„Leicht ist der Abstieg zur Unterwelt“ – Eine mythische Reise unter Tage

Der Begriff „Unterwelt“ weckt in uns verschiedenste Assoziationen. Manch einer verbindet damit etwas Düsteres, Kriminelles; eine Parallelwelt, in der Menschen leben und wirken, die sich einen eigenen Raum fernab gängiger Normen und Gesetze geschaffen haben. Für andere bedeutet „Unterwelt“ ein Ort unter Tage, fernab vom Licht, bedrückt von Enge und Mangel an frischer Luft, wie es über Jahrhunderte lang im Kohle- und Erzbergbau der Fall gewesen ist. Die „Unterwelt“ ist also eine räumliche Abgrenzung von der Welt, die wir kennen, die den Besucher mit besonderen Begebenheiten und Ansprüchen konfrontiert. In kultureller und mythischer Deutung ist sie auch die Welt, in der die Seelen der Verstorbenen nach dem Tod einziehen und leben, ein Reich, das für den Sterblichen verschlossen bleibt. Sie ist eine Vorstellung, ein Konstrukt, das wir uns in Geschichten und Legenden imaginieren und bevölkern. Vielleicht, um uns dadurch unsere Angst vor dem Dunkeln (und die Unterwelt wird mit Dunkelheit per se in Verbindung gebracht), dem Unbekannten, dem Unterbewussten in uns selbst und in unserer Umwelt einen Ausdruck zu verleihen. Vielleicht auch, um uns das Wissen um den Tod, der letzten Schwelle zum Unbekannten, die uns allen vorherbestimmt ist, erträglicher zu machen. Der Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung (1875-1961), hat die „Unterwelt“ mit den sogenannten Mutterarchetypen in Zusammenhang gebracht; das Gebärende, Fruchtspendende und Leben bringende einerseits, schließt andererseits das Geheime, das Finstere, Todbringende und Abgründige wie in einem Kreislauf mit ein. Oder, wie es die Alchemisten, ausgehend von ihrer mythischen Schrift, der Smaragdtafel des Hermes Trismegistos, auszudrücken wussten: Das Oberen ist das Untere. Das eine existiert nicht ohne das andere. Das passt in die dualistische Vorstellung, die dem Menschen zu eigen ist, man denke da an Gut und Böse, Groß und Klein, Laut und Leise, Himmel und Hölle, Schwarz und Weiß etc. Und so muss es – fast zwangsläufig – neben der Oberwelt auch einen Ort jenseits davon geben.

Denkt man die „Unterwelt“ als einen Ort, ist es auch möglich, diesen – zumindest imaginär – zu bereisen, was Höllenfahrt oder Unterweltreise (katábasis, griech.
κατὰ „unten“ and βαίνω „gehen“ ) genannt wird. In den Mythologien von Griechen, Römern und des alten Orients sind es die sogenannte Nekyia, die in der Lage sind das Reich der Toten zu betreten. Dabei handelt es sich immer um „Auserwählte“, meistens Götter wie Inanna und Ishtar oder Heroen wie Herakles, Aeneas (dem Mythos nach gezeugt von Aphrodite) und Theseus, hin und wieder auch Sterbliche wie Odysseus oder Orpheus. Sogar Christus soll zwischen Kreuztod und Auferstehung in die Hölle hinabgestiegen sein, um die Seelen der Gerechten zu befreien. (1. Petrus 3, 19 und Epheser 4, 9)

Wörtlich übersetzt bedeutet „Nekyia“ (griechisch: νέκυια) „Totenopfer“ oder „Totenbeschwörung“ und geht auf Homers „Odyssee“ zurück, wo es heißt:

„Aber nun eilt‘ ich, und zog das geschliffene Schwert von der Hüfte;
Eine Grube zu graben, von einer Ell‘ ins Gevierte.
Hierum gossen wir rings Sühnopfer für alle Toten:
Erst von Honig und Milch, von süßem Weine das zweite,
Und das dritte von Wasser, mit weißem Mehle bestreuet.
Dann gelobt‘ ich flehend den Luftgebilden der Toten,
Wann ich gen Ithaka käm, eine Kuh, unfruchtbar und fehllos,
In dem Palaste zu opfern, und köstliches Gut zu verbrennen,
Und für Teiresias noch besonders den stattlichsten Widder
Unserer ganzen Herde, von schwarzer Farbe, zu schlachten.
Und nachdem ich flehend die Schar der Toten gesühnet,
Nahm ich die Schaf‘, und zerschnitt die Gurgeln über der Grube;
Schwarz entströmte das Blut: und aus dem Erebos kamen
Viele Seelen herauf der abgeschiedenen Toten. “

(Odyssee, 11. Gesang, Vs. 29-37)

Es muss also ein Tribut geleistet werden (im Fall von Odysseus Trank- und Tieropfer), will man die Unterwelt (hier den Hades) betreten. Denn von den dort lebenden Seelen und Geistern erhoffte man sich Rat, eine Auskunft über die Zukunft oder das Wissen, wie der Tod überwunden werden kann. So prophezeit der Geist des blinden Propheten Teiresias, das weitere Schicksal des Odysseus und seiner Gefährten, u.a. dass er auf der Insel Thrinakia die Rinder des Helios nicht verletzen dürfe und am Ende der Irrfahrten allein nach Ithaka zurückkehre würde.

Auch im 6. Buch der „Aeneis“, gewissermaßen dem römischen Nationalepos, welches der römische Dichter Vergil (70 v. Chr. – 19 v. Chr.) in zehnjähriger Arbeit verfasste, begibt sich der aus Troja stammende Aenas mit Hilfe der Sibylle von Cumae, einer Priesterin, die dem Orakel von Cumae (nahe Neapel) vorstand, in die Unterwelt, wo ihm der Geist seines Vaters Anchises die Gründung Roms sowie den Aufstieg Roms zur Weltmacht prophezeit.

„Ja, als Begleiter dem Ahn schließt dort der mavortische Spross sich
Romulus an; ihn erzieht aus Assarakos‘ Blute die Mutter Ilia.
Siehst du ihn wohl, wie vom Scheitel der doppelte Strahl flammt?
Schon mit dem ehrenden Schmuck ihn der Vater der Götter bezeichnet?
Seiner geheiligten Macht dankt Roma es, die erlauchte,
Dass ihr Reich einst über die Welt, ihr Mut zum Olymp reicht.“

(Aeneis, Buch 6, Vs. 777-782)

Das Buch über Aeneas‘ Unterweltfahrt umfasst im Ganzen 901 Verse und veranschaulicht, dass dieses Reich ein komplexes Gefüge aus Landschaften, aber auch Personen (Götter, Helden und Ahnen) ist, eine Welt abseits der „Welt“ und doch ein Teil davon.

Die griechische Unterwelt kennt Erebos, Orcus und Hades (alle drei nach Totengottheiten benannt) als eigenständige Bereiche. Zudem existiert der Tartaros als eine Art Hölle unter der Hölle, angeblich so tief, dass ein Amboss, der von der Erde hinabfällt, neun Tage braucht, ehe er das Ende erreicht hat (Hesiod, Theogonie, Vs. 722-725). Im Gegensatz zur übrigen Unterwelt ist der Tartaros den Strafen und ewigen Qualen vorbehalten. Die gesamte Unterwelt der griechischen Mythologie wird von den Flüssen Styx und Acheron von der Oberwelt getrennt. Daneben gibt es noch andere Flüsse, die den Hades (zur Erleichterung sei fortan dieser Begriff verwendet, weil er von allen der geläufigste ist) durchkreuzen, u. a. Lethe (der Fluss des Vergessens) oder Pyriphlegethon, ein Fluss, welcher niemals erlöschende Flammen anstellen von Wasser führt. Der Fährmann Charon am Unterweltfluss Acheron (oder Styx) ist eine der bekanntesten Unterweltgestalten. Seine Aufgabe ist es, die Seelen der Verstorbenen mit seinem Boot in den Hades zu tragen. Um dies zu gewährleisten, muss der Tote dem Fährmann seinen Lohn in Form von Münzen, dem sogenannten Obolus bezahlen. Die Lebenden haben daher Sorge zu tragen, dass diese Bezahlung bei der Bestattung gewährleistet wird. In seiner Göttlichen Komödie beschreibt der Dichter Dante Alighieri (1265-1321) die Szene folgendermaßen:

„Dann sammelten sich alle, die dort kamen.
Laut weinend an dem niederträchtigen Strand,
Der aller harrt, die schmähen Gottes Namen.

Charon, der Dämon mit den Augen Brand,
Versammelt sie, ein Zeichen gebend allen:
Schlägt mit dem Ruder, wer nicht kommt gerannt.“

(Hölle, III. Gesang)

Der Hades war durch eine Kluft mit der Oberwelt wie über eine Art Brücke verbunden, die man angeblich am Ende der Welt (am Ufer des Okeanos) oder im Heiligtum der Göttin Demeter in Eleusis (laut der Geographica des Dichters Strabon) finden konnte. Ursprünglich war der Hades für alle Verstorbenen gleich, die dort als Schatten mehr oder weniger ihr Dasein fristeten. Später gab es die Totenrichter (Aiakos, Minos und Rhadamanthys), die über die Seelen entschieden. Entweder gingen sie ein in den Fluss Lethe oder sie kehrten ein ins Elysion (die griechische Variante vom Paradies). Sünder und Frevler wurden dagegen zu ewiger Strafe in den Tartaros verdammt. Es ist unschwer zu erkennen, dass die Vorstellungen der griechischen Unterwelt die christliche Mythologie und ihr Verständnis von Erlösung und Verdammnis mitgeprägt haben dürften.

Aber kommen wir noch einmal auf ein paar unterweltliche Details zurück. Ebenso wie in der griechischen Unterwelt, waren auch Niflheim und Helheim, die Unterwelten der nordischen Mythologie, von einem Fluss umgeben. Dieser wurde von einer goldenen Brücke überspannt, die Diesseits und Jenseits miteinander verband. Bewacht wurde sie vom Riesen Modgudr oder (in einer anderen Version) vom Höllenhund Garm (die Parallele zum griechischen Höllenhund Kerberos liegt hierbei mehr als nahe). Allerdings gelten Helheim oder Niflheim nicht als Orte der Strafe oder Verdammnis. Die Seelen lebten hier, der mythologischen Vorstellung nach, einfach fort, ohne unter die Lebenden zurückkehren zu können. Bei den Nordgermanen ist außerdem Walhalla ein eigenständiges Totenreich, das nur von den Seelen gefallener Krieger bewohnt wird.

In der Mythologie des alten Mesopotamien kannte man die Unterwelt als Kurnugia oder „Land ohne Wiederkehr“. Auch dieses war von einem Fluss, dem Hubur, umgeben. Zudem besaß es sieben Tore. In der griechischen Unterwelt finden wir statt Toren nur einen Eingang, der vom Höllenhund Kerberos bewacht wird, während in der nordischen Mythologie wiederum das Höllentor Hellgrind am Ausgang der goldenen Weltenbrücke saß. Dem Höllentor hat wiederum Dante das wohl einmaligste literarische Denkmal überhaupt gesetzt.

„Durch mich gelangt man zu der Stadt der Schmerzen,
Durch mich zu wandellosen Bitternissen,
Durch mich erreicht man die verlorenen Herzen.


Gerechtigkeit hat mich dem Nichts entrissen;
Mich schuf die Kraft, die sich durch alles breitet,
Die erste Liebe und das höchste Wissen.

Von mir ward nichts Geschaffenes bereitet,
Nur ewiges Sein, so wie ich ewig bin,
Lasst alle Hoffnung, die ihr mich durchschreitet.“

(Hölle, II. Gesang)

Wirft man einen Blick über den Atlantik und in die Mayareiche von Mittelamerika, findet sich erneut Erstaunliches. Die Maya kannten die Unterwelt als Xibalbá, was so viel wie „Ort der Angst“ bedeutet. Sie besaß neun Stufen und war (bis auf Geopferte oder Frauen, die im Kindbett starben) für alle Verstorbenen gleich. Die Totengötter (mit wenig freundlich klingenden Namen wie „Schädelstab“ oder „Blut ist seine Klaue“) erlegten den Seelen Aufgaben und Prüfungen auf. Nur wer diese bestand, Kämpfe zu seinen Gunsten ausfocht oder zahlreiche Leiden überstand, durfte Xibalbá verlassen und war würdig, zu den Göttern aufzusteigen. Auch, wenn der Vergleich ein wenig weit hergeholt anmutet, findet sich der Gedanke an einen Ort des Leidens der Seelen (und deren Läuterung) in den seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. und schließlich ab dem 12. Jahrhundert gängigen, christlichen Vorstellungen des Fegefeuers wieder. Im Fegefeuer sollte für die Sünden des Lebens gebüßt werden, um nach erfolgreicher Buße in den Himmel und das Reich Christi aufzusteigen.

Dante Alighieri hat (mit Ausnahme der transatlantischen Mythologien) die Unterweltvorstellungen des Abendlandes und, indirekt, auch die des Morgenlandes aufgegriffen und seine eigene Jenseits- oder Unterweltsreise erschaffen. Eine Reise durch die Hölle, das Fegefeuer bis ins Paradies. Die christliche Prägung ist – Dante schrieb ab dem Jahr 1307 – unverkennbar. Ist es ein Weg der Erlösung, den er damit paradigmatisch legen wollte? Ist es seine Liebe oder man kann sagen, Besessenheit, für Beatrice Portinari gewesen, die ihn beflügelt hat? Nicht zufällig wird er Vergil, den Vater der „Aeneis“, als „Unterweltführer“ durch Hölle und Fegefeuer gewählt haben. Nicht nur mit ihm, sondern auch mit all den anderen mythologischen Gestalten und Geschichten, hat Dante die antiken Unterweltdarstellungen und Unterweltreisen lebendig gehalten und auf seine eigene Weise der Nachwelt ins Gedächtnis geschrieben. „Facilis descensus Averno“ – „Leicht ist der Abstieg zur Unterwelt“, hat es der eben erwähnte Vergil einst beschrieben und damit metaphorisch vielleicht auch auf den Lago d’Averno angespielt, wo er selbst den Übergang zur Unterwelt vermutete.

Es gibt noch viele Unterwelten zu entdecken, sowohl die in den Kulturen und Mythologien der Welt als auch die in uns selbst und jene, die uns nach einem (hoffentlich) langen Leben erwarten. Darum sollten wir immer eine Münze bei uns tragen und die Aussicht auf eine Reise nicht scheuen.

Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Dante Alighieri. Die göttliche Komödie. Wilhelm G. Hertz (Übersetzung). 12. Aufl. München 2001.

Hesiod. Theogonie. Otto Schönberger (Übersetzung). Reclam: Stuttgart 2014.

Homer. Odyssee. Johann Heinrich Voß (Übersetzung). Hamburg 2017.

Vergil. Aeneis. Wilhelm Hertzberg (Übersetzung). 2. Aufl. Berlin 2016.

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“

Lasst uns vom Wind erzählen. Ich gebe zu, würde mich jemand fragen, was der Wind ist, würde mir im ersten Moment keine passende Antwort einfallen und im zweiten Moment vermutlich das Zitat aus Hänsel und Gretel: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“. Zum einen, weil es ein bekannter Reim aus einem bekannten Märchen ist. Zum anderen, weil dem Wind, lässt man sich die Worte einmal gründlich auf der Zunge zergehen, tatsächlich etwas Kindliches anmutet. Er ist verspielt. Er ist unberechenbar. Ist er ausgeglichen, beglückt er uns mit einem lauen Lüftchen. Ist er aufgewühlt, stürmt und tobt er. Ist er traurig, heult er. Und ist er zufrieden, säuselt er. Wind ist im Grunde ständig um uns. Wir sehen von ihm aber nur seine Wirkung auf die sichtbaren Dinge und auf uns selbst. Sein Wesen, seine Gestalt ist für uns – mit Ausnahme von Tornados oder Superstürmen – weitgehend unsichtbar. Wind ist bewegte Luft und Luft brauchen wir zum Atmen und für die Erhaltung unserer Existenz.

