Auf der Vogelfluglinie – Lose Gedanken über Gedankenlosigkeit

Vor einigen Jahren nahm ich an einer vogelkundlichen Führung teil. Sie begann früh um 5 im Leipziger Osten, an einer neugotischen Kirche. Seht, sagte der Vogelführer, diese Kirche! Für die Tauben, die dort nisten, ist sie nichts als ein interessanter Kunstfelsen. Seither beschäftigt mich dieses Wort „Kunstfelsen“ oder die Tatsache, dass eine Kirche nicht nur eine Kirche ist, sondern, wenn wir sie von einem anderen, vielleicht nicht-menschlichen Standpunkt aus betrachten, ein künstlich hergestellter Felsen zur Befriedigung des Taubenvolkes. Gedanken erfassen nur unvollständig ihren Gegenstand. Wenn sie von anderen gedacht werden, ändert sich dieser fundamental. Die neugotische Kirche ist ein Universum von Möglichkeiten und verwandelt sich fortwährend,  je nach der Denkerspezies, der ich angehöre. Es fällt von nun schwer, den Gedanken auf sich selbst, den Denkenden, zu beschränken.

Es ist daher schwierig geworden, vielleicht unmöglich, eigene Gedanken zu haben. Wer kann von sich behaupten, er habe heute morgen eine Idee gehabt, die noch keiner vor oder neben ihm gehabt habe. Und vielleicht ist sie ihm am Vorabend ins Halbbewußtsein getröpfelt worden vom Fernsehen oder einem Gespräch. Zumindest konnte man vor dem Zeitalter globaler Vernetzung das Gefühl haben: dieser Gedanke stammt von mir. Abgeschiedenheit erzeugte ein starkes Gefühl der Originalität, der Auserwähltheit bis hin zum Nationalen. Zum Ausgleich sang man „Die Gedanken sind frei“ und verglich sich mit den Vögeln. Neurologen wollen heute in dieses schöne Volkslied nicht mehr einstimmen und den meisten wird beklommen ums Herz, wenn wir daran glauben sollen. Sind unsere Gedanken nicht nervöse Kurven, einfärbbares Aufflackern von Gehirnarealen und sind sie nicht schon gefasst, bevor sie sich uns zu erkennen geben? Aber von wem eigentlich? Von einer unsichtbaren Agentur, die unsere täglichen Geschäfte ordnet oder von jenem unauffälligen Mitbewohner in der Ego-WG, für den wir nur den Namen ex negativo haben, das Unbewußte? Aber wozu auch Eigentumsansprüche anmelden auf etwas kaum greifbares wie einen Gedanken? Welche Rolle spielt es denn, einmal abgesehen von Plagiatsfragen, dass wir sagen, es ist meiner oder nicht meiner? „Kein Mensch kann sie fassen“, heisst es weiter im Lied, und darin hat es recht.

Auch in der Gedankenwelt herrscht eine Ökonomie. Es gibt einen Markt, der sich über Angebot und Nachfrage reguliert. Bestimmte Gedanken kommen zu bestimmten Marktzeiten besonders gut an. Für andere müssen Marktschreier antreten wie für Aale und Käse. Einige Gedanken werden gebraucht, andere sind Luxus. Sie dienen der Dekoration oder dem Status. Es gibt Gedanken mit Tauschwert, andere haben Gebrauchswert. Genau wie auf dem Trödel gibt es Sammler von Gedanken, die ihre Ware feilbieten. Andere Sammler ziehen herum und prüfen, ob sie einen neuen alten Gedanken für ihre Sammlung brauchen. Meist findet der Markt in der Frühe statt, aber inzwischen gibt es auch Nachtgedankenmärkte, und zwar dank einer Erfindung, die den Markt unabhängig von Jahres- und Tageszeiten macht – dem Internet. Aber immer stellt sich die Frage: womit kann ich den Gedanken eintauschen? Mit anderen Worten: wieviel ist ein Gedanke wert?

Ich frage nicht: wie viel Wert hat ein Gedanke? Das wäre die Frage nach der Umrechnung: für wie viel Euro ist er zu haben? Diese Frage ist genauso wüst wie die Frage nach der Oberfläche Gottes, der sich die Pataphysiker um Alfred Jarry stellten. Nur in einzelnen Fällen – etwa mathematischen Rätseln oder technischen Geheimnissen – ist solch eine Frage sinnvoll. Nicholson Baker hat sich der Frage nach der Größe von Gedanken gewidmet. Seine Antwort lautet: „Jeder Gedanke hat eine Größe, und die meisten sind ungefähr einen Meter groß und besitzen das Komplexitätsniveau eines Rasenmähermotors, eines Feuerzeuges oder jener Zahnpastatuben, die, indem sie mehrere verborgene Pasten und Gele zusammenmischen, ein angenehm gestreiftes Produkt erzeugen.“

Im allgemeinen sind wir also zufrieden mit wenigen Gedanken, keinem Gedanken oder gerne auch halben Gedanken. Wenn ich frage, wie viel ist er wert, dann interessiert mich die Anstrengung, die zu ihm geführt hat, sozusagen die Wallfahrtsstrecke. Ich interessiere mich dafür, wie er geworden ist, weil darin vielleicht darin vielleicht das Geheimnis steckt, warum er geworden ist und was er mir mitzuteilen hat. Ich möchte wissen, woher er gekommen ist. Hat er einen Abfahrtsort? Wer hat ihm die Fahrkarte ausgestellt? Gibt es einen Quellort für Gedanken oder ist die räumliche Vorstellung von Anfang an falsch und überflüssig? Haben Gedanken nur einen Ort in der Zeit? Bildet die Zeit Knoten, an denen Gedanken entstehen? Bildet die Zeit Knoten, die wir Gehirne nennen? Kommen die Gedanken von außen hereingeschneit oder steigen sie in uns auf wie Luftblasen bei der Verdauung? Kann der Gedanke sich selbst erfassen oder ist er nur Spiegel für einen anderen Spiegel?

So sehr Mathematik und Philosophie als Systeme wie als Denkübungen sich von der Realität entfernt haben, so ist doch der eigene Gedanke Teil meiner Erfahrung, das heißt er ist aus einem persönlichen Erlebnis gewachsen oder gesprungen. Darin liegt für mich der Wert des Gedankens – in der Erfahrung seines Entstehens. Darum ist es wichtig, dass wir selber Gedanken haben, auch wenn alle anderen und ich selbst das bezweifeln.

So manches beginnt auf einem Kopfkissen, zum Beispiel der Titel dieses Essays. Ich kann nicht schlafen, ein Flipperspiel von Gedanken, die sich wiederholen, vertiefen, abscheulich werden, hellwach machen, beginnt. Eine gute Art, sich von ihnen zu verabschieden, besteht darin, genau auf ihre Verkettung, die Logik ihrer Verknüpfungen zu achten, sozusagen sich nur noch für ihre formale Seite zu interessieren. Nach welchen Assoziationsgesetzen folgt der eine dem anderen Gedanken? Ähnlichkeit, Berührung in Zeit und Raum, Kausalität? Hier lässt sich eine Fragestellung des 18. Jahrhunderts als hilfreiches Therapeutikum zur Nacht einsetzen. Wenn wir uns in dieser „Stunde des Wolfes“, wie die Schweden sagen, gegen vier Uhr morgens hin- und herwenden, so steckt in der ruhelosen Bewegung auch die Erfahrung, dass man anders denkt, wenn man anders liegt. Wir nehmen einen Satz von links nach rechts und er verändert sein Gesicht und manchmal meins. Überhaupt sollte man sein Gesicht beobachten, wie es sich bei bestimmten Gedanken verändert. So wenn Marx und Engels ihrem Satz über die Philosophen, die nur die Welt verschieden interpretiert haben, das Wort „verändern“ unterschieben: „es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Und doch ist welthistorisch nur dies geschehen: das Subjekt der Geschichte hat seine Position im Bett verändert. Eine Zeitlang sieht es so aus, als habe sich tatsächlich die Welt verändert durch diese Drehung, doch dann kommen die alten Gedanken in verdoppelter Schärfte zurück: Religion, Gewalt, Angst, Macht, Ohnmacht, große Symbole, gute wie schlechte, Gesetzlosigkeit, Korruption, die wölfische Natur. Hilflos erscheint daher der Versuch von Marx, die Gedanken zu verändern, indem man ihre Grundlage verändert; und doch schien es so einleuchtend.

Der Marxismus ist daran gescheitert, dass er nicht wusste, woher die Gedanken kommen. Wäre er nicht daran gescheitert, wäre alles noch viel schlimmer geworden: Orwells und Huxleys Visionen. Alle Totalität suchenden Systeme wollen wissen, woher die Gedanken kommen, denn nur so können sie finale Kontrolle ausüben und ihr reduziertes Menschenbild durchsetzen. Die Nationalsozialisten glaubten daran, dass die Gedanken aus dem Blut kommen, und historisch gesehen endet ihr Weltbild in einem bisher nie gesehenen Blutbad. Die Marxisten glauben daran, dass die Gedanken aus der Klassenposition kommen, aus den äußeren, wirtschaftlichen Bedingungen. An der Wirtschaft sind sie zugrunde gegangen. Der Kapitalismus glaubt, dass die Gedanken aus der Gier kommen, und an der Gier geht er zugrunde.

Es hilft nichts, wir müssen ganz von vorne anfangen, bei uns selbst. Das haben Schriftsteller und Künstler erlebt, sie sind mit sich, auch wenn sie Aussagen zu machen haben über die Gesellschaft, die Geschichte, das Leben allgemein. Trotz dieser Auflage müssen sie nämlich auch Aussagen über die Rückseite des Öffentlichen, zum Beispiel über die Verdauung machen. Es gibt auch einen Stoffwechsel zwischen dem Privaten und dem Publikum. H.G. Wells, der eher bekannt ist als Erfinder von Zeitmaschinen und Marsmenschen, warf einen verfremdenden Blick auf die literarische Produktion und entwickelte eine Diät für Autoren, und wenn ich mich nicht täusche, hatte Balzac Ähnliches im Sinn. Wells jedenfalls kommt zu folgenden Ergebnissen: Ein frischer Stil stellt sich weder nach einer Fastenperiode noch nach einer Völlerei ein. Viel wirkungsvoller ist Champagner. Fasten dagegen erzeugt eine melancholische Erzählkunst, Kopfsalat beruhigt. Dem kraftvollen Stil förderlich ist eine ruinöse Verdauung, die etwa durch deutsche Würste, Zwiebel und Käse erreicht werden kann. So kann verhindert werden, dass Nahrung vollständig in Fleisch und Blut verwandelt werden. Es entsteht ein Mehrwert, der sich in die Gedankenwelt ergießt. Ist die Verdauung erst einmal zum Teufel, kann die Literatur entstehen. Wer Beiträge für die führenden Zeitschriften schreiben möchte, sollte Schweinefleisch und Kohl essen, gefolgt von Bier mit Apfelstrudel. Danach geht Ihnen jede Ambivalenz flöten. Eine Woche Tee und Sodabrot für jene, die Produkte des fin de siècle erstellen möchten. Gelegentliche Makronenorgien mit billigem Champagner führen unweigerlich zu Gesellschaftssatire. Für Detektivgeschichten empfehlen sich starke kalter Tee und harte Kekse, für sozialwissenschaftliche Romane dagegen jede Menge gekochten Reises mit Toast und Wasser. Sollte nichts davon anschlagen, so empfiehlt Wells „Jabbers Autorennahrung“, die sich durch eine gute Werbung auszeichnet.

Zweifellos müssen diese spätviktorianischen Vorschläge auf die Frühzeit der Zukunft, in der wir jetzt leben, umgeschrieben werden, was zum Glück nicht meine Aufgabe ist. Wells zeigt immerhin, wie sehr die gedankliche Welt abhängt von Stoffwechselvorgängen, ja sie ist sogar Teil dieser. Das kann jeder nachprüfen. Bestimmte, zum Beispiel unangenehme Gedanken an bevorstehende Prüfungen, Untersuchungen oder Konfrontationen beschleunigen die Verdauung ebenso wie die Rückkehr in die eigene Wohnung.

