Zwischen Mythen, Religion und Geschichte – Eine Reise nach Israel

November/Dezember 2019

Am Bahnhof von Tel Aviv: ein junger Israeli, Rucksackreisender, mag Deutschland, lernt Deutsch und versucht zwei jungen Deutschen zu erklären, dass sie eine Kultur haben. Wir, eine Kultur? Haben wir nicht! Ich würde dir nie empfehlen, Deutsch zu lernen, sagt die junge Frau. Warum lernst du Deutsch?

– Warum soll ich nicht Deutsch lernen? Etwa weil ich Jude bin?

– Oh nein, sondern, weil es so schwer ist. Der, die, das und so weiter!

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Sibirische Mythen – Eine Reise nach Jakutien

Als ich dort hinreiste, wusste ich nur dies: Jakutsk ist die kälteste Hauptstadt der Welt. Dort sollte eine Konferenz zum 175. Geburtstag Nietzsches stattfinden, einem Philosophen also gewidmet, der wusste, was Kälte war. Von Moskau fliegt man ca. 6 Stunden und überquert so manche Zeitzone. Der Flughafen lag wie eine gefrorene Eisprinzessin in der weißen Wüste. Mein Koffer war nicht mitgekommen, aber ich kam in eine warme Wohnung. Meine Gastgeber, eine Philosophin und ein Dirigent sowie ihre Familie tischten nach russischer Art auf! Und ich begann mehr zu erfahren über dieses für uns so unbekannte Land, das offiziell Republik Sacha heißt. Reich an Bodenschätzen, die größten Diamantvorkommen der Erde. Auf den Straßen, mitten in der Stadt, weiße struppige Pferde, wilde Pferde, die im Schnee scharren. Es dampft allüberall in der Kälte, der Atem, der Rauch der Häuser. Jakutien liegt im Nordosten Sibiriens, es ist fast so groß wie Indien und neunmal so groß wie Deutschland.

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Zukunft im Digital: Über Hoffnung und Angst in der Utopie

Zählen und Erzählen

Unsere erste Rechenmaschine ist die Hand. Mit Fingern, das heißt digital, haben wir immer gerechnet. Seit wir aufrecht gehen, haben wir Zeit und Raum zum Bezeichnen und damit zum Zählen. Bis heute gibt es Kulturen, die mit Fingern, Händen und Zehen rechnen. Im Mittelalter etwa bedeutete der geschlossene Kreis zwischen Daumen und Zeigefinger 100. Die Scheiben oder Kugeln am Abakus können als ausgelagerte Fingerknöchel gedeutet werden.

Der Mensch ist ein messendes Wesen, er zählt oft und viel, um sich Orientierung zu verschaffen, etwas zu überprüfen oder zu verkaufen und einzukaufen. Er macht Kerben oder knotet Zahlen, schreibt an und berechnet die Erscheinungen des Mondes (lat. mens, der Monat). Im Deutschen sind Zählen und Erzählen ganz nah beieinander. Zählen heißt ursprünglich, eine Kerbe machen, eine Delle, ein Tal einschneiden, eine Markierung also im Raum. (Daraus wird über den Umweg des böhmischen Namens Joachimsthal eines Tages sogar der Taler und daraus wiederum der Dollar.) Erzählen wiederum folgt dem Präfix er-, was auf eine größere Bewegung in einem Raum verweist (erkunden, erforschen, erraten), nicht einfach auf einen Schnitt. Auch hier kommt die Hand ins Spiel, die das Erzählen begleitet durch Gestik, ja, Gefühle erweckt bei den Hörern, weil sie anrührt oder auch die Welt ertastet, die Erinnerungen beschwört. Das englische Verb to tell gibt noch deutlicher die Identität von erzählen (to tell a story) und zählen (to tell the time) preis.

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