Die Rose am Rad der Fortuna – Über Lieder, Schicksal und die Zeitlosigkeit von Worten: Eine Impression aus Benediktbeuern

„O Fortuna, velud luna
statu variabilis,
semper crecis aut decrecis,
vita detestabilis!
nunc obdurat et tunc curat
ludo mentis aciem,
egestatem, potestatem
dissolvet ut glaciem.“


O Fortuna, veränderlich wie die Phasen des Mondes, nimmst du immer zu oder ab, verabscheuungswürdig in deinem Wandel!
Jetzt lähmt sie, dann beflügelt sie wieder,
ganz nach Laune, den Schwung des Geistes, läßt bittere Armut und Herrschergewalt schwinden wie Eis.

(Carmina Burana, 17)

Ein Wechsel von Regen und Sonnenschein begleitet mich auf der Reise gen Süden, als wollte mich das Wetter, das sich seit jeher dem menschlichen Zutun zu entziehen versteht, auf das Wochenende einstimmen. Eine schwer in Worte zu fassende Ruhe liegt in der Septemberluft, die nach Wiesen, Weite und Land duftet. In der Ferne künden Blitze, die sich in den Wolken verfangen zu haben scheinen und meinen Weg durch die Dämmerung begleiten, von spätsommerlichen Gewittern. Es ist ein magischer Moment, einer von denen, die allzu leicht ins Vergessen gleiten, sobald man von hohen Häusern umschlossen ist und die dann allenfalls noch in der Vorstellung existieren. Ich bin in Benediktbeuern etwa eine Stunde Fahrzeit von München entfernt; die Zeit hier draußen scheint anders zu laufen, nicht langsamer, aber gelassener, als sei sie sich ihrer eigenen Vergänglichkeit und vor allem ihrer Geschichte bewusst.

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Franziska Meier: Dante-Rezeption nach 1800

Die Göttinger Romanistin Franziska Meier legt mit diesem Band die Vorträge einer Ringvorlesung über die Rezeption Dantes vor. Der Ansatz ist komparatistisch und so kann ein großer Teil europäischer Literaturen abgedeckt werden, einschließlich der argentinischen Stimme von Jorge Luis Borges, einem der größten Dante-Verehrer der Moderne. Es ist eine gute Idee, nicht nur Dante-Spezialisten einzuladen, sondern eben Kulturvergleicher und -kenner. Bei einem so breiten Thema wird man immer nur mit Proben rechnen können, Bohrungen an einzelnen Stellen der kulturellen Landschaften.

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Die Göttin als Heilige. Vom erstaunlichen nachantiken Leben der Demeter

Im Jahre 1860 hörte der französische Archäologe Lenormant in Eleusis von einem über hundertjährigen griechisch-orthodoxen Priester eine Legende, die folgendermaßen begann: „Die heilige Demetra war eine alte, barmherzige und gutmütige Frau aus Athen, die ihre wenigen Mittel darauf verwendete, armen Leuten zu helfen. Sie hatte eine Tochter mit Namen Kyrà Phrodíte (Frau Aphrodite), die über alle Maßen schön war; kein anderes Mädchen hat man seitdem so hübsch gesehen. Ein türkischer Aghas [niedrigster Titel eines türkischen Militär- oder Zivilbeamten] aus der Gegend von Souli [Ort in Epirus, einer Region in Westgriechenland an der Grenze zu Albanien], ein sehr böser und in der Magie bewanderter Mann, erblickte einst die Jungfrau, als sie ihr goldenes, bis auf die Erde reichendes Haar kämmte, und verliebte sich in sie. Er wartete eine Gelegenheit ab, mit ihr zu sprechen, und als diese ihm gegeben wurde, versuchte er, sie zu verführen.

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Lesen Sie die Commedia, Sie werden es nicht bereuen!

Viele Menschen befinden sich immer noch in der außerordentlichen Situation, gerade wesentlich mehr Zeit zur Verfügung zu haben als sonst. Was also tun? Herumsitzen und sich von schlechter Laune regieren lassen? Keine gute Idee. Falls Sie das Werk noch nicht kennen sollten, hätte ich eine Empfehlung – beschaffen Sie sich Dantes Meisterwerk, die Divina Commedia. Vermutlich sind etliche von Ihnen im Italienischen nicht so gut zuhause, dass Sie das Buch im Original lesen könnten. Dann darf ich Ihnen die Übersetzung von „Philaletes“, dem König Johann von Sachsen, empfehlen, der Mitte des 19. Jahrhunderts eine fulminante Übersetzung geliefert hat, die bis heute Gültigkeit besitzt. Johann versuchte, an Schriften aus der Dante-Zeit heranzukommen, um ein kleines Museum aufzubauen, und er lud in seinem Dresdner Schloss die damaligen Kenner des Werkes zu ersten Gesprächen über die Commedia ein.

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Geschichten und kein Ende – Drei Jahre MYTHO-Blog

Liebe Leserinnen und Leser des MYTHO-Blogs,

der britische Religionswissenschaftler Robert A. Segal hat in seiner Publikation „Myth. A very short introduction“ (dt. Mythos. Eine kleine Einführung, Reclam) das Grundlegende der Mythologie wie folgt auf den Punkt gebracht: „Es scheint auf der Hand zu liegen, dass ein Mythos bei allem, was er sonst noch sein mag, vor allem auch eine Geschichte ist“. Und Geschichten fordern vor allem eines: Dass sie erzählt werden. Darum sind wir besonders froh und stolz, in unserem MYTHO-Blog seit nunmehr drei Jahren jeden Freitag von den Kulturen und Religionen der Welt zu berichten, aber auch ureigene Impressionen über Ausstellungen, Reisen, Philosophie, Geschichte, Ethnologie, Literatur und natürlich alte und moderne Mythen vorzustellen und mit Ihnen zu teilen.

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Höllische Venus, paradiesische Erde, wandelbarer Mars. Dantes Jenseitsreiche im Spiegel der vergleichenden Planetologie

Das diesjährige, grosse Dante-Jubiläum – 700 Jahre sind seit dem Tod des Dichters vergangen – fällt in eine sehr turbulente, fast möchte man sagen: „danteske“ Zeit. Viele Errungenschaften der europäischen Aufklärung sind derzeit in Frage gestellt oder schon verloren gegangen; von einem „Rückfall ins Mittelalter“ ist gar die Rede. Das könnte man so sehen, wenn man an die Glaubenskämpfe rund um „Gesundheit“, „Sicherheit“ und „Freiheit“ denkt, wo sich die Menschen scheinbar zwischen einem „ewigem Lockdown“ (Hölle) und einem „ewigem Immunschutz“ durch Impfung (Paradies) zu entscheiden haben. Sollten wir uns da nicht eher auf unsere Vernunftphilosophen besinnen, statt auf einen mittelalterlichen Dichter, der Himmel und Hölle besingt? Einverstanden – nur: Dante ist auch ein Vernunftphilosoph, wenn man unter Vernunft, um F. von Weizsäcker zu folgen, die „Wahrnehmung des Ganzen“ versteht. Diese Vernunft, nicht zu verwechseln mit blosser Ratio und Wissenschaftlichkeit, scheint uns gründlich abhanden gekommen zu sein. Wenn es um „das Ganze“ geht, hat uns Dante einiges zu sagen.

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