Es geht um den Realismus – Warum wir Märchen brauchen! 1

Es war einmal eine Zeit, in der man den Kindern keine Märchen mehr erzählte. Wölfe konnten nicht mehr sprechen und waren erst recht nicht mehr böse, Füchse waren nicht listig, „Zwerg“ und „Riese“ waren bloß noch Beleidigungen, die man aber nicht sagen sollte als braves Kind. Küsse vermochten es nicht, jemandem aus dem Zauberschlaf zu wecken – und wenn man sich in die Spindel stