„Genau in der Mitte des Notizbuchs waren auf einer Doppelseite, ordentlich aufgereiht, mindestens hundert Türen zu sehen. Jede dieser Türen unterschied sich in Form, Größe oder besonderen Merkmalen von den anderen, genau wie die Türen einer beliebigen Straße. Das war alles sehr seltsam, aber rätselhaft schön und verlockend … Es kam ihr wie ein geheimnisvoller Schatz vor …“ (Gareth Brown, Das Buch der Tausend Türen)
Wie viele Türen haben Sie heute durchquert? Ich würde wetten, dass es so einige waren. Die Türen zwischen den Wohnräumen, die Haustür, die Schiebetüren von Geschäften, Türen von Bürogebäuden, Bahnhöfen, Kirchen, Universitäten, Straßenbahnen oder Autos etc. Die meisten Türen, Tore oder Portale wirken wenig spektakulär, im Gegensatz zu so berühmten Durchgängen wie der vergoldeten Bronze-Paradiestür von Lorenzo Ghiberti in der Kathedrale von Florenz, der Bernwardstür des Hildesheimer Doms oder der Tür von Downing Street No. 10 in London. Türen gewähren Einlass. Oder sie bewahren Geheimnisse. Man denke an die fantastischen Türen (in der Literatur und der eigenen Vorstellung): die Schranktür, die ins Reich von Narnia führt oder das schwarze Tor von Mordor aus dem Herrn der Ringe. Berühmt-berüchtigt ist auch Dantes Höllentor im Inferno seiner Göttlichen Komödie, das jeden Eintretenden warnt, alle Hoffnung fahren zu lassen.
Vom Leben sagt man zu Recht, es sei ein Kommen und Gehen, und dabei spielen Türen eine nicht unwesentliche Rolle. Wir überqueren ständig diese ganz realen Schwellen, nur ist es uns fast nie bewusst, und vermutlich käme auch niemand auf die verrückte Idee, tagtäglich die Anzahl der Durch- und Übergänge zu zählen. „Es gibt Dinge, die bekannt sind, und Dinge, die unbekannt sind, und dazwischen gibt es Türen“, ein Aphorismus der immer wieder mit dem englischen Dichter und Naturmystiker William Blake (1757-1827) in Verbindung gebracht wird; oder stammt er doch von Jim Morrison (1943-1971), dem legendären Frontman der Band „The Doors“? Die virtuelle (Dazwischen-Türen-) Welt der quellenlosen Internet-Zitate ist unergründlich.
Die Tür markiert also eine sichtbare Grenze. Sie trennt Eingang und Ausgang, Davor und Dahinter und sie spielte auch in der früheren Rechtsüberlieferung eine nicht unwesentliche Rolle. So geschah die Inbesitznahme eines Hauses durch Berühren des Türrahmens. Auch Schwüre konnten auf diese Weise bezeugt werden. Darüber hinaus galten Türen als Aufenthaltsorte von Geistern, die unter den Türangeln hocken oder direkt auf der Schwelle sitzen konnten. Tote Missetäter oder solche Leichname, von denen man eine Rückkehr als Wiedergänger fürchtete, durften nicht durch die Türen aus einem Haus getragen werden (alle anderen Toten musste so im Sarg platziert werden, dass sie beim Heraustragen die Türen nicht sehen konnten). Ein Loch in der Wand sollte das Unheil bannen. Apropos Bannen. „Um Tore fester zu machen, vergrub man ein Opfer darunter.“ (Handwörterbuch des dt. Aberglaubens, Bd. 8, Sp. 1188) Katzen und Hunde sind hier nachweislich archäologisch überliefert. Doch auch Tote konnten unter einer Schwelle begraben liegen.
Um Türen zu schützen, sind Kreuze hilfreich; zu den alternativen Möglichkeiten zählen Ähren, Hufeisen, gekreuzte Säbel und geweihtes Geld. Oder man nagelt Pergament (von innen) an das Holz, alternativ gehen äußerlich auch Pferdefüße, Eulen oder Fledermäuse mit ausgebreiteten Flügeln. Auch Holznägel, hinter denen ein geweihtes Pulver steckt, gelten als geeignet. (Ebd. Sp. 1199 f.) Aber Vorsicht! Ebenso, wie sich mit Hilfe von Türen Hexen vertreiben und Zauber abwehren lassen, u. a. indem man das Blut eines menstruierenden Mädchens am Türpfosten verteilt, kann damit Schadenszauber betrieben werden. „Wenn man die Türöffnung umarmt, d.h. mit beiden Händen an die beiden Türpfosten faßt, so wünscht man wenigstens einen derer, die drinnen sind, den Tod, oder der Nächste, der hineingeht, bekommt Herzspannen.“ (Ebd. Sp. 1195) Aber auch heilende Wirkungen können von Türen ausgehen. Bei Zahnschmerzen schreibt man den Namen des Erkrankten auf ein Stück Papier (allerdings in dreifacher Verstellung) und nagelt es hernach an die Stubentür. Noch kurioser ist die Erkältungskur: „Um den Schnupfen loszuwerden, beschmiert man den Türdrücker mit Nasenauswurf, und derjenige bekommt ihn, der die Tür zuerst berührt, oder man erfaßt unter der Hersagung eines Zauberspruchs die Türklinke, wer sie nachher berührt, bekommt das Übel.“ (Ebd. Sp. 1196) Übertragungszauber mal anders.
Die Römer kannten für Türen, Tore und Schwellen sogar eine Gottheit: Janus, dessen zwei Gesichter zum Ende und zum Anfang schauen, weshalb er im Monat Januar (dem ersten Monat unseres neuen Jahres) namentlich verewigt ist. Bei den Griechen war es die Göttin Hekate, welche neben Magie, Nekromantie bzw. dem Wachen an Wegkreuzungen auch für die Schwellen und Übergänge Sorge trug.
