Pergamon, oder ein Blick hinter die Kulissen der Vergänglichkeit

Als ich 1996 auf einem Schulausflug das Pergamonmuseum in Berlin zum ersten Mal erkunden durfte, gab es nur eine Reaktion, um den Augenblick zu beschreiben, als ich den Altarraum betrat: ungläubiges Staunen, gefolgt von abwechselnder Begeisterung und dem Gefühl, irgendwie „klein“ zu sein. Noch heute finde ich keine Worte für das Empfinden von damals. Was bleibt auch zu sagen, wenn man sich plötzlich Auge in Auge mit Architektur und Mythen aus über 2000 Jahren Menschheitsgeschichte gegenübersieht? Natürlich kannten wir die Antike aus dem Unterricht. Und hin und wieder begegnete uns die eine oder andere klassizistische oder renaissanceangehauchte Zeichnung in einem Buch für Kunsterziehung (und ja, die Wende-Zeit war da längst vorüber). Aber die Dinge in realis zu sehen ist, wie immer, eine vollkommen andere Erfahrung, als sie zweidimensional auf Papier gepresst vorzufinden. Das also war die Museumsinsel von Berlin. Das also war der Ort, der die Zeugnisse einer antiken Stadt bewahrte, deren Blütezeit längst vergangen war. Und es sollten in den angrenzenden Räumen noch weitere Beispiele aus versunkenen Zeiten folgen: das Markttor von Milet, das Ishtar-Tor von Babylon, Gräber und Reliefs aus dem Zweistromland (Mesopotamien), Kunst aus dem Islam, Münzen, Götterstatuen, Porträts und und und. Die alte Welt konserviert in Räumen. Und jeder ist eingeladen, diese zu besuchen; einzutauchen in eine andere Welt, die dennoch unsere Welt ist.

Warum ich das so ausführlich schildere? Die Faszination von damals ist auch die Faszination von heute. Ich bin mir sicher, jeder, der das Pergamonmuseum schon einmal besucht hat, wird mir zustimmen. Und jedem, der noch mit einem Besuch liebgäugelt, sei dieser schon jetzt wärmstens empfohlen. Derzeit müssen sich die Neugierigen allerdings in Geduld üben, denn die meisten Ausstellungsräume sind zwar geöffnet, der Pergamonaltar (und seine Friese), welcher zu den wichtigsten antiken Denkmalen Deutschlands gehört, ist jedoch seit einigen Jahren aufgrund eines umfassenden Restaurierungsprojekts durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung für Besucher nicht zugänglich.

Ein Panorama

Doch dagegen wurde Abhilfe geschaffen. Als ich in der vergangenen Woche einen Kurztrip in die Hauptstadt unternahm, war das im November 2018 eröffnete und vom Künstler Yadegar Asisi zum Leben erweckte Pergamon-Panorama mein Ziel. Dieses bietet den Besuchern einen 30 Meter hohen und 360 Grad umfassenden Rundblick auf die antike Metropole. Im sich wiederholenden Verlauf eines Tag-Nacht-Zyklus gibt es vor dem Hintergrund einer bergigen Landschaft den zur Stadt gehörenden Burgberg (Akropolis) mit Terrassen, Häusern, Tempeln und Säulenhallen zu bestaunen. Diesem zu Füßen liegt das Theater, auf dem ein opulentes Fest zu Ehren des Gottes Dionysos dargestellt ist. Es finden sich Szenen, welche die Errichtung von Götterstatuen zeigen. Wir sehen Menschen beim Verrichten ihrer Tagwerke und beim Müßiggang und natürlich darf der gewaltige Altar nicht fehlen, vor dem Tiere zu Ehren der Götter geschlachtet und im Inneren als Brandopfer dargebracht werden. Ein ähnlicher Brandopferaltar findet sich auch am Rand des Theaters wieder. Den Göttern zu huldigen und zu opfern galt als heilige Pflicht. Untermalt wird das bunte Treiben von verschiedensten Klanginstallationen. Das Behauen von Stein wird ebenso hervorgehoben wie das Prasseln der Altarfeuer und Feuerstellen, die Laute von Tieren, der Gesang des Theaterchores und das Stimmengewirr des städtischen Treibens, natürlich jeweils abhängig von der jeweiligen Tagesstunde. Und je mehr man sich als Zuschauer auf die Szenerie einlässt, desto mehr Details entdeckt man. So zum Beispiel die beiden römischen Soldaten, welche auf dem Vorplatz des Altars mit den Einheimischen sprechen. Sie stehen symbolisch für die Zeit, in der Asisis fast alle Sinne umspannender Auszug spielt. Man schreibt das Jahr 129 n. Chr. und die Zeit des Kaisers Hadrian. Pergamon stand zu dieser Zeit über zweihundertfünfzig Jahre unter römischer Herrschaft. Schon 133 v. Chr. hatte Attalos III. (letzter Herrscher der sogenannten Attaliden-Dynastie), kinderlos, die Stadt an die Römer vererbt. Ein Grund mehr, sich der Geschichte und vor allem den Mythos dieses Ortes ein wenig intensiver zuzuwenden.

