Die Göttin als Heilige. Vom erstaunlichen nachantiken Leben der Demeter

Im Jahre 1860 hörte der französische Archäologe Lenormant in Eleusis von einem über hundertjährigen griechisch-orthodoxen Priester eine Legende, die folgendermaßen begann: „Die heilige Demetra war eine alte, barmherzige und gutmütige Frau aus Athen, die ihre wenigen Mittel darauf verwendete, armen Leuten zu helfen. Sie hatte eine Tochter mit Namen Kyrà Phrodíte (Frau Aphrodite), die über alle Maßen schön war; kein anderes Mädchen hat man seitdem so hübsch gesehen. Ein türkischer Aghas [niedrigster Titel eines türkischen Militär- oder Zivilbeamten] aus der Gegend von Souli [Ort in Epirus, einer Region in Westgriechenland an der Grenze zu Albanien], ein sehr böser und in der Magie bewanderter Mann, erblickte einst die Jungfrau, als sie ihr goldenes, bis auf die Erde reichendes Haar kämmte, und verliebte sich in sie. Er wartete eine Gelegenheit ab, mit ihr zu sprechen, und als diese ihm gegeben wurde, versuchte er, sie zu verführen.

Das Mädchen war aber nicht nur schön, sondern auch tugendhaft, und lehnte alle Anträge des ungläubigen Mannes ab. Da entschloss er sich, sie zu entführen und in seinem Harem einzuschließen. Eines Weihnachtsabends, als Demetra zur Kirche gegangen war, brach der Aghas die Tür ihrer Wohnung mit Gewalt auf, packte das allein dort verweilende Mädchen, ohne sich um dessen Hilfeschreie zu kümmern, und sprang auf sein Ross, die Entführte in seinen Armen haltend. Der Aghas besaß ein wunderbares Pferd; es war ein Rappe, der aus seinen Nüstern Feuer ausatmete; mit einem einzigen Sprung war er imstande, die ganze Strecke zwischen Osten und Westen zu überqueren. So brauchte er jetzt nur einen Augenblick, um den Entführer  und dessen Opfer direkt zu den Bergen von Epirus zu bringen.“ Später wird er sie vergewaltigen.

Als die alte Frau aus der Kirche kommt, ist die Wohnung leer. Niemand sagt ihr, was geschehen ist. Schließlich aber erfährt sie es vom Storch, der auf ihrem Hause nistet. Dieser begleitet sie auf ihrer Suche, die sie schließlich nach Eleusis führt, wo die Frau des Ortsvorstehers und ihr Mann sie freundlich aufnehmen, bewirten und zu trösten versuchen. Zum Dank segnet die heilige Demetra ihre Felder und beschenkt sie mit Fruchtbarkeit. Der Sohn des Ortsvorstehers verspricht ihr, ihre Tochter zu finden. Er spürt schließlich den bösen Zauberer-Aghas auf und kann ihn mit Hilfe des Storches besiegen und töten. Die alte Frau und ihre wiedergefundene Tochter gehen am Ende fort und keiner weiß, wohin, „doch haben seit jener Zeit die Felder von Eleusis niemals aufgehört, ertragreich zu sein, weil die heilige Demetra sie ein für allemal gesegnet hat.“ (Kakridis, S. 66-71).   

Von der Göttin zur Heiligen

Wer es noch nicht gemerkt haben sollte: Die der Legende zugrunde liegende Sage ist der Mythos von Demeter und dem Raub ihrer auch Kore (Jungfrau) genannten Tochter Persephone durch den Unterweltgott Hades, wie er am ausführlichsten in der berühmten homerischen Demeter-Hymne erzählt wird. Auf der Suche nach ihrer Tochter kommt die Göttin in Gestalt einer abgehärmten alten Frau nach Eleusis, wo sie von der Frau des Königs aufgenommen wird oder, wie Ovid in seinen Fasti (4, 507 ff) schreibt – bei dem sie ihren lateinischen Namen Ceres führt –, von einer armen Bauernfamilie. Am Ende steht die Wiedervereinigung von Mutter und Tochter – wenn auch nur jeweils für eine bestimmte Zeit des Jahres – und die Rückkehr der beiden zum Sitz der Götter auf dem Olymp.

