Many years ago, when I was once saying sadly to Max it was a pity I couldn’t have taken up archaeology when I was a girl, so as to be more knowledgeable on the subject, he said, ‚Don’t you realize that at this moment you know more about prehistoric pottery than any woman in England?’ – Agatha Christie, An Autobiography (1984)
Vor vielen Jahren, als ich einmal traurig zu Max sagte, wie schade es sei, dass ich als Mädchen nicht Archäologie studieren konnte, um mehr über diese Dinge zu wissen, sagte er: „Siehst du nicht, dass du in diesem Augenblick mehr über vorgeschichtliche Töpferkunst weißt, als jede andere Frau in England?“
Die berühmteste Kriminalautorin aller Zeiten stand ihrem Vorgänger, dem Arzt Conan Doyle, in forensischen Kenntnissen in keiner Weise nach. Agatha Christie (1890-1976) war, wie eine Ausstellung des Sächsischen Apothekenmuseums in Leipzig demonstrierte und der einige der folgenden Angaben entnommen sind, eine gewiefte Pharmazeutin, die insgesamt fast sechs Jahre in Apotheken gearbeitet hat. Schon in ihrem ersten Kriminalfall, The Mysterious Affair at Styles (1920), hat sie diese Kenntnisse erfolgreich angewendet. 1914 heiratete die in Torquay/Devon geborene Agatha den Flieger Archibald Christie. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie in einem Krankenhaus als Stationshilfe und Krankenschwester und bald darauf in der Apotheke des Hospitals. Für ihre Apothekerprüfung stellte sie in Notizbüchern lange Listen von Substanzen zusammen. Sie beschrieb ihre Wirkungen und Herkunft oder Kennzeichen mit Redewendungen wie „sieht aus wie russische Schokolade“ oder „riecht wie schlecht gewordener Fleischextrakt“. Später würde man einmal von ihr sagen, sie sei die „einzige Frau, die noch mehr als die Borgia von Giften profitierte.“ Auch im Krieg gibt es viel Langeweile und Christie machte sich in solchen Zeiten in der Apotheke Gedanken über Geschichten. Man muss sich den Kopf dieser Frau vorstellen, die mehr als ein halbes Hundert Kriminalbücher schrieb: wie sie fortwährend Handlungen zimmert, Puzzles bewegt, Leichen produziert und Personen aus der Erinnerung und Phantasie verschiebt, bis wieder eine glaubwürdige Erzählung zustande kommt. Und dabei half ihr die Pharmazie: „Ich begann zu überlegen, welche Art Krimi ich schreiben könnte. Auf den Regalen rund um mich herum standen Gifte, und so war es vielleicht nur natürlich, dass ich einen Giftmord ins Auge fasste.“ (zit im Katalog 8). Sie veröffentlichte 1924 sogar ein Gedicht über eine Apotheke, indem sie die Regale durchmustert:
Leicht wie Versprechen, so sündhaft bitter,
wie flüchtiger Schaum, das Chinin,
Und gesetzt daneben, silbern und schwarz,
das meertiefe Jodin.
Noch mehr fasziniert sie ein höheres Regal:
Und hoch an der Wand, unter Riegel und Schloss
die Kräfte von Leben und Tod!
