ (Trickster-Götter), die die göttliche Ordnung durcheinanderbringen, in dem sie die aufgestellten Regeln brechen, so wie etwa Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt. Und eben jene Geschichten sind es, die den Menschen bei seiner Verbreitung über die Kontinente (Witze verwendet den schönen Begriff „Out-of-Africa-movement“) hinweg begleitet und die sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen menschlicher Gemeinschaften gefestigt haben.

„Vom ersten Erzählen oder: Wie erobern Mythen die Welt?“ weiterlesen

„This is your universe, Frankenstein!“ – Theater mit Geschöpf und Schöpfer

Wir haben den Roman vorgestellt. Wir haben Mensch und Monster untersucht. Nun begeben wir uns anlässlich des Frankenstein-Jahres 2018 ins Londoner Royal National Theatre.

Theater mit Geschöpf und Schöpfer

Stille. Dunkelheit. Plötzlich zerreißen Blitz und Donnerschlag das angespannte Nichts.

Eine Apparatur mit einer Art Kokon, darin ein großer Fötus. Erneutes Wetterleuchten, erneuter Donner. Der Fötus bewegt sich. Ein Unwetter wütet. Der Blitz schlägt in die Apparatur des Grauens ein und bringt schließlich das Herz des übergroßen Ungeborenen zum Schlagen. Die Membran reißt. Der Vogel kämpft sich aus dem Ei, sprich, das Wesen ohne Namen sich auf die Welt. Der Zuschauer wird zum Zeugen einer Geburt. Es ist auch hier eine schmerzhafte Geburt, mit Blut, Schleim und Schrei. Da liegt es, das Neugeborene. Gleich einem Säugling schreit es, strampelt, erschrickt vor grellem Licht und lauten Geräuschen. Es windet sich, kriecht, kommt schließlich auf die Beine und läuft ungelenk umher. Frankensteins Kreatur. Der Wissenschaftler hatte in nächtelanger, geheimer Forschungsarbeit aus Leichenteilen einen neuen Körper zusammengesetzt und dann vorübergehend sein Labor verlassen. Als er nach einiger Zeit zurückkehrt und „seine“ zum Leben erwachte Kreatur vorfindet, erschrickt er bis ins Mark. Was er so lange ersehnte, nämlich tote Materie zum Leben erwecken zu können, ist ihm letztendlich gelungen. Doch welch grauenvollen Anblick bietet dieses Wesen! Voller Narben, Rotz und Schmutz, guttural lallend und stammelnd, denn noch hat ihm niemand das Sprechen gelehrt. Frankenstein flieht voller Abscheu, nicht ohne sein Werk zu verdammen: „What have I done?“

„„This is your universe, Frankenstein!“ – Theater mit Geschöpf und Schöpfer“ weiterlesen

Ein Trickster kommt selten allein

Die Leipziger Stadtbibliothek ist gut besucht am vor-halloweenlichen Montag. Anlässlich des 22. Leipziger Literarischen Herbstes macht sich die edition vulcanus daran, den mythologischen Schwerpunkt der allherbstlichen Lese- und Literaturwoche zu setzen. „Brücken bauen“ heißt das Motto 2018, welches, auch im Rahmen der Houston-Week (bezogen auf die 25-jährige Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Houston), kulturelle, literarische, gesellschaftliche, poetische, künstlerische, nachdenkliche, lakonische, zwie- und zweisprachige, historische und eben auch mythologische Verbindungen von Hier nach Dort und Dort nach Hier knüpfen soll.

Eine solche Brücke ist der Trickster, dem der neu erschienene Sammelband der edition vulcanus mit dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ gewidmet ist.

„Ein Trickster kommt selten allein“ weiterlesen

Halloween 3.0: „Köpfe werden rollen“

Im dritten Teil unseres diesjährigen Specials im Zeichen des Schaurigen, das sich bislang mit reitenden Toten sowie Folklore, Geistern und Kürbissen beschäftigt hat, sind wir nun den Mythen um Sleepy Hollow und dem Reiter ohne Kopf auf der Spur. Den meisten ist die Geschichte wahrscheinlich durch den 1999 erschienenen Film von Tim Burton mit Johnny Depp und Christina Ricci (und natürlich ebenfalls legendär: Christopher Walken als kopflosen Reiter) bekannt. 2013 bekam der düstere, märchenhaft und gleichzeitig skurril anmutende Film, der Grusel und den einen oder anderen Lacher perfekt kombiniert, Konkurrenz durch eine gleichnamige Serie. Dieses Sleepy Hollow (u. a. mit Tom Mison und Nicole Beharie in den Hauptrollen) verlegt die Handlung – per Zeitreise – in die Gegenwart und verbindet dabei Mysterie- und Krimihandlung in mittlerweile 4 Staffeln.

