Haunted Places: Unheilige Orte und ihr Personal

„Selbst wenn ich einen Geist sähe, würde ich es nicht glauben.“ (Albert Einstein)

Ob Hui Buh (das Schlossgespenst), Casper (der freundliche Geist), das Gespenst von Canterville, der Poltergeist oder der Fliegende Holländer. Sie alle sind die Geister, die wir (nicht) riefen, mal wohlwollend, mal lustig, definitiv spukig und manchmal so arglistig, dass sie ausgetrieben oder von den Ghostbusters eingefangen werden müssen. Die Vorstellung von gespenstischen Wesen, ihren Welten und ihrem Wirken ist so alt wie die Menschheit. Als Reisende, Gefangene oder Getriebene zwischen Diesseits und Jenseits konfrontieren sie uns nicht nur mit der eigenen Sterblichkeit oder unseren Ängsten, sondern haben immer auch die Fantasie der Lebenden beflügelt und dabei eine Vielzahl von Geschichten hervorgebracht. Und obwohl Geister ganz unterschiedliche Formen und Gestalten annehmen können, haben sie meistens eines gemeinsam: sie treiben sich bisweilen an recht unheiligen Orten herum – ob Hinrichtungsstätten, Gräber, Keller, der Blocksberg oder im Leipziger Budde-Haus.

Zum 7. Leipziger Mythentag im Jahr 2026 geht der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie auf gespenstische Expedition und lädt alle mutigen Kultur- und Literaturinteressierten, Spukbegeisterten und Geisterjäger ein, sich der Reise anzuschließen.

Programm

10.15 Uhr – Das kleine Einmaleins der Geisterkunde: Von Aufhockern, Banshees und kopflosen Reitern (Dr. Constance Timm)

Was versteht man unter einem Geist? Und auf welche Weise tritt er in Erscheinung? Der Vortrag geht den Ursprüngen des Begriffs auf den Grund, stellt Klassifizierungen von Geistern vor und geht auf Fallbeispiele geisterhaften Spuks ein und wie sich diese naturwissenschaftliche erklären lassen.


11.15 Uhr – Ägyptische Geister in der Alten Zeit und im Viktorianischen Zeitalter (Dr. Maria Fleischhack)

Der Vortrag stellt die altägyptischen Konzepte von Jenseits und Diesseits vor und geht dabei auf Seelenvorstellungen und den Totenkult ein. Dabei werden Beispiele von Heimsuchungen, übernatürlichen Wesen und Flüchen besprochen und im Anschluss der Bogen zum Viktorianischen Zeitalter gespannt – eine Zeit, in der das Alte Ägypten selbst als Gespenst vieles durchdringt – allgegenwärtig und doch nur partiell verstanden, sowohl monströs als auch tröstend und nostalgisch, eine Zuwendung zur eigenen imaginären Vergangenheit und dem Nachleben einer Zivilisation lange nach ihrem Vergehen.

Maria Fleischhack studierte Ägyptologie und Anglistik in Leipzig, wo sie zum Thema der Ägyptendarstellung in der Viktorianischen Fantasy-Literatur promoviert wurde. Heute lehrt sie in der Anglistik mit Schwerpunkt auf Fantasy, Sherlock Holmes und Shakespeare. Sie reist einmal im Jahr nach Ägypten, um dort immer noch Neues zu lernen. 


12.15 Uhr – Totendämon, Geist, Vampir? Die vielen Leben des indischen Vetala (Dr. Ira Sarma)

Ein König trägt einen Leichnam durch die Nacht – doch der Tote beginnt zu sprechen. Ein Vetala bewohnt den Körper – ein rätselhaftes Wesen, das sich einer eindeutigen Einordnung entzieht. Der Vortrag folgt den vielen Leben des Vetala – von der Sanskrit-Literatur über regionale & koloniale Erzähltraditionen bis hin zu Ratgeberliteratur und Romanen der Gegenwart – und zeigt, wie diese außergewöhnliche Figur weit über Südasien hinaus immer wieder neue Gestalt angenommen hat.

Ira Sarma ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Indologie und Zentralasienwissenschaften der Universität Leipzig. Sie forscht zu Literatur, Film und visuellen Erzählformen Südasiens.

14.30 Uhr – Die Klassische Walpurgisnacht – Unheilige Liebesgeschichten an gespenstischem Ort (Dr. Jochen Schade)

Die klassische Walpurgisnacht in Goethes Faust Teil 2 entpuppt als die Schilderung der Liebesgeschichten der drei Protagonisten Faust, Mephistopheles und Homunculus. Dunkler Ort, unheilige Geschichten, gespenstisches Personal!

Dr. med. Jochen Schade. Niedergelassener Psychoanalytiker in Leipzig. Dozent und Lehranalytiker des Therese-Benedek-Institutes. Sächsisches Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie e.V. Wissenschaftliches Interesse an psychoanalytischer Kulturtheorie und Sozialpsychologie


15.30 Uhr – Zwischen Heim-Suchung und Versuchung: Edith Nesbits Geistergeschichten aus dem England der Jahrhundertwende (Leonore Sell)

Edith Nesbit (1858-1924) entführt uns in das England der Jahrhundertwende: In Nebelschwaden und dem schummrigen Licht von Gaslaternen stehen wir vor Türen, die sich langsam öffnen, und sehen die ersten Automobile geisterhaft um die Ecke sausen. Nesbit verwebt die klassische Schauertradition mit Geschlechter- und Sozialkritik und ihren eigenen Ängsten. Nicht jede Romanze, die glücklich scheint, ist es auch, wie sie selbst erleben musste. Eine schlaglichtartige Einführung in das Leben Nesbits und ihre schaurig-schönsten Geistergeschichten.

Leonore Sell hat Kunstgeschichte, Germanistik und Anglistik in Leipzig und Aberdeen studiert. Sie forscht seit ihrer Masterarbeit zu Edith Nesbit und ihren Schauergeschichten. Die Geister, die Sell damals rief, ließen sie nicht mehr los und beschäftigen sie nun in ihrer Doktorarbeit über die Autorin. Seit 2023 ist sie im Fachinformationsdienst Anglo-American Culture an der SUB Göttingen tätig.


16.30 Uhr – Der Geist in der Maschine – Künstliche Intelligenz als geisterhafte Erscheinung in der Science Fiction (Dr. Stefan Lampadius)

Spätestens seit den 1980er Jahren, v.a. mit William Gibsons Neuromancer (1984), wurde in der Science Fiction das uralte Geistermotiv im Kontext von Computertechnologie zu neuem Leben erweckt. Der Vortrag beleuchtet anhand einiger prägnanter Beispiele aus der SF, wie AI als unheimliches Geisterwesen dargestellt wird, das seine wachsende Macht aus Digitalisierung, Vernetzung und Virtualisierung bezieht.

Stefan Lampadius unterrichtet Englische Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig und forscht u.a. im Bereich Wissenschaft und Literatur, v.a. zu künstlichen Menschen, Evolution und Utopie/Dystopie in der englischsprachigen Science Fiction.

Eintritt:
Tageskarte: 30,00 Euro
Einzelveranstaltungen (Vorträge) je: 5,00 /4,00 ermäßigt Euro

Einlass: ab 9.30 Uhr (freie Platzwahl)

Eine Veranstaltung des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. Gefördert von der Stadt Leipzig.