Freilich, die Geschichte spielt irgendwann während der türkischen Fremdherrschaft über Griechenland, und der mythische Kern ist mit Märchenmotiven angereichert, etwa dem Storch als hilfreichem Tier oder der Befreiung und Wiederbringung der Geraubten durch den Sohn des Ortsvorstehers und den damit verbundenen Abenteuern. Demeter ist nun wirklich eine alte Frau, aber eine Heilige, und ihre Tochter hat den Namen gewechselt, aus dem Unterweltgott Hades ist ein türkischer Beamter geworden. An die Stelle der unsterblichen Rosse, mit denen Hades bei der Entführung aus der Erde hervorstürmt (Hymnos an Demeter 16 ff.), ist der feuerschnaubende Rappe des Aghas getreten. Hekate, die Demeter bei ihrer Suche hilft, und der allsehende Sonnengott Helios, der ihr die Entführung beobachtet hat und ihr davon berichtet,  sind durch den Storch ersetzt worden. Im Mythos grollt Demeter den anderen Göttern und hält sich vom Olymp fern (denn Hades hat Persephone mit Zeus’ Einverständnis geraubt) und verhängt für ein Jahr Unfruchtbarkeit über die Erde, was die Menschen beinahe ausrottet. Erst aufgrund der Aussicht, dann keine Opfer mehr empfangen zu können, bewegt Zeus seinen Bruder Hades zur Rückgabe Persephones. Der aber lässt sie vorher noch einen Granatapfelkern essen und behält damit Anteil an ihr: künftig muss sie ein Drittel oder gar die Hälfte des Jahres bei ihm verbringen. Demeter lässt die Erde wieder Frucht tragen und stiftet in Eleusis die Mysterien, die die berühmtesten der antiken Welt werden sollten, bevor sie mit ihrer Tochter auf den Olymp zurückkehrt.

Davon geblieben ist in der Legende der Segen, der auf den Feldern von Eleusis ruht. Die mit ihrer Tochter in mancher Hinsicht nahezu identische Gestalt der Demeter, die Fruchtbarkeit, Leben und Tod vereinigte und die in der späteren Antike – verflachend, wenn man so will – mit dem Getreide selbst identifiziert wurde, lebt als christliche Heilige, als die heiligen Demetra, weiter. Wurde an vielen anderen Orten Griechenlands auch ein Heiliger namens Demetrios zum Schutzpatron der Landwirtschaft – in Eleusis wachte weiterhin sie über die Felder. Die Bauern bekränzten regelmäßig ihre Statue in der Hoffnung auf eine reiche Ernte und beteten wahrscheinlich auch vor ihr wie vor einer Ikone. Niemand wagte, sie zu rauben, denn wer sie wegbringen wollte, erlahmte augenblicklich, und die Figur kehrte nächtens auf wunderbare Weise an ihren Ort zurück. 1801 schließlich führten zwei Engländer, ausgerüstet mit der Erlaubnis der türkischen Behörden zum Plündern, die Statue fort – gegen den anfänglichen Widerstand der Bevölkerung. Auf dem Transport geschahen Unfälle, das Schiff sank; die Statue wurde gerettet und fristet seither ihr Dasein als wenig beachtetes, stark beschädigtes Objekt im Fitzwilliam Museum, Cambridge. Die Bauern von Eleusis hofften zunächst, die Statue käme irgendwie zurück. Aber nach mehreren Missernten gaben sie auf.    

Die Herrin und die Folklore

Wahrhaftig ein erstaunliches Nachleben. Die Zeit, in der die eleusinischen Mysterien zum letzte Male gefeiert wurden, liegt mehr als 1600 Jahre zurück. Das siegreiche Christentum ließ es sich angelegen sein, teilweise unter Rückgriff auf die philosophische Mythenkritik etwa eines Xenophanes (5. Jhd. v. Chr.), die antiken Götter zu delegitimieren, vor allem aus moralischen Gründen. Schließlich war Demeter Schwester und zugleich Geliebte des Zeus, der mit ihr Persephone zeugte, und nach einer orphischen Theogonie schwängerte Zeus in Schlangengestalt wiederum seine eigene Tochter, die von ihm den Dionysos gebar. Das waren keine Götter, sondern moralisch verwerflichen Menschen, die nach ihrem Tod als Dämonen ihr Unwesen trieben, oder sie waren pure menschliche Erfindungen nach dem Motto „die Mythen lügen“. Demeter werde zu Unrecht als Wohltäterin verehrt, bemerkte der Kirchenschriftsteller Tatianus (2. Jhd. n. Chr.) mit Bezug auf den in der homerischen Hymne erzählten Mythos, denn sie handle aus rein persönlichen Interessen: erst nach ihrer Trauer lasse sie das Getreide wieder sprießen.

Dass derartige Verdikte bis an die Basis durchdrangen, darf freilich bezweifelt werden. Vielmehr entwickelte sich im griechischen Volksglauben, unter den Bauern und Hirten, ein eigenartiges Neben- und Miteinander christlicher und heidnischer Vorstellungen, das zumindest in der Folklore, in Märchen, Geschichten und Liedern greifbar wird. Alte Götter gaben Funktionen und Attribute ab – an Gottvater, die Jungfrau Maria, an diverse Heilige –, sie wurden sozusagen getauft und existierten unter anderem Namen weiter, oder sie führten eine Art Untergrundexistenz neben den offiziellen kirchlichen Lehren, ohne dass die Menschen das Nebeneinander des eigentlich Unvereinbaren als Widerspruch empfanden. Demeter ist das vielleicht schlagendste Exempel: An wohl keiner antiken Gottheit habe die Erinnerung der Menschen so zäh festgehalten wie an ihr, schreibt der britische Altphilologe John Cuthbert Lawson (1874-1935), der 1898 bis 1900 in Griechenland den Volksglauben und seine Beziehung zur antiken Religion untersuchte. Am stärksten in Eleusis, wie oben beschrieben, aber, wie Lawson feststellte, auch an anderen Orten. In Aitolien fand er den Glauben an die Kyrà tou kósmou (Herrin der Welt), die in einem Berg lebt und die Fruchtbarkeit der Herden und Felder gewährleistet, in Nordarkadien und Messenien hörte er von einer Déspoina (Herrin), ein Kulttitel, den sowohl Demeter als auch Persephone führten. Nun ist diese Bezeichnung zwar auf Maria übertragen worden. Aber gemeint war hier wohl eher Demeter, denn auf seine Frage, wo denn die Kirche dieser Déspoina stünde, bekam er zur Antwort: „Sie hat keine.“ Auch als Märchenfigur, als die „Schöne der Erde“ lebt Demeter weiter.