Kleine blau-grüne Flaschen,
jede mit einer Inschrift rot…
(üb. Uwe Künzel, Ausstellung 9)
Sie bestand ihre Prüfung als „Dispensary“ und war damit nach deutschem Recht eine vorexaminierte Apothekerassistentin. Es war immerhin die einzige Ausbildung, die sie abschloss. Auch im Zweiten Weltkrieg wurde sie wieder in einer Krankenhausapotheke tätig. In dem Maße, wie sie einerseits einen Helferinstinkt hatte, führte sie andererseits gerne Verbrechen aus – auf dem Papier. „Gebt mir eine anständige Flasche Gift,“ soll sie gesagt haben, „und ich werde das perfekte Verbrechen konstruieren.“ Das klingt schon wie des griechischen Mathematikers Archimedes‘ Ausspruch: „Gib mir einen festen Punkt, und ich werde die Erde aus den Angeln heben.“ In ihren Kriminalromanen hebt sie fleißig die Erde aus den Angeln mit Hilfe von Toxika. Ein amerikanischer Autor hat nachgerechnet: In 30 von ihren 66 Büchern kommen Giftmorde vor. Am häufigsten wird Blausäure eingesetzt (13 mal), es folgen Arsenverbindungen (9 mal), Morphin (7 mal), Digitalis (6 mal) und andere Gifte (37 mal). Schon in ihrem ersten Roman The Mysterious Affair at Styles (1920, Das fehlende Glied in der Kette) wirkt das hinterhältige Strychnin in einem Komplott aus Verrat, Gier und Erbfolge. Eine Figur macht gerade eine Apothekerausbildung und daher liegen pharmazeutische Bücher, Zettel und Hinweise im ganzen Haus herum. Der Roman wurde nicht nur in The New York Times gelobt, sondern, in diesem Fall wichtiger, auch in The Pharmaceutical Journal. Strychnin sollte dann noch in Tod auf dem Nil, Der verräterische Garten, Die Ankunft des Mr Quin und Passenger to Frankfurt zum Einsatz kommen. Christies Werke selbst scheinen die Anhänger auch ein bisschen vergiftet zu haben, sie neigen zur Zählsucht. Der genannte Katalog listet neben den Giften noch viele Dutzend anderer pharmazeutischer Stoffe, von Abführmitteln bis Vitaminen. Auch die andere große Krimiautorin Englands, Dorothy L. Sayers, arbeitete mit Gift, so in Strong Poison (Starkes Gift, 1929); diesmal mit Arsen. Christie jedenfalls war beeindruckt von der Mordart: „Gift übt eine gewisse Faszination aus… Es hat nicht die jähe Brutalität der Revolverkugel oder einer blanken Waffe.“ (zit. in Katalog 11). Christies Romane gehören so sehr zur britischen Realität, dass sie diese beeinflusst haben. Mit Hilfe des Romans The Pale Horse (Das fahle Pferd, 1961) wurden Giftmorde aufgeklärt, die die Grafschaft Hertfordshire in den frühen 1970ern erschütterten. Und da Krankenschwestern gerne Kriminalromane lesen, konnte auch einmal ein Kind gerettet werden: Eine Schwester hatte The Pale Horse gelesen und daraufhin die Symptome einer Thallium-Vergiftung bei einem erkrankten Kind erkannt.
Das Gift und die Art seiner zeitlichen Wirkung sind entscheidend für das Verbrechen, ebenso wie die Rekonstruktion des zeitlichen Ablaufs für den Detektiv zentral ist. Diese Zeitlichkeit gilt für die Vorgänge in Kriminalromanen überhaupt und sie ist engstens verbunden mit der Zeitlichkeit des Organismus selbst. Die Klärung eines Falles muss versuchen, diese Barriere der Vergänglichkeit zumindest für kurze Zeit zu überwinden. Die Uhr wird zurückgedreht, das Vergangene steht wieder auf in der Rekonstruktion. Darin besteht die Herausforderung für die Forensik ebenso wie für Anthropologie und Geschichtsschreibung.
Am nächsten jedoch kommt der detektivischen Arbeit als Wissenschaft die Archäologie. Mehr als alle anderen Disziplinen rekonstruiert sie das Vergangene und zwar bis in den konkreten Alltag hinein. Wo Historiker sich oft mit Allgemeinheiten begnügen müssen, drängen Archäologen auf die exakt nachweisbare Lebensform. Sie versuchen anhand von Zeichen und Resten Vorgänge zu erschließen und zu verstehen, den Tod eines Ötzi ebenso wie die Speisekarte der Maya.
