Im Jahre 1609 schrieb einer der bahnbrechenden Astronomen der Neuzeit, Johannes Kepler, einen Traum nieder, und zwar über eine Reise zum Mond. Erst 1634, vier Jahre nach seinem Tod, wurde dieser Traum in lateinischer Sprache veröffentlicht als Somnium. Diese Geschichte führt uns tief in die Wirren des 17. Jahrhunderts zurück, in den Kampf um eine neue Astronomie, aber auch in den Hexenwahn. Zugleich aber führt sie in unser 21. Jahrhundert. Denn vermutlich wird der Mond in nächster Zeit zu einem Sprungbrett ins Weltall ausgebaut werden; Frank Schätzings Bestseller Limit ist nur ein Vorgeschmack.
Als den größten Autor der Literaturgeschichte kann man zweifellos den Traum bezeichnen. Kein anderer hat ein so vielseitiges und überraschendes Werk hinterlassen, noch dazu in vielen Sprachen. Einmal bediente sich dieser Autor auch eines berühmten Astronomen. Sehr früh, schon in seinen Tübinger Studententagen, hatte sich Johannes Kepler mit dem Mond beschäftigt. Als 1610 Galileo Galilei in seinem berühmten Sternboten der staunenden Welt mitteilte, dass er durch sein neues Teleskop auf dem Mond Berge und andere irdische Landschaften gesehen habe, schrieb Kepler ihm freundlich, das habe er schon vor anderthalb Jahrzehnten erkannt, aber ohne Fernrohr. Kurz zuvor hatte er selbst ein Büchlein über den Mond zu schreiben begonnen, jenes Somnium oder Traum vom Mond. Es ist ein merkwürdiges, teils prophetisches, teils autobiographisches Buch, in dem Wissenschaft und träumerische Fiktion merkwürdig ineinander übergehen. Man hat dieses oft vergessene Nebenwerk seiner Astronomie auch den Beginn der modernen Science Fiction genannt. Seit der Antike hatte es Mondreisen imaginärer Art gegeben. Der griechisch schreibende Syrer Lukian etwa hatte um 150 n.Chr. Lügengeschichten über den Mond fabriziert. Der italienische Dichter der Renaissance Ariost ließ seine Helden im Rasenden Roland zum Mond fahren, wo alles auf Erden Verlorene in Fläschchen aufbewahrt wird. Das sind alles schöne Geschichten, satirisch ausgeschmückt oder symbolisch aufgeladen. Doch die Sicht auf den Mond änderte sich radikal mit Galileos Teleskop. Galileo erkannte, dass der Mond ein Himmelskörper wie alle anderen ist und keine transparente Scheibe oder eine Kristallkugel, wie man zuvor geglaubt hatte. Kepler jedoch, ein großer Denker mit schwachen Augen, setzte noch eins drauf. Er wagte eine Reise zum Mond mit den Mitteln der Phantasie und der Wissenschaft.
Nun sind Träume auch Schutzvorrichtungen. Wenn sich Schriftsteller in ihren Werken auf einen Traum beriefen, wie etwa Thomas Morus in seiner Utopia, so wollten sie sich gegen Feinde schützen. Kepler und Galileo aber haben viele und starke Feinde: die katholische Kirche und große Teile des Protestantismus lehnen ihre Lehren ab, die auf Kopernikus zurückgehen. Dieser hatte bewiesen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Kosmos ist, sondern sie sich um die Sonne dreht. Galileos Gegner etwa weigerten sich, durch sein Teleskop zu schauen oder behaupteten, sie sähen gar nichts. Kepler musste also auf der Hut sein vor der Inquisition, zumal die religiösen und politischen Spannungen in Mitteleuropa auf einen Krieg hinausliefen, der dreißig Jahre dauern sollte.