Schon in der Philosophie der alten Griechen ist Luft (gedacht als „pneuma“ – das materielle, luftartige Prinzip von Natur und Leben) mit dem Geist und der Seele oder aber mit dem Schicksal in Verbindung gebracht worden. So sahen u.a. die Stoiker im „pneuma“ eine Form von alles durchdringender, kosmischer Macht, während die christliche Theologie es als Heiligen Geist oder Geist Gottes umgedeutet hat. Vielleicht liegt die wahre Seele der Luft aber im Wind. Einfach deswegen, weil er von den vier bekannten Elementen das stärkste ist. Seine Kraft treibt das Wasser an und bewirkt die Strömungen im Meer. Wind kann bereits verglühendes Feuer wieder neu entfachen und sein Atem lässt Böden und Gestein erodieren. Daher ist er sowohl als gutes wie auch als böses Prinzip seit jeher in den Vorstellungen der Menschen mit dem Wirken übermenschlicher Wesen wie Göttern, Riesen oder Dämonen in Verbindung gebracht worden. In der Edda (Wafthrudnirlied 37) sitzt der Riese Hraeswelg („Leichenverschlinger“) in Gestalt eines Adlers am Rand des Himmels und verursacht den Wind durch das Schlagen seiner Schwingen. Beschwichtigen kann man den Wind, wenn er in Tiergestalt auftritt (neben Adler sind noch Eber, Wolf, Hund, Pferd und Bär möglich), indem man ihn füttert. Das sogenannte „Windfüttern“ ist im Volksglauben weit verbreitet. Brotkrumen, Salz, Mehl oder Federn werden dabei auf die Fensterbank gelegt. Auch ungebackene Brotlaiber in Form von Symbolen, Tieren oder Menschen auf Zäune zu stecken oder anzubrennen, soll den Wind gnädig stimmen.

Wind existiert auf der gesamten Welt. Ihm sind keine Grenzen gesetzt wie Feuer, Wasser oder Erde. Er driftet über allen und findet seinen Weg in die kleinsten Spalten. Er steht niemals still. Er muss sich immer selbst aufs neue antreiben und wandern, wobei er sehr oft als Mittler von Fruchtbarkeit und Mangel gedeutet wird. Im Märchen „Als der Wind sich verliebte“ (aus Kamerun) wird dazu folgendes erzählt: „Eines Tages war der Wind müde geworden vom vielen Herumrasen. Er ließ sich in einem versteckten kleinen Tal nieder, um Ruhe von Allem zu finden. Trocken und heiß war es aber in dem kleinen Tal. Die Sonne brannte derart herunter, dass selbst dem Wind der Atem stockte. Gräser und Büsche waren gelb vor Trockenheit, kein Tier außer der Eidechse ließ sich blicken. Und selbst die hob abwechselnd immer zwei Beine in die Höhe, wenn sie stehen blieb. Denn der Boden war sogar ihr zu heiß, um länger darauf stehen zu können.“ Im Tal machte der Wind die Bekanntschaft mit einem Mangobaum und verliebte sich in diesen. Da es aber, ohne den Wind, immer heißer ward, wurde der Mangobaum traurig: ‚„Mein lieber Wind“, sprach er, „was wirst du denn für ein Wind sein, wenn du aufhörst zu wehen, wenn du aufhörst zu rauschen und zu tanzen? Alles Grün wird verdorren, die Menschen die Tiere werden verhungern ohne dich. Kein Wasser wird mehr fließen können. Die Menschen brauchen dich doch. Du wohnst draußen in der ganzen Welt. Dein Platz ist leider nicht hier bei mir.“ Das sah der Wind wohl ein. Schweren Herzens nahm er nach einiger Zeit Abschied von seinem liebsten Mangobaum. Er machte sich wieder auf in die Welt, dorthin, wo alle schon sehnsüchtig auf ihn warteten. Den Geruch vom Mangobaum aber, den hatte er fest in seinem Herzen eingeschlossen und von nun an immer bei sich.'“

Die Griechen widmeten dem Wind im 1. vorchristlichen Jahrhundert sogar ein Bauwerk in Athen, das als der „Turm der Winde“ bekannt ist und noch heute Archäologen, Touristen und Interessierte anlockt.

Der Turm der Winde (Athen)

Der Bauforscher Hermann Kienast bescheinigt diesem gar „der besterhaltene Bau der Antike in ganz Griechenland“ zu sein. Stolze 13 Meter ist der „Turm der Winde“ hoch und wurde nach Entwürfen des makedonischen Astronomen und Architekten Andronikos von Kyrrhos errichtet . Dabei zeigt das oktogonale Bauwerk die Reliefs der acht von den Griechen verehrten Haupt- und Nebenwinde. Diese waren: Boreas, der Nordwind. Kaikias, der Nordostwind. Apheliotes, der Ostwind. Euros, der Südostwind. Notos, der Südwind. Lips, der Südwestwind. Zephyros, der Westwind. Und Skiron, der Nordwestwind. Auffällig, ist, dass alle Winde männlich sind; vier gereifte Männer mit Bart und Mantel stehen vier junge Männer mit Attributen wie Früchten, Kannen oder Blumen gegenüber. Unter jedem der Windreliefs war ursprünglich eine Sonnenuhr angebracht. Im Turm selbst befand sich eine Wasseruhr. Das Dach krönte, den archäologischen Untersuchungen zufolge, eine Figur (wahrscheinlich ein bronzener Triton), der als Wetterfahne fungierte und sich je nach Windlage in die entsprechende Richtung bewegte.

Lips, der Südwestwind

Eine faszinierende Vereinigung der Elemente, die Raum für Deutungen lässt. Ursprünglich orientierte sich das griechische Windsystem an den Jahreszeiten (Boreas, der Nordwind, der den Winter bringt; Zephyros, der Westwind, der das Frühjahr einläutet; Notos, der Südwind für den Sommer mit seinen Gewittern). Den drei Hauptwinden waren dabei auch die Orphischen Hymnen No. 79 -81 gewidmet.

„Sea-born, aerial, blowing from the west, sweet gales, who give to weary’d labour rest:
Vernal and grassy, and of gentle found, to ships delightful, thro‘ the sea profound;
For these, impell’d by you with gentle force, pursue with prosp’rous Fate their destin’d course.
With blameless gales regard my suppliant pray’r, Zephyrs unseen, light-wing’d, and form’d from air.“
(Orphische Hymne 80, An Zephyros)

Dagegen mutet die Windsbraut, ein Wetterdämon der germanischen Mythologie, der man nachsagt, vor allem während der Zeit der „Wilden Jagd“ zum Abschluss des Jahres ihr Unwesen zu treiben, geradezu gruselig an, wenn sie durch Ritzen kriecht oder das Heu aufwirbelt. Durch Lärm ließ sie sich ebenso vertreiben wie durch das Werfen eines sogenannten Drudenmessers, dem man nachsagt, es könne Geister und Schadenszauber abwehren. Die Ursprünge der Windsbraut lassen sich ebenfalls bis in die griechische Mythologie zurückverfolgen. Demnach entführte Boreas die Nymphe Oreithyia (Ovid, Metamorphosen, Buch 6), weshalb diese danach – recht abwertend – als Windsbraut bezeichnet wurde. Vor allem die heftigen Wirbelwinde am frühen Morgen werden mit ihr in Verbindung gebracht.

Wind ist aber nicht nur eine elementare Kraft, die nach eigenem Gutdünken wirkt. Er konnte auch beschworen werden. Wind- und Wetterzauber, die dem Volksglauben nach nur mit übermenschlichen, respektive teuflischen Kräfte in Verbindung stehen konnten, wurden häufig als das Werk von Hexen proklamiert. Dazu zählt u. a. die Vorstellung, Winde und Sturm (aber auch Nebel oder Gewitter) hervorzurufen, indem Steine in eine Höhle, einen Sumpf oder einen Abgrund geworfen werden. Auch das Schlagen mit Stöcken auf einen Fluss sollte die Winddämonen entfesseln, von denen man glaubte, sie hausten in der Erde und könnten durch solcherlei Handlungen in Wut emporsteigen. Sogar Martin Luther war der Ansicht, dass, wenn man einen Stein in einen Sumpf wirft, dieser den Bann des Teufels lösen könne, der dann einen furchtbaren Sturm über die Erde bringe.

Das Auftreten bzw. Nicht-Auftreten des Windes wurde auch für das Wahrsagen genutzt. So soll der Wind ein Zeichen dafür sein, wenn sich jemand erhängt hat. Damit in Zusammenhang steht die Vorstellung von der „Wilden Jagd“, in welche die Seelen der Verstorbenen einfahren. Wotan, einer der Anführer dieser geisterhaften Gesellschaft, zählt zu den Gehenkten, da er selbst neun Nächte lang am windigen Baum hing. Heult der Wind im Ofenloch, soll es dem Volksglauben nach kalt werden. Weht der Wind nachts ohne Unterlass, ist Regen nicht fern. Eine besondere Bedeutung kommt dem Wind in der Zeit der „Zwölften“ zu (den 12 Nächten zwischen Weihnachten und Neujahr), denn dann bringt er Fruchtbarkeit. Im Volksmund findet sich dazu häufig der Ausspruch, die Bäume würden „rammeln“.

Zum Abschluss sei noch eine Windgeschichte erzählt, die Franz Xaver von Schönwerth (1810-1886), ein Volkundler der Oberpfalz überliefert. Demnach war der Wind ein alter Mann mit langem Bart. Dieser versteinerte einen Mann, der ihm nicht sonderlich wohlgesonnen war. Die Windsbraut hatte den Mann zuvor in den gläsernen Berg, den Palast des Windes geführt, wo der Wind ihn durch den Schlag mit einer Rute versteinerte. Und weiter heißt es: „Es kommen täglich neue Menschen, die versteinert werden. Der Mann wird aber auf wundersame Weise befreit durch einen Vogel, der ihm den Ring und einen Zettel von seiner Gattin bringt. Der Vogel führt ihn fort zu einem Fürsten, der ihm sagt, er sei sein Befreier. Mit einem dritten Befreiten zusammen kämpfen sie dann gegen das Heer der Winde. Es ist kurz vor 11 Uhr, von Schlag 11 an wird der Wind Gewalt über sie haben. Da öffnet einer (der Männer) weit den Mund, daß der Wind und sein Heer einziehen, schließt dann den Mund wieder und speit später den ganzen Mageninhalt ins Meer. Seitdem ist das Meer so unruhig und alle Winde kommen daher.“ (überliefert in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 9, Sp. 637 f.)

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 9. Hanns-Bächtold Stäubli/Eduard Hoffmann-Krayer (Hrsg.). Berlin 1987.

Hermann J. Kienast: Der Turm der Winde in Athen. Reichert: Wiesbaden 2014.

The Theoi Greek Mythology Website (www.theoi.com)

Wind erzählt. Magische Weltmärchen vom Wind. Tobias Koch (Hrsg.). München 2016.

Person und Mythos – Die heilige Elisabeth von Thüringen

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Dies ist die Lebensbeschreibung und die Legende der gottseligen St. Elisabeth, der Tochter des edlen Königs von Ungarn, die nach Gottes Willen und Fügung mit dem edlen Fürsten Landgraf Ludwig von Thüringen vermählt wurde.” (Leben und Legende, S. 7)

Mit diesen Worten beginnt der Dominikaner Dietrich von Apolda (vermutlich 1230-1302) seine Vita, welche zwischen 1289 und 1291 entstand: die Vita der heiligen Elisabeth von Thüringen. Diese schillernde Gestalt des Mittelalters, heilige Landespatronin von Thüringen und Hessen, erfährt hier eine Aufarbeitung im Sinne von “Leben und Legende”: neben den Fakten finden sich viel Erzählstoff und Geschichten um die Person Elisabeth von Thüringen, die zur Bildung eines unverkennbaren Mythos führten.

Sie ist vieles, u. a. die verklärte Heilige, deren Person von Klerus und Kirche konstruiert wurde und auf deren Grundstein ihre Geschichte überdauerte. Schaut man jedoch hinter diese aufgebaute Fassade, sieht man eine Frau, die ihre Überzeugungen verteidigte und einem anderen Weg folgen wollte, als jener, der ihr von Gott gegeben zu sein schien.

Ich bin erst kürzlich auf der Wartburg gewesen, auf der ihr Mythos noch heute lebendig gehalten wird – eine solche Persönlichkeit zieht eben die Touristen an. Obwohl von hohem Stand, widmete sie ihr Leben Gott und ihren Besitz dem Armutsideal ihrer Zeit, was zu steten Konflikten mit den umliegenden Adligen, ihrer eigenen Familie und schließlich dem Verlust ihres Lebens führte.

Die Wartburg in Eisenach

Nicht nur in Elisabeths Fall ist es schwer, erdichtete Heilige und historische Person zu trennen, da viele Informationen über ihr Leben auf jenen Heiligenviten basiert. Der Mythos verschleiert oft die Wurzel, das Eigentliche. Ist man jedoch sowohl mit den gesellschaftlichen als auch religiösen Gepflogenheiten ihrer Zeit vertraut und sieht auf die wenigen Berichte der Zeitzeugen, so kann man den Unterschied zumindest erahnen.

In einer Zeit, in der Frauen ihre Identität vom Status ihrer männlichen Vormunde diktiert bekamen, erklärt Dietrich von Apolda uns in diesen ersten, genannten Sätzen bereits, wer Elisabeth von Thüringen in ihren Grundzügen ist. Zumindest nach mittelalterlichen Maßstäben.

Sie wurde 1207 als Tochter des ungarischen Königs Andreas II. und dessen Frau Gertrud von Andechs geboren, und stammte somit aus den höchsten Adelskreisen Europas. Bereits als Kleinkind wurde sie der Dynastie der Ludowinger in der Landgrafschaft Thüringen versprochen, eine Verbindung, die vermutlich dem Hause Andechs-Meranien und besonders ihrer Mutter zusagte – von Letzterer meint Dietrich sie „verstand gute Absichten durchzusetzen, denn sie besaß in ihrem weiblichen Körper einen männlichen Sinn und regelte alle Angelegenheiten des Königreiches.” (Leben und Legende, S. 11)

Der zweite Vormund, den Dietrich von Apolda erwähnt, ist Elisabeths Ehemann Ludwig IV. von Thüringen, den sie schließlich heiraten sollte. Für die Menschen ihrer Zeit wäre die Person Elisabeth von Thüringen somit ausreichend erklärt gewesen, aber sie selbst sorgte dafür, dass sie nicht nur wegen Herkunft und Ehepolitik in Erinnerung bleiben würde.

Im Detail beschreibt Dietrich, wie die vierjährige Elisabeth samt Geleit und einer sehr reichlichen Mitgift im Jahr 1211 auf die lange Reise nach Thüringen geschickt wird und lässt sich schließlich zu der Aussage hinreißen: „Kurz gesagt, sie schickte so viel, daß man so schöne, kostbare und erlesene Schätze, wie die Königin ihrer Tochter mitgab, niemals nach Thüringen gebracht, noch jemals dort erblickt hatte.” (Leben und Legende, S. 11). Er deutet dabei an, Elisabeth wäre im Bezug auf Reichtum unter ihrem Stand verlobt worden. Zwar war sie eine Königstochter, doch die Landgrafschaft Thüringen gehörte damals zu einem der mächtigsten und wohlhabendsten Häuser deutscher Lande.

Sie wurde am Hof ihres Zukünftigen erzogen, was zu ihrer Zeit gängige Praxis war. Es ist wahrscheinlich, dass Elisabeth mit dem früh verstorbenen Erstgeborenen Hermann verheiratet werden sollte, nach dessen Tod 1216 jedoch dem nächstjüngeren Sohn anverlobt wurde. Wie es in Heiligenviten üblich ist, soll Elisabeth bereits als Kind äußerst fromm, intelligent und gutherzig gewesen sein.

„Selbst bei den Kinderspielen richtete sie die Hoffnung zu Gewinnen auf Gott, denn sie schenkte von ihrem Gewinn stets den zehnten Teil armen Kindern und nötigte sie zugleich, ein Paternoster und ein Ave Maria zu beten.” (Leben und Legende, S. 12)

Kinder hätten laut Dietrich gesehen, wie Elisabeth von Jesus Christus besucht wurde. Das Fundament ihrer Heiligkeit wurde frühzeitig gelegt, doch die Besuche durch Heilige und Christus sollen ihr Leben lang angehalten und somit die Richtigkeit ihres Werdeganges belegt haben. An einem Hof, der seinerzeit als kultiviertes Zentrum von Dichtkunst und Minne galt, und wo man die damit verbundenen “Ausschweifungen” von Farben, Festen und Finesse schätzte, lehnte Elisabeth dieses wohl schon frühzeitig ab.

Nachdem ihre Mutter aus machtpolitischen Gründen während der längerfristigen Abwesenheit ihres Mannes 1213 ermordet wurde, blieb der zweite Teil der versprochenen Mitgift aus. Dies ließ man das Mädchen wohl in den nächsten Jahren deutlich spüren, auch von einem Zurückschicken der Braut soll die Rede gewesen sein. Dass sie lediglich ein Pfand und Geldwert in den Ränkespielen der Mächtigen war, das begriff die Königstochter sicherlich schnell. In den Legenden und der Vita erscheint es jedoch so, als hätte man sie wegen ihrer ungewöhnlichen Lebensart zurückschicken wollen.