Im Gegensatz zur Tür tendiert die Schwelle übrigens dazu, ebenfalls eine Grenze festzulegen, den „Übergang“ generell aber etwas großzügiger zu fassen, d. h. es muss sich hierbei nicht zwangsläufig um eine Tür oder ein Portal handeln. Schwellen und Übergänge können auch die Aufnahme des Kindes in den Kreis der Erwachsenen, Heirat, Geburt und Tod sein. Auch der Jahreswechsel fällt darunter. Das Überqueren eines Flusses, eines Gebirges etc. Hierzu sei als weiterführende Lektüre das Werk des französischen Ethnologen Arnold von Gennep (1873-1957) empfohlen, der sich umfassend mit den Übergangsriten befasste und dabei u.a. auch die räumlichen Übergänge thematisiert hat. „Im Falle eines gewöhnlichen Wohnhauses ist die Tür die Grenze zwischen der fremden und der häuslichen Welt, im Falle eines Tempels [oder einer Kirche] ist sie die Grenze zwischen profaner und sakraler Welt. ‚Die Schwelle überqueren‘ bedeutet somit, sich an eine neue Welt anzugliedern […] .“ (Übergangsriten, S. 19) Oft gehen diese Übergänge mit Riten des Hineingehens, Wartens und Hinausgehens einher, zum Beispiel, dass man nicht auf die Schwelle spucken oder auf sie treten darf. Van Gennep veröffentlichte sein Buch 1908, daher müssen einige der darin gebrauchten Ausdrücke vor dem Hintergrund der Zeit verstanden werden. Auch das Lesen eines über 100 Jahre alten Buches kann eine Schwelle sein und gedanklich die Welten von damals und heute verbinden.
Dem Volksglauben nach waren Schwellen auch Orte, an denen Seelen und Geister wohnten. Auch vom Schwellenvogel (Summer-Sunnen-Suntevogel) ist in Quellen hin und wieder die Rede. Wahrscheinlich handelt es sich hier entweder um einen prähistorischen Vogel (Limenavis patagonica) oder – was wahrscheinlicher ist – um eine Bezeichnung für Schlangen, Kröten, Insekten etc., also Tiere, die mit Unheil in Verbindung gebracht wurden und die es zu vertreiben galt, auch mit Hilfe von Zaubermitteln. Ebenfalls mit der Schwelle assoziiert war der Prügelzauber. „Wenn man seine Jacke auf die Schwelle legt und recht peitscht, treffen die Schläge den, den man im Sinn hat.“ (Handwörterbucht, Bd. 7, Sp. 1528) Und auch zum Liebeszauber war die Schwelle geeignet. Wenn man eine Kröte unter einer Schwelle vergräbt, kann man den Geliebten „fesseln“ sobald er darüber geht. Hat man einen Gegenstand des oder der Angebeteten, kann man diesen auch zu einer Hexe bringen, die das Ganze in einen Topf legt und unter Zutun eines Zauberspruchs unter der Schwelle des/der Betreffenden vergräbt. „Will man häufigen Besuch des Geliebten, so reißt man ihm heimlich ein Haar aus und steckt es unter die eigene Türschwelle. Leidenschaftliche Sehnsucht kann hervorgerufen oder geheilt werden, wenn man kreuzweise drei Beinchen von einem toten Menschen, dazu Haare und Eierschalen unter die Schwelle legt.“ (Ebd.) Über Erfolg oder Misserfolg der Rituale liegen aktuell keine Hinweise vor.
Daher zum Abschluss noch ein paar praktische Warnungen und Tipps für das neue Jahr: Mit dem Fuß an die Schwelle stoßen bedeutet Unglück. … Es ist nicht gut, wenn man mit ausgestreckten Armen in der Türschwelle steht. … Knarrt die Tür beim Öffnen, gibt es Regen. … Mit der Tür spielen, bedeutet Streit in der Familie. … Der Segen des Hauses schwindet, wenn jemand unter der Tür kaut. … Wenn die Tür von selbst aufgeht, dann tritt der Geist eines Verstorbenen ins Zimmer oder es melden sich unerwartete Gäste an. (Handwörterbuch, Bd. 7, Sp. 1540 f. u. Bd. 8. Sp. 1205 f.)
In diesem Sinne allen Leserinnen und Lesern einen guten Übergang ins Jahr 2026.
Ein Beitrag von Dr. Constance Timm
Literaturhinweise:
Arnold van Gennep. Übergangsriten. 3. Aufl. Campus Verlag: Frankfurt/New York 2005.
Hanns Bächtold-Stäubli, Eduard-Hoffmann Krayer (Hrsg.). Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 7. Walter de Gruyter: Berlin/New York 1987.
Hanns Bächtold-Stäubli, Eduard-Hoffmann Krayer (Hrsg.). Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 8. Walter de Gruyter: Berlin/New York 1987.
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.



Da ist auch häufig in den Mythologien die Rede von Türen, Schwellen und Übergängen in Anderswelten. Von Hesiod wurde die dreifaltige Hekate in die griechische Mythologie integriert. Ich schätze, dass diese Hekate einen vorgriechischen Ursprung hat, möglicherweise in Anatolien. Hesiod machte aus der dreifaltigen Hekate die „Hochverehrte“ – und Zeus sah davon ab, sie zu unterwerfen. In der Mythologie kann Hekate die Türen in Anderswelten öffnen ->
https://www.mythologie-antike.com/t3-hekate-in-der-griechischen-mythologie