Es ist also vielleicht kein Zufall, dass sich Agatha Christie auch zur Archäologie hingezogen fühlte. Christie entdeckte den Orient und die Archäologie nach einer tiefen persönlichen Krise. Sie war in den 1920ern als Autorin gerade sehr bekannt geworden und verheiratet mit dem Flieger Oberst Archibald Christie. Am 3. Dezember 1926 verschwand sie jedoch und wurde erst am 14. Dezember in einem Hotel in Yorkshire aufgefunden. Anscheinend hatte sie eine komplette Amnesie von dieser Zeit, so jedenfalls behauptet es die Familie. Der Grund für die Flucht war vor allem die Untreue ihres Mannes, der ihr seine Liebe zu einer anderen Frau gestanden hatte, sowie der Tod der Mutter. Das Verschwinden hatte das ganze Land in großen Aufruhr versetzt, die Schlagzeilen waren voll mit Berichten über die Schriftstellerin. Conan Doyle, ihr großes Vorbild, beauftragte sogar ein Medium, um ihre Spur ausfindig zu machen (es kam relativ nah heran). 1000 Polizisten durchforsteten das Land, mit Hilfe von 15 000 Freiwilligen. Immerhin war und ist Agatha Christie eine der meistgelesenen Autorinnen auf diesem Planeten. Ihre Werke wurden in mindestens hundert Sprachen übersetzt.
Das Verschwinden und Wiederauftauchen, der Kollaps – sie sollte für immer darüber schweigen – sowie die folgende Scheidung von Archie brachten sie zu sich zurück und mit einer erstaunlichen Energie begann sie sich zu erholen. In dieser Zeit konnte sie sich einen langgehegten Wunsch erfüllen. Immer schon hatte sie Bahnreisen geliebt, aber diesmal, sozusagen als Geschenk an sich selbst und an die neue Freiheit, sollte es eine Fahrt mit dem Orient-Express werden. Der Orient bedeutete ihr Geheimnis, Abenteuer und natürlich britische Vorherrschaft, ein Schirm, unter dem man es sogar als Frau wagen konnte, alleine zu reisen. 1928 wollte sie ursprünglich in die Karibik fahren, doch dann traf sie – es erscheint ihr wie Schicksal – ein britisches Paar, das ihr vom Orient-Express und Bagdad erzählte. Am nächsten Tag tauschte sie die Fahrkarten um. Es waren die Namen, die sie so faszinierten, die Vorstellungen und die Erinnerungen an Lektüre und Bilder. Jetzt wollte sie herausfinden, wer sie eigentlich war, und zwar mit einer Reise in die tiefe Vergangenheit der Kulturen. Für Archäologie hatte sie immer schon ein gewisses Faible gehabt, doch es waren die spektakulären Ausgrabungen von Leonard Woolley in Ur, über die sie vor dieser Begegnung gerade gelesen hatte und die den Ausschlag für das Ziel gaben. Nach einer spannenden Fahrt mit dem Orient-Express über Konstantinopel und Damaskus und einer langen Busfahrt erreichte sie schließlich den berühmten Ausgrabungsort.
Woolleys Archäologie betraf einen Kernbereich europäisch-christlicher, aber auch jüdischer und islamischer Identität: Ur war sozusagen die Quelle, aus denen diese drei Kulturen und Religionen flossen, denn es ist die Stadt Abrahams. Woolley wollte darüber hinaus die Geschichte vor der Sintflut und die Vorfahren Abrahams erforschen. Kurz zuvor war aufgrund von Keilschriftfunden die These aufgekommen, dass der biblische Flutbericht schon in babylonischen Texten auftaucht. All diese Fragen sollten in Ur einer Antwort näher gebracht werden.