Als besonders ungnädig beschreibt Dietrich von Apolda auch die zukünftige Schwiegermutter Sophia, welche die junge Braut nach Strich und Faden getadelt und kritisiert haben soll. Ebenso wie die kategorische Ablehnung ihrer Frömmigkeit wegen, so gehört wohl diese Antagonistenrolle in das Reich der überspitzten Heiligenlegenden. Elisabeth sollte nach ihr Landgräfin werde und eine gewisse Besorgnis, die Sophia in Anbetracht der Verweigerung Elisabeths gegenüber höfischen Lebens und dynastischer Repräsentation gezeigt haben mag, wäre verständlich.

Aus der Perspektive mittelalterlicher Religiosität kann man sich keine besseren, lobenswerteren Anlagen wünschen. Dies wird in den Geschichten, auf denen ihr Mythos beruht, überdeutlich. In ihrem weltlichen Leben war das Größte, das sie erhoffen konnte, die Anleitung und der Vorstand des Haushaltes und eine Rolle als schmückendes Beiwerk. Ihr Unwillen, diese Rolle einzunehmen, war höchst problematisch.

Doch allen realen oder angedichteten Intrigen zum Trotz, waren Ludwig und Elisabeth das “Traumpaar des deutschen Mittelalters”, wie sie oft bezeichnet werden. Sie liebten einander wirklich, darin stimmen sowohl Heiligenvita als auch historische Quellen überein. Ihre Ehe muss so viel glücklicher als die allgemeine Adligenheirat gewesen sein, dass sie schon geradezu als unorthodox angesehen wurde. Ihr entsprangen drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter.

Sie verbrachten ungewöhnlich viel Zeit miteinander und interessanterweise verurteilte Ludwig ihr Streben nach einem gottgefälligen Leben nie. So ermöglichte er ihr, dass sie karitative Tätigkeiten weitgehend ungestört verrichten konnte. Lediglich ihren Hang zu übertriebener Selbstgeißelung, die ihre Gesundheit gefährdeten, versuchte er im Rahmen zu halten. Sie neigte sogar dazu, sich nachts von ihren Hofdamen zum Gebet aufwecken zu lassen, indem diese an ihrem Zeh zogen.

„Dabei geschah es aus Versehen, daß die ehrbare Isentrut nach den Zehen des Fürsten faßte und ihn aus dem Schlaf weckte. Er begriff sogleich, daß dies mit ihrer Andacht zusammenhing, und schwieg geduldig dazu.” (Leben und Legende, S. 21)

Diese Episode ist im Detail so humoristisch und einzigartig, dass sie vermutlich wirklich stattgefunden hat. Es spricht für Ludwigs freundlichen Charakter und Liebe zu seiner Frau, dass er in dieser Situation auf solch gelassene Art reagierte.

In den Jahren ihrer Ehe trat die wichtigste männliche Gestalt neben ihrem Ehemann in ihr Leben – Konrad von Marburg, welcher vom Papst in deutschen Landen zum Überprüfen des Ordensklerus eingesetzt worden war. Dieser erfüllte ihren Wunsch nach Anleitung und Unterricht in theologischen Dingen, welche den einer gewöhnlichen Adligen überstieg.

Von Anfang an nahm Konrad von Marburg eine Stellung in Elisabeths Leben ein, die mit der ihres Ehemanns ins Gehege hätte kommen müssen. Dieser befürwortete die enge Beziehung seiner jungen Frau zu ihrem Beichtvater jedoch. In seinem Beisein legte sie ein Gelöbnis ab, ihrem geistlichen Vormund in allen Fällen zu gehorchen, solange dies nicht den Ansprüchen des Landgrafen entgegenwirkte. Sollte Ludwig jedoch sterben, so stünde sie unter seiner uneingeschränkten Kontrolle. Warum Ludwig eine solche Einmischung Konrads duldete oder förderte, ist nicht bekannt.

Sie sollte jedoch Elisabeths weiteres Leben maßgeblich bestimmen. Als Ludwig 1227 zum fünften Kreuzzug aufbrach, kam er lediglich bis Otranto, Italien, wo er vermutlich an Malaria erkrankte und starb. Als die Nachricht Elisabeth erreichte, nahm sie diese voller Trauer auf, mehr denn je darin bestärkt, ihr Leben von der Welt abzuwenden und sich ganz der Verwirklichung ihres asketischen Lebensplanes zu widmen.

Ludwig zieht auf den Kreuzzug – der Abschied der Eheleute soll herzzerreißend gewesen sein.

Es brach eine Zeit der Unsicherheit und Streitereien an. Ein regelrechtes Tauziehen um die frisch verwitwete Landgräfin begann – auf der einen Seite Konrad von Marburg, auf der anderen die Verwandten und Hofbeamten. Diese fürchteten den übergroßen Einfluss Konrads auf die Landgräfin, die schon oft zuvor Güter und Gelder in großem Stil an die Armen verteilt hatte. Die Gefahr bestand jedoch nicht nur in materiellem Verlust, sondern auch in der damit einhergehenden Befugnis über den ältesten Sohn des verstorbenen Landgrafen. In kürzester Zeit eskalierten die schwelenden Konflikte.

Elisabeths Schwager, der an der Stelle seiner unmündigen Neffen die Herrschaft übernommen hatte, entzog ihr das Verfügungsrecht über Ländereien und Güter. Man versuchte, Elisabeth innerhalb der Familie unterzubringen, während ihr Beichtvater sie von ihr zu isolieren suchte. Er brachte sie schließlich dazu, ihren Kindern, Freundes- und Familienbanden abzuschwören und ihr Leben ganz in den Dienst seiner Leitung zu stellen. Elisabeth, die dabei die ganze Zeit über zwischen den Fronten gestanden hatte, tat dies vielleicht, um einer weiteren Hochzeit zu entgehen, mit der sie von ihren Verwandten bestürmt wurde.

Konrad von Marburg erreichte schließlich, dass, obwohl ihr die Witwengüter verweigert wurden, eine beträchtliche Summe gezahlt und einige Ländereien um Marburg an der Lahn an Elisabeth gingen, die sie zum Unterhalt eines dort gegründeten Hospitals nutzte. Elisabeths Verwandte hatten den Kampf um sie weitgehend aufgegeben und Elisabeth überließ sich Konrads Kontrolle. Diesen Abschnitt ihres Lebens, so verheerend er für Elisabeths Seelenwelt möglicherweise gewesen sein mag, beschreibt Dietrich von Apolda in seiner Vita als durchaus positiv – die klare Feindesrolle wird Elisabeths Familie zugedacht, während Konrad von Marburg in den höchsten Tönen gelobt wird.

„Der gottergebene Priester Meister Konrad bemerkte, daß die Gottesdienerin St. Elisabeth zum Gipfel der höchsten Vollkommenheit emporstrebte. Er entzog ihr deshalb alles, was sie von ihrem Vorsatz hätte abbringen können, und ließ ihr zukommen, was sie darin bestärken sollte. So schickte er ihr ganzes Gesinde…fort; danach auch die ehrbare Frau Isentrut, an der sie mit inniger Liebe hing; […] Der fromme Prieste nahm Gottest Dienerin jede Gemeinschaft mit Menschen und deren Trost, damit die Beständigkeit ihres Gehorsams und ihres Willens, Gott allein zu dienen, offenbart wurden.“ (Leben und Legende, S. 69-70)

Die Beziehung zu Konrad von Marburg kann nur als höchst ungesund, wenn nicht sogar toxisch bezeichnet werden. Auf der einen Seite bestärkte und forderte er immer größere Aufopferung und Aufgabe all dessen, was sie an ihr früheres Leben erinnern könnte – offenbar fürchtete er einen „Rückfall“ und jede “Verfehlung” wurde durch Schläge mit Ruten gegeißelt. Auf der anderen versuchte er, sie von der übermäßigen Ausgabe finanzieller Mittel an Arme abzuhalten. Die Summe, die er mit Elisabeths Verwandten ausgehandelt hatte und die für die Instandhaltung des Hospitals sorgte, war ebenso sein eigenes Einkommen. Daher war ihm gar nicht daran gelegen, dass seine „junge Untergebene“ ihr ganzes Hab und Gut weggab, wie sie es sich eigentlich wünschte.

Die Vita nimmt auch das als gerechtfertigt, ja, positiv und Opfer auf ihrem Weg zur Gottgefälligkeit hin:

„Als Meister Konrad davon erfuhr, verbot er ihr jedes weitere Almosengeben, weil sie sonst überhaupt nichts behalten hätte, und gab ihr einige strenge Frauen zur Seite, die ihr hart zusetzten.” (Leben und Legende, S. 78)

Er ließ sie Tag und Nacht überwachen, Strafen wurden zunehmend härter und über jede Tat und Atemzug bestimmte er selbst. Dass sein Hauptaugenmerk auf den finanziellen Mitteln lag, sagt viel über seine eigenen Interessen aus. In Elisabeth hatte er ein williges, bedeutendes Instrument gefunden, das sein Überleben und seine Berühmtheit mehrte und das nur sehr selten dagegen aufbegehrte.

Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Askese und mit täglicher harter Arbeit im Hospital. Die körperlichen Entbehrungen und der psychische Druck forderten jedoch bald ihren Tribut. Mit nur 24 Jahren starb Elisabeth in Marburg an der Lahn im Jahre 1231. Die denkbare Ursache ist körperliche Erschöpfung und Auszehrung, gefolgt von kurzer Krankheit.

Die allgemeine Anteilnahme war überwältigend und ihre Heiligsprechung gilt als eine der schnellsten überhaupt. Bereits kurz nach ihrer Beisetzung verbreiteten sich Berichte von wundersamen Heilungen durch Berühren ihres aufgebahrten Leichnams, Gebeten an ihrem Grab. Diese nötigen Wunder brachte Konrad von Marburg in dem Heiligsprechungsverfahren ein, das er bis zu seinem gewaltsamen Tod 1233 unterstützte. Insgesamt sollen es wohl 105 Wunder gewesen sein, die Elisabeth vor und nach ihrem Tod vollbracht hatte und 1235 wurde sie in das Heiligenregister aufgenommen.

Der Mythos und sein Ursprung, beides wurde von anderen bestimmt. Niemals hätte Elisabeth ihr Leben auf solche Art gestalten könne, hätte es ihr Gemahl nicht geduldet. Ohne die Vorherrschaft des Konrad von Marburg hätte sie ihre letzten Jahre vielleicht anders verbracht oder hätte sogar noch einmal geheiratet. Ihre Geschichte ist einzigartig und beeindruckte Menschen damals wie heute derart, dass sie wohl die populärste Heilige des deutschen Sprachraumes ist.

Wie viel von Elisabeths Geschichte ist nun Mythos und wie viel ihre eigentliche Person? Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass das eine ohne das andere nicht existieren und deshalb nicht voneinander getrennt werden kann. Ihre persönlichen Gefühle und Gedanken sind uns ebenso wenig bekannt, wie die ihres Ehemannes oder Konrad von Marburgs. Ihre Geschichten, die wir lesen, wurden zu einem Zweck geschrieben und man kann die eigentliche Person, den Menschen aus Fleisch und Blut dahinter nur erahnen.

Dass sie jedoch ein einzigartiges Leben führte, sich den gängigen Konventionen widersetzte, das ist gewiss. Sie besaß den Schneid, ihren Platz anzuzweifeln, der ihr in den Augen ihrer Mitmenschen von Gott gegeben war. Sie führte eine ungewöhnlich glückliche Ehe mit einem Mann, der sie offensichtlich in ihren Entscheidungen bedingungslos unterstützte; vielleicht schwieg er aber auch nur aus Liebe zu ihr und duldete eher, als zu unterstützen. Vielleicht war sie Konrad von Marburgs willige Dienerin, vielleicht erkannte sie aber auch, dass sie sich in etwas hineinmanövriert hatte, das außer Kontrolle geraten war.

Sie ertrug und duldete sehr viel in ihrem Leben, wobei sie dieses nie wirklich so gestalten konnte, wie sie es eigentlich wünschte. Das ist vielleicht die einzige Tatsache, die unumstößlich wahr ist.

Ein Beitrag von Pia Stöger.

Literaturhinweis:

Rainer Kößling. Leben und Legende der heiligen Elisabeth. Mit 14 Miniaturen der Handschrift von 1481 / nach Dietrich von Apolda. Frankfurt am Main: Insel-Verlag 2007.

Verwandlung

„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue
Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,
Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse
Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!”

(Ovid, Metamorphosen, Buch 1, Vs. 1-4)

Alles um uns herum befindet sich in steter Veränderung. Jeder Aspekt unseres menschlichen Lebens führt uns das Tag für Tag vor Augen, und dennoch tun sich die meisten Menschen mit Veränderungen eher schwer. “Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein”, sagte Johann Wolfgang von Goethe, wobei er wohl eher auf den eben beschriebenen, täglichen Umgang mit dem steten Fluss des Neuen anspielt, als die Verwandlung einer jungen Frau in eine Kuh.

Veränderung, Umstellung, Übergang – Verwandlung. Viele Synonyme, die alle irgendwie dasselbe bedeuten und dann doch wieder nicht. „Veränderung“ ist wohl der beste Sammelbegriff, denn er kann vom Jobwechsel und einer neuen Frisur bis hin zum Umdenken alles sein. Gerade die hier genannten stellen zugleich eine Art Verwandlung der jeweiligen Person dar und Verwandlungen spielen seit jeher eine große Rolle in der Vorstellung der Menschen.

Die frühen Naturreligionen verehrten lebensbestimmenden Faktoren wie den Jahreszeitenwechsel, den Tag und die Nacht, die Regen- und Trockenzeiten als Verwandlungen ihrer Umwelt, die durch göttliche Macht hervorgerufen wurden. Die Hindu-Göttin Parvati kennt viele Erscheinungsformen; ursprünglich das göttliche Ideal der liebenden, treusorgenden Mutter ist eines ihrer anderen Gesichter das der Kali, Göttin des Todes und der Zerstörung. Auch im Christentum tritt Jesus als Sohn Gottes auf, der sich von einer Sterblichen als Mensch in diese Welt gebären ließ. Veränderung und Verwandlung sind also zentrale Elemente der verschiedensten Religionsvorstellungen.

Wandlung als Motiv

Das griechische und römische Pantheon nimmt die Verwandlung in ihren Geschichten jedoch so wörtlich, dass sie sogar in einem als solche betitelten Werk gesammelt wurden. Die Rede ist von dem mythologischen, in Hexametern verfassten, Werk Metamorphosen (Metamorphoseon libri) aus der Feder des römischen Dichters Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. – 17 n. Chr.), der vor allem unter dem Namen Ovid bekannt ist.

Das Wort „Metamorphose“ leitet sich vom altgriechischen metamórfōsis ab, was so viel wie „Umgestaltung“ oder „Verwandlung“ bedeutet. In der Tierwelt kennt man den Begriff zum Beispiel in Verbindung mit dem Verpuppen von Raupen und den daraus schlüpfenden Schmetterlingen. In Ovids Geschichten ist allerdings nicht jeder so glücklich, als schöner Falter aus seiner Metamorphose herauszukommen.

Bei dem Werk handelt es sich um eine literarische Verarbeitung von etwa 250 Sagen, welche aus 15 „Gesängen“ oder Büchern aufgebaut ist. Jedes einzelne dieser Bücher besteht wiederum aus circa 700 bis 900 Versen, die von der Entstehung und Geschichte unserer Welt erzählen. Die Metamorphose ist dabei ein wiederkehrendes Motiv, welches auf die unterschiedlichsten Arten und für diverse Zwecke zustande kommt.

Konsequenz der Untreue

Beliebt ist die Verwandlung als Strafe, meist sind die Opfer dabei unliebsame Nebenbuhler und Geliebte der Gottheiten – wobei wir zur jungen Frau und deren Verwandlung in eine Kuh zurückkommen. Denn eine der berühmteren Geschichten ist die des Jupiter und der Io, die sich im Buch 1 findet. Die Umstände der Verwandlung sind zugleich kurios und tragisch, geschieht sie doch erst als Rettung und wird dann zur Bestrafung umgewandelt.

Jupiter, das römische Gegenstück zum Göttervater Zeus, verliebt sich in die junge Priesterin Io und verführt sie. Seine Ehefrau Juno kommt ihm jedoch auf die Schliche, da sie seine Neigung zu Untreue kennt.

