Fortuna, Tyche und Das große Glück

Albrecht Dürer: Nemesis oder Das große Glück

Zu Beginn eines neuen Jahres wünschen wir uns gern und häufig Glück. Ohne den Begriff näher zu fassen, meinen wir mit unseren Glückswünschen wohl zumeist ganz allgemein Lebenszufriedenheit. Der Glückswunsch verkörpert sich in diversen Objekten, die verschenkt werden: Schornsteinfeger, vierblättrige Kleeblätter oder Hufeisen sind beliebte Glückssymbole, die den Charakter von Talismanen haben. Neben Symbolen und Objekten oder den aus Asien stammenden Glückskeksen gelten in verschiedenen Kulturen aber auch Tiere wie Schwein, Elefant oder Katze als Verkörperungen des Glücks. Und darüber hinaus existiert bekanntermaßen noch der Mythos vom sogenannten Glückspilz. Gemeint ist ein Mensch, der bereits glücklich geboren, ohne eigens Zutun sein Leben lang alle Vorteile genießen kann, die ihm in Fülle zuteil werden. Ein beispielhafter Vertreter dieser Spezies ist Gustav Gans, der seit einem halben Jahrhundert als Antipode zum Pechvogel Donald Duck in den Disney-Comics auftritt.

Was aber ist nun eigentlich Glück? Welche Vorstellungen verbergen sich hinter dem abstrakten Begriff? Ist es etwas, das wir nicht beeinflussen können, das man hat oder eben nicht? Oder ist es abhängig von unserer inneren Gestimmtheit, von dem Willen und der Fähigkeit, auch negativen Ereignissen etwas Positives abzugewinnen, abhängig von Verlangen, Tatkraft, Mut und vielleicht sogar – um mit Hildegard Knef zu sprechen – Maßlosigkeit, Vermessenheit, Anspruch?

Ein Kupferstich Albrecht Dürers trägt den Titel Nemesis oder Das große Glück. Die Göttin des Glücks, Fortuna, und die Göttin der Vergeltung, Nemesis, verschmelzen in der hier dargestellten Frauengestalt. Ihr sind Symbole beider Gottheiten zugeordnet: Füllhorn und Kugel für Fülle und Unbeständigkeit des Glücks, und die Zügel, die zähmen, züchtigen und lenken. Fortuna und Nemesis – Glück und Vergeltung oder auch statt Vergeltung beziehungsweise Rache ein Zumessen dessen, was man durch seinen Lebenswandel erworben hat. Albrecht Dürer hat hier beides in seinem Bild zusammengefügt, wohl mit dem Gedanken, dass das Glück den Tüchtigen nicht blind ereilt, sondern ihm entsprechend seiner Taten zugemessen wird. Fortuna entsprach in der griechischen Mythologie die Göttin Tyche, die als Trägerin des Wohlstands galt. Neben Füllhorn, Flügeln und Kugel wurde ihr auch ein Steuerruder zugeordnet, da sie ursprünglich als Schutzgottheit der Seefahrer galt. Darüber hinaus stand sie aber auch für alle Wendungen des Schicksals, die sich eben nicht nur als glückliche erweisen können.

Jeder Kulturkreis kennt entsprechende Gottheiten, Glücksbringer und Glückssymbole. Während einer Asienreise bin ich in Thailand und Laos auf die mythische Sivali-Figur aufmerksam geworden, die im Theravāda-Buddhismus verehrt wird und als glückverheißend gilt. Interessant ist, dass Sivali eine historische Person verkörpert, die zu Buddhas Zeiten gelebt haben soll. Der Wandermönch stammte aus einer königlichen Familie und zeichnete sich durch die besondere Begabung aus, stets ausreichend Ressourcen (vor allem wohl Nahrung) für die Gemeinschaft der Mönche herbeischaffen zu können, so dass diese niemals in Not gerieten. Aufgrund dieser besonderen Beziehung des Sivali zum Wohlstand sind Fülle und Glück die Begriffe, denen man in den entsprechenden Charakterisierungen immer wieder begegnet. Er wird als eine Art Heiliger des Wohlstands verehrt, seine Statuen vor buddhistischen Tempeln aufgestellt, kleine Sivali-Figuren werden auch als Amulett getragen. Reisende sehen ihn als ihren Schutzherrn an, bitten um sicheres Geleit und erfolgreiche Vorhaben bzw. Geschäfte. Die ikonischen Darstellungen des Sivali zeigen ihn mit der typischen kargen Ausrüstung der buddhistischen Wandermönche: Er trägt neben seinem Wanderstock lediglich Sonnenschirm (als Symbol für Königtum und Schutz), Almosenschale und Gebetskette mit sich.

