Schuppen und mehr Flügel
Je nachdem für welche Richtung man sich auf dem weiteren Rundgang im Vorderasiatischen Museum entschieden hat, wurde die Aufmerksamkeit von seltsam anmutenden Wasserbewohnern oder den klassischen Fabelwesen schlechthin, den Sphingen, in Beschlag genommen. Auf einem Wasserbecken aus Assur (7. Jh. v. Chr.) sind Wassergottheiten sowie Fisch-Mensch-Wesen abgebildet. Letztere werden von den Begleittexten als Priester gedeutet, welche Fischhäute tragen, um Reinigungsrituale zu vollziehen. Wasser spielte im alten Mesopotamien eine zentrale Rolle. Ohne Regen oder die Fluten von Euphrat und Tigris wären weder Fruchtbarkeit noch Landwirtschaft und damit auch keine Zivilisation und Kultur möglich gewesen.

Fischgewandete Figuren fallen nicht in die Kategorie der Fabelwesen, da ihr Überwurf zwar tierischer Natur ist, sie aber nicht damit verschmolzen sind, obwohl sie auf Darstellungen so wirken. Dennoch wurden ihnen magische und apotropäische Eigenschaften zugesprochen. Zu den Fabelwesen zählen vielmehr Wesen wie der altbabylonische Löwenfisch, dessen Bedeutung bisher nicht erfasst ist sowie Meermänner (assyrisch: kulullȗ = Fischmann) und Meerjungfrauen, von denen Abbildungen ebenfalls bis in altbabylonische Zeit zurückreichen. Obwohl das Kernland des alten Mesopotamien keinen direkten Zugang zum Mittelmeer oder zum Persischen Golf besaß, ist die Vorstellung von Wassergestalten durch die beiden großen Flüsse gegeben. Zudem spielen Flutmythen in allen dort ansässigen Kulturen eine prominente Rolle. Man stellte sich die Flut (abūbu) sogar als ein geflügeltes kosmisches Monster vor.
Monsterähnlich, aber doch eindeutig als Mischwesen auszumachen, sind die Torsphingen, die ganz in ihrer Funktion des Bewachens aufgehen und den Museumsbesucher je nach Lust und Laune willkommen heißen oder verabschieden. Die Flügel weit aufgespannt, der Menschenkopf aufgrund der unvollständigen Gesichtszüge alienhaft lächelnd, zeigen sie ihre Kraft in dem mit stolzer Brust herausgestreckten Löwenkörper. Die steinernen Sphingen in Berlin stammen zwar aus Hattuscha, der Hauptstadt des Hethiterreiches (heutige Türkei), gleichwohl haftet in der gesamten antiken Welt diesen Wesen etwas Universelles und Androgynes an, sind sie doch von Ägypten bis Griechenland, bei den Phöniziern ebenso wie im Vorderen Orient bekannt und zumeist in Stein dargestellt.
Löwe ist gleich Löwe?
Der Löwe spielt in der mesopotamischen Mythologie und der Kunst eine besondere Rolle. Dies zeigt sich einmal mehr an den im Vorderasiatischen Museum Berlins befindlichen Rekonstruktionen der babylonischen Prozessionsstraße, die zu beiden Seiten von Löwen flankiert wird. Insgesamt schätzt Robert Koldewey eine Gesamtzahl von 120 Ziegeldarstellungen. „Es gibt rechtsschreitende und linksschreitende Löwen, je nachdem sie an der östlichen oder der westlichen Mauer saßen. Außerdem kommen solche mit weißem Fell und gelber Mähne und solche mit gelbem Fell und roter, jetzt infolge von Verwitterung grün erscheinender Mähne vor, der Grund ist entweder hell- oder dunkelblau, die Gestalt, abgesehen von dem Rechts- und Linksschreitenden, immer dieselbe; denn das Relief war aus Formen gedrückt.“