„Nach dem Gemahle späte sie [Juno] aus: sie wußte, wie oft schon
Sie ihn ertappt bei heimlicher Liebe; und als sie im Himmel
Ihn nicht fand, da sagte sie: »Entweder bin ich im Irrtum,
Oder ich werde beleidigt.« Sie glitt vom himmlischen Aether
Nieder und stand auf der Erde: den Nebeln gebot sie zu weichen.
Jupiter hatte ihr Kommen gemerkt, und des Inacus Tochter
Hat er verwandelt: sie war zur strahlenden Färse geworden.”
(Metamorphosen, Buch 1, Vs. 605-611)


Die Aktion geht nach hinten los, denn Juno ahnt, dass es sich bei dem Tier um kein gewöhnliches handelt. Anstatt jedoch wütend zu werden, bewundert sie die schöne weiße Kuh, fragt nach ihrer Herkunft und wem sie wohl gehört. Jupiter antwortet ausweichend, und so fordert Juno ihn auf, dass er ihr die Kuh zum Geschenk machen soll. Dieser sitzt nun in der Zwickmühle und überlässt seiner Frau schließlich die hilflose Geliebte in ihrer Tiergestalt, um seinen Schwindel nicht auffliegen lassen zu müssen.

Juno befragt Jupiter

Da Juno noch immer nicht überzeugt ist, gibt sie die Kuh dem Riesen Argus mit seinen hunderten Augen zur Bewachung. Die arme Io muss ein jämmerliches Dasein fristen und läuft den Nymphen, ihren Schwestern, und dem Vater in der Hoffnung nach, sich irgendwie zu verständigen. Ihr Vater ist es dann auch, der die Wahrheit erkennt und dennoch machtlos bleibt. Mithilfe eines Tricks schafft es Jupiter, den Argus töten zu lassen, was seine Gattin mit einer üblen Hetzjagd der armen Io pariert.

Letztendlich zwingt ihn die aussichtslose Lage dazu, zerknirscht Besserung zu geloben und Gnade für seine Geliebte zu erbitten. Befriedigt verwandelt die triumphierende Juno die junge Frau zurück. Glücklich gesellt sich diese wieder zu ihrer Verwandtschaft und wird von da an als göttlich berührt verehrt.

Letzte Zuflucht

In einem Großteil der Geschichten ist die Liebe eines Gottes verantwortlich für die Verwandlung. Fand sie bei Io statt, um Jupiters Untreue zu kaschieren, so kann sie auch als Errettung vor unerwünschten Avancen eintreten. So geschieht es auch in der Geschichte um Phoebus und der Nymphe Daphne, welche ebenfalls im Buch 1 zu lesen ist.

Das Schicksal der beiden ist geradezu tragisch, wenn auch von Phoebus Seite her nicht ganz unentschuldigt. Dieser verspottet Cupido, den Sohn der Venus, wegen seines Bogenschießens, worauf dieser verständlicherweise nicht allzu freundlich reagiert. Aus Rache trifft her Phoebus mit einem seiner Pfeile, welche die Liebe entzünden. Die Nymphe Daphne trifft er jedoch mit dem Gegenstück, das die Liebe verscheucht und Unwillen hervorruft.

Alle Bewerber lehnt sie ab, trotz der mehr oder weniger sanften Maßregelungen ihres Vaters. Letztendlich kann sie von ihm die Erlaubnis zum ewigen Ledigenstand und Jungfräulichkeit erbitten. Ihrer Schönheit wegen prophezeit er ihr jedoch einige Hindernisse diesbezüglich. Und er soll recht behalten.

„Phoebus – er liebt! Er hat Daphne erblickt und ersehnt die Vermählung, […]
Also wurde der Gott zur Flamme, es loderte Feuer
Ihm in der Brust, und die Hoffnung ernährte vergebliche Liebe.”

(Metamorphosen, Buch 1, Vs. 490-496)

Er tritt zu ihr, geblendet von seinem Begehren, und muss mit ansehen, wie die Liebste vor ihm flieht. Unter Bitten und Flehen verfolgt er sie, gibt sich ihr als Gott des Lichtes, der Heilung, der Künste zu erkennen und hofft damit ihre Angst zu vertreiben. Doch sein Bemühen ist zwecklos, was er schnell einsieht. Die unerbittliche Magie von Cupidos Pfeil treibt ihn jedoch immer weiter an und die Verfolgung wird immer verzweifelter, während der sich Daphne die Haut an Dornen auf- und ihre Kleider zerreißt.

Als er sie dann beinahe hat, erkennt auch Daphne die Ausweglosigkeit ihrer Situation und wendet sich mit letzter Kraft an die göttlichen Kräfte der Natur, von denen sie Rettung erhofft.

„[…] ‚Ach, öffne dich mir, o Erde! so ruft sie,
Oder vernichte die allzu begehrte Gestalt durch Verwandlung!‘
Kaum hat sie solches gebetet, da fällt eine schwere Erlahmung
Ihr auf die Glieder, die schwellende Brust pberzieht sich mit feiner
Rinde; es wachsen die Haare zu Blättern, zu Zweigen die Arme;
Auch die Füße, soeben so rasch noch, sie hangen in trägen
Wurzeln, das Haupt wird Wipfel: was bleibt, ist die glänzende Schönheit.”

(Metamorphosen, Buch 1, Vs. 546-552)

Daphnes Verwandlung

Ist es Phoebus auch verwehrt, die geliebte Nymphe für sich zu gewinnen, so liebt er sie dennoch in ihrer neuen Gestalt. Er erwählt sich den Baum und seine Blätter zum Schmuck an Kleidung und Haar und verspricht ihr, dass ein Kranz aus ihren Zweigen von nun an stets die Häupter der Siegreichen schmücken wird. Denn Daphne ist in ihrer Metamorphose zum Lorbeer geworden.

Heimlicher Schwindel

Waren es in den hier genannten Beispielen bis jetzt stets die unglücklichen Geliebten der Götter, die eine Metamorphose erfuhren, so ist es in der wohl berühmtesten Geschichte genau anders herum. Die Rede ist von Jupiters Liebe zur Königstochter Europa, deren Episode vor allem als “Der Raub der Europa” bekannt ist. Zu lesen ist sie im Buch 2 und im Anfang des Buches 3 der Metamorphosen.

Jupiter erblick die Königstochter Europa, als sie von einer Gruppe Mädchen begleitet am Strand spazieren geht. Um sich ihr unauffällig nähern zu können, verwandelt er sich in einen besonders schönen, schneeweißen Stier und mischt sich unter die Herde königlicher Stiere, welche der Götterbote Merkur auf sein Wort hin zu eben jenem Strand getrieben hat.

Obwohl die Frauen zuerst bei dessen Anblick erschrocken sind, nähern sie sich dem zutraulichen Tier jedoch bald ohne größere Hemmungen. Auch Europa gesellt sich dazu, spielt mit dem Stier, streichelt diesen und schmückt die Hörner des Tieres mit Blumen.

„[…] Und sieh, nun wagt es gar die Prinzessin,
Sich auf den Rücken des Stieres zu setzen – sie kennt ihren Träger
Nicht – doch vom Land, vom trockenen Ufer entschreitet allmählich
Sachte der Gott mit trügenden Schritten zuerst in das Wasser,
Geht dann tiefer hinein und entführt durch das Meer seine Beute.”

(Metamorphosen, Buch 2, Vs. 868-872)

Europa reitet auf dem Stier

Die Entführte bringt Jupiter nach Kreta, wo er sich ihr in seiner wahren Gestalt offenbart. Auch die Suche ihrer Brüder mag sie nicht zurückbringen, und schließlich befragt man das Orakel von Delphi, welches einem der Brüder jedoch rät, nicht weiter nach seiner Schwester zu suchen, sondern stattdessen die Stadt Theben zu gründen. So endet die Geschichte der Europa, denn dem obersten Gott kann kein Sterblicher etwas entgegensetzen, ob er sich nun dessen Schwester bemächtigt hat oder nicht.

Ein Einfluss durch die Zeit

Die Metamorphosen, die vermutlich zwischen dem Jahr 3 und 8 nach Christus entstanden, zählen zu den populärsten mythologischen Werken der Geschichte und beeinflussten maßgeblich Literatur und bildende Kunst. Sie erfreuten sich im Mittelalter derartiger Beliebtheit, dass Albrecht von Halberstadt bereits im frühen 13. Jahrhundert eine Paraphrasierung im thüringischen Dialekt herausbrachte. William Shakespeare baut in seinem Stück Ein Sommernachtstraum nicht nur die Geschichte von Pyramus und Thisbe (eine weitere Episode der Metamorphosen) als meta-dramatisches Stück-im-Stück ein, sondern lässt auch einen seiner wichtigen Charaktere in ein Mischwesen aus Esel und Mensch verwandeln.

Das Motiv von Verwandlung hat seitdem im literarisch-kulturellen Bereich viele Formen angenommen. Sie wird nicht länger nur als körperliches Phänomen verarbeitet, sondern auch als psychisches, was zum Beispiel in Werken wie Robert L. Stevensons Der Seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr Hyde zum Ausdruck gebracht wird. In diesem verwandelt sich der gesetzte Dr. Jekyll in sein grausames Alter Ego Mr Hyde, in eine Fleischwerdung unterdrückter Bedürfnisse, Triebe und Traumata. Bei Franz Kafkas Werk Die Verwandlung tritt die Transformation als ungeklärtes Intermezzo auf und führt schließlich zum Ruin des Protagonisten: eine starke Botschaft, dass Veränderungen unser gesamtes Weltbild zum Einsturz bringen können.

Verwandlungen, wie sie in Ovids Werk stattfinden, haben die Menschen über Jahrtausende als solche derart beeindruckt und beeinflusst, dass sie immer wieder Aufarbeitung und neue Adaptionen erfuhren. Sie scheinen uns als Menschen auf einer Ebene anzusprechen, die als eine Abweichung aus der rationalen Welt lockt. Denn wer hat nicht schon einmal davon geträumt, sich verwandeln zu können?

Ein Beitrag von Pia Stöger.

Literaturhinweis:

Ovid. Metamorphosen. Reclam: Stuttgart 2008.

Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame

Es ist ein farbenfrohes, grausames Bild, das der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) kreiert. Schauplatz ist das spätmittelalterliche Paris an der Schwelle zur Neuzeit, auf dessen Bühne er individuelle Schicksale, geschichtliche Hintergründe und Lebenskultur des 15. Jahrhunderts miteinander verbindet.

Seine Darstellungen der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit, der Gewalt gegenüber Andersgläubigen und Menschen mit körperlicher Behinderung instrumentalisiert Hugo als eine Kritik an rückständigen gesellschaftlichen Konventionen sowie Vorurteilen und drückt Verurteilung der Todesstrafe und der Folter aus. Durch die Charakterzüge und Handlungsweisen seiner Figuren führt er uns vor Augen, wie tief die Verbindung von körperlicher und innerer Schönheit als Ideal unser Denken bestimmt. Dieser Konflikt taucht immer wieder auf und wird als solcher vom wenig attraktiven Glöckner Quasimodo aus seiner Sicht geäußert: „Was nicht schön ist, hat kein Recht zu sein; / Schönheit liebt allein nur Schönheit, / Dem April zeigt Januar den Rücken.“ (S. 447).

Schönheit und Liebe in all ihren Facetten stehen im Zentrum des Romans. Sie fungieren als Schlüsselwörter, die Schicksale offenbaren und entscheiden, das Schlimmste und Beste im Menschen herauskehren und die Figuren in einer Folge von fast schon reißerischen Geschehnissen an den Rand des Möglichen bringen. Der Glöckner von Notre-Dame erzählt von der romantischen Liebe, Nächstenliebe, von jener zwischen Eltern und Kindern, vor allem aber von der Macht, welche Schönheit und Liebe über uns Menschen haben.

Es ist keine schöne Liebesgeschichte, die sich in Hugos Roman entfaltet. Ist es überhaupt eine? Denn Liebe ist eher der Katalysator als das gewünschte Ziel und Endprodukt der Handlung.

Ein kurzes Vorwort des Verfassers führt in die Geschichte ein. In diesem wird erklärt, dass er bei der Besichtigung eines der Türme von Notre-Dame das altgriechische Wort ANAГKH in die Steinmauer geritzt fand: Verhängnis. „Er [der Verfasser] fragte sich, er suchte zu erraten, wer wohl die bedrängte Seele sein konnte, welche diese Welt nicht hatte verlassen wollen, ohne dieses Zeichen eines Verbrechens oder Unglücks auf der Stirn der alten Kirche zu hinterlassen. […] Doch gerade auf dieses Wort hin ist vorliegendes Buch entstanden.“ (S. 5-6)

Es wird dem Leser auch schnell klar, dass es in der Geschichte um wesentlich mehr als nur den armen Glöckner geht. Die deutsche Version des Titels lässt vermuten, dass der Fokus auf dieser berühmt-berüchtigten Figur liegt, im Original heißt der Roman jedoch Notre-Dame de Paris. Obwohl der Glöckner als Charakter eine der Hauptrollen spielt, findet die gesamte Handlung um und in der gotischen Kathedrale statt, welche schon seit dem Frühmittelalter ihren Platz auf der Île de la Cité hat.

Wir schreiben den 6. Januar 1482. Die bunte Gesellschaft aus einfachen Parisern, Adel und fahrendem Volk feiert das „Dreikönigsfest“ und den Narrentag. Die Vermählung des Kronprinzen von Frankreich mit Margarete von Flandern steht bevor, und so soll das öffentliche Amüsement auch den flandrischen Gesandten gelten: „An diesem Tage sollte auf dem Place de Grève ein Freudenfeuer brennen, vor der Kapelle von Braque ein Maibaum gepflanzt werden und im Justizpalast ein Mysterienspiel zu sehen sein.“ (S. 10)

Place de Grève

Passend zum Durcheinander dieses mittelalterlichen Volksfestes entwirft Hugo ein sehr breites, manchmal verworrenes Netz an Personen und Handlungssträngen, die des Öfteren vom Hauptgeschehen wegzuleiten scheinen und doch letztendlich wieder darauf treffen. Auf den ersten Blick vermag es schwer erscheinen, in dieser Vielfalt eine oder mehrere Hauptfiguren herauszustreichen. Letztendlich kann man sich wohl darauf einigen, dass es sich bei den wichtigsten um eine „Fünfeckbeziehung“ handelt: Pierre Gringoire, Esmeralda, Claude Frollo, Quasimodo und Phoebus de Châteaupers. Rechnet man die Rahmenhandlung um die Klausnerin Schwester Gudule mit ein, wären es sogar sechs. Doch da diese sich nicht aktiv an der Handlung beteiligt, sondern für die Vorgeschichte und deren Auflösung sorgt, wollen wir uns auf die besagten fünf Personen konzentrieren.

Es sind die Geschehnisse dieses 6. Januar 1482, die alles ins Rollen bringen und, obwohl der Spruch reichlich abgenutzt ist, das Schicksal der Hauptcharaktere besiegeln werden.

Nach einer detaillierten Beschreibung der Stadtansicht (samt Klage um den Verlust alter und schöner Bauwerke im Laufe der Zeiten), gebotenen Aktivitäten und Menschenmassen, findet sich die Erzählung im großen Saal des Pariser Justizpalastes ein. Dort soll ein Theaterstück aufgeführt werden – ironischerweise handelt es sich dabei um ein Sittenspiel – welches zwar den philosophisch-moralischen Vorstellungen seines Autors Pierre Gringoire entspricht, doch so gar nicht den derben Geschmack der Zuhörer und die zügellose Stimmung des Narrenfestes trifft. Gringoire ist ein erfolgloser Dichter und Philosoph und die Bezahlung für das Theaterstück seine letzte Chance, in dieser Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben.

Die Zuhörer wenden sich dann aber eher der alljährlichen Wahl des Narrenpapstes zu, ein Amt, welches jenem zufällt, der durch die Öffnung eines kaputten Maßwerkfensters die schrecklichste Fratze ziehen kann. Das Volk wählt schließlich Quasimodo, den buckligen, tauben Glöckner von Notre-Dame, der einst als Findelkind in die Obhut der Kathedrale gelangte und sich an diesem Tag ausnahmsweise unter die Menschen gemischt hat. Für gewöhnlich wird er vom Volk gemieden, da man ihn aufgrund seiner Entstellung durch einen verkrümmten Rücken, einen Buckel, ein verkürztes Bein und nur ein sehendes Auge als zaubernde Brut des Teufels fürchtet. An diesem Narrentag der umgestürzten gesellschaftlichen Regeln kommt er jedoch gerade recht. Als die Ansammlung von fahrendem Volk, Bettlern und Zuschauern zusammen mit ihrem neuen Narrenpapst in Richtung des Place de Grève abzieht, scheint für kurze Zeit eine Rückkehr der Aufmerksamkeit zu Gringoires Stück möglich. Diese wird jedoch endgültig durch lauthalse Rufe „Die Esmeralda! Die Esmeralda!“ (S. 60) beendet.