Es ist ein merkwürdiger Traum, den er niederschreibt. Kepler ist zu dieser Zeit kaiserlicher Mathematiker und Astronom am Hof zu Prag, Spannungen liegen in der Luft, und damit beginnt seine Geschichte. Er schreibt nämlich, er habe sich aufgrund dieser Spannungen mit der legendären Gründerin Prags beschäftigt, der Kräuterfrau und Zauberin Libussa, er habe in die Sterne geschaut und sei dann eingeschlafen. Nun aber träumte ihm von einem Buch. Hier beginnt die Geschichte des jungen Duracotus, der im fernen Island wohnt, und dessen Mutter eine Kräuterfrau wie Libussa ist. Diese Mutter lebt davon, dass sie für die ausfahrenden Schiffe kleine Beutelchen mit Zauberkräutern füllt, die die Seeleute vor Stürmen schützen sollen. Doch der kleine Duracotus ist neugierig, öffnet heimlich ein solches Säckchen. Die Mutter bestraft ihn, indem sie ihn an einen Kapitän verkauft. Der wiederum bringt ihn auf die Insel des großen Astronomen Tycho Brahe (dessen Nachfolger Kepler am Hof des Kaisers war), wo er in die Grundlagen der kosmischen Wissenschaft eingeführt wird. Nach langen Jahren kehrt Duracotus nach Island zurück. Seine Mutter, die ihre Strenge bereut, erklärt ihm die Geheimnisse der nächtlichen Welt des Mondes, sozusagen als Wiedergutmachung. Sie hat nämlich einen direkten Kontakt zu Dämonen, die zum Mond gehören. Einer von ihnen gibt nun den beiden eines Nachts sein Wissen über den Mond weiter. In solch einem Schachtelwerk, das man fast postmodern nennen könnte, liegen Keplers Erkenntnisse über den Mond verborgen. Der Dämon ist nämlich kein anderer als die Verkörperung der neuen Astronomie, und was diese über den Mond berichtet, wirft nicht nur antike Vorstellungen über den Haufen, sondern ist auch sehr präzise. Wir erfahren, wie lange Mondnächte und -tage dauern, wie das Klima und die Landschaft beschaffen sind, und noch vieles mehr. Auch etwa, dass Menschen nur unter bestimmten Bedingungen zum Mond fahren können, an bestimmten Tagen im Jahr, dass sie abgehärtet sein müssen wie Seefahrer, also am besten Spanier sind (Deutsche dagegen nicht, sie waren als fett und versoffen verschrien). Die einzelnen Etappen einer Mondreise werden beschrieben: der Abflug wie auf einer Kanonenkugel, das Verlassen des irdischen Gravitationsfelds, Eintreten in die Schwerelosigkeit und vieles andere. Den Mondfahrern müssen anfangs Opiate verabreicht werden, da sie sonst den Schock des Abschusses nicht überleben. All diese Auskünfte sind erstaunlich modern und weisen auf spätere Science Fiction wie auf die amerikanischen Apolloflüge zum Mond voraus. Allerdings sieht der Träumer auch reptilienähnliche Mondwesen, die sich in Höhlen verstecken, andere ziehen sich vor der Hitze in die Gewässer zurück. Keplers Traum endet abrupt mit einem Regenfall, der den Schläfer wieder in die triste Wirklichkeit Mitteleuropas zurückbringt. Das Entscheidende ist: dieser Text zeigt ein kopernikanisches Universum, die Erde wird relativiert, indem sie vom Mond aus gesehen wird. Vom Mond aus erscheint nun die Erde selbst wie ein Mond.
Keplers Text war von zwei Seiten anfechtbar. Diejenigen, die seinen Kopernikanismus angriffen, fanden sich ebenso bestätigt wie jene, die ihn der Nähe zur Zauberei verdächtigten, und es waren oft dieselben. Aus diesem Grund fügte Kepler der Erzählung über die Jahre hin 223 Fußnoten, ein Vielfaches des Textes, hinzu. Damit sollte zumindest das Magisch-Hexenhafte an seiner Traumgeschichte vermindert werden. Duracotus’ Mutter wird etwa zu einer Allegorie der alten Weltanschauung gemacht, die von der neuen Astronomie abgelöst werde. Aber das Bekenntnis zu Kopernikus wird dadurch nur noch prägnanter. Kepler deutet an, dass ihm dieser Text viel Unheil gebracht habe. Was meinte er damit? Kepler kam aus schwierigen Familienverhältnissen: eine streitsüchtige Mutter, ein Vater, der die Mutter misshandelte, in Kriege zog und immer wieder verschwand, ein Bruder, der an Epilepsie litt und Landstreicher wurde. Kepler glaubte, sie seien unter einem schlechten Stern geboren. Es ist ein Wunder, wie es einer aus dieser armen Familie zum kaiserlichen Hofmathematicus bringen konnte. Kepler arbeitete in Somnium einiges von diesen Dingen ein, vor allem seine Mutter, die auch mit Kräutern handelte, dazu seine Beziehung zu Tycho Brahe und dessen Astronomie. Böse Zeitgenossen warteten nur auf