Die Woolleys, die sich sonst gegenüber Fremden eher abwehrend verhielten, begrüßten die Autorin jedoch freudig, insbesondere, weil Woolleys Frau Katharine (geb. Keeling, 1888-1945) gerade The Murder of Roger Ackroyd gelesen hatte, mit dem Christie soeben, fast über Nacht, berühmt geworden war. Katharine, die als Zeichnerin bei den Grabungen assistierte, war eine schwierige Frau, doch kamen die beiden anfangs recht gut miteinander aus. Christie bemerkte aber bei späteren Grabungen die großen Spannungen und hat diese anschaulich in ihrem Roman Mord in Mesopotamien knistern lassen. Das Opfer ist die Frau des Ausgrabungsleiters Dr. Leidner; sie wird auch im Roman als kompliziert, kränkelnd und selbstbezogen dargestellt. Da das Buch 1936 erschien, werden die Woolleys sich ihre Gedanken gemacht haben – zumal der Mörder… nun, das soll hier nicht verraten werden.
Nach dieser ersten Reise, deren viele starke Eindrücke – die exotische Welt, die Abenteuer des Ausgrabens, die orientalische Mentalität – Christie in sich einsog, sollten viele weitere in den Mittleren Osten folgen, fast dreißig Jahre lang jährlich. Der Grund: Christie verliebte sich in den Archäologen Max Mallowan, der später eigene Grabungen in Syrien und dem Irak durchführte. Über diese für sie sehr glückliche zweite Lebenshälfte schrieb sie den Memoirenband Come, Tell Me How You Live (Erinnerung an glückliche Tage, 1946), der den Untertitel An archeological memoir trägt. Dass die beiden sich verstanden, zeigt diese Episode: Als sie sich gegen erste Bedenken entschloss, Max zu heiraten, fragte er sie, ob sie etwas dagegen habe, dass er in seinem Beruf Tote ausgrub. Darauf gab sie zurück: „Überhaupt nicht. Ich liebe Leichen und Tote.“ Nie, schreibt Janet Morgan, habe sie jedoch gesagt, „dass eine der Freuden, mit einem Archäologen verheiratet zu sein, die Tatsache sei, dass man um so interessanter für ihn werde, je älter man wird – eine Stichelei, die zuerst von einem Journalisten […] in die Welt gesetzt wurde“ (Morgan 23).
Neben Mord in Mesopotamien haben noch weitere Romane archäologische Schauplätze und Themen: Death on the Nile (1937), Appointment with Death (1938) und They Came to Baghdad (1951). Sicherlich ist sie nicht die erste, die sich mit dieser Wissenschaft beschäftigte. Immer wieder kommt einem ja Conan Doyle mit Sherlock Holmes zuvor. In Der Hund von Baskerville spielen Archäologie und Paläoanthropologie eine große Rolle, wenn auch nur als schauriger Hintergrund mit ablenkender Wirkung. Aber sie deuten auf die Neigung des Detektivs zu diesen Wissenschaften. Der Arzt Dr. Mortimer ist ein Kenner des Neolithikums und macht Ausgrabungen in Devon. Zudem besitzt er eine schöne Sammlung an Schädeln – wie es damals so manchen Kopf-Sammler gab, als man gut phrenologisch von der Gehirnschale auf Geistesgaben schloss. Gerne, so lässt er Holmes wissen, hätte er auch den Schädel des Detektivs in seiner Sammlung, ein wahres Prachtstück. Über Doyle selbst entstand das Gerücht, dass er bei der Fälschung des Piltdown-Schädels eine Hand im Spiel gehabt haben soll. Bekanntlich fand man nicht weit von Doyles Domizil im östlichen Sussex 1907 einen Schädel, der als uraltes Fossil, sogar als „missing link“ zwischen Mensch und Affe gedeutet wurde. 1953 wurde er als erstaunlich plumpe Fälschung entlarvt. Gelehrte, Dons, stellen in den beliebten Oxbridge-Romanen eine besondere Art von Detektiven dar, sei es bei Dorothy L. Sayers oder Edmund Crispin. Michael Innes widmete der Archäologie einen Krimi in diesem Milieu (Death at the President’s Lodge). Interessant ist der Fall Stanley Casson. Der Archäologe schrieb selbst einen Kriminalroman mit dem Titel Murder by Burial. Casson war Tutor von Max Mallowan und verschaffte ihm durch eine Empfehlung die Stelle als Assistent von Leonard Woolley in Ur. Und hier lernte er eine Autorin von Kriminalromanen kennen… (Neuhaus 430).