Ein Mythos

Die Stadt Pergamon befand sich an der Westküste Kleinasiens (etwa 80 km von heutigen Izmir entfernt). Es lag nicht direkt am Meer, sondern im Tal des Kaikos-Flusses und wurde zudem von zwei weiteren Flüssen, dem Ketios und dem Selinus durchflossen. Die Bebauung zog sich ein tafelbergförmiges Massiv hinauf, das zu drei Seiten steil abfiel, aber zur Südseite hin in drei flacheren Absätzen den Übergang zur Ebene bildete. Das Panorama macht die Lage und die Anlage der Stadt mitsamt ihrer natürlichen Umgebungseinbettung wunderbar sichtbar. Steht man hoch oben auf dem Aussichtsturm und geht einmal rundherum, wechseln sich das Gewusel der Stadt und der Blick in die ungeheure Weite der Umgebung ab. Ein Anblick, der mir im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen hat. Wenn Farben schon einen solchen Eindruck hervorbringen können, wie viel atemberaubender müssen Anblick und Ausblick von der bzw. auf die antike Stadt selbst gewesen sein?

Die mythischen Wurzeln von Pergamon wurden auf Telephos, den Sohn des Herakles und der Athene-Priesterin Auge, zurückgeführt, der auch als Gründer der Stadt gilt. Allerdings dauerte es bis ins 2. vorchristliche Jahrhundert, ehe dieser unter Eumenes II. (221 v. Chr. – 158 v. Chr.) als Ahnherr in Erscheinung trat.

Der Mythos des Telephos liest sich so: Angeblich war dem Vater seiner Mutter (König Aleos, Gründer von Tegea) vom Orakel von Delphi geweissagt worden, dass der Nachkomme seiner Tochter deren Brüder töten würde. Als sich Herakles in Auge verliebte und sie schwängerte, brachte sie ihren Sohn heimlich zur Welt. Doch das Kind blieb nicht unentdeckt. Als König Aleos davon erfuhr, setzt er es im Gebirge aus. Dort säugte es eine Hirschkuh, woher auch sein Name herrührte (Telephos > griech. ἔλαφος [élaphos] „Hirsch“). Die weitere Geschichte ist ein wenig an Ödipus angelehnt. Telephos heiratet in Mysien seine Mutter Auge, die er nicht erkannt hatte. Doch wird die Ehe nicht vollzogen. Er kämpft gegen die Griechen, die auf dem Weg nach Troja in Mysien einfallen, und wird von Achilles verwundet. Doch die Wunde heilt nicht, denn – so besagt es ein weiteres Orakel – sie könne nur von dem geheilt werden, von dem sie geschlagen wurde. Also macht sich Telephos auf den Weg, Achilles herauszufordern bzw. diesen zu erpressen, indem er droht, Orest, den Sohn des Agamemnon (des Dienstherrn von Achilles) umzubringen. Es ist schließlich Odysseus, der eine andere „Interpretation“ des Orakels vorschlägt, dass es nicht Achilles, sondern dessen Speer ist, der die Heilung möglich macht. Der Rost des Speers bringt dann auch tatsächlich die Linderung. Telephos zeigt den Griechen schließlich den Weg nach Troja (auch diese Rolle ist ihm vom Orakel geweissagt worden). Doch er beteiligt sich nicht am Krieg, sondern gründet stattdessen die Stadt Pergamon. Diese Variante des Mythos wird im 1. Jh. v. Chr. von den römischen Dichtern Ovid (Metamorphosen) und Gaius Iulius Hyginus (Fabulae) beschrieben; im trojanischen Sagenkreis ist der Stoff zwar bekannt, doch bleibt allenfalls eine Randerscheinung, während er in archaischer und klassischer Zeit nahezu unbekannt ist.