Die Darstellung der Sivali-Figur hat mich an die Gestalt des Hans im Glück aus der bekannten Märchenerzählung der Gebrüder Grimm denken lassen. Die zunächst oberflächliche Gemeinsamkeit schien mir folgende zu sein: Ein Wanderer, der zufrieden und guter Dinge auf seinem Weg ist und mit dem Glück in einer besonderen – wenn auch zunächst gegensätzlich erscheinenden – Beziehung steht. Sivali zieht Wohlstand an, unser Hans verliert ihn Stück für Stück. Doch beiden gemeinsam ist, dass sie das Glück aufgrund ihrer vorherigen Taten aufsucht: Sivali hat bedeutende karmische Verdienste in seinem früheren Leben erworben und Hans hat sieben Jahre gedient, bevor er Besitzer eines kopfgroßen Goldklumpens wurde. Die „Hans im Glück“-Rezeption und Deutung dieser Märchenfigur ist nun allerdings vielfältig und umfangreich. Es gibt philosophische Abhandlungen, Lebensratgeber, Filme, literarische Adaptionen und zahlreiche Darstellungen in der bildenden Kunst, die sich allesamt an Hans im Glück abarbeiten.

Von unserem Märchen-Hans wissen wir, das er – im materiellen Sinne – immer leichter wird, je weiter er voranschreitet. Vom Goldklumpen über Schwein, Gans und Schleifstein wirft er materiellen Besitz nach und nach ab, um am Ende der Geschichte völlig unbeschwert und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – glücklich seinen Weg fortzusetzen. Das Märchen sei hier in aller Kürze zitiert: „Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient, da sprach er zu ihm ‚Herr, meine Zeit ist herum, nun wollte ich gerne wieder heim zu meiner Mutter, gebt mir meinen Lohn‘.“ Den als Lohn erhaltenen Goldklumpen tauscht Hans gegen ein Pferd, dieses gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, dieses gegen eine Gans, die Gans gegen einen Wetzstein, der ihm aber in einen Brunnen fällt. So kehrt er letztendlich mit leeren Händen nach Hause zurück. Das Märchen endet mit Hans’ Worten: „‚So glücklich wie ich‘, rief er aus, ‚gibt es keinen Menschen unter der Sonne.‘ Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun, bis er daheim bei seiner Mutter war.“

Ist der Hans der Märchenerzählung nun der Narr, der sein Glück leichtfertig aus den Händen gibt oder ist er der Glückspilz, der ohne sein zutun von der Last des Materiellen befreit wird? Oder ist er glücklich, also „im Glück“ als Seinszustand, weil er aktiv eine positive Haltung einnimmt, zu dem, was auf ihn zukommt, was ihm widerfährt? Das Märchen von Hans im Glück läßt offen, wie wir es deuten und verstehen wollen. Mag dieser Hans in der einen Lesart ein Dummkopf sein, dem das Glück zwischen den Fingern zerrinnt, ist er aus einer anderen Perspektive eben gerade zu einem glücklichen Menschen geworden, weil er sich befreit hat von materieller Habe, damit letztlich von Besitzdenken Abstand nimmt und „mit leichtem Herzen“ nachhause geht. Hier mag eine religiöse Deutung naheliegen, wenn man das Nachhausegehen als Abschied aus der materiellen Welt verstehen will. Damit wären wir wieder bei Albrecht Dürer angelangt, in dessen Bildnis „Das große Glück“ mit der Verschmelzung von Fortuna und Tyche angelegt scheint, dass das Lebensglück eben nicht willkürlich ausgeschüttet, sondern nach dem jeweiligen Lebenswandel, entsprechend Tun und Nicht-Tun zugemessen wird.

Hans im Glück-Skulptur im Berliner Volkspark Friedrichshain

Ein Beitrag von Jörg Jacob


Jörg Jacob, 1964 in Glauchau geboren. Nach einer Ausbildung zum Polsterer war er freier Mitarbeiter der Leipziger Volkszeitung sowie Mitarbeiter einer Begegnungsstätte für Kunst und Kultur. 1998-2002 studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (Abschluss 2003). Nach Veröffentlichungen von Kurzprosa in namhaften Anthologien und Zeitschriften erschien 2006 sein Romandebüt. Jacob erhielt verschiedene Auszeichnungen und Stipendien, u. a. den Gellert-Preis für seinen Roman Das Vineta-Riff. Seit 2010 betreut er verschiedene Projekte und Schreibwerkstätten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Jörg Jacob lebt und arbeitet als freier Autor in Leipzig, zuletzt erschien Godot gießt nach/Herr Tod will leben, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2019, fluten, 2022, Aus der Stadt und über den Fluss: Zwölf Versuche über das Gehen, 2022 sowie Gefährten der Stille: Erzählung, 2024.


Literaturhinweis:

„Kinder und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Hofenberg: Berlin 2014.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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