Wie sahen Christies Aufenthalte bei den Grabungen aus? Über ihre erste Begegnung mit der praktischen Archäologie schrieb sie: „Der Zauber der Vergangenheit nahm mich gefangen. Die Sorgfalt, mit der Töpfe und Krüge ans Tageslicht geholt wurden, erfüllte mich mit dem sehnsüchtigen Verlangen, selbst Archäologin zu sein“ (Christie 1977, 38). Archäologin wurde sie nicht, aber sie machte gerne mit beim Konservieren und Beschriften der Objekte. Sie benutzte dabei eher weibliche Werkzeuge: ein Stäbchen zum Nagelreinigen, eine Stricknadel, einen Zahnbohrer und eine Gesichtscreme, um den Schmutz aus zerbrechlichem Elfenbein zu beseitigen. Vor allem fotografierte sie und musste sich dafür primitive Dunkelkammern einrichten. Zuvor hatte sie dafür eigens einen Fotokurs belegt und sich Kameras angeschafft. Später drehte sie sogar zwei Filme über Grabungen und das Leben im Camp.
Ihren Aufenthalt hat sie dabei immer selbst finanziert, auch engagierte sie sich öfter als anonyme Sponsorin von Grabungen. Mit Mallowan nahm sie an Arbeiten an biblischen Stätten wie Ninive und Nimrud und anderen Orten in Irak und Syrien teil. Vor allem aber nutzte sie die Zeit für das Schreiben ihrer Kriminalromane. Und natürlich war sie als Touristin unterwegs, erforschte und genoss den Orient und die Menschen, hatte Erlebnisse mit zusammenbrechenden Autos oder der örtlichen Bürokratie, mit anderen Archäologen, mit deren arabischen Helfern, Trägern und Chauffeuren. Eine bunte Welt, die ihr Auftrieb gab und in der sie auflebte wie kaum anderswo. Robert Barnard, ein Bewunderer von Christie und selbst Kriminalautor, schrieb einmal, Archäologie sei wohl die einzige Arbeit, die in einem Christie-Roman im Ernst betrieben werde (zit. in Patzek u.a. 391). Dies hängt sicherlich mit der produktiven Zeit im Orient zusammen, aber eben auch mit der Tatsache, dass Archäologie und die Aufklärung von Kriminalfällen mit dem gleichen Ernst betrieben werden. Sie sind beide vom Ethos der Wissenschaft beseelt, einer systematischen Neugier. Christies Plots, die zu den kompliziertesten der Gattung gehören sollen, ähneln sich jedoch oft. Ähnliche Verdächtige an verschiedenen Schauplätzen – auch das ist ein der Physik vergleichbares Problem: Besteht das Licht aus Partikeln oder Wellen, wie genau können wir den Ort eines Partikels angeben, wenn wir es beobachten? Christie stellt auch gerne Tafeln in den Text, auf denen die Räume der handelnden Personen dargestellt sind: die Kabinen auf dem Nil-Schiff oder der Wohnbereich in Mord in Mesopotamien. Und nun werden die Beziehungen zwischen den Räumen und Personen geradezu chemisch durchgespielt: wer wann wo ist, welches Molekül mit welchem kann, welches Kalkül hinter Verbindungen steht. Der Kriminalroman folgt den Mustern der Wissenschaft, und es ist kein Zufall, dass beide in der Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten großen Erfolge feiern.