Was es mit dieser Esmeralda auf sich hat, erfährt der Leser in Begleitung Pierre Gringoires, als dieser sich dem Place de Grève unter anhaltendem Gejammer über sein missglücktes Stück nähert. Eine junge Frau tanzt im Schein des großen öffentlichen Feuers auf dem Platz, und nicht eine Person ist unter den Zuschauern, die nicht von ihrem Tanz, ihrer fantasievoll bunten Aufmachung und blendenden Schönheit bezaubert ist. Gringoire ergeht es nicht anders und er fasst ein reges Interesse an Esmeralda.

Esmeralda

Diese gehört zu den Zigeunern, die im vergangenen Jahr in die Stadt einzogen sind und verdient ihren Lebensunterhalt durch Tanzen und Possen mit ihrer treuen Begleiterin, der Ziege Djali. Ihrer großen Schönheit wegen wird sie unter den Zigeunern geradezu wie eine zweite Madonna verehrt. Sie ist abergläubisch und leichtfertig. Um den Hals trägt sie ein Säckchen mit einem grünen Stück Glas in der Form eines Edelsteines, der einen Zauber enthält. Dieser soll ihr helfen ihre Eltern wiederzufinden, doch er bliebe nur wirksam, solange sie ihre Jungfräulichkeit nicht verliert.

Während sie tanzt, bemerkt Gringoire eine dunkelgekleidete Figur, ein Mann, der Esmeralda mit Argusaugen beobachtet, wobei sein Blick geradezu Flammen sprüht. Er erkennt ihn als Claude Frollo, Archidiakonus von Notre-Dame, den er von seinen früheren Studien her kennt. Obwohl die beiden im Laufe der Geschichte noch mehrmals miteinander im Vertrauen sprechen, so wird Gringoire die Beudeutung dieses einen schweren Blicks nie begreifen, ebenso wenig wie das Gewicht dieses 6. Januars, der so vielen zum Verhängnis werden wird.

Auch Esmeralda bemerkt den düsteren Zuschauer und erschrickt sichtlich, denn er verfolgte sie schon mehrere Male zuvor mit seiner unheimlichen Aufmerksamkeit. Dies und die hasserfüllten, antiziganistischen Rufe der Schwester Gudule, die als Klausnerin in einer Art Kerkerloch am Place de Grève öffentlich Buße tut, verscheuchen Esmeralda schließlich. Gudules Abscheu vor Zigeunern wird im Laufe der Geschichte erklärt und löst letztendlich so einige versteckte Zusammenhänge auf.

Es ist Gringoires Bewunderung, die ihn Esmeralda folgen und miterleben lässt, wie der bucklige Glöckner die Zigeunerin zu entführen versucht. Dieser ist in Begleitung des Archidiakonus, seinem Ziehvater, ein Fakt, der Gringoire später entfällt (vermutlich des Schlags wegen, den Quasimodo ihm versetzt und der ihn mehrere Meter durch die Luft schleudert). Die Schreie der verängstigten und überwältigten Esmeralda rufen eine Wachmannschaft auf den Plan, von der sie schließlich gerettet wird. Mit dieser tritt ein weiterer der Hauptcharaktere auf, der Hauptmann Phoebus de Châteaupers.

Dieser ist nicht nur gutaussehend, sondern macht in seinem Hauptmannsstaat und durch die heldenhafte Rettung einen großen Eindruck auf die junge Frau, die sich auf den ersten Blick in ihn verliebt. Dass er nicht ganz frei ist, weiß sie an diesem Punkt noch nicht; und es hält Phoebus auch in weiterem Verlauf nicht davon ab, Esmeralda verführen zu wollen. Nur verführen, ein anderes Interesse hat er nicht an ihr. Von den Zigeunern als irrtümlicher Angreifer Esmeraldas gefasst, droht Gringoire der Galgen, dem er, laut deren Gesetze, nur durch eine ‚Ehe des zerbrochenen Kruges‘ entgehen kann. Eine Zigeunerin muss sich seiner erbarmen und ihn zum Mann nehmen.

Überraschenderweise erklärt sich Esmeralda bereit, wohlwissend, dass Gringoire nichts mit dem Überfall zu tun hatte und nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Man besiegelt die Trauung mit dem Zerbrechen eines Kruges, und wortlos wird Gringoire, der sein Glück kaum fassen kann, von Esmeralda in ihre Behausung mitgenommen. Dort wird ihm jedoch sehr schnell klar, dass er sich an diesem Abend eine Josefsehe eingehandelt hat – Esmeralda erzählt ihm von dem Zauber und seinen Bedingungen, die sie im Notfall auch mit einem Dolch verteidigen würde. Nach einem gemeinsamen Essen sperrt sie ihn in sein Zimmerchen ein (zur Sicherheit) und legt sich selbst ebenfalls schlafen. Gringoire beobachtet sie zwar noch durchs Schlüsselloch und hätte sicher auch nichts gegen eine Hochzeitsnacht gehabt, seine Zufriedenheit darüber, ein Bett und Dach über dem Kopf zu haben, obsiegt jedoch. Auf diese Weise endet der schicksalsschwere 6. Januar 1482.

Weshalb ist die Liebe nun so schwerwiegend? Bis jetzt ist der Leser doch lediglich davon Zeuge geworden, dass Gringoire für die schöne Esmeralda schwärmt und diese sich in den gutaussehenden Phoebus verguckt? Dass Schönheit die beiden oberflächlichen Männer einfängt, scheint nicht verwunderlich.

Was womöglich der eine oder andere schon erraten haben mag, ist, dass nicht nur Gringoire eine Vorliebe für die Zigeunerin gefasst hat, sondern auch der wesentlich ältere Claude Frollo, dessen Liebe sich jedoch zu Obsession und Wahnsinn steigert. Seine unheilvollen Gefühle treiben ihn dazu, an seiner Liebe zu Philosophie und Wissenschaft, seinen Überzeugungen der Überlegenheit und des Zölibats, ja, an Gott und dem christlichen Glauben zu zweifeln. Er liebt und begehrt die junge Frau, für die er sogar die Verdammnis in Kauf nehmen würde, mit einer inbrünstigen Heftigkeit. Im Vergleich dazu erscheint ihm sein bisheriges Leben kalt und vergeudet. Die Tatsache, dass Esmeralda seine Gefühle nicht erwidert, sie ihn fürchtet und im Laufe der Geschichte verabscheuen und sogar hassen lernt, ist zu viel für ihn.

„Ach! Ein Weib lieben! Priester sein! Gehaßt werden! Sie mit der ganzen Raserei seiner Seele zu lieben; fühlen, daß man für das leiseste Lächeln von ihr sein Blut, sein Herz, seinen Ruf, sein Heil, die Untsterblichkeit und die Ewigkeit, dieses und das ewige Leben hingeben würde; bedauern, daß man nicht König, Genius, Kaiser, Erzengel, Gott ist, um ihr einen bedeutenderen Sklaven vor die Füße zu legen; sie Tag und Nacht in seinen Träumen und seinen Gedanken fassen – und sie in eine Soldatenuniform verliebt zu sehen! […] Ich flehe dich an“, rief er, „wenn du ein Herz hast, stoße mich nicht von dir!“ (S. 387-388)

Esmeralda und Quasimodo

Nachdem er sie schon lange beobachtet hat, beschließt Frollo an diesem Tag – passenderweise dem Narrentag – Esmeralda mithilfe seines ungestalten Ziehsohns zu entführen. Der vereitelte Versuch bringt Quasimodo, der aus Liebe und Pflichtgefühl gegenüber seinem Ziehvater handelte, zum Strafgericht der öffentlichen Auspeitschung. Frollo aber stürzt es noch tiefer in seine Verzweiflung und Besessenheit, besonders als er eine unvorhergesehene Wandlung in Quasimodo entdeckt. Dieser verliert sein Herz aufgrund ihres Mitleids an Esmeralda, als sie dem am Schandpfahl stehenden Unglücksraben zu trinken gibt. Diese Szene des Schönen, das sich des Hässlichen erbarmt, macht sie beim Volk beliebt und sichert ihr Quasimodos ewig Verehrung und Dankbarkeit.

Die „Fünfeckbeziehung“, deren verhängnisvolle Entwicklung durch Frollos Plan seinen Lauf nahm, ist somit komplett. Es ist eine tragische Konstellation. Esmeralda, die das Zentrum bildet, hat ihr Herz an Phoebus verschenkt und glaubt an seine ewige, aufrichtige Liebe. Phoebus sieht in ihr lediglich eine schnelle Affäre und ein mögliches Vergnügen (er kann sich nicht einmal ihren Namen merken). Dies treibt den Archidiakonus in rasende Eifersucht, nicht nur wegen des offensichtlichen Interesses des Hauptmannes, sondern auch, weil es vermeintlich auf Gegenseitigkeit beruht. Phoebus ist alles, was Frollo niemals sein kann, ein Verbrechen, dass auch dem leichtlebigen Hauptmann noch viele Scherereien bereiten wird.

Quasimodo steht durch seine Entstellung außerhalb, denn, wie sie sowohl Gringoire als auch Frollo ins Gesicht sagt, ist Esmeralda äußerliche Schönheit wichtig und sie könne nur einen schönen, starken Mann lieben; der schlechte Charakter des Hauptmanns kommt ihr gar nicht in den Sinn. Die Liebe des ungestalten Glöckners ist eine stille Liebe, die aber womöglich die ehrlichste und aufrichtigste von allen romantischen Gefühlen ist. Ihm liegt das Wohlergehen, das Glück der jungen Frau wirklich am Herzen, und trotz der Ablehnung durch seine Angebetete (für die sich Esmeralda zumindest etwas schuldig fühlt), lassen seine Bemühungen zu ihrem Schutz niemals nach.

Während Gringoire sich irgendwann damit abfindet, dass Esmeralda ihn nicht liebt und Phoebus mangels echter Gefühle noch schneller über sie hinwegkommt, wird für den Archidiakonus und den Glöckner die Liebe zum Untergang. Ein Ende, in das sie die unglückliche Esmeralda mit hineinreißen.

Denn im Gegensatz zu den klaren Kategorien von Gut und Böse, dem Happy End der Disney-Verfilmung, ist Victor Hugos Roman ein Strudel aus Unglück und zertretenen Hoffnungen. Obwohl Disney die begehrliche Besessenheit des Claude Frollo besonders im Soundtrack Das Feuer der Hölle gut darstellt, stilisieren sie ihn jedoch zum verabscheuungswürdigen Bösewicht ohne Gefühl. Die Gewissensbisse, die Verzweiflung und Zerrissenheit des ursprünglichen Charakters werden dabei um der klaren Linie willen weggelassen. Keiner der Charaktere bei Hugo ist durch und durch sympathisch, doch man kann ihre Empfindungen nachvollziehen (mal mehr, mal weniger) und nimmt lebhaft Anteil an ihrer Wahrnehmung.

Esmeralda, die sich im Grunde nichts zuschulden hat kommen lassen, wird ihre Schönheit und der rechtlose Stand des fahrenden Volkes zum Verhängnis. Schönheit ist es bei Phoebus, Frollo und Gringoire, die eingebildete oder wahnsinnige Liebe hervorruft und sie den Machenschaften von Männern ausliefert, die im allgemeinen gesellschaftlich weit über ihr stehen. Schönheit, Liebe und Macht – die Machtdynamik der mittelalterlichen Ständegesellschaft und Geschlechterrollen – treibt das Rad der Handlung voran.

Im Gegensatz zu manch anderen Beiträgen über literarische Themen, habe ich diesmal versucht, so wenig wie möglich von der weiteren Handlung und dem Ende des Romans zu verraten. Ich kann nämlich jedem, der gern historische Romane liest, nur empfehlen, Victor Hugos meisterlichen Roman einmal selbst zu lesen.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis: Victor Hugo. Der Glöckner von Notre-Dame. München 2009.

„Die Erde steht offen“: Geister, Tote und der heilige Valentin

Die Welt ist rot und besteht aus Herzen. Dieser Eindruck zwingt sich einem unmittelbar auf, schaut man dieser Tage ins private Mail-Postfach, wo sich die Werbungen tummeln. Dasselbe gilt für den Marsch durch Einkaufspassagen oder – der Konsumapathie zum Trotz – für den Besuch von Cafés, Drogerien, Kaufhäusern. Von den tausenden um tausenden Internetseiten ganz zu schweigen. Herzen. Bärchen. Rosen. Schokolade. Kissen. Kitsch. Es ist überall. Und wir ahnen es: Der Valentinstag steht bevor. Der Tag der Verliebten, an dem man sich besonders lieb hat (oder lieb haben sollte), was für die restlichen 364 Tage des Jahres hoffentlich genauso gilt. Dabei ist es um den Festtag des heiligen Valentin, der am 14. Februar begangen wird, nicht gar so romantisch bestellt, zumindest nicht bis ins 14. Jahrhundert. Denn erst im Spätmittelalter erkor man den Tag, den Papst Gelasius I. im Jahre 496 offiziell als Gedenktag eingeführt hatte, als geeignet für das Fest der höfischen (und später der romantischen) Liebe. Die Süßigkeiten, Blumen und Liebesbekundungen sind sogar erst seit dem 18. Jahrhundert in Gebrauch. Auch begann um diese Zeit die Tradition, dem oder der Liebsten kleine Grußgarten zu senden, die sogenannten „Valentines“. Sogar Schlüssel erfreuten sich großer Beliebtheit, symbolisieren sie doch das Aufschließen des Herzens. Sogar an Kinder wurden sie verschenkt. Allerdings nur indirekt als Liebesbeweis, denn man sagte Schlüsseln nach, sie könnten die „Valentins-Krankheit“ abhalten. Damit war die Epilepsie gemeint, denn der heilige Valentin von Terni (3. Jahrhundert n. Chr.) wurde bei Krankheiten (allen voran der benannten „Fallsucht“), um Beistand angerufen. Allerdings war eben dieser Valentin nicht der einzige Valentin oder Valentinus. So gab es noch einen Valentin von Rom. Dieser war Priester und erlitt um 269 n. Chr. eben dort den Märtyrertod. Sein Begräbnisort, die Kirche San Valentino in Rom, galt bis zum Ende des Mittelalters als wichtiger Wallfahrtsort. Der bereits erwähnte Valentin von Terni wiederum war Bischof und erlitt das Martyrium um 273 n. Chr., nachdem er Kranke geheilt und christliche Taufen vollzogen hatte. Es wurde lange vermutet, dass es sich bei beiden um ein und dieselbe Person gehandelt haben könnte, unabhängig davon, dass in verschiedenen Kirchen Roms oder in Terni Reliquien von ihnen aufbewahrt und verehrt werden. Der endgültige Beweis darüber steht allerdings noch aus. Zudem erwähnt die „Katholische Enzyklopädie“, ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts publiziertes Nachschlagewerk zum katholischen Glauben, einen dritten Valentin, der angeblich in Afrika das Martyrium erlitt und über den ansonsten nicht viel bekannt ist.

Warum nun aber der 14. Februar? Und warum der Bezug zur Liebe? Wie bereits erwähnt, ist der Tag ein kirchlicher Gedenktag, weil an diesem der heilige Valentin zu Tode gekommen sein soll. Er fällt allerdings auch in einen Zeitraum, der im antiken Rom eng mit dem Totenkult verbunden gewesen ist. Vom 13. bis 21. Februar fanden die „dies parentalis“ oder Parentalia statt, ein Seelenfest, welches man vor allem den Ahnen der Familie sowie den verstorbenen Eltern (parentes) widmete. Da der Februar ursprünglich den letzten Monat im römischen Kalender repräsentierte und mit dem Reinigungsfest Februa (ein Beiname der Göttin Juno, das römische Äquivalent der Hera) im Zusammenhang stand, gehörten die Pflege der Erinnerung an die Toten, Opfergaben, um die Geister wohlgesonnen zu stimmen sowie die Aussöhnung (Caristia, gefeiert am 22. Februar, um die Bande zu den verstorbenen Familienangehörigen nochmals zu stärken) zu den gängigen gesellschaftlichen und kulturellen Gepflogenheiten.