Pergamonaltar mit Großem und Kleinem Fries

Der kleine Fries des Pergamonaltars erzählt den Mythos des Telephos, wenn auch mit Abweichungen. So verdankt er sein Überleben als Säugling nicht einer Hirschkuh, sondern einer Löwin, symbolisch für einen Ahnherrn natürlich viel gewichtiger, wird der Löwe doch mit Herrschaft, Macht und Stärke in Verbindung gebracht. Die Pergamener, so überliefert es der Schriftsteller und Geograph Pausanias, brachten ihm sogar Opfer. Dabei spielt neben Telephos noch ein weiterer Mythos für die Stadt eine Rolle, derjenige ihres Namensgebers: Pergamos. Er ist ein Sohn des Neoptolemos (gezeugt von Achilles) und der Andromache (der Witwe des gefallenen trojanischen Helden Hektor). In Mysien schlug er einige Schlachten und gründete im Anschluss die Stadt Pergamon, wo seine Mutter ihm ein Heldengrabmal (Heroon) errichten ließ. Belegt ist, dass ihm zu Ehren Münzen geprägt wurden. Allerdings fand auch das erst in römischer Zeit statt, eventuell auch um den Status der Stadt aufzuwerten. Immer war es, wie bereits erwähnt, an Rom das Erbe von Attalos III. zu wahren und zu verwalten. Ein weiterer Mythos, zudem in Verbindung gebracht mit dem legendären Heros Achilles, dürfte dem Image sicherlich nicht geschadet haben.

Eine Geschichte

Für die Attaliden, benannt nach Attalos I. (241 v. Chr. – 197 v. Chr.) war die mythische Verbindung zu Telephos die entscheidende. Attalos I. war denn auch der erste König von Pergamon, nachdem er die keltischen Galater im Kaikostal besiegt hatte. Seine Linie wurde von seinem Großonkel Phileteiros begründet und reicht in die Zeit der Diadochendynastien, d.h. von jenen Feldherren Alexanders des Großen, welche das neu geschaffene Reich nach dessen Tod unter sich aufteilten und, auch in kriegerischen Auseinandersetzungen, neue Staaten etablierten. Phileteiros gelang es, sich mit den Seleukiden in Kleinasien zu arrangieren. Er machte Pergamon zur Hauptstadt seines eigenen kleinen Reiches. Ein Reich, das sich unter seinem Großneffen und dessen Nachfolgern zu erstaunlicher Blüte entfaltete. Vor allem Eumenes II. erweiterte den Herrschaftsbereich geschickt, u.a. durch eine strategisch kluge Diplomatie. So vermittelte er den Frieden von Apameia 188 v. Chr. zwischen Rom und dem Seleukidenreich und konnte im Zuge dessen weite Teile Kleinasiens dem Pergamenischen Reich einverleiben. Auf Eumenes II. soll auch der Bau des Pergamonaltars zurückgehen. Vom kleinen Fries, welcher den Mythos des Telephos zeigt, ist schon die Rede gewesen. Der große Fries hingegen vermittelt eine noch eindrucksvollere mythische Szenerie: den Kampf der olympischen Götter gegen die Giganten.

Kampf der Olympier gegen die Giganten

Hesiod und seiner „Theogonie“ zufolge entstanden die Giganten aus dem Blut des Uranos, das während dessen Entmannung durch Zeus zur Erde tropfte. Ihre Mutter ist Gaia, die ihre Kinder auch im Kampf gegen die Olympier unterstützte. Ein Kampf, den man auch als Gigantomachie bezeichnet, sollten die Giganten doch für den Sturz des Göttergeschlechts sorgen. Es geht nicht nur darum, wer im „Himmel“ das Sagen hat, sondern um das Schicksal der ganzen Welt. Allerdings gibt es bei diesem überirdischen Ringen, welches der Pergamonfries überaus bildgewaltig, brutal und schonungslos darstellt, ein Problem: Götter können keine Götter töten. Und so braucht es die Halbgötter (halb göttlich, halb sterblich) wie Herakles oder Dionysos (beides Kinder des Zeus mit sterblichen Frauen), um die Olympier triumphieren zu lassen. Im neuen Pergamon-Panorama hat Yadegar Asisi Szenen des Kampfes künstlerisch rekonstruiert und ihnen bildlich eine ebenso imposante Gestalt verliehen wie den Figuren des Originals, welche den Zuschauer bei der Betrachtung überwältigen. Wahrscheinlich diente der Pergamonaltar (mit seinem Großen Fries) der Beherbergung eines kleineren Tempels (vermutlich der Athena-Tempel mit dem kleinen Fries), in dem vermutlich Brandopfer von Tieren oder das Darbringen von Weihrauch oder Früchten eine Rolle spielten. Die Offenbarung des Johannes erwähnt den Altar in spätantiker Zeit auf wenig rühmlich Weise: „An den Engel in der Gemeinde Pergamon schreibe: So spricht Er, der das scharfe, zweischneidige Schwert trägt: Ich weiß, wo du wohnst; es ist dort, wo der Thron des Satans steht.“ (Off. 2. 12) Hat man das Bild des Altars vor Augen, erinnert dieser in der Tat an ein Art Thron. Da Pergamon römisches Erbe war und die Christen sich im Zuge stetiger Verfolgungswellen gegen alles, was kaiserlich anmutete oder damit in Verbindung stand, radikalisierten, muss die Interpretation der Offenbarungsszene vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit gelesen werden. Pergamon war berühmt für seine Kunst (u. a. die Laokoon-Gruppe) und galt mit ihrer Akropolis, ihrer Agora, ihrem Theater und ihres Altars so manchem Römer als die schönste Stadt der Welt.

Ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. und dem Zerfall des Römischen Weltreiches war Pergamon indes faktisch bedeutungslos. Als der italienische Humanist, Epigraphiker und „klassischer Archäologe“ Cyriacus von Ancona im 15. Jahrhundert Kleinasien bereiste, brachte er zwei Reliefplatten des Pergamonaltars mit nach Europa. Doch brauchte es bis in die 60er Jahres des 20. Jahrhunderts, um sie als verbaute Wandteile in Häusern im englischen Worksop (Grafschaft Nottinghamshire) und in der Kirche von Fawley Court (Grafschaft Buckinghamshire) wiederzuentdecken. Im 19. Jahrhundert war es schließlich der deutsche Ingenieur Carl Humann (um 1864/65), der sich für die Erhaltung der Fundstücke und der Altertümer von Pergamon einsetzte, denn mehr und mehr wurden diese von Einheimischen als Baumaterial für Häuser verwendet. Mit Hilfe des Archäologen Ernst Curtius und des Direktors der Berliner Skulpturensammlung, Alexander Conze, konnten die Funde geborgen werden und nach Ausstellung von Grabungslizenzen durch die türkische Regierung begann man damit, Teil um Teil des Altars und anderer antiker Zeugnisse in das Berliner Antikenmuseum zu überführen. Der Verweis auf die Erhaltung antiker Baudenkmale mag ein Grund dafür gewesen sein. Vielmehr dürfte aber ins Gewicht fallen, dass die Rekonstruktion die staatliche Sammlung enorm erweiterte und das Prestige gegenüber den Pariser und Londoner Sammlungen steigerte. Für das 1871 proklamierte Deutsche Kaiserreich ein enorm wichtiges Argument. Die Eröffnung des ersten Pergamonmuseums im Jahr 1901 war jedenfalls ein voller Erfolg; ab 1930 (unterbrochen vom 2. Weltkrieg und dem zähen Ringen zur Rückgabe von Beutekunst durch die Sowjetunion) wurde der Altar dann in jenem Gebäude aufgestellt, an dem er noch heute (nach erfolgreicher Restaurierung) zu besichtigen ist.

So leben also in Berlin, im wahrsten Sinne des Wortes in Stein gemeißelt, Mythos, Geschichte und Erinnerung einer Stadt fort, die über 2400 km entfernt liegt. Und dank des vortrefflich inszenierten Panoramas ist das antike Pergamon ab sofort für uns sogar noch ein wenig greifbarer geworden. Wir werden auf indirekte Weise zu Zeugen einer Szenerie, die so wirklich existiert haben könnte. Könnte, wohlgemerkt! Denn bei aller künstlerischen Finesse und aller geretteten und wiederbelebten Zeugnisse bleibt Pergamon – das Pergamon, wie wir es als Besucher kennen – doch alles in allem ein Sammelsurium zerbrochener Teile einer nicht mehr zu greifenden Zeit, ein Blick hinter die Kulisse der Vergänglichkeit und der Möglichkeiten ihrer Interpretation. Was ist unser Pergamon? Und welche Geschichten wird es uns erzählen?

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Ralf Güssinger/Volker Kästner/Andrea Scholl: Pergamon – Panorama der antiken Metropole. Petersberg 2011.

Martin Zimmermann: Pergamon. Geschichte. Kultur. Archäologie. München 2011.

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