Der Detektiv Poirot, der Spuren liest und in der Psyche seiner Verdächtigen gräbt, kommt eher unauffällig bis ungeschickt daher, hat einen Akzent, ist dazu noch Belgier und kitzelt britische Vorurteile: ein Außenseiter. „Außenseiter sind in Christies Kriminalromanen auch die Archäologen. Sie tragen dicke Brillen, sind meistens weder elegant noch schön, besitzen selten den gesellschaftlichen Schliff der Oberschicht und sind dank des gesellschaftlichen Prestiges ihrer Wissenschaft dennoch anerkannte Gelehrte.“ (Patzek u.a. 391). In Death on the Nile vergleicht Poirot einmal selbst seine Tätigkeit mit der des Archäologen. Dabei betont er, dass in der Umgebung eines gefundenen Gegenstandes alles gesäubert werden muss – man muss ihn hervortreten lassen aus dem Gewirr und dem Schmutz der Umgebung. Erst dann wird er sich zu erkennen geben, „so dass wir die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit sehen können.“ (zit. in Patzek u.a. 394). Ein ähnliches Vorgehen ist bei Giften und anderen Mordwaffen nötig. Immer sind die Oberflächen täuschend und manchmal wissen wir nicht, ob es sich um eine Oberfläche handelt oder eine Tiefenschicht. Der Kriminalroman kann auch ein kleines mythologisches Meisterwerk sein, denn er weist in viele Richtungen. Immer geht es um Tod, Überleben, Schuld und Sühne, Täuschung und Wahrheit. Achtung: Leser machen sich durch ihre Neugier mitschuldig! Mehr sei daher nicht verraten.
Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel
Literaturhinweise:
Barnard, Robert. A Talent to Deceive. Appreciations of Agatha Christie. London: Fontana 1980.
Cholidis, Nadja. “Faszination des Orients. Einige Gedanken zu Agatha Christies Mord in Mesopotamien.“ In Trümpler, Agatha Christie und der Orient, 334-349.
Christie, Agatha. The Road of Dreams 1924, übers. von Uwe Künzler.
—. Murder in Mesopotamia
—. Meine gute alte Zeit. Eine Autobiographie. Bern 1977.
Gerald, Michael C. The Poisonous Pen of Agatha Christie. Austin: University of Texas 1993.
Heimsoth, Axel. “Vom Orient-Express zum Wüstenbus. Agatha Christies Reisen in den Vorderen Orient.“ In Trümpler, Agatha Christie und der Orient, 259-285.
Morgan, Janet. “Agatha Christie (1880-1976)” in Trümpler, Agatha Christie und der Orient, 18-37.
Neuhaus, Volker. „Die Archäologie des Mordes.“ In Trümpler, Agatha Christie und der Orient, 425-434.
Patzek, Barbara, Regina Hauses, Andreas Dudde. “Der Detektiv und die Archäologie.”In Trümpler, Agatha Christie und der Orient, 390-409.
Suerbaum, Ulrich. „Gesellschaftsrätsel. Die Konstruktion des Detektivromans bei Agatha Christie.“ In Trümpler, Agatha Christie und der Orient, 410-424.
Trümpler, Charlotte, Hg. Agatha Christie und der Orient. Kriminalistik und Archäologie. Essen: Ruhrlandmuseum; Bern/München/Wien: Scherz Verlag 1999.
Trümpler, Charlotte. „Le camping beginnt. Das Leben auf der Grabung in den 30er Jahren. In Trümpler, Agatha Christie und der Orient, 162-204.
Sächsisches Apothekenmuseum Leipzig. Arzneimittel in todsicherer Dosis. Die Pharmazeutin Agatha Christie. Leipzig: Sächsische Apotheken Service GmbH 2003.
Strohmeyer, Armin. Abenteuer reisender Frauen. 15 Porträts. München: Piper 2012.
Überarbeitete Version eines Textes aus Elmar Schenkel, Keplers Dämon. Begegnungen zwischen Literatur, Traum und Wissenschaft. Frankfurt/M.: S. Fischer 2016. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags.
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