Die Römer nahmen ihre Verbindung zu den Verstorbenen sehr ernst; eine Tugend, die uns seit der Aufklärung abhandengekommen zu sein scheint, denn Tod, Sterben und Gedenken sind in unserer post-modernen westlichen Welt doch viel zu häufig mit Scham, Verdrängen und Vergessen belegt. Wir schauen in die Zukunft. Über den Tod redet man nicht. Und die Vorstellung, für verstorbene Angehörige Opfer oder Rituale im eigenen Haus abzuhalten oder sie rechtlich wie Lebende zu behandeln, erscheint dieser Tage sowohl gruselig als auch bizarr. Dass Diesseits und Jenseits aber auch ohne Berührungsängste miteinander auskommen, zeigt indes der Día de Muertos, der Tag der Toten, der jedes Jahr am 2. November in Mexiko abgehalten und wie ein Volksfest gefeiert wird. Seit 2003 zählt das Brauchtum sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Aber zurück ins alte Rom. Die Totengeister waren dort als lares, lemures, manes oder larvae bekannt. Unter Laren (lares) verstand man Schutzgeister oder auch Schutzgötter von Familien oder Orten (jeweils unterschieden zwischen lares familiares oder lares loci). Wahrscheinlich hat der Kult seine Ursprünge in den früheren Hausbestattungen, als es noch nicht üblich war, Angehörige auf Friedhöfen zu beerdigen. Der Komödiendichter Titus Maccius Plautus (254-184 v. Chr.) lässt in seinem Werk „Goldtopf“ (Aulularia) den „Hausgott“ sagen: „Ich bin der Hausgott, bin der Gott des Hauses hier […]. Schon manches Jahr/ Zerrann im Strom der Zeiten, seit ich dieses Haus/ Beschirme; mich verehrte schon der Vater, mich/ Der Eltervater dessen, der es jetzt besitzt./ Der Eltervater hat mir einst ganz insgeheim/ Mit vielem Fehlen einen Schatz von Gold vertraut.“ Im weiteren Verlauf beschwert sich der Geist zunächst über mangelnde Opfer an ihn, lobt aber die Tochter des aktuellen Hausherrn, die ihm u. a. Wein und Weihrauch spendet.

Auch an Wegkreuzungen oder öffentlichen Plätzen verehrte und fürchtete man die Laren, denn sie galten als ortsgebunden und rachsüchtig bei Vernachlässigung. So gab es u. a. an jeder Kreuzung ihnen geweihte Schreine, die regelmäßig gepflegt wurden, bis der Kult 392 von Kaiser Theodosius II. (Codex Theodosianus) verboten wurde. Denn den männlichen Laren (sowie ihren weiblichen Gegenstücken, den Virae) sagte man nach, trotz ihrer Geisterhaftigkeit recht vital und zeugungsfähig zu sein. Zu vermuten ist, dass es sich hierbei um Reste von alten Fruchtbarkeitsriten handelt. Denn auch bei den Parentalia fallen Totenverehrung und Fruchtbarkeitsfest zusammen. So fallen in deren Zeitraum die Lupercalien (15. Februar), ein altrömischer Kult und das Hauptfest des römischen Herdengottes Faunus (sein Beiname lautet Lupercus, „Wolfsabwehrer“). Es stand für das baldige Kommen des Frühlings, das Aufblühen der Natur und die körperliche Vereinigung.

Wie den Laren wurden auch den Manen Opfer dargebracht, wobei die manes den Menschen milde gestimmt, aber auch feindlich gesinnt sein konnten. Entsprachen die Opfer nicht ihrem Sinne, konnten sie sich in larvae oder lemures verwandeln, die als äußerst tückisch und bedrohlich galten. Von „larva“ (Pl. larvae) leitet sich u.a. das Wort „Fratze“ ab und „lemures“ sollen gar mit den lamia (Lamien), vampirähnlichen Ungeheuern der griechischen Mythologie in Verbindung stehen. Eine detaillierte Untersuchung zu diesen Ableitungen ist allerdings noch offen.

Neben den erwähnten Totengeistern und Totenfesten darf das „Mundus patet“ nicht unerwähnt bleiben, das übersetzt „die Welt steht offen“ bedeutet, aber besser mit „die Erde steht offen“ wiederzugeben ist. Angeblich geht es auf Romulus, den legendären Gründer der Stadt Rom zurück, der nach dem Abbild des Himmels eine Grube ausgehoben haben soll (laut Plutarch, Romulus 11,2). Diese war den Geistern der Verstorbenen geweiht und wurde, bis auf drei Ausnahmen im Jahr (24. August, 5. Oktober, 8. November) mit einem Stein verschlossen gehalten. Der Stein, und damit die Erde, trennte auf diese Weise Diesseits und Jenseits symbolisch voneinander. Wurden beide Welten allerdings miteinander verbunden, galten für das Zusammentreffen von Toten und Lebenden bestimmte Richtlinien. Es durften weder Hochzeiten noch Schlachten stattfinden. Geschäfte blieben geschlossen. Es waren Festtage und eine weitere Bezeichnung für sie lautet „Mundus Cereris“, bezogen auf Ceres, die Göttin des Ackerbaus, der Fruchtbarkeit und der Ehe; man kann auch sagen, dass es sich hierbei um eine Art römisches Erntedankfest gehandelt hat, das eben nicht nur den Lebenden offenstand, sondern an dem man auch die Verstorbenen teilhaben ließ, um sowohl das Leben als auch die Vergänglichkeit zu preisen. Tod und Leben stehen also auch hier in einem engen und direkten Zusammenhang.

Und der heilige Valentin? Er ist durch und durch „christlichen Ursprungs“ und sein Todestag lag recht günstig zu eben jenen Toten- und Fruchtbarkeitsfesten, die es durch den neuen Glauben zu missionieren, vor allem aber zu transformieren galt. Der neue Glaube an den einen Gott und seinen Sohn bot keinen Platz mehr für polytheistische Gebräuche, auch wenn man dem Christentum zugutehalten muss, dass es die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten bis zur Aufklärung auf seine Weise bewahrt hat. Dass sich die romantischen (und vielleicht sogar fruchtbarkeitsfördernden) Aspekte in unseren Tagen wieder eingeschlichen haben, verdanken wir, wie bereits erwähnt, vor allem der höfischen Liebe und der Romantik. Ein Grund mehr also, mit einem Herzen nicht nur den/die Liebste/-n zu beschenken, sondern auch die Geister zu besänftigen.

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Der Kleine Pauly: Lexikon der Antike. Bd. 4. München 1979 sowie Bd. 7 München 1999.

Franz Böhmer: Ahnenkult und Ahnenglaube im alten Rom. Leipzig: 1943.

Lexikon des Mittelalters. Bd. 8. Stuttgart 2000.

Plautus: Goldtopf-Komödie. Reclam: Stuttgart 1986.

Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot

„Wer den Gong ertönen läßt,
dem erscheinet sie sofort!
Weiß wie Jade,
kalt wie Stahl:
das ist die schöne Turandot!“
(Turandot, Giacomo Puccini, Libretto)

Als der italienische Komponist Giacomo Puccini im Jahr 1920 zusammen mit dem Liberettisten Guiseppe Adami und dem Dramaturgen Renato Simoni über dem Stoff seiner sechs Jahre später uraufgeführten Oper „Turandot“ zu brüten begann, schrieb er Letzterem geradezu hoffnungsvoll: „machen wir ein Märchen, gefiltert durch unser modernes Gehirn!“ Das Märchen lag dem Kreativ-Trio zu dieser Zeit längst vor, u. a. in Form des Theaterstücks „Turandot“ von Friedrich Schiller (1802 uraufgeführt), welches auf einer Vorlage des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi aus dem Jahr 1762 beruhte. Darüber hinaus war dem Stoff bereits eine Reihe von Vertonungen vorausgegangen. Franz Seraph Destouches, Carl Maria von Weber, Antonia Bazzini sind nur einige der Namen, die sich der Geschichte annahmen. Daher war sich Puccini unsicher, auf welche Weise er den bereits bekannten Stoff zum Leben erwecken sollte. Am ehesten schien ihm dies über die Psychologie der Figuren möglich, mehr noch über die Gefühle. „Sie müssen das Letzte an Gefühl und Rührung herausholen … und sie können die rechten Verse finden!“, schreibt er an Adami. „[Der] Liebesausbruch muss wie ein leuchtender Meteorstein unter die rufende Volksmenge fallen, die mit gespannten Nerven … das Fluidum der Liebe begeistert aufnimmt.“

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Eros und Aphrodite

Alles sei voll von Göttern, soll der griechische Philosoph Thales von Milet (6. Jahrhundert v. Chr.) gesagt haben. Er blieb damit, auch wenn er dieser Behauptung eine abstraktere, nicht-wörtliche Bedeutung gegeben haben mag, der Weltsicht seiner Zeitgenossen verbunden. In der Tat fassen polytheistische Weltbilder – und die alten Griechen waren ja Polytheisten – ihre Götter nicht als transzendente Wesenheiten auf, die der Welt gegenüberstehen, sondern als Teil der Welt. Und in diesem Sinne hatte das, was wir Natur nennen, teil am Göttlichen, und Götter wirkten auch hinein in die Lebensvollzüge der Menschen. Sie wachten über die einzelnen Lebensbereiche, wenngleich sie häufig zu komplexe Gestalten waren, als dass man sie restlos mit einer Funktion hätte identifizieren können. Für das, was man im weitesten Sinne Liebe nennen kann, waren zwei Gottheiten zuständig: Eros (Liebesbegehren) und Aphrodite. Sie haben die Antike überlebt und sind nicht zuletzt durch die Kunst des Abendlandes bis heute populär: die schöne junge Frau und ihr knabenhafter Begleiter, der meist mit Pfeil und Bogen und oft auch geflügelt dargestellt wird. Freilich sind sie auf ihrem langen Weg auch zu puren Versinnbildlichungen, zu Allegorien geworden. Für die antike Welt aber waren sie mehr.

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Was ist Liebe? – Eine mythische und literarische Einführung

Wenn wir von Liebe sprechen, verbinden wir mit ihr das intensive Gefühl von Zuneigung, Geborgenheit, Aufgehobensein, Verbundenheit, das sich im menschlich-emotionalen Erklärungskanon nicht mehr steigern lässt. „Es ist was es ist sagt die Liebe“ in Erich Fried’s (1921-1988) bekanntem Gedicht und würde man eintausend Menschen darüber befragen, würde man wohl eintausend verschiedene Antworten erhalten. Denn Liebe ist nicht nur der romantische Höhepunkt jeder Paarbeziehung, so wie sie in Medien, Dichtung, Romanen, Liedern oder Kunst im Regelfall proklamiert wird. Liebe kann sich auch auf Gruppen beziehen, auf die Familie, Geschwister, Freunde, zu Tieren, Natur etc. Es gibt kein Limit für Liebe.

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Die Poesie des „Nevermore“ – Edgar Allan Poes dunkle Romantik

„Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
‚‘Tis some visitor,‘ I muttered, ‚tapping at my chamber door –
Only this, and nothing more.‘“

(Edgar Allan Poe, „The Raven“)

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Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: „Trickster“, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

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Feuer der Götter: Vulkane und ihre Mythen

Erneut rumort es im Mongibello (gelegen zwischen den sizilianischen Städten Messina und Catania), den die meisten von uns als Ätna kennen. Seit Weihnachten spuckt der aktivste Vulkan Europas Asche und Lava. Experten prognostizieren gar das Bevorstehen eines größeren Ausbruchs. Erdbeben, Flugausfälle, Evakuierungen. Viele erinnern sich vielleicht noch an das Spektakel von 2010. Damals war es der Eyjafjallajökull an der Südküste von Island, der mit seinen Eruptionen vor allem die Geduld der Flugreisenden strapazierte. Im Gegensatz zum Ätna liegt der Eyjafjalla weistenstgehend abseits von Städten und Siedlungen. Von einer neuen Magmakammer unter dem „Gutmütigen“ gehen die Forscher derzeit aus und in der Tat, sind spontane, exposionsartige Eruptionen am Ätna, wenn auch vorhanden, in den historischen Aufzeichnungen eher seltener Natur. Sein italienisches Pendant, der Vesus (gelegen am Golf von Neapel), hat es aufgrund seines verheerenden Ausbruchs im Jahr 79 n. Chr. (überliefert vom römischen Schriftsteller Plinius dem Jüngeren), bei dem die antiken Städte Pompeji, Herculaneum, Oplontis und Stabiae verschüttet wurden, zu wesentlich traurigerer Berühmtheit gebracht. Aus dem 12., 17. und 18. Jahrhundert sind weitere heftige Ausbrüche des Vesuvs bekannt; der zuletzt dokumentierte fand im Jahr 1944 statt.

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Böller, Papst und Neues Jahr

Liebe Leserinnen und Leser des Mytho-Blogs,

es ist wieder soweit. The same procedure as every year. Silvester. Der letzte Tag des Jahres. Manch einen mag Wehmut über das Vergangene befallen. Manch einer ist froh, den „gesammelten Altkram“ hinter sich zu lassen. Silvester ist die Zeit des Abschlusses. Der Vorsätze. Der Pläne. Des greifbaren Neuanfangs.

Wie Sie an diesem Abend und in dieser Rauhnacht auch feiern mögen, ob im Familienkreis oder mit Freunden, ob mit lauter Partymusik oder eher klassisch, ob sie dem Feuerwerk fröhnen oder dem Lärm eher fernbleiben, das Team vom Mytho-Blog bedankt sich herzlich für Ihr Interesse an unserer Seite und unseren Artikeln. Natürlich werden wir uns auch weiterhin bemühen, Sie freitags regelmäßig mit mythischen, volkskundlichen, literarischen, philosophischen, historischen und wissenschaftlichen Besonderheiten zu versorgen.

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Es weihnachtet schwer 6.0: Rauchige Nächte und Wilde Jäger

Die Tannenbäume sind geschmückt. Die Lieder sind gesungen. Die Geschenke sind verteilt und der Weihnachtsmann hat seine Aufgabe vollbracht. Wir befinden uns in der Zeit zwischen den Jahren, die einerseits noch zum alljährlichen Dezemberfestkanon zählt, andererseits aber gefühlt losgelöst zwischen dem zu Ende gehenden Alten und dem in den Startlöchern rumorenden Neuen steht. Grund genug, diese Tage und vor allem ihre Nächte im letzten Teil des diesjährigen Weihnachtsspecials ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen.

Dunkelheit, Finsternis, Schwarz, Nacht. Seit jeher ist die Zeit nach dem Sonnenuntergang Stoff für Geschichten, Phantasie, Furcht, Träume, Kreativität, Gedanken, Geheimnisse und Mythen gewesen. Alles, was der Tag verbirgt, wird in der Nacht aufgedeckt. Es sind die Stunden, in denen Geister oder Wesen der Anderswelten umgehen. Das Christentum assoziierte die Nacht lange mit dem Tod und dem Bösen. Die Zeit der Dämonen. Die Zeit des Teufels. Vor allem die Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens, der Übergang zwischen den Tagen, war es, den man als besonders furchtbringend, unheilvoll oder auch schicksalhaft betrachtete. Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) hat es in seinem „Nachtwandler-Lied“ aus der Schrift Also sprach Zarathustra treffend zusammengefasst: „Oh Mensch! Gieb Acht!/ Was spricht die tiefe Mitternacht?/ ‚Ich schlief, ich schlief -, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -/ Die Welt ist tief, / Und tiefer als der Tag gedacht.“

Es sind die Stunden, in denen Geister oder Wesen der Anderswelten umgehen. Das Christentum assoziierte die Nacht lange mit dem Tod und dem Bösen. Die Zeit der Dämonen. Die Zeit des Teufels. Vor allem die Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens, der Übergang zwischen den Tagen, war es, den man als besonders furchtbringend, unheilvoll oder auch schicksalhaft betrachtete. Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) hat es in seinem „Nachtwandler-Lied“ aus der Schrift Also sprach Zarathustra treffend zusammengefasst: „Oh Mensch! Gieb Acht!/ Was spricht die tiefe Mitternacht?/ ‚Ich schlief, ich schlief -, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -/ Die Welt ist tief, / Und tiefer als der Tag gedacht.“

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Es weihnachtet schwer 5.0: „Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren“

Frohe Weihnachten! Mit welchem Recht bist du froh? Aus welchem Grund bist du froh? Du bist doch ganz arm!“
Na komm”, versetzte der Neffe freudig. „Mit welchem Recht bist du trübsinnig? Aus welchem Grund bist du mürrisch? Du bist doch ganz reich!” (14)

Wir schreiben das viktorianische London. Arm und Reich leben durch einen tiefen Abgrund getrennt und doch dicht gedrängt in der, von den schwarzen Rauchwolken der Industrie überspannten Metropole. Allen täglichen Kämpfen und Sorgen zum Trotz liegt so etwas wie freudige Erwartung in der Luft. Denn es ist der 24. Dezember, der Tag vor dem Weihnachtsmorgen. Als Ebenezer Scrooge – alt, bitter und steinreich – die Zeit damit verbringt, seine ablehnende Haltung zum Weihnachtsfest kund zu tun und anderen die Freude gründlich zu verderben, hat er noch keine Ahnung, dass die vor ihm liegende Weihnachtsnacht alles verändern wird.

