Slawische Mythologie in der europäischen Musik 2

Altslawische Mythen in der Musik. – Feliks Nowowiejski „Legenda Bałtyku/Baltische Legende“


Die Geschichte von der Perle, die das Meer einst schenkte, die Liebe der Tochter und des Meeresgeistes, ein ewiger Mythos. (Feliks Nowowiejski)


Als ein lang verlorenes und vergessenes Juwel polnischer Musik gilt „Die Baltische Legende“, eine Oper in drei Akten des polnischen Komponisten Feliks Nowowiejski (1877-1946), die am 28. November 1924 im Großen Theater (Teatr Wielki) in Posen/Poznań uraufgeführt wurde. Sein stark von der Romantik und der polnischen Unabhängigkeitsbewegung beeinflusstes musikalisches Schaffen zählt mehr als 700 Werke, Sinfonien, Solo- und Orgelkonzerte, Oratorien, Kantaten, Motetten, Chor- und Sololieder. Nowowiejskis Oper „Baltische Legende“ entstand in seiner Posener Schaffenszeit. Die Idee, ein größeres Musikwerk zu einem maritimen Thema zu schreiben, tauchte bei ihm allerdings früher auf. Bereits 1903 hatte er die Idee zu einer Oper, „Der Kompass“, skizziert. Diese sollte in Amalfi in Italien spielen und deren Hauptfigur sollte der Erfinder des Kompasses, Flavio Gioia sein. Ein Teil des musikalischen Materials ging später in seine Oper „Die baltische Legende“ ein. Die Wahl des baltischen Themas war kein Zufall. Das nach dem Ersten Weltkrieg unabhängige Polen hatte seinen Zugang zum Meer wiedererlangt. Dementsprechend passte auch die Symbolik seiner neuen Oper perfekt zur damaligen euphorischen Stimmung, die sehr bald schon als polnische Nationaloper entsprechenden Anerkennung fand.

Die deutsche Erstaufführung von Nowowiejskis Oper fand am 19. Juni 1959 am Volkstheater in Rostock unter dem Titel „Vineta“ statt. Ausschnitte des Werks wurden zur Spielzeiteröffnung des Theaters Vorpommerns 2016/2017 in Zusammenarbeit mit der Oper Stettin (Szczecin) in Greifswald, Stralsund und Stettin aufgeführt. Nowowiejskis Oper handelt von slawisch-baltischer Mythologie, es geht um Mythen der Ostseeslawen, der Norddeutschen und Balten. Das Libretto geht auf die Lemberger Schriftstellerin und Reporterin Waleria Szalay-Groele zurück, die den Mythos der in den Fluten der Ostsee versunkenen Stadt Vineta und der baltischen Legende von Jurata, der Königin der Ostsee, aufgreift. Auch hier geht es um eine anrührende Liebesgeschichte zwischen dem jungen Fischer Doman (von dom, Heim, abgeleitet) zu Bogna (die Göttliche). Bognas Vater Mestwin bevorzugt allerdings den reichen, älteren und hässlichen Bernsteinhändler Lubor wegen seines Geldes und seiner Macht. Es ist Mestwin, der den Fischern die uralten Legende von einer untergegangenen, reichen und mächtigen Stadt, Vineta genannt, erzählt. Dort wurde die hübscheste Königstochter traditionsgemäß mit dem slawischen Gott Perun verheiratet. Doch Jurata, die Tochter des Königs von Vineta, lehnte die Liebe des Perun ab und warf dessen Brautgeschenk, eine goldene Krone, in die Ostsee. Der tobende Perun ließ daraufhin Vineta zur Strafe in den Tiefen des Meers versinken. Die Einwohner der Stadt müssen seitdem auf dem Grund des Meeres leben. Der auferlegte Fluch kann nur von einem mutigen jungen Fischermann gebrochen werden, der, in eine Frau verliebt, in der magischen Mittsommernacht die Krone vom Grunde des Meeres wieder ans Tageslicht zurückbringt. Ihm soll dann auch Bogna gehören, die versucht, Doman von seinem gefährlichen Vorhaben abzubringenden. Verzweifelt bittet sie den slawischen Gott Swetowid (Svantevid) um Beistand. Doman nimmt die Herausforderung an, er verabschiedet sich von seiner Geliebten, ihm erscheint Vineta, und die Stimme Peruns verkündet ihm Unterstützung. Auf offener See fällt er jedoch aus dem Boot, verliert sein Bewusstsein und geht unter. Zwischen Traum und Wirklichkeit erblickt er das Unterwasserreich Juratas, der baltischen Königin. Die Einwohner Vinetas preisen den Neuankömmling, und Jurata, die seiner Geliebten ähnelt, überreicht ihm die goldene Krone als Symbol der Macht Vinetas. Doman wird mit der Krone an den Strand gespült, der Fluch ist gebrochen. Bogna betet in der Zwischenzeit inbrünstig zur Göttin der Ehe, Liebe und Fruchtbarkeit, Dziedzilla (auch Dodola), Ehegattin Peruns und bitte sie um Beistand, auf dass ihr Geliebter gesund und heil zu ihr zurückkehren möge. Der von Bogna verstoßenen Lubor stürzt derweil die Statue Dziedzillas, löscht ihr heiliges Feuer und beschuldigt Bogna der Hexerei und der Entweihung des göttlichen Tempels. Aus Furcht vor der Rache der Götter nimmt die Menge Bogna gefangen und will sie opfern. Als der Priester bereits zum tödlichen Opferstoß anhebt, vernimmt im letzten Moment die Menge die gewaltige Stimme Peruns, der Bognas Unschuld bezeugt. Lubor versucht der wütenden Menge zu entkommen, stürzt ins Meer und ertrinkt. Doman legt die ihm von Jurata übergebene goldene Krone auf den Altar und überreicht sie anschließend Mestwin, der ihn als seinen Schwiegersohn anerkennt. Daraufhin flammt das heilige Feuer wieder auf. Bogna und ihr Geliebter sind vereint, sie schwören gemeinsam mit der Volksmenge die kostbare goldene Krone für immer zu schützen und zu bewahren.

