Tambora 1815: Der Vulkan, der die Welt veränderte

Vor über 50 Jahren wollte sich ein Vulkan in Indonesien kurzzeitig in Erinnerung bringen. Der Tambora auf Sumbawa rumpelte wieder. Es war aber nur ein Schluckauf im Vergleich zu dem, was 200 Jahre zuvor geschehen war. Denn dieser Vulkan hatte einen Einfluss auf die Weltgeschichte wie keiner sonst. Sein Ausbruch im April 1815 sollte die größte Eruption innerhalb der bekannten historischen Zeit werden. Etwas Ähnliches hatten die Erdbewohner zuletzt ca. 30 000 Jahre zuvor erlebt, als der neuseeländische Taupo explodierte. Viele Dörfer wurden 1815 vernichtet, es gab Zehntausende von Toten in der näheren Umgebung und auf Nachbarinseln, sowohl durch den Ascheregen als auch durch folgende Hungersnöte und Epidemien. Noch in 2-3000 km Entfernung war das Knallen zu hören, man hielt es zunächst für Kanonenschüsse. Der britische Gouverneur Sir Thomas Raffles veranlasste das Aufzeichnen von Messdaten. Nach der heutigen Skala handelte es sich um einen Ausbruch der Stärke 7 (von 8). Im Vergleich dazu hatte der Ausbruch des isländischen Eyjafjallajökull von 2010 eine Stärke von 4 – und man erinnert sich, wie schon damals der Flugverkehr zum Erlahmen kam.

Was den Ausbruch aber zu einem globalen Ereignis machte, waren die Aschewolken, die sich um die Erde verbreiteten, die Sonne verhüllten und heftige Klimaänderungen herbeiführten. Das folgende Jahr 1816 heißt bis heute „das Jahr ohne Sommer“. Aus Europa und Nordamerika wie aus China und anderen Teilen der Welt kamen Berichte über Regenfluten, ungewöhnlich starke Gewitter, eine eisige Kälte bis in die Sommermonate hinein oder Schneefall im Juni. Der Himmel zeigte seltene Phänomene, Maler wie Turner oder Friedrich widmeten sich dramatischen Sonnenuntergängen, andere malten Vulkanausbrüche.

Es war auch das Jahr nach Waterloo. Europa war durch die napoleonischen Kriege geschwächt und musste sich wieder aufbauen. Das Ende der Kriege führte allerdings auch zu neuen Bewegungen, zumal des Tourismus. Eine kleine Gruppe britischer Intellektueller, Dichter und Denkerinnen, beschloss, in die Schweiz zu fahren und dort eine freigeistige Zeit zu verbringen. Denn zuhause waren sie in Skandale verwickelt (Atheismus und sexuelle Eskapaden). Es handelte sich um den exzentrischen Lord Byron, dessen Leibarzt, den revolutionären Percy B. Shelley und zwei Frauen. Eine von ihnen war Mary Godwin, die künftige Mary Shelley, Tochter eines fortschrittlichen Philosophenpaares und mit ihren 18 Jahren beseelt von Wissenschaft und Literatur.  

Man ließ sich am Genfer See nieder, doch das schlechte Wetter zwang die kleine Kolonie zumeist, im Haus zu bleiben und sich Gespenstergeschichten vorzulesen. Vor kurzem war ihnen eine solche Sammlung aus Leipzig in die Hand gefallen. Deutschland war damals das Land des Unheimlichen und des Spuks. August Apels und F.A. Schulzes Gespensterbuch (in Übersetzung) war europaweit beliebt. (Apel war Nachkomme jenes Apels, nach dem Apels Garten benannt ist, er war selbst Vater von Theodor Apel, der die Napoleonsteine aufstellte). Das Buch, dem auch Webers „Der Freischütz“ entnommen wurde, inspirierte die jungen Leute zu einem Wettbewerb: Wer erfindet die beste unheimliche Geschichte? Lord Byron brach seinen Versuch ab, aber sein Leibarzt Polidori schrieb eine der ersten Vampirgeschichten. Mary Shelley erlangte Weltruhm mit einem Alptraum, dem Roman über ein von einem Menschen erschaffenes Wesen. Im Gegensatz zu seinem Schöpfer Victor Frankenstein blieb dieses namenlos. Das kalte Vulkanwetter aber schlug noch in eisigen Episoden durch: Der Roman beginnt in der Arktis!

Etwa zu dieser Zeit war einige hundert Kilometer nördlich in Mannheim ein exzentrischer Erfinder dabei, ein Fahrzeug zu konstruieren, das das Pferd ersetzen könnte. Denn Pferde waren zunächst durch die napoleonischen Kriege, dann aber auch durch die einsetzende Hungersnot nach der schlechten Ernte 1816 dezimiert worden. Man musste Ersatz finden. Karl von Drais kam so auf die Idee, einen Wagen zu halbieren, die Deichsel als Lenkmittel einzusetzen und damit ein sogenanntes Veloziped zum Laufen zu bringen. Der Mensch machte sich selbst zum Pferd, indem er das Fahrrad bestieg: Zugtier und Kutscher zugleich. Von nun an galt es, die dynamische Balance beim Fahren herzustellen – eine ganz neue Körpererfahrung.

Die Klimakatastrophe löste Auswanderungswellen nach Amerika aus. Die Völker rebellierten von Skandinavien bis Nordafrika, in Indien brach die Cholera aus. In Süddeutschland kam es zu antisemitischen Krawallen („Hep Hep!“ lautete der infame Schlachtruf), denn überall wurden Sündenböcke gesucht. Andererseits brachten die Klimastürze Wissenschaftler auf den Plan, Wetterkarten zu entwickeln und Epidemien zu bekämpfen. Auch eines unserer beliebtesten Lieder entstand in dieser Zeit, es gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Der Winter 1816/17 war extrem schneereich. Das Salzburger Land war tiefstens eingeschneit und die Schneemassen wollten nicht weichen. Große Stille und Einsamkeit herrschten allüberall. Da dichtete in dunkelster Nacht ein Hilfspfarrer anrührende Zeilen, die bis heute zur Weihnacht gesungen werden: „Stille Nacht, Heilige Nacht“.

Wenn wir also von Globalisierung reden, sollten wir auch die Erdgeschichte ins Auge fassen, denn sie greift immer wieder völlig unberechenbar in unsere menschliche Geschichte ein. Vulkanausbrüche können die Welt lahmlegen, aber auch Fahrräder, künstliche Menschen, Wetterkarten und Weihnachtslieder hervorbringen.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


Literaturhinweis:

Wolfgang Behringer. Tambora und das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte. München: Beck 2016.


©  Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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