Die Göttin in der Höhle

In der Gegend von Phigalia in Arkadien hörte Lawson Fragmente einer Geschichte, in der ein böser Zauberer seine schöne und gute Schwester in einer Höhle des Elaïon-Gebirges vergewaltigt, nachdem sich beide in verschiedene Tiere verwandelt  haben; zum Schluss lässt die Gottesmutter die Höhle über beiden einstürzen. Just in diesem Gebirge hat in mythischer Zeit, einer von dem griechischen Reiseschriftsteller Pausanias (2. Jhd. n. Chr.) überlieferten lokalen Sage zufolge, Poseidon in Gestalt eines Hengstes Demeter vergewaltigt, die sich in eine Stute verwandelt hatte – aus dieser Vereinigung ging dann die Déspoina hervor. Und Demeter verbarg sich in der Höhle, als sie um ihre verschwundene Tochter trauerte. Sie wurde in dieser Höhle kultisch verehrt – und der britische Altphilologe und Ethnologe James George Frazer  (1854 – 1941) vermeldet im Kommentar seiner 1897 ff. erschienenen sechsbändigen Pausanias-Ausgabe, dass dort nun jährlich ein Fest zu Ehren der Madonna gefeiert werde …

Die Göttin besteigt den Bus

Die vielleicht seltsamste Episode aber steht im zweiten Band der Geschichte der religiösen Ideen des rumänisch-französischen Religionswissenschaftlers Mircea Eliade (1907 – 1986). Anfang Februar 1940 bestieg eine alte Frau einen Bus der Linie Athen-Korinth, „mager und ausgemergelt, aber mit großen, sehr lebhaften Augen“. Sie hatte aber kein Geld und konnte sich kein Ticket kaufen. Also musste sie an der nächsten Station wieder aussteigen. Die Station hieß Eleusis. Dann aber geschah Merkwürdiges. Der Bus war einfach nicht mehr in Gang zu kriegen. Schließlich legten die Fahrgäste zusammen und bezahlten der alten Frau, die noch an der Haltestelle stand, den Fahrschein. Als diese wieder einstieg, sprang der Motor auf einmal wieder an. „Ihr hättet das früher tun sollen“, sagte die alte Frau, „aber ihr seid Egoisten; und da ich bei euch bin, werde ich euch noch etwas sagen: Ihr werdet für die Art und Weise, wie ihr lebt, bestraft werden; sogar das Gras und das Wasser werden euch fehlen!“ – und war urplötzlich verschwunden (Eliade, S. 352). Als „bewegendste Episode der christlichen Mythologie der Demeter“ hat Eliade die Geschichte bezeichnet (Eliade, ebd.). Heute, 80 Jahre später, sind Demeters Worte von geradezu beängstigender Aktualität. Werden sie als Aufforderung zur Umkehr verstanden? Oder ist das Urteil schon gefällt, und es ist zu spät?

Ein Beitrag von Christoph Sorger


Literaturhinweise:

Eliade, Mircea: Geschichte der religiösen Ideen, Bd. 2. Übers. von Adelheid Müller-Lissner und Werner Müller. Freiburg im Breisgau: Herder 1993.

Haehling, Raban von (Hrsg.): Griechische Mythologie und frühes Christentum. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2005.

Kakridis, Johannes Theophilos: Die alten Hellenen im neugriechischen Volksglauben. München: Heimeran 1967 (Tusculum Schriften).

Lawson, John Cuthbert: Modern Greek Folklore and Ancient Greek Religion. Cambridge: at the University Press 1910 (Reprint London: Forgotten Books 2015).

von Scheffer, Thassilo (Übers.): Die homerischen Götterhymnen. Leipzig: Dieterich 1974.

Ovid: Fasti – Festkalender Roms. Übers. u. hrsg. von Wolfgang Gerlach. München: Heimeran 1960 (Tusculum-Bücherei).

Pausanias : Reisen in Griechenland. Übers. von Ernst Meyer, hrsg. von Felix Eckstein und Peter C. Bohl. Zürich: Artemis & Winkler 1989.

Pausanias: Description of Greece. Übers. u. komm. von James George Frazer. London: Macmillan1897 (Reprint New York: Bilblo and Tannen 1965).

von Scheffer, Thassilo (Übers.): Die homerischen Götterhymnen. Leipzig: Dieterich 1974.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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