„Halloween 3.0: „Köpfe werden rollen““ weiterlesen

Halloween 2.0: Von Geistern und Kürbissen

Oktober. Herbst. In Parks und Wäldern verfärben sich die Blätter der Bäume. Es ist die Zeit der Ernte. Des Drachensteigens. Der Spinnennetze. Des Schmuddelwetters. Der Umstellung der Uhren auf die Winterzeit. Wir sehen und spüren, dass die Tage kürzer werden. Wir ahnen, dass das Jahr zu Ende geht und wir (vielleicht auch darüber hinaus) anfangen, Bilanz zu ziehen: „Eine trübe, kaltfeuchte Wagenspur:/ Das ist die herbstliche Natur./ Sie hat geleuchtet, geduftet, und trug/Ihre Früchte. – Nun, ausgeglichen,/Hat sie vom Kämpfen und Wachsen genug. –/ Scheint’s nicht, als wäre alles Betrug/
Gewesen, was ihr entwichen?!“ (Joachim Ringelnatz, Herbst)

Der Herbst ist auch die Zeit der Feste und Gedenktage. Erntedank (in den USA und Kanada bekannt als Thanksgiving). Oktoberfest. Reformationstag. Allerheiligen. Buß- und Bettag. Martinstag. Totensonntag. Der Herbst ist Ausgleich (mit der Natur) und Besinnung (auf uns selbst und auf unsere Umwelt). Ein besonderes Fest, das in Deutschland seit einigen Jahren vor allem kommerziell beworben wird, sich trotz vieler regionaler Parallelen bislang aber nur schleppend verwurzelt hat, ist Halloween.

„Halloween 2.0: Von Geistern und Kürbissen“ weiterlesen

Halloween 1.0: „Die Toten reiten schnell“

 

Willkommen zum ersten Teil unseres Blogspecials im Zeichen des Schaurigen!

 

 

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
„Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?“ –
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.
(Str. 1)

Die erste Strophe der Ballade Lenore, verfasst vom deutschen Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794), fackelt nicht lange und führt den Leser sofort an den springenden Punkt heran, der die gesamte Handlung ins Rollen bringt: Willhelm, Lenores Verlobter, kämpft im Siebenjährigen Krieg und keiner weiß, welches Schicksal ihn ereilt hat. Eines Nachts jedoch wird die Hauptcharakterin von einer unheilvollen Ahnung heimgesucht und stellt den Leser bereits zu anfangs vor eine vollendete Tatsache; der Verlobte ist entweder untreu geworden und im fremden Land geblieben, oder er ist im Kampf gefallen. Es ist ein böses Erwachen, welches in seiner Abruptheit die Ballade eröffnet. Ein böses Erwachen in der Tat, ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte um Lenores unheilvolles Schicksal zieht.

„Halloween 1.0: „Die Toten reiten schnell““ weiterlesen

„Götterwelten“ … ein Streifzug durch Geschichte und Mythologie der Germanen

  Kennen Sie Heidrun? Falls die Suche nach der Antwort Sie dazu verlockt, in einem Namenslexikon zu blättern oder an den Sonntagsbesuch bei der Oma zu denken, habe ich gute und schlechte Nachrichten. Die gute: Der Name bedeutet so viel wie „geheimnisvolles Wesen“ (Heid– nach germanisch haidu > Art, Wesen; altnordisch rún > Zauber, altenglisch rūn> Geheimnis). Die schlechte: Heidrun (Heiðr) ist sowohl dem Grímnismál (einem Götterlied der Lieder-Edda) als auch dem Gylfaginning (einem Teil der Prosa-Edda) zufolge eine Ziege der nordischen Mythologie. Statt Milch fließt Met aus ihren Eutern. Dieser dient den Einherjern – den in der Schlacht gefallenen Kriegern – in Walhall als Nahrung. Dem Mythos nach steht Heidrun auf dem Dach von Walhall, wo sie vom Baum Lärad (Yggdrasil) frisst, dem Weltbaum, der aus Teilen des Ur-Riesen Ymir gewachsen ist. Ymir (das erste lebende Wesen) wurde von den Götter Odin, Vili und Vé getötet. Aus den Teilen seines Körpers schufen sie die neun Welten, welche den Kosmos der nordischen Mythologie bilden.