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Es weihnachtet schwer 4.0: Das Neunerlei – Ein Weihnachtsbrauch

Ich bin im Vogtland geboren und aufgewachsen. Wer jetzt nicht weiß, wo das liegt (denn die meisten tun es nicht), es handelt sich dabei um die Region im Südwesten von Sachsen, die aber auch Gebiete von Bayern, Thüringen und Böhmen umfasst. Der Historiker Enno Bünz beschreibt sie folgendermaßen: „Unter den Kulturlandschaften Sachsens, … ist das Vogtland die kleinste, die freilich über ein ausgeprägtes, historisch gewachsenes Regionalbewusstsein verfügt.“ Das ist eine diplomatische Art auszudrücken, dass so manche aus dieser Gegend sofort jeden berichtigen, der sie als „Sachsen“ bezeichnet; sie seien keine Sachsen, sondern Vogtländer. Und die sind im allgemeinen als „kleines, zänkisches Bergvolk“ verschrien.

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Es weihnachtet schwer 3.0: Der Weihnachtsmann – Ein traditionsreicher und moderner Mythos


„Morgen kommt der Weihnachtsmann,
Kommt mit seinen Gaben.“

So viele Bräuche und Traditionen ranken sich um die Adventszeit und das Weihnachtsfest. Am 6. Dezember bringt der Nikolaus für gute Kinder mit blankgeputzen Schuhen kleine Gaben, und mancherorts hat er seinen grausigen Gegenpart Krampus im Schlepptau, um unartige Kinder das Fürchten zu lehren. Der Nikolaustag ist, in gewissem Sinne, die Vorhut für das eigentliche Weihnachtsfest.

Ein Symbol der Weihnachtszeit

Bei manchen kommt er durch den Schornstein und packt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum, bei anderen füllt er diese in Strümpfe, die am Kamin hängen. Und wieder in anderen Fällen kommt er am Heiligen Abend zu Besuch und bringt sie vor den Augen aller vorbei. Von Land zu Land, von Region zu Region, manchmal sogar von Familie zu Familie, variieren die Bräuche des weihnachtlichen Schenkens, doch meist gibt es nur einen, der dafür verantwortlich ist. Die Rede ist vom Weihnachtsmann, in unserer heutigen Zeit DER Weihnachtsfigur schlechthin. 

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Es weihnachtet schwer 2.0: Vom Nikolaus und seinen schaurigen Begleitern

Liebe Leserinnen und Leser des Mytho-Blogs,

haben Sie Schuhe geputzt oder Teller aufgestellt? Am 6. Dezember geht der Nikolaus wieder um, dieses Jahr sogar an einem Donnerstag. (Achtung, Achtung: Besondere Vorsicht ist an diesen Dezemberwochentagen geboten!) Man sagt ihm nach, dass er sauberes Fußwerk besonders schätzt. Außerdem ist er auf seinen adventlichen Streifzügen nicht allein unterwegs. Wer ihn begleitet und warum, diesen Fragen wollen wir im zweiten Teil unseres Weihnachtsspecials nachgehen.

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Es weihnachtet schwer 1.0: Advent, Advent…

Liebe Leserinnen und Leser des Mytho-Blogs,

wieder einmal ist es soweit: Das Jahr geht zu Ende. Der Winter hält (dem Klimawandel zum Trotz) allmählich Einzug. Die Tannenbäume werden geschlagen und die aus dem post-modernen Brauchtum nicht mehr wegzudenkenden Weihnachtsmärkte mit Glühwein, Gedrängel, Fressbuden, Kräppelchen, Riesenrad und den hier und da doch noch auffindbaren Kunsthandwerksbuden öffnen den Weihnachtshungrigen die Pforten.

Advent, Advent … Da es uns leider nur symbolisch möglich ist, für alle unsere Mitglieder, Freunde, Interessierten, Mythenliebhaber, Kultursüchtigen, Abonnenten, Leseratten und Neugierigen ein Lichtlein auf dem Adventskranz anzuzünden, soll unser Weihnachtsspecial alle über den Feiertagsstress bis ins neue Jahr begleiten. Von bösen Nikoläusen wird zu lesen sein. Von fleißigen Weihnachtsmännern. Festtagsbräuchen. Weihnachtsgeistern. Wilden Jägern. Und verstorbenen Päpsten. Natürlich wie immer gespickt mit allerlei Mythischem, Kulturhistorischem und natürlich mit Literatur! „Es weihnachtet schwer 1.0: Advent, Advent…“ weiterlesen

Zwischen Angst und Hoffnung: Der künstliche Mensch in Mythos und Science-Fiction

Stellen Sie sich vor: Ihr Wissen, Ihre Gedanken, Ihre Meinungen und Ansichten, Ihre Träume und Vorstellungen,  ja sogar Ihre Gefühle – also alles, was Sie sind und was Sie ausmacht, wäre auf einer Disc gespeichert, die kaum größer ist als die Speicherkarte einer Digitalkamera. Ein Stick für das Backup Ihres Selbst. Sie könnten den Körper wechseln, wann und wie Sie es wollten. Nie wieder Krankheiten. Nie wieder gebrochene Knochen. Nie wieder Angst vor dem Tod. Sie wären unsterblich. Geht nicht, sagen Sie? Doch, sage ich. Die Serie „Altered Carbon“ (Netflix, 2018), basierend auf dem gleichnamigen Roman von Richard Morgan, stellt „das Unsterblichkeitsprogramm“ in der dystopischen Welt des 24. Jahrhunderts vor und outet sich dabei als ein Hybrid aus Blade Runner und Ghost in the Shell. Im Mittelpunkt stehen dabei die sogenannten „Meths“ (in Anspielung auf Methusalem, den Großvater Noahs, der dem Alten Testament zufolge 969 Jahre alt geworden sein soll). Durch den Kauf von Körpern oder mit Hilfe von Klonen verlängern sie ihr Dasein über Jahrhunderte hinweg. Doch das ewige Leben hat sie skrupellos gemacht, vergnügungssüchtig und abgestumpft gegenüber dem Leben. Den Meths gegenüber stehen all jene Menschen, die sich entweder keine oder nur standardisierte neue „Körper“ leisten können. Manche müssen mit dem Vorlieb nehmen, was sie bekommen. Andere lehnen einen neuen Leib aus religiösen Gründen ab und verbringen die Ewigkeit gefangen in immer wiederkehrenden Träumen oder in einer holografisch erzeugten Welt. „Altered Carbon“ ist Science-Fiction. Krimi. Und ein Stück weit Philosophie. Was ist der Mensch? Was ist Seele? Was ist Körper? Und was davon ist wichtiger? Sind wir tatsächlich die Schöpfer einer unendlichen Existenz oder durch die Unsterblichkeitssticks am Ende selbst zu Geschöpfen in endlichen und künstlichen Hüllen geworden?

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Heldentod und Zeitenwende: Mythologisch-literarische Anmerkungen zum Ende des Ersten Weltkriegs

Und dann war es endlich vorbei. Um 12 Uhr ertönte an allen Frontabschnitten, an denen noch gekämpft worden war, ein Trompetensignal, und die Waffen schwiegen. Man schrieb den 11. November 1918. Der Erste Weltkrieg war nach vier Jahren Dauer mit einem Waffenstillstand zu Ende gegangen, auch wenn es bis zum Abschluss von Friedensverträgen noch ein weiter Weg sein sollte. Ungefähr 65,8 Millionen Soldaten hatten in Belgien und Frankreich, in Ostpreußen, Galizien, Rußland, auf dem Balkan, in Norditalien, in Mesopotamien, Palästina und auf der Arabischen Halbinsel gekämpft, aber auch in deutschen Kolonien in Afrika und Ozeanien. Auf der einen Seite standen die Mächte der Entente, d. h. Frankeich, England und Russland, sowie Italien, Japan und weitere Verbündete, nicht zu vergessen Truppen aus den französischen und britischen Kolonien, aus Kanada, Australien und Neuseeland, und 1917 auch die USA. Ihnen gegenüber standen die so genannten Mittelmächte Deutschland und die multinationale Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, denen sich bald das Osmanische Reich anschloss, das außer der Türkei und Albanien den ganzen Nahen und Mittleren Osten umfasste, sowie Verbündete. Bilanz: rund zehn Millionen Gefallene und 15 bis 21 Millionen dauerhaft duch Verletzungen Geschädigte.

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Tierwesen: Über eine mythisch-cineastische Beziehung

Es ist wieder soweit! In den Kinos flimmern zum zweiten Mal die „Phantastischen Tierwesen“ der britischen Autorin und „Mutter von Harry Potter“, Joanne K. Rowling, über die Leinwand und begeistern große und kleine Zauberer und Hexen, sorry, Zuschauer, natürlich. Da gibt es den süßen Niffler, eine Art bepelztes Schnabeltier mit körpereigenem Kängurubeutel, in den er alle glitzernden und glänzenden Sachen stopft (vorzugsweise Münzen, Goldbarren und Schmuck), die er in seine Pfötchen bekommt. Ebenfalls mit von der Partie ist der Bowtruckle Pickett, der Ähnlichkeit mit einem grünen Miniatur-Baum-Insekt aufweist. Auf Bäumen lebt seine Art denn auch, bevorzugt in solchen, die sich für die Herstellung von Zauberstäben eignen. Von Bowtrucklen weiß man, dass sie aufgrund ihrer Größe gut Schlösser knacken können. Exemplare wie Pickett entwickeln zudem eine relativ große Anhänglichkeit für ihre Beschützer und reagieren entsprechend vergnatzt, wenn man sie für scheinbar unlautere Pläne einspannen will. So geschehen im ersten Teil der „Phantastischen Tierwesen“, als Pickett an den gierigen Kobold Gnarlak gegen wichtige Informationen verkauft werden soll. Natürlich nur zum Schein. Streit vorprogrammiert.

Weitere Tiere (in Auswahl), die die meiste Zeit über im Koffer des Zauberers Newt Scamander (seines Zeichens Autor eines Buches über magische Geschöpfe) leben, hören auf Namen wie Graphorn, Occamy, Knuddelmuff und Murtlap. Einer meiner persönlichen Lieblinge ist allerdings der Böse Sturzfalter, ein Tierwesen, das Reptil und Insekt in sich vereint. Passenderweise bewirkt sein Gift das Vergessen von unschönen, leider aber auch schönen Erinnerungen. Wenn man sich denn daran erinnert. Sturzfalter ernähren sich bevorzugt von menschlichen Gehirnen. Stolpert man also zufällig über seinen recht unscheinbar wirkenden Kokon, bitte nicht berühren, denn einmal geweckt und im Flug begriffen, kann der Böse Sturzfalter eine beachtliche Größe annehmen.

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Vom ersten Erzählen oder: Wie erobern Mythen die Welt?

Im Sommersemester 2018 hatte ich das Glück, im Anglistikseminar von Prof. Dr. Elmar Schenkel an der Universität Leipzig einem Vortrag zu lauschen, der die anwesenden Studenten ebenso wie einen promovierten Post-Studenten wie mich nicht nur auf Spurensuche zu den Ursprüngen der Mythen, sondern des menschlichen Erzählens überhaupt führen sollte. Unter dem Titel The Origins of the World’s Mythologies stellte der Journalist, Herausgeber und vergleichende Mythologe Christoph Sorger das gleichnamige, 2012 erschienene Buch des renommierten Indologen, Linguisten und Harvard-Professors E. J. Michael Witzel vor. Eine 688 Seiten starke, bisher leider nur auf Englisch verfügbare, Lektüre, die nicht nur erkärt, was ein Mythos ist und was diesen ausmacht, sondern sich gewissermaßen der Ur-Mythologie widmet, jener Frage, die schon Goethe in seinem Faust umtrieb, wenn er eben jenen sagen lässt: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Witzels ambitionierte und ebenso viel gelobte wie skeptisch resümierte Mythentheorie erklärt das ursprüngliche Beschreiben von Welt und Umwelt, d.h. die Entwicklung von Mythologien, aus der Evolution und Verbreitung von homo sapiens sapiens von seiner Urheimat Afrika aus in mehreren Wanderungswellen über die ganze Welt. Seit jeher liegt es in der Natur des Menschen, Geschichten zu erzählen. Geschichten über höhere Wesen. Geschichten über die Elemente. Geschichten über Himmel und Erde. Geschichten über „trickster deities“ (Trickster-Götter), die die göttliche Ordnung durcheinanderbringen, in dem sie die aufgestellten Regeln brechen, so wie etwa Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt. Und eben jene Geschichten sind es, die den Menschen bei seiner Verbreitung über die Kontinente (Witze verwendet den schönen Begriff „Out-of-Africa-movement“) hinweg begleitet und die sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen menschlicher Gemeinschaften gefestigt haben.

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„This is your universe, Frankenstein!“ – Theater mit Geschöpf und Schöpfer

Wir haben den Roman vorgestellt. Wir haben Mensch und Monster untersucht. Nun begeben wir uns anlässlich des Frankenstein-Jahres 2018 ins Londoner Royal National Theatre.

Theater mit Geschöpf und Schöpfer

Stille. Dunkelheit. Plötzlich zerreißen Blitz und Donnerschlag das angespannte Nichts.

Eine Apparatur mit einer Art Kokon, darin ein großer Fötus. Erneutes Wetterleuchten, erneuter Donner. Der Fötus bewegt sich. Ein Unwetter wütet. Der Blitz schlägt in die Apparatur des Grauens ein und bringt schließlich das Herz des übergroßen Ungeborenen zum Schlagen. Die Membran reißt. Der Vogel kämpft sich aus dem Ei, sprich, das Wesen ohne Namen sich auf die Welt. Der Zuschauer wird zum Zeugen einer Geburt. Es ist auch hier eine schmerzhafte Geburt, mit Blut, Schleim und Schrei. Da liegt es, das Neugeborene. Gleich einem Säugling schreit es, strampelt, erschrickt vor grellem Licht und lauten Geräuschen. Es windet sich, kriecht, kommt schließlich auf die Beine und läuft ungelenk umher. Frankensteins Kreatur. Der Wissenschaftler hatte in nächtelanger, geheimer Forschungsarbeit aus Leichenteilen einen neuen Körper zusammengesetzt und dann vorübergehend sein Labor verlassen. Als er nach einiger Zeit zurückkehrt und „seine“ zum Leben erwachte Kreatur vorfindet, erschrickt er bis ins Mark. Was er so lange ersehnte, nämlich tote Materie zum Leben erwecken zu können, ist ihm letztendlich gelungen. Doch welch grauenvollen Anblick bietet dieses Wesen! Voller Narben, Rotz und Schmutz, guttural lallend und stammelnd, denn noch hat ihm niemand das Sprechen gelehrt. Frankenstein flieht voller Abscheu, nicht ohne sein Werk zu verdammen: „What have I done?“

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Ein Trickster kommt selten allein

Die Leipziger Stadtbibliothek ist gut besucht am vor-halloweenlichen Montag. Anlässlich des 22. Leipziger Literarischen Herbstes macht sich die edition vulcanus daran, den mythologischen Schwerpunkt der allherbstlichen Lese- und Literaturwoche zu setzen. „Brücken bauen“ heißt das Motto 2018, welches, auch im Rahmen der Houston-Week (bezogen auf die 25-jährige Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Houston), kulturelle, literarische, gesellschaftliche, poetische, künstlerische, nachdenkliche, lakonische, zwie- und zweisprachige, historische und eben auch mythologische Verbindungen von Hier nach Dort und Dort nach Hier knüpfen soll.

Eine solche Brücke ist der Trickster, dem der neu erschienene Sammelband der edition vulcanus mit dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ gewidmet ist.