Nowowiejskis Musikwerk steht deutlich in der Tradition der italienischen und deutschen Oper, aber auch der slawisch-polnischen Folklore. Bekannt wurde die Arie „Czy ty mnie kochasz, o dziewczyno? / Liebst du mich, Mädchen?“, von Jan Kiepura, später auch vom polnisch-schweizerisch-österreichischen Sänger Piotr Beczała gesungen.

Nikolai Rimski-Korsakows „Mlada“

Das Märchen ist gedichtet, das Lied aber wahr.

Im Westen weitgehend unterschätzt bzw. kaum präsent ist der russische Komponist Nikolai Rimski-Korsakow. Das gilt zumeist auch für seine zwischen mythischen Gegebenheiten und realen Figuren, die zwischen Heidentum und Christentum angesiedelten farbenfrohen Musikwerke. In seinen musikalischen Bearbeitungen von Mythen, Legenden und Ritualen greift Rimski-Korsakow tief in die Schatztruhe altslawischer Mythen, Sagen und Legenden, greift aber auch auf die Volksmusik und slawische Volkslieder zurück. Das gilt besonders für seine Opera-bylina „Sadko“ (1898), deren Handlung auf altrussischen epischen Heldenliedern, Bylinen genannt, beruht. Bereits 1870 hatte Rimski-Korsakow Pläne, ein auf die slawische Mythologie zurückgehendes Ballett zu schreiben. Das Thema slawischer Gottheiten wie der Rusalken ist in seinem gesamten Musikschaffen präsent. Seine Oper „Die Mainacht“ ist eine phantastische Geschichte über Nixen und die Liebe, die auf Gogols folkloristische Erzählung „Mainacht oder Die Ertrunkene“ zurückgeht. Rimski-Korsakows Ballettoper „Mlada“ (hier in der Bedeutung von Braut), 1892 in Sankt Petersburg uraufgeführt, schließt sich dem bunten Reigen seiner Opernwerke an. Das Libretto verfassten Viktor Krylow und Stepan Gedeonow. Die mysteriöse Titelgestalt tritt dabei lediglich als tanzender Schatten auf. Ort der Handlung ist Rethra auf dem Gebiet der Germania Slavica östlich von Elbe und Saale im 9./10. Jahrhundert, damals ein zentrales slawisches Heiligtum und Arkona auf der Insel Rügen.