„„Götterwelten“ … ein Streifzug durch Geschichte und Mythologie der Germanen“ weiterlesen

Stonehenge – Eine mythische Reise in die Steinzeit

  Stonehenge. Geheimnisvoll. Mythisch. Sagenumwoben. Um   kaum einen anderen Ort ranken sich mehr Mysterien, als um die jungsteinzeitliche Kultstätte im Süden Englands. Der Steinkreis zieht nach wie vor Besucher aus der ganzen Welt an und gehört zu den touristischen Hauptattraktionen Großbritanniens.

Als ich mit Freunden im April dieses Jahres nach Bristol reiste, gehörte deshalb ein Besuch dieses Weltkulturerbes ganz selbstverständlich zu unserem Programm. Ich hatte Stonehenge bereits 1991 besucht und war damals recht desillusioniert über dessen in meinen Augen arg kommerzialisierte und inadäquate Darbietung; die nahegelegene, stark frequentierte Fernstraße tat ein Übriges dazu, die Aura dieses geschichtsträchtigen Ortes erheblich zu schmälern. Rotweißes Absperrband flatterte rund um die Anlage im Wind und bei jeder fotografischen Aufnahme musste man aufpassen, dass einem nicht versehentlich ein anderer Besucher durchs Bild lief. Umso erfreuter war ich, bei meinem jüngsten Besuch eine völlig neue, der Bedeutung dieses Kulturplatzes weitaus angemessenere Präsentation vorzufinden.

„Stonehenge – Eine mythische Reise in die Steinzeit“ weiterlesen

Frankenstein im Pfingstgeflüster

Mit unserem Beitrag zum Wave Gotik Treffen 2018 wollten wir die Thematik des Frankenstein und seiner Schöpfung einem breiten Publikum auf unterhaltsame Art und Weise näher bringen, was uns auch gelungen ist. Ein volles Haus und interessierte Zuhörer haben uns bestätigt, wie aktuell dieser Roman und seine Grundidee ist.

Umso mehr freute es uns, als mich Marcus Rietzsch, der Herausgeber des Pfingstgeflüster, auf Facebook kontaktierte und anfragte, ob wir nicht Lust hätten einen Vortragsbeitrag beizusteuern. Das Pfingstgeflüster, ein Bild-Text-Band, der jährlich im Zuge des Wave Gotik Treffens in der Edition Subkultur erscheint, hat es sich zur Aufgabe gemacht Impressionen des einzigartigen Musik- und Kulturfestivals festzuhalten und diese in hochwertigem Design zu verewigen. Es bietet Einblicke in Lesungen, musikalische Highlights, Kunstausstellungen und natürlich dem Herz des Leipziger Festivals – die Besucher. Für alle, die diesmal nicht dabei sein konnten, die ein literarisches, zusammenfassendes Erinnerungsstück mitnehmen oder sich Einblicke in Veranstaltungen holen wollen, zu denen sie es leider nicht geschafft haben.