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Halloween 3.0: „Köpfe werden rollen“

Im dritten Teil unseres diesjährigen Specials im Zeichen des Schaurigen, das sich bislang mit reitenden Toten sowie Folklore, Geistern und Kürbissen beschäftigt hat, sind wir nun den Mythen um Sleepy Hollow und dem Reiter ohne Kopf auf der Spur. Den meisten ist die Geschichte wahrscheinlich durch den 1999 erschienenen Film von Tim Burton mit Johnny Depp und Christina Ricci (und natürlich ebenfalls legendär: Christopher Walken als kopflosen Reiter) bekannt. 2013 bekam der düstere, märchenhaft und gleichzeitig skurril anmutende Film, der Grusel und den einen oder anderen Lacher perfekt kombiniert, Konkurrenz durch eine gleichnamigen Serie. Dieses Sleepy Hollow (u. a. mit Tom Mison und Nicole Beharie in den Hauptrollen) verlegt die Handlung – per Zeitreise – in die Gegenwart und verbindet dabei Mysterie- und Krimihandlung in mittlerweile 4 Staffeln.

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Halloween 2.0: Von Geistern und Kürbissen

Oktober. Herbst. In Parks und Wäldern verfärben sich die Blätter der Bäume. Es ist die Zeit der Ernte. Des Drachensteigens. Der Spinnennetze. Des Schmuddelwetters. Der Umstellung der Uhren auf die Winterzeit. Wir sehen und spüren, dass die Tage kürzer werden. Wir ahnen, dass das Jahr zu Ende geht und wir (vielleicht auch darüber hinaus) anfangen, Bilanz zu ziehen: „Eine trübe, kaltfeuchte Wagenspur:/ Das ist die herbstliche Natur./ Sie hat geleuchtet, geduftet, und trug/Ihre Früchte. – Nun, ausgeglichen,/Hat sie vom Kämpfen und Wachsen genug. –/ Scheint’s nicht, als wäre alles Betrug/
Gewesen, was ihr entwichen?!“ (Joachim Ringelnatz, Herbst)

Der Herbst ist auch die Zeit der Feste und Gedenktage. Erntedank (in den USA und Kanada bekannt als Thanksgiving). Oktoberfest. Reformationstag. Allerheiligen. Buß- und Bettag. Martinstag. Totensonntag. Der Herbst ist Ausgleich (mit der Natur) und Besinnung (auf uns selbst und auf unsere Umwelt). Ein besonderes Fest, das in Deutschland seit einigen Jahren vor allem kommerziell beworben wird, sich trotz vieler regionaler Parallelen bislang aber nur schleppend verwurzelt hat, ist Halloween.

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Halloween 1.0: „Die Toten reiten schnell“

 

Willkommen zum ersten Teil unseres Blogspecials im Zeichen des Schaurigen!

 

 

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
„Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?“ –
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.
(Str. 1)

Die erste Strophe der Ballade Lenore, verfasst vom deutschen Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794), fackelt nicht lange und führt den Leser sofort an den springenden Punkt heran, der die gesamte Handlung ins Rollen bringt: Willhelm, Lenores Verlobter, kämpft im Siebenjährigen Krieg und keiner weiß, welches Schicksal ihn ereilt hat. Eines Nachts jedoch wird die Hauptcharakterin von einer unheilvollen Ahnung heimgesucht und stellt den Leser bereits zu anfangs vor eine vollendete Tatsache; der Verlobte ist entweder untreu geworden und im fremden Land geblieben, oder er ist im Kampf gefallen. Es ist ein böses Erwachen, welches in seiner Abruptheit die Ballade eröffnet. Ein böses Erwachen in der Tat, ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte um Lenores unheilvolles Schicksal zieht.

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„Götterwelten“ … ein Streifzug durch Geschichte und Mythologie der Germanen

  Kennen Sie Heidrun? Falls die Suche nach der Antwort Sie dazu verlockt, in einem Namenslexikon zu blättern oder an den Sonntagsbesuch bei der Oma zu denken, habe ich gute und schlechte Nachrichten. Die gute: Der Name bedeutet so viel wie „geheimnisvolles Wesen“ (Heid– nach germanisch haidu > Art, Wesen; altnordisch rún > Zauber, altenglisch rūn> Geheimnis). Die schlechte: Heidrun (Heiðr) ist sowohl dem Grímnismál (einem Götterlied der Lieder-Edda) als auch dem Gylfaginning (einem Teil der Prosa-Edda) zufolge eine Ziege der nordischen Mythologie. Statt Milch fließt Met aus ihren Eutern. Dieser dient den Einherjern – den in der Schlacht gefallenen Kriegern – in Walhall als Nahrung. Dem Mythos nach steht Heidrun auf dem Dach von Walhall, wo sie vom Baum Lärad (Yggdrasil) frisst, dem Weltbaum, der aus Teilen des Ur-Riesen Ymir gewachsen ist. Ymir (das erste lebende Wesen) wurde von den Götter Odin, Vili und Vé getötet. Aus den Teilen seines Körpers schufen sie die neun Welten, welche den Kosmos der nordischen Mythologie bilden.

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Stonehenge – Eine mythische Reise in die Steinzeit

  Stonehenge. Geheimnisvoll. Mythisch. Sagenumwoben. Um   kaum einen anderen Ort ranken sich mehr Mysterien, als um die jungsteinzeitliche Kultstätte im Süden Englands. Der Steinkreis zieht nach wie vor Besucher aus der ganzen Welt an und gehört zu den touristischen Hauptattraktionen Großbritanniens.

Als ich mit Freunden im April dieses Jahres nach Bristol reiste, gehörte deshalb ein Besuch dieses Weltkulturerbes ganz selbstverständlich zu unserem Programm. Ich hatte Stonehenge bereits 1991 besucht und war damals recht desillusioniert über dessen in meinen Augen arg kommerzialisierte und inadäquate Darbietung; die nahegelegene, stark frequentierte Fernstraße tat ein Übriges dazu, die Aura dieses geschichtsträchtigen Ortes erheblich zu schmälern. Rotweißes Absperrband flatterte rund um die Anlage im Wind und bei jeder fotografischen Aufnahme musste man aufpassen, dass einem nicht versehentlich ein anderer Besucher durchs Bild lief. Umso erfreuter war ich, bei meinem jüngsten Besuch eine völlig neue, der Bedeutung dieses Kulturplatzes weitaus angemessenere Präsentation vorzufinden.

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Frankenstein im Pfingstgeflüster

Mit unserem Beitrag zum Wave Gotik Treffen 2018 wollten wir die Thematik des Frankenstein und seiner Schöpfung einem breiten Publikum auf unterhaltsame Art und Weise näher bringen, was uns auch gelungen ist. Ein volles Haus und interessierte Zuhörer haben uns bestätigt, wie aktuell dieser Roman und seine Grundidee ist.

Umso mehr freute es uns, als mich Marcus Rietzsch, der Herausgeber des Pfingstgeflüster, auf Facebook kontaktierte und anfragte, ob wir nicht Lust hätten einen Vortragsbeitrag beizusteuern. Das Pfingstgeflüster, ein Bild-Text-Band, der jährlich im Zuge des Wave Gotik Treffens in der Edition Subkultur erscheint, hat es sich zur Aufgabe gemacht Impressionen des einzigartigen Musik- und Kulturfestivals festzuhalten und diese in hochwertigem Design zu verewigen. Es bietet Einblicke in Lesungen, musikalische Highlights, Kunstausstellungen und natürlich dem Herz des Leipziger Festivals – die Besucher. Für alle, die diesmal nicht dabei sein konnten, die ein literarisches, zusammenfassendes Erinnerungsstück mitnehmen oder sich Einblicke in Veranstaltungen holen wollen, zu denen sie es leider nicht geschafft haben.

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„Anderswelten“ … ein Streifzug durch die Mythologie der Kelten

  Die Welt. Eine Welt. Unsere Welt. Was bedeutet dieses Wort „Welt“? Ist es der Kosmos (das Weltall)? Oder der Planet, auf dem wir leben? Und wenn wir von „dieser Welt“ sprechen, meinen wir damit gemeinhin einen Zeitabschnitt, der zum einen unsere eigene Lebenspanne umfasst, zum anderen die unmittelbare Gegenwart im Blick hat? Eine bekannte Zeitung trägt den Namen „Die Welt“.  Religionen und Mythen kennen die Welt Gottes bzw. die Welt der Götter. So galt etwa für die antiken Griechen die Welt als das Prinzip der Ordnung und der Harmonie. Alles außerhalb davon war Chaos. Moderne Wissenschaftler wiederum untersuchen die Welt der Natur und die Welt des Kosmos. Es gibt die Körperwelt. Seelenwelt. Technikwelt. Scheinwelt. Traumwelt. Die Dritte Welt. Die globalisierte Welt. Literatur kann eine historische, phantastische oder fiktive Welt beschreiben. Der englische Autor Terry Pratchett etwa gilt als der Erfinder der Scheibenwelt. Aber auch das Ich und sein Umfeld wie Familie, Freundeskreis, Partner, Arbeit, eine Gruppe, ein Kulturkreis, eine Gesellschaft können eine Welt bilden. Welt wirkt also im Kleinen wie im Großen. Sie beansprucht Totalität. In der Welt subsumieren sich andere Welten (der Plural von „Welt“ ist erst seit dem 16. Jahrhundert im Sprachgebrauch üblich), die parallel, gleichzeitig oder miteinander verbunden existieren, die sich durchdringen und aufheben, die neu geboren werden oder zugrunde gehen.

Eine für uns geografisch naheliegende und doch gefühlt ferne Welt hat die Keltologin Prof. Dr. Sabine Asmus den Interessierten im Haus des Buches Leipzig vorgestellt. „Keltische Anderswelten und das Leben nach dem Tod“ lautet der Vortrag, zu dem der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie im September 2018 unter dem Jahresthema „Welt der Mythen – Mythen der Welt“ eingeladen hat.

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Rabe und die ersten Menschen

Während Raben in Europa fast ausschließlich als Erkennungstiere von Göttern erscheinen, ist der Rabe in den Kulturen der Nordwestküsten-Indianer selbst eine Gottheit. Er ist sowohl Demiurg als auch Trickster, sowohl Held als auch Schurke, und dies häufig zur gleichen Zeit. In nahezu jeder Schöpfungsmythe der Region ist der Rabe entweder der tatsächliche Schöpfer der Welt oder spielt bei der Schöpfung eine große Rolle. In vielen Mythen erscheint der Rabe in mehreren Gestalten. Dies ist möglich durch die Personifizierung der Tiercharaktere in der Kultur. In der Mythologie der Nordwestküsten-Indianer können Tiere problemlos menschliche Gestalt annehmen und auch ein Leben wie Menschen führen – wobei der Rabe der größte Verwandler von ihnen ist, der in der Lage ist, sich in alles zu verwandeln, um zu bekommen, was er will.

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9 Monate Irland – Eine Exkursion in Folklore

  Der Begriff Folklore umfasst die populären Glaubensvorstellungen einer Kultur oder Minderheit, und ist somit ein vielschichtiges und breitgefächertes Phänomen der kulturellen Erinnerung und Identität. Es sind Glaubens- und Vorstellungsmuster, welche zwar in Verbindung mit der vorherrschenden Religion entstehen, jedoch weitestgehend außerhalb der etablierten religiösen Institution existieren. Von Traditionen und Bräuchen, über Volksmärchen, Sagen und Aberglaube, umfasst die Folklore einer Kultur alle Aspekte, die meist bereits seit langer Zeit von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden. Diese können in ihren Feinheiten je nach Land, Landstrich oder sogar Region unterscheiden und bieten für alle Außenstehenden, die diese kennenlernen und verstehen wollen, eine Herausforderung, die aufzunehmen sich lohnt. Will man die Kultur eines anderen Landes kennenlernen, ist die Folklore unumgänglich.

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Der wahnsinnige Wissenschaftler und das Scheusal: Zweihundert Jahre „Frankenstein“

   Zwei Gestalten der populären Imagination werden dieses Jahr zweihundert: Frankenstein und sein Monster. Jeder kennt sie, weil jeder mindestens einen Film über sie gesehen hat, und Boris Karloff als Monster in der Verfilmung von 1931 ist geradezu eine Ikone geworden. Immer wieder variieren Drehbuchautor und Regisseure die Geschichte vom besessenen Wissenschaftler, der aus Leichenteilen einen Menschen zusammenbaut, ihn belebt – meist per Galvanismus – und dann vor seiner monströs geratenen Schöpfung Reißaus nimmt und damit eine Kette katastrophaler Ereignisse in Gang setzt. All diese Versionen gehen letztlich auf einen Roman zurück, der 1818 – zunächst anonym – in London erschien: „Frankenstein, oder Der moderne Prometheus“ von Mary Wollstonecraft Shelley. Seine Vielschichtigkeit erreichen sie allerdings selten oder vielleicht nie. Denn um puren Horror geht es darin nicht, auch wenn die Grundidee tatsächlich eine Gruselgeschichte war: Mitte Juni 1816 saßen die englischen Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, Shelleys damals 18jährige Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Mary und Byrons Leibarzt und Reisebegleiter John William Polidori in einer Villa am Genfer See, während es tagelang in Strömen regnete. Die Protagonisten der literarischen Romantik unterhielten sich über neueste naturwissenschaftliche Experimente, über die Möglichkeit, künstliches Leben zu schaffen, lasen einander Gespenstergeschichten vor, die aus dem Deutschen ins Französische übersetzt worden waren und beschlossen dann, selber welche zu erfinden. Bloß Mary wollte lange keine einfallen. Aber dann hatte sie einen Alptraum und ihre Geschichte – und in den folgenden beiden Jahren machte sie ihren ersten Roman daraus.

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Willkommen beim Mytho-BLOG

 

  Mythos [altgriechisch: μῦθος, „Rede“, „Wort“, „Erzählung“, auch „Fabel“, Plural: Mythen; von mytheĩsthai: „reden, lautmalen, erzählen“] ist überlieferte Dichtung oder sagenhafte Erzählung aus der Vorzeit eines Volkes oder einer Volksgruppe, die u. a. von Göttern, Halbgöttern, Naturgeistern, Dämonen, der Entstehung- und dem Untergang der Welt, der Erschaffung des Menschen etc. handelt. Mythen können als „symbolischer Ausdruck von Urerlebnissen […] angesehen werden“ (Häcker/Stapf, 2009, 667). Aber auch Ereignisse, Personen und Dinge können – glorifiziert, mit fiktiver Geschichte oder symbolischer Bedeutung ausgestattet – zur Legende, zum Kultbild, Leitbild oder zur Ikone und damit zum Mythos werden.

Mythen bilden den archaischen Kern davon, was unserer Vorstellung nach die Welt im Inneren und Äußeren zusammenhält, und sind, auch weil sie einen eigenen Anspruch auf beziehungsweise eine eigene Vorstellung von Wahrheit für sich in Anspruch nehmen, tief im kulturellen Gedächtnis verwurzelt.

Die Zusammenstellung aller Mythen eines Volkes oder einer Volksgruppe (wie bspw. der Griechen, Germanen, Kelten etc.) wird als Mythologie bezeichnet.

Was der Mythos im Konkreten ist, was ihn ausmacht, was ihn abgrenzt, was ihn verklärt, was Mythen also im Grunde zu Mythen macht und welche Problematiken sich hierdurch ergeben, darüber gibt es seit dem  19. Jahrhundert vor allem in den Wissenschaften ganz unterschiedliche Vorstellungen und Definitionen.

Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie möchte einem breiten, generationenübergreifenden Publikum Einblicke in die Mythen und Mythentheorien der Welt vermitteln. Dazu führt der seit 1995 bestehende Verein, der deutschlandweit einzigartig ist, im Jahr zahlreiche Lesungen, Vorträge und Podiumsdiskussionen durch, deren Erkenntnisse vielfach Eingang in die Schriftenreihe des vereinseigenen Verlags mit dem klingenden Namen „edition vulcanus“ finden. Aber auch aktuelle und vergangene mythische, literarische und kulturelle Lektüre, Exkursionen, ureigene Gedanken zum Mythos, zur Rezeption von Mythen oder deren Verarbeitung in Film, Kunst und Theater zählen zu den Aufgaben des Arbeitskreises und werden ab sofort in regelmäßigen Abständen in unseren Beiträgen vorstellt.

Es lohnt sich also, jeden Freitag auf unseren Seiten vorzubeizuschauen, denn die Arbeit am Mythos hört niemals auf.

Willkommen auf unserem Mytho-BLOG.

Beitrag von Dr. Constance Timm

Literatur:

Hartmut Häcker, Kurt-Hermann Stapf: Dorsch Psychologisches Wörterbuch, 15. Aufl. Bern 2009.