Verdauung ist eine von vielen Bewegungen, die Gedanken auslösen. Es scheint, dass das Wesen der Gedanken überhaupt in der Bewegung liegt. Gibt es einen statischen Gedanken, einen, der nicht vom Fleck will? Die Wurzeln des Denkens liegen tief in der menschlichen Frühzeit, aber artikuliert finden wir diese Wurzeln noch in den vorsokratischen Philosophen, 800 bis 500 Jahre vor Christus. Kein Zufall, dass einer der ältesten, Parmenides, das Unbewegte Große sah: alles ist eins, nichts bewegt sich. Dann aber setzte eine ruhelose Bewegung des Denkens ein: es wurden Feuer, Wasser, Luft, die vier Elemente, die Atome. Und natürlich hatte sich bei dem Eleaten Parmenides auch schon etwas bewegt, ein Hauch war durch das Eine gegangen und es hatte zu zittern begonnen, zu reflektieren. Woher sonst seine Rede über das Eine, wenn es nicht schon Zwei gab? Inzwischen sehen wir uns als neuronales Schlachtfeld: chemische Explosionen, hormonale Ausschüttungen, das Schießen der Synapsen. Und die Neurologie versichert uns: bevor ihr etwas denkt, habt ihr es schon gedacht. Aber was war davor, vor dem ersten, unbekannten Gedanken?

Vielleicht helfen uns die Mythen der Welt weiter. Sie alle berichten von der uranfänglichen Einheit, durch die eines Tages (ein unmöglicher Ausdruck!), ein Riß lief. Es kam zur Spaltung zwischen Himmel und Erde. Ein mächtiges Wesen erschuf andere Wesen und musizierte mit ihnen den Kosmos herauf. Doch dann begann eines der Geschöpfe eine andere Melodie zu spielen. Die Dissonanz war geboren, das Allmächtige musste reagieren und die Dissonanz zu etwas Neuem machen, einer gesteigerten Gesamtmelodie. Wir wollen hier diese Geschichten als Geschichten über die Entstehung von Gedanken lesen. Der Gedanke entsteht aus einem Riss. Der Geist schaut das Wasser an und erkennt, dass er dasselbe ist und zugleich etwas anderes. Für diesen Riss haben wir keine Erklärung, vielleicht ist es nur die Zeit, die Abreibung, der Energieverlust, eine Form von Entropie, die diese Risse erzeugt. Da wir selbst der Riss sind, können wir ihn nicht sehen, wir sehen kein Warum und Woher. Wollten wir dies tun, so würden wir erblinden.

Es gibt eine schöne Geschichte des geheimen Vaters aller Daoisten, Zhuangzi, der ca. zwei Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung lebte. Der Heer des Südmeeres hieß Hastewas, der Herr des Nordmeers Kannste. Der Herr der Mitte aber war Ungestalt. Der war freundlich zu den beiden anderen Herren, wenn sie sich in der Mitte trafen, und sie wollten es ihm mit einer Freundlichkeit entgelten. Sie sagten zueinander, alle Leute haben sieben Löcher, nur Ungestalt hat keines. „So bohrten sie ihm jeden Tag ein Loch, und am siebten Tag starb Ungestalt.“ Die Gedanken, die mit dem Haben und Können entstehen, bohren fortwährend Löcher in unser Wesen, bis es aufgerieben ist. Man kann es auch so verstehen: das, was uns zum Denken bringt, der Riß, das Ungestalte ist unsere Mitte, und diese lässt sich nicht reflektieren. Sie ist der blinde Spiegel, der Ursprung der Bewegung. Sobald wir sie ins Auge fassen, steht sie still oder stellt sich tot.