„Frankenstein im Pfingstgeflüster“ weiterlesen

„Anderswelten“ … ein Streifzug durch die Mythologie der Kelten

  Die Welt. Eine Welt. Unsere Welt. Was bedeutet dieses Wort „Welt“? Ist es der Kosmos (das Weltall)? Oder der Planet, auf dem wir leben? Und wenn wir von „dieser Welt“ sprechen, meinen wir damit gemeinhin einen Zeitabschnitt, der zum einen unsere eigene Lebenspanne umfasst, zum anderen die unmittelbare Gegenwart im Blick hat? Eine bekannte Zeitung trägt den Namen „Die Welt“.  Religionen und Mythen kennen die Welt Gottes bzw. die Welt der Götter. So galt etwa für die antiken Griechen die Welt als das Prinzip der Ordnung und der Harmonie. Alles außerhalb davon war Chaos. Moderne Wissenschaftler wiederum untersuchen die Welt der Natur und die Welt des Kosmos. Es gibt die Körperwelt. Seelenwelt. Technikwelt. Scheinwelt. Traumwelt. Die Dritte Welt. Die globalisierte Welt. Literatur kann eine historische, phantastische oder fiktive Welt beschreiben. Der englische Autor Terry Pratchett etwa gilt als der Erfinder der Scheibenwelt. Aber auch das Ich und sein Umfeld wie Familie, Freundeskreis, Partner, Arbeit, eine Gruppe, ein Kulturkreis, eine Gesellschaft können eine Welt bilden. Welt wirkt also im Kleinen wie im Großen. Sie beansprucht Totalität. In der Welt subsumieren sich andere Welten (der Plural von „Welt“ ist erst seit dem 16. Jahrhundert im Sprachgebrauch üblich), die parallel, gleichzeitig oder miteinander verbunden existieren, die sich durchdringen und aufheben, die neu geboren werden oder zugrunde gehen.

Eine für uns geografisch naheliegende und doch gefühlt ferne Welt hat die Keltologin Prof. Dr. Sabine Asmus den Interessierten im Haus des Buches Leipzig vorgestellt. „Keltische Anderswelten und das Leben nach dem Tod“ lautet der Vortrag, zu dem der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie im September 2018 unter dem Jahresthema „Welt der Mythen – Mythen der Welt“ eingeladen hat.

„„Anderswelten“ … ein Streifzug durch die Mythologie der Kelten“ weiterlesen

Rabe und die ersten Menschen

Während Raben in Europa fast ausschließlich als Erkennungstiere von Göttern erscheinen, ist der Rabe in den Kulturen der Nordwestküsten-Indianer selbst eine Gottheit. Er ist sowohl Demiurg als auch Trickster, sowohl Held als auch Schurke, und dies häufig zur gleichen Zeit. In nahezu jeder Schöpfungsmythe der Region ist der Rabe entweder der tatsächliche Schöpfer der Welt oder spielt bei der Schöpfung eine große Rolle. In vielen Mythen erscheint der Rabe in mehreren Gestalten. Dies ist möglich durch die Personifizierung der Tiercharaktere in der Kultur. In der Mythologie der Nordwestküsten-Indianer können Tiere problemlos menschliche Gestalt annehmen und auch ein Leben wie Menschen führen – wobei der Rabe der größte Verwandler von ihnen ist, der in der Lage ist, sich in alles zu verwandeln, um zu bekommen, was er will.

„Rabe und die ersten Menschen“ weiterlesen

9 Monate Irland – Eine Exkursion in Folklore

  Der Begriff Folklore umfasst die populären Glaubensvorstellungen einer Kultur oder Minderheit, und ist somit ein vielschichtiges und breitgefächertes Phänomen der kulturellen Erinnerung und Identität. Es sind Glaubens- und Vorstellungsmuster, welche zwar in Verbindung mit der vorherrschenden Religion entstehen, jedoch weitestgehend außerhalb der etablierten religiösen Institution existieren. Von Traditionen und Bräuchen, über Volksmärchen, Sagen und Aberglaube, umfasst die Folklore einer Kultur alle Aspekte, die meist bereits seit langer Zeit von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden. Diese können in ihren Feinheiten je nach Land, Landstrich oder sogar Region unterscheiden und bieten für alle Außenstehenden, die diese kennenlernen und verstehen wollen, eine Herausforderung, die aufzunehmen sich lohnt. Will man die Kultur eines anderen Landes kennenlernen, ist die Folklore unumgänglich.

(mehr …)

Der wahnsinnige Wissenschaftler und das Scheusal: Zweihundert Jahre „Frankenstein“

