Pergamon, oder ein Blick hinter die Kulissen der Vergänglichkeit

Als ich 1996 auf einem Schulausflug das Pergamonmuseum in Berlin zum ersten Mal erkunden durfte, gab es nur eine Reaktion, um den Augenblick zu beschreiben, als ich den Altarraum betrat: ungläubiges Staunen, gefolgt von abwechselnder Begeisterung und dem Gefühl, irgendwie „klein“ zu sein. Noch heute finde ich keine Worte für das Empfinden von damals. Was bleibt auch zu sagen, wenn man sich plötzlich Auge in Auge mit Architektur und Mythen aus über 2000 Jahren Menschheitsgeschichte gegenübersieht? Natürlich kannten wir die Antike aus dem Unterricht. Und hin und wieder begegnete uns die eine oder andere klassizistische oder renaissanceangehauchte Zeichnung in einem Buch für Kunsterziehung (und ja, die Wende-Zeit war da längst vorüber). Aber die Dinge in realis zu sehen ist, wie immer, eine vollkommen andere Erfahrung, als sie zweidimensional auf Papier gepresst vorzufinden. Das also war die Museumsinsel von Berlin. Das also war der Ort, der die Zeugnisse einer antiken Stadt bewahrte, deren Blütezeit längst vergangen war. Und es sollten in den angrenzenden Räumen noch weitere Beispiele aus versunkenen Zeiten folgen: das Markttor von Milet, das Ishtar-Tor von Babylon, Gräber und Reliefs aus dem Zweistromland (Mesopotamien), Kunst aus dem Islam, Münzen, Götterstatuen, Porträts und und und. Die alte Welt konserviert in Räumen. Und jeder ist eingeladen, diese zu besuchen; einzutauchen in eine andere Welt, die dennoch unsere Welt ist.

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„Lesen ist denken mit fremdem Gehirn“ – Jorge Luis Borges

Liebe Leser/-innen und Buchfreunde,

das Team vom MYTHO-Blog bedankt sich ganz herzlich für Ihr Interesse  an unseren Themen und Beiträgen. Mythen sind ein so weites und tief verwurzeltes Gebiet, dass uns die Auswahl oft nicht leicht fällt. So vieles ist erzählenswert und verbirgt sich im Alltäglichen, ist vergessen oder wird viel zu selten wahrgenommen. Mythen sind wie kleine Reisen. Nicht nur zu uns selbst, sondern vor allem auch in die Literatur und damit in die Welt der Bücher.

In dieser Woche ist unser Team auf einer solchen Bücherreise. Daher muss der Blog aufgrund der Leipziger Buchmesse leider entfallen. Aber keine Bange. Ab nächsten Freitag sind wir wie gewohnt mit spannenden, skurilen, nachdenklichen und (hoffentlich) lehrreichen Themen zurück. 

Genießen Sie den mythischen Frühlingsbeginn. Vielleicht bei einem Buch.

„We’re all stories in the end.“

Das Team vom MYTHO-Blog

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

„Leicht ist der Abstieg zur Unterwelt“ – Eine mythische Reise unter Tage

Der Begriff „Unterwelt“ weckt in uns verschiedenste Assoziationen. Manch einer verbindet damit etwas Düsteres, Kriminelles; eine Parallelwelt, in der Menschen leben und wirken, die sich einen eigenen Raum fernab gängiger Normen und Gesetze geschaffen haben. Für andere bedeutet „Unterwelt“ ein Ort unter Tage, fernab vom Licht, bedrückt von Enge und Mangel an frischer Luft, wie es über Jahrhunderte lang im Kohle- und Erzbergbau der Fall gewesen ist. Die „Unterwelt“ ist also eine räumliche Abgrenzung von der Welt, die wir kennen, die den Besucher mit besonderen Begebenheiten und Ansprüchen konfrontiert. In kultureller und mythischer Deutung ist sie auch die Welt, in der die Seelen der Verstorbenen nach dem Tod einziehen und leben, ein Reich, das für den Sterblichen verschlossen bleibt. Sie ist eine Vorstellung, ein Konstrukt, das wir uns in Geschichten und Legenden imaginieren und bevölkern. Vielleicht, um uns dadurch unsere Angst vor dem Dunkeln (und die Unterwelt wird mit Dunkelheit per se in Verbindung gebracht), dem Unbekannten, dem Unterbewussten in uns selbst und in unserer Umwelt einen Ausdruck zu verleihen. Vielleicht auch, um uns das Wissen um den Tod, der letzten Schwelle zum Unbekannten, die uns allen vorherbestimmt ist, erträglicher zu machen. Der Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung (1875-1961), hat die „Unterwelt“ mit den sogenannten Mutterarchetypen in Zusammenhang gebracht; das Gebärende, Fruchtspendende und Leben bringende einerseits, schließt andererseits das Geheime, das Finstere, Todbringende und Abgründige wie in einem Kreislauf mit ein. Oder, wie es die Alchemisten, ausgehend von ihrer mythischen Schrift, der Smaragdtafel des Hermes Trismegistos, auszudrücken wussten: Das Oberen ist das Untere. Das eine existiert nicht ohne das andere. Das passt in die dualistische Vorstellung, die dem Menschen zu eigen ist, man denke da an Gut und Böse, Groß und Klein, Laut und Leise, Himmel und Hölle, Schwarz und Weiß etc. Und so muss es – fast zwangsläufig – neben der Oberwelt auch einen Ort jenseits davon geben.

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„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“

Lasst uns vom Wind erzählen. Ich gebe zu, würde mich jemand fragen, was der Wind ist, würde mir im ersten Moment keine passende Antwort einfallen und im zweiten Moment vermutlich das Zitat aus Hänsel und Gretel: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“. Zum einen, weil es ein bekannter Reim aus einem bekannten Märchen ist. Zum anderen, weil dem Wind, lässt man sich die Worte einmal gründlich auf der Zunge zergehen, tatsächlich etwas Kindliches anmutet. Er ist verspielt. Er ist unberechenbar. Ist er ausgeglichen, beglückt er uns mit einem lauen Lüftchen. Ist er aufgewühlt, stürmt und tobt er. Ist er traurig, heult er. Und ist er zufrieden, säuselt er. Wind ist im Grunde ständig um uns. Wir sehen von ihm aber nur seine Wirkung auf die sichtbaren Dinge und auf uns selbst. Sein Wesen, seine Gestalt ist für uns – mit Ausnahme von Tornados oder Superstürmen – weitgehend unsichtbar. Wind ist bewegte Luft und Luft brauchen wir zum Atmen und für die Erhaltung unserer Existenz.

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Person und Mythos – Die heilige Elisabeth von Thüringen

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Dies ist die Lebensbeschreibung und die Legende der gottseligen St. Elisabeth, der Tochter des edlen Königs von Ungarn, die nach Gottes Willen und Fügung mit dem edlen Fürsten Landgraf Ludwig von Thüringen vermählt wurde.” (Leben und Legende, S. 7)

Mit diesen Worten beginnt der Dominikaner Dietrich von Apolda (vermutlich 1230-1302) seine Vita, welche zwischen 1289 und 1291 entstand: die Vita der heiligen Elisabeth von Thüringen. Diese schillernde Gestalt des Mittelalters, heilige Landespatronin von Thüringen und Hessen, erfährt hier eine Aufarbeitung im Sinne von “Leben und Legende”: neben den Fakten finden sich viel Erzählstoff und Geschichten um die Person Elisabeth von Thüringen, die zur Bildung eines unverkennbaren Mythos führten.

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