Wir können die Gedanken also eigentlich nur von der Seite anschauen. Die Wahrheit ist flüchtig, schon nach drei Sekunden ist sie vergessen und muß neu erkannt werden. Da hilft es nur, auf einfache Erfahrungen zu schauen. Beim Joggen etwa fiel mir auf, dass der ständige Rhythmus sich auf das Denken auswirkte wie das Rezitieren eines Mantras. Er befreit Gedanken aus ihren Schalen, sie springen nun wie Bälle auf und ab und verändern ihre Farben und Formen und schließlich verwandeln sie sich, zum Beispiel in die Lösung eines Problems. Das machen die Sprünge. Der Rhythmus des Radfahrers ist ein anderer und eignet sich daher für andere Gedanken. Sie sind ruhiger, gleichmäßiger, sie werden immer wieder unterbrochen durch den Verkehrsblick. Möglicherweise kommt man dabei weniger zu Lösungen von Fragen. Aber man kann sich diese immer wieder in aller Ruhe anschauen, während die Beine die Arbeit von Filmvorführern erledigen. Bei all diesen körperlichen Tätigkeiten ist es erstaunlich, wie sehr uns Gedanken aus der Mühe entfernen. Während im Kopf ein kleiner Denkfilm abläuft, merken wir nicht, dass wir schon wieder dreihundert Meter hinter uns gebracht haben. Fortwährend erschafft das Gehirn eigene Welten: das ist das menschliche Erbteil, aus dem sich unsere ganze Geschichte erklärt. Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte eines Absehens von der unmittelbaren Wirklichkeit.

Ein Kennzeichen des essayistischen, also nicht ganz philosophischen Denkens ist, dass es stärker auf die körperlichen Prozesse eingeht, von denen es umgeben ist und aus denen es kommt. Immerhin gibt es kleine philosophische Lehrstücke, die sich wie Gnome in unseren Alltagserfahrungen verstecken. Sie erlangen nie Systemreife, meist bleiben sie auf halbem Weg liegen. Wer hat der Philosophie der Trägheit je eine Stimme gegeben? Die Systembauer von Hegel bis Luhmann ziehen ganze Städte an Begriffen auf, andere bauen zumindest Häuser. Aber der träge Philosoph, der Oblomow unter den Denkern, sammelt ein paar Steine, legt hier und da eine Ecke an oder den Teil eines Fundaments und verschwindet dann. Vielleicht machen die anderen ja weiter? Wahrscheinlich reißen sie aber alles lieber ab, um Platz für ihre eigenen Architekturen zu schaffen. Aber haben sie Gedanken? Sie haben nur einen Gedanken.

Der träge, aber gedankenvolle Philosoph dagegen erfreut sich bei seinen Touren an kleinen Allegorien am Wegesrand. Er oder sie interessiert sich für Trödel, es muß nicht originell sein, aber ansprechen, das Ding muß mit den Augen zwinkern. Da sieht er jemanden eine steile Treppe hinabsteigen und dieser Mensch schaut nicht auf die Stufen, sondern geradeaus in die Ferne. Schaute er auf die Stufen, so würde ihm bald schwindlig werden. Du musst immer über die Situation hinausschauen, um sie bewältigen zu können, sonst wirst du zum Vogel, der von der Schlange hypnotisiert wird. Überhaupt hypnotisiert uns immer die Gegenwart. Derselbe Vorgang, der uns heute ärgert, ist in einer Woche eine Lachnummer. Der Schriftsteller Wilhelm Genazino verpasste einen Zug und musste fast eine Stunde lang im Bahnhof warten, wie er in der Weihnachtszeit 2008 in einer Zeitung schrieb. Beinah hätte er angefangen, Briefe an die Bahn zu schreiben, ironische, versteht sich, aber dann wurde er allmählich durch Kleinigkeiten über die zuvor ärgerliche Situation hinausgetragen. Die Hypnose ließ nach und er erblickte plötzlich eine Frau, die Krümel vom Tisch einsammelte und nach draußen trug, er sah eine Inschrift der Bahn, die lautete „Zug hält nicht überall“ und verlor sich in Wittgensteinschen Überlegungen zu der Möglichkeit, was wohl wäre, wenn ein Zug überall hielte: er käme jedenfalls nicht vorwärts, der Stillstand träte ein. Gedanken entstehen, wenn der alles lähmende hypnotische Zustand sich auflöst; die Welt tritt wieder in Erscheinung, das Rätsel wird sichtbar.