   Zwei Gestalten der populären Imagination werden dieses Jahr zweihundert: Frankenstein und sein Monster. Jeder kennt sie, weil jeder mindestens einen Film über sie gesehen hat, und Boris Karloff als Monster in der Verfilmung von 1931 ist geradezu eine Ikone geworden. Immer wieder variieren Drehbuchautor und Regisseure die Geschichte vom besessenen Wissenschaftler, der aus Leichenteilen einen Menschen zusammenbaut, ihn belebt – meist per Galvanismus – und dann vor seiner monströs geratenen Schöpfung Reißaus nimmt und damit eine Kette katastrophaler Ereignisse in Gang setzt. All diese Versionen gehen letztlich auf einen Roman zurück, der 1818 – zunächst anonym – in London erschien: „Frankenstein, oder Der moderne Prometheus“ von Mary Wollstonecraft Shelley. Seine Vielschichtigkeit erreichen sie allerdings selten oder vielleicht nie. Denn um puren Horror geht es darin nicht, auch wenn die Grundidee tatsächlich eine Gruselgeschichte war: Mitte Juni 1816 saßen die englischen Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, Shelleys damals 18jährige Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Mary und Byrons Leibarzt und Reisebegleiter John William Polidori in einer Villa am Genfer See, während es tagelang in Strömen regnete. Die Protagonisten der literarischen Romantik unterhielten sich über neueste naturwissenschaftliche Experimente, über die Möglichkeit, künstliches Leben zu schaffen, lasen einander Gespenstergeschichten vor, die aus dem Deutschen ins Französische übersetzt worden waren und beschlossen dann, selber welche zu erfinden. Bloß Mary wollte lange keine einfallen. Aber dann hatte sie einen Alptraum und ihre Geschichte – und in den folgenden beiden Jahren machte sie ihren ersten Roman daraus.

„Der wahnsinnige Wissenschaftler und das Scheusal: Zweihundert Jahre „Frankenstein““ weiterlesen

Willkommen beim Mytho-BLOG

 

  Mythos [altgriechisch: μῦθος, „Rede“, „Wort“, „Erzählung“, auch „Fabel“, Plural: Mythen; von mytheĩsthai: „reden, lautmalen, erzählen“] ist überlieferte Dichtung oder sagenhafte Erzählung aus der Vorzeit eines Volkes oder einer Volksgruppe, die u. a. von Göttern, Halbgöttern, Naturgeistern, Dämonen, der Entstehung- und dem Untergang der Welt, der Erschaffung des Menschen etc. handelt. Mythen können als „symbolischer Ausdruck von Urerlebnissen […] angesehen werden“ (Häcker/Stapf, 2009, 667). Aber auch Ereignisse, Personen und Dinge können – glorifiziert, mit fiktiver Geschichte oder symbolischer Bedeutung ausgestattet – zur Legende, zum Kultbild, Leitbild oder zur Ikone und damit zum Mythos werden.

Mythen bilden den archaischen Kern davon, was unserer Vorstellung nach die Welt im Inneren und Äußeren zusammenhält, und sind, auch weil sie einen eigenen Anspruch auf beziehungsweise eine eigene Vorstellung von Wahrheit für sich in Anspruch nehmen, tief im kulturellen Gedächtnis verwurzelt.

Die Zusammenstellung aller Mythen eines Volkes oder einer Volksgruppe (wie bspw. der Griechen, Germanen, Kelten etc.) wird als Mythologie bezeichnet.

Was der Mythos im Konkreten ist, was ihn ausmacht, was ihn abgrenzt, was ihn verklärt, was Mythen also im Grunde zu Mythen macht und welche Problematiken sich hierdurch ergeben, darüber gibt es seit dem  19. Jahrhundert vor allem in den Wissenschaften ganz unterschiedliche Vorstellungen und Definitionen.

Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie möchte einem breiten, generationenübergreifenden Publikum Einblicke in die Mythen und Mythentheorien der Welt vermitteln. Dazu führt der seit 1995 bestehende Verein, der deutschlandweit einzigartig ist, im Jahr zahlreiche Lesungen, Vorträge und Podiumsdiskussionen durch, deren Erkenntnisse vielfach Eingang in die Schriftenreihe des vereinseigenen Verlags mit dem klingenden Namen „edition vulcanus“ finden. Aber auch aktuelle und vergangene mythische, literarische und kulturelle Lektüre, Exkursionen, ureigene Gedanken zum Mythos, zur Rezeption von Mythen oder deren Verarbeitung in Film, Kunst und Theater zählen zu den Aufgaben des Arbeitskreises und werden ab sofort in regelmäßigen Abständen in unseren Beiträgen vorstellt.

Es lohnt sich also, jeden Freitag auf unseren Seiten vorzubeizuschauen, denn die Arbeit am Mythos hört niemals auf.

Willkommen auf unserem Mytho-BLOG.

Beitrag von Dr. Constance Timm

Literatur:

Hartmut Häcker, Kurt-Hermann Stapf: Dorsch Psychologisches Wörterbuch, 15. Aufl. Bern 2009.