eine solche Gelegenheit, ihm eins auszuwischen. Dazu war die zänkische Mutter ein ideales Werkzeug. Man sagte ihr üble Dinge nach, und das war nicht nur in ihrem Wohnort Leonberg gefährlich. Allein hier wurden 1615/16 in wenigen Monaten sechs alte Frauen als Hexen verbrannt, in Keplers Geburtsort Weil der Stadt waren es 38 im Laufe von 14 Jahren. Nichts leichter als verdächtig zu werden, wenn man etwa rote Haare hatte, Warzen, Triefaugen, launisch war oder streitsüchtig. Wer zu schön war oder nicht regelmäßig in der Kirche gesehen wurde, wer zu intelligent oder zu neugierig war – nur zu schnell haftete man für auch nur geringste Abweichungen. Katharina Kepler, die fast siebzig war, ereilte es auch. Sie stritt sich mit einer schlecht beleumundeten Frau, nannte sie Hure, ein Wort gab das andere, und die Frau schrieb alles auf, was man gegen Frau Kepler sagte. Gerüchte und Verdächtigungen verdichteten sich. Ein Mädchen, das die Keplerin berührt habe, sei lahm geworden (es hatte Ziegel geschleppt an dem Tag). Die Keplerin habe den Totengräber gebeten, den Schädel ihres Vaters auszugraben, um ihn in Silber fassen zu lassen und ihrem Sohn Johannes als Trinkgefäß zu geben. Ein Knecht (er war Asthmatiker) sei beinah erstickt, als sie ihn verflucht habe, ein Metzger wiederum gelähmt (er litt an Rheuma) und vieles andere wurde gegen sie notiert. Katharina musste eine Hexe sein, sie wurde angepöbelt und gemobbt. Ihre Feinde stellten eine Anklageschrift mit 49 Punkten zusammen, doch sie verweigert die Unterschrift. Nun hörte Kepler im fernen Linz von den Vorgängen und fordert unverzügliche Akteneinsicht; nur zögerlich gewährte man sie ihm. Währenddessen versteckte sich seine Mutter vor ihren Verfolgern, zuletzt in einer Truhe, wo man sie aber fand. Daraufhin wurde sie unter übelsten Bedingungen in Leonberg gefangen gehalten. Abergläubische und Kinder wurden als Zeugen bei den Verhören gestellt. Der berühmte Sohn reichte zum Kummer der Ankläger einen Fragebogen mit 122 Punkten ein, das Verfahren wurde verzögert. Immer wieder musste Kepler beschwerliche Reisen nach Schwaben antreten. 1621 wurde seine Mutter noch einmal verhört, unter Androhung von Folter. Doch Katharina gestand nichts. Kurz nach ihrer Freilassung starb sie.
Während sich diese schrecklichen Dinge zutrugen, schrieb Kepler seine Fußnoten zum Traum nieder. Er wusste, dass diese Traumerzählung gegen ihn und seine Mutter verwendet wurde, angeblich sprach man darüber in den Barbierstuben der Stadt, in denen die Gerüchte gekocht wurden. Seine wissenschaftlichen Fußnoten sind damit als Gegenzauber gedacht. Nichts macht so deutlich wie sein Traum vom Mond, dass Kepler zwischen den Zeiten stand: er war Astrologe und moderner Astronom, er glaubte an Hexen, aber wusste, dass seine Mutter keine war. Er sah die Zeichen eines heraufziehenden riesigen Konfliktes zwischen geistigen und materiellen Mächten. 1618 führten diese Spannungen im Prager Fenstersturz zum Dreißigjährigen Krieg. Kepler entdeckte die elliptischen Bahnen der Planeten, doch er blieb ein Gefangener in den Ellipsen seiner Zeit.
Somnium aber wurde sein Fahrzeug in die Zukunft. Von nun an begannen Menschen sich vorzustellen, wie es auf dem Mond wäre, wie man dorthin käme. Autoren erfanden Flugmaschinen, um dorthin zu gelangen – von Cyrano de Bergerac bis Jules Verne und H.G. Wells. Die Science Fiction war geboren – aus dem Geiste eines tiefgehenden europäischen Konflikts. Der Mond wurde eine Zuflucht für die Phantasie und die Wissenschaft. Schon Kepler hatte dies erkannt: „Verjagt man uns von der Erde, so wird mein Buch als Führer den Auswanderern und Pilgern zum Monde nützlich sein.“
Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel
Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel
Literaturhinweise:
Arthur Koestler, Die Nachtwandler. Die Entstehungsgeschichte unserer Welterkenntnis. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 1980.
Die erste deutsche Übersetzung stammt von Ludwig Günther und erschien 1898 im Teubner Verlag Leipzig. Sie ist schwer greifbar und nicht ganz vollständig. 2011 folgte die erste deutsche Gesamtübersetzung von Hans Bungarten: Der Traum, oder: Mond-Astronomie. Mit einem Leitfaden für Mondreisende von Beatrix Langner (Berlin: Matthes & Seitz).
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