Bei den Löwen der Prozessionsstraße handelt es sich um die Löwen der Göttin Ischtar. Sie symbolisieren deren Verehrung und visualisieren ihre Stellung als Kriegsgöttin. Und wahrlich kriegerisch präsentieren sich die Tiere, wenn die Besucher an den aufrecht und majestätisch schreitenden Gestalten mit den drohend geöffneten Mäulern in die eine oder die andere Richtung vorüberziehen. Löwen wurden zudem magische Eigenschaften zugeschrieben. Als Teil von Mischwesen ist der Löwe sowohl beim mušḫuššu als auch beim Lamassu körperlich präsent. Aber es gibt noch weitere Mischwesen, in welchen die Stärke des Löwen als König der Tiere eine Rolle spielt. So beispielsweise beim Löwen-Zentauren oder Löwenmann (assyrisch: urmahlullû) wie er auf assyrischen Zylindersiegeln abgebildet ist. Auf diesen kämpfte er unter anderem gegen Dämonen, welche wiederum ebenfalls löwenartig dargestellt sein können, allerdings ganz und gar üble Absichten besitzen, und denen man nachsagte, dass sie ihren menschlichen Opfern beispielsweise in Waschräumen auflauern. Im Vorderen Orient wurden Dämonen sehr gefürchtet. Der mit positiven Eigenschaften assoziierte Löwen-Zentaur besitzt den Unterkörper eines Löwen und den Oberkörper eines Mannes und trägt oft eine Hörnerkrone, ein Zeichen dafür, dass er göttliche Kraft besitzt. Als weitere löwenartige Mischwesen sind Löwenfisch, Löwendrache oder Löwendämon bekannt. Letzterer trägt den Kopf eines Löwen, Ohren, die denen eines Affen ähneln, und die Füße eines Raubvogels. Der Oberkörper ist der eines Menschen. Seine Ursprünge reichen auch hier bis in altbabylonische Zeit zurück. Im späteren neuassyrischen Reich galten Tonfigurinen des Löwendämons als magischer Schutz vor Unheil.
Löwen-Mischwesen wurden also in der Regel positive Eigenschaften zugeschrieben. Ein eher negatives löwenartiges Fabeltier ist hingegen der Mantikor (auch als Mantichora bezeichnet). Dieser besitzt seine Ursprünge in den Sagen des Perserreichs, dem im 6. Jh. v. Chr. auch Mesopotamien einverleibt wurde. Der altpersische Begriff „Martiyaxvāra“ meint Menschenfresser. In seiner Naturgeschichte (Naturalis historia) beschreibt der römische Gelehrte Plinius der Ältere das Aussehen des Wesens wie folgt: „[…] 3 Reihen kammartig nebeneinanderstehende Zähne, Gesicht und Ohren wie ein Mensch, graugrüne Augen, eine blutrothe Farbe, den Körper eines Löwen […] und [es sticht] mit seinem Schwanze wie ein Skorpion […]. Seine Stimme gleicht dem vermischten Tone einer Pfeife und Tuba, es frisst sehr schnell, und liebt vorzüglich Menschenfleisch“. Dagegen wirken die Löwen der babylonischen Prozessionsstraße trotz ihrer grimmig präsentierten Zähne beinahe harmlos.
Welche Fabelwesen es im Alten Orient noch zu entdecken gibt, muss jeder Museumsbesucher selbst herausfinden. Keines dieser Geschöpfe, die so fantastisch anmuten, ist pure Fantasie, sondern besitzt stets eine Funktion in der antiken Ordnung der zahlreichen mesopotamischen Kulturen. Ob Löwe, Stier, Schlange, Fisch oder alles ineinander vermengt, sie sind Begleiter der Götter, bieten Schutz, wehren Unheil ab, versinnbildlichen Stärke und Macht oder regen zum Staunen an. Sie zu entdecken bedeutet, einer fern anmutenden Zeit zu begegnen und ist dabei auch die Entdeckung des Wundersamen in uns selbst.
Ein Beitrag von Dr. Constance Timm
Der vollständige Artikel inkl. Anmerkungen und weiterführender Literatur ist erschienen in:
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie und Edition Hamouda




„Bei den Löwen der Prozessionsstraße handelt es sich um die Löwen der Göttin Ischtar. Sie symbolisieren deren Verehrung und visualisieren ihre Stellung als Kriegsgöttin.“
Diese Gottheit Ischtar muss man sich man meiner Schätzung androgyn vorstellen. Da gibt es die Darstellung als Löwe, so wird diese Gottheit mit Krieg assoziiert (männlich). Da gibt es aber die Darstellung als Stern mit 8 Zacken, so ist die Gottheit Ischtar dann weiblich und personifiziert Sex, Wasser, Morgenstern und mehr.
Als Stern mit 8 Zacken erinnert Ischtar an Aphrodite / Venus. Als Löwe erinnert Ischtar an Ares / Mars ->
https://www.mythologie-antike.com/t89-aphrodite-liebesgottin-und-gottin-der-schonheit-zustandig-fur-sexuelle-begierde