Es gibt also Gedanken und Gedanken: herrschende Gedanken, die die Gedankenlosigkeit befördern, ja einfordern, und solche, die sich vogelfrei durch die Wirklichkeit bewegen, die ihre eigenen Vogelfluglinien verfolgen, ungeachtet der Erfordernisse von gesellschaftlichen Ritualen und Zwängen. Es empfiehlt sich, nach Art der römischen Auguren immer einen Krummstab bei sich zu führen, mit dem man einen Teil der Wirklichkeit abgrenzt und zum Vogelflugbezirk erklärt. Der Augur ist ein Wahrsager, der nach der Art des Vogelflugs die Auspizien verkündet. Der Krummstab kann ein Bleistift sein oder auch nur ein Knick im Auge, die Freude am Missverstehen, eine leichte Müdigkeit oder ein anhebender Rausch. All diese Krummstäbe fokussieren uns auf die Kritzeleien des Daseins.

Nützliche Gedanken sind unnütz, wenn sie nur nützlich sind. In Bahnhöfen wird man ohnehin eher befreit. Genazino hatte einen bahnhofsphilosophischen Vorläufer. Gilbert Keith Chesterton verbrachte viel Zeit auf ihnen, denn er verpasste dauernd Züge. Für uns ein Glück, denn die dadurch entstehenden Mußestunden führten zu den schönsten Essays aus seiner Feder. Er schaute dem Treiben zu und verlor sich in den Tiefen der Zeit, den Anfängen und Urbildern von Institutionen und Ritualen, mit denen einen ein Bahnhof umgibt. So gelangte er in andere Zeitmuster, er wechselte durch diese „Bahnhofsversunkenheit“ (wie Genazino es nannte) die Dimensionen. Er sah den Vogelflug der großen Dinge, die sich in den kleinen spiegeln. Manchmal fand er ihn in der eigenen Hosentasche und einmal suchte er krampfhaft nach einem Stück Kreide, weil er etwas auf Packpapier aufzeichnen wollte. Nachdem er alles andere gefunden hatte, nicht aber die Kreide, bemerkte er plötzlich, dass er längst auf einem riesigen Kreidestück saß, nämlich auf den Klippen von Dover. Nicholson Baker, der die Gedanken messen wollte, stellte fest, dass große Gedanken stärker von kleinen abhängen, als man meinen könnte: „Große Wahrheiten werden wie gütige Madonnen von Dutzenden geschäftiger, fröhlicher Engel des Details hochgehalten.“

Hastewas und Kannste bauen derweil weiter Straßen, Krankenhäuser, Fabriken, Schulen und Wohnblöcke. Sie durchbohren unvermindert und mit zunehmender Geschwindigkeit das Große Wesen, bis es nichts mehr kann noch hat. Den Vögeln ist dies alles gleich. Sie sehen von ihren Linien herab ein seltsames Tun, Zeichen, die in die Nacht des Universums gerichtet sind, doch keiner kann sie lesen. Überall werden künstliche Felsen gebaut, die Vögel wissen das zu schätzen.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


Literaturhinweise:

Baker, Nicholson. Wie groß sind die Gedanken? Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1998.

Chesterton, Gilbert Keith. Vom Wind in den Bäumen oder Gewichtige Kleinigkeiten. Betrachtungen und Skizzen. Coesfeld: Elsinor Verlag 2008.

Zhuangzi. Auswahl, Einleitung und Anmerkungen von Günter Wohlfart. Übersetzung von Stephan Schumacher. Stuttgart: Reclam 2003.

Genazino, Wilhelm „Bahnhofsversunkenheit“. Neue Zürcher Zeitung 20.12. 2008.

Kükelhaus, Hugo. Unmenschliche Architektur. Köln: Gaia 1973.

Die Vorsokratiker. Die Fragmente und Quellenberichte übers. und eingel. von Wilhelm Capelle. Stuttgart: Kröner 1968.

Wells, Herbert George. „Die literarische Diät“, in Elmar Schenkel, H.G.Wells. Der Prophet im Labyrinth. Wien: Zsolnay 2001, 102-108.


©  Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

 

 

 

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