Mstivoi (historischer Name eines Obodritenfürsten), Fürst von Rethra, möchte seine Tochter Voislava mit dem reichen Fürsten Jaromar von Arkona (1141-1218) verheiraten, um damit beider Reiche zu vereinen. Voislava (in der Bedeutung ruhmreiche Kriegerin) hatte ihrer Rivalin, Prinzessin Mlada, einen vergifteten, todbringenden Ring überreicht. Jaromar (die Jaromarsburg auf Rügen/Arkona war dem slawischen Gott Swantewid gewidmet), der immer noch seiner geliebten Mlada nachtrauert, sollte jetzt Voislava heiraten. Zu diesem Zwecke wurde ein prächtiges Sommersonnenfest in der großen Halle des Palastes von Mstivoi ausgerichtet. In einer festlichen Prozession, auch als Cortège bezeichnet, ziehen die slawischen Fürsten und Ritter ein. Doch das Fest steht unter einem schlechten Zeichen, hatten sich doch die guten, hellen Götter von Voislava abgewendet. Deshalb wendete sie sich an Morena, die Göttin der Rache, des Winters und des Todes, auf dass diese die Geschicke nunmehr so steuern solle, dass sich Jaromir Voislava in Liebe zuwende. Morenas dunkle Magie beginnt zu wirken. Als Jaromir sie daraufhin küssen will, tritt plötzlich der Schatten Mladas dazwischen. Sie entführt ihren Geliebten auf den mythischen Berg Triglaw, auf dem sich auch der Gott der Finsternis, Tschernobog und der böse Zauberer Kaschtschej der Unsterbliche, dem Rimski-Korsakow ebenfalls eine Oper widmete, einfinden. Jaromir fällt in einen tiefen Schlaf. In seinem Traum erscheint ihm plötzlich Kleopatra mit ihrem Gefolge, die ihn, aufreizend kostümiert, mit ihren verführerischen Tanzkünsten bezirzt. Beim ersten Hahnenschrei geht der Spuk auf dem Berg jedoch ganz plötzlich zu Ende, die „Nacht auf dem kahlen Berge“ ist vorbei. Jaromir erwacht und bitte den Hohepriester des Radegast seinen Traum zu deuten. Es erscheinen dazu die Geister der Ahnen in Begleitung der Göttin des Frühlings, Lada. Sie erklären Jaromir, dass Mlada von ihrer Rivalin Voislava ermordet wurde, die ihre Tat gesteht. Die alten Recken fordern zur Rache auf, und so tötet Jaromir die Übeltäterin. Die rachsüchtige Göttin Morena zerstört in ihrer ungehemmten Wut daraufhin den Tempel Radegasts mit Hilfe einer vernichtenden Sintflut. Mit der Morgenröte, mit dem anbrechenden Tag, verwandelt sich die Szenerie bald schon in eine paradiesische, blühende Landschaft, in der Mlada und Jaromir glücklich vereint sind. Es gibt ein Happy End. Die altslawische Göttin der Liebe, der Schönheit und des Frühlings, Lada, segnet das Paar und steigt als Wolke auf in den Himmel.

Auch heute spielen slawische Folklore und Mythologie in der Pagan-, Folk- und Black Metal- Musik, oft in düsteren und vieldeutigen Klangwelten, eine wichtige Rolle. Verwiesen sei hier lediglich auf die polnischen Bands „Behemoth“ und „Graveland“, deren Musik tief in der slawischen Mythologie und deren Bildsprache wurzelt. Weiterhin sollen auch „Arkona“ (sic!) in Russland und „Nokturnal Mortum“ in der Ukraine genannt werden. Erwähnt werden sollen an dieser Stelle auch die südslawischen Mythen und Legenden von den Samowila und Samodiva, die einmal als Hexen der Dunkelheit oder als geheimnisvolle thrakische Göttinnen erscheinen können. Auch sie können eine Verbindung zwischen dem Dies- und Jenseits herstellen und erhalten in der bulgarischen und südslawischen Musik immer wieder eine musikalische Stimme. Ein Beispiel dafür ist die patriotische Ballade vom bulgarischen Kämpfer, Märtyrer und Nationalhelden, der im bulgarischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanische Fremdherrschaft kämpfte: Chadschi (Hadj) Dimitar:

„Es wird Nacht, der Mond und die Sterne erscheinen am Himmel. Der Balkan singt ein Heiducken-Lied und wunderschöne Samodivi in weißen Gewändern stimmen mit ein, betreten das grüne Gras und lassen sich neben dem Recken nieder. Eine von ihnen versorgt mit Kräutern seine Wunden, eine andere erfrischt ihn mit kühlem Wasser, eine dritte küsst in geschwind auf den Mund. Er schaut sie verliebt und lachend an. Darauf klatschen sie in die Hände, umfassen sich und steigen auf in den Himmel. Und singend fliegen sie, bis dass der Morgen anbricht“.

Ein Beitrag von Dr. Hans-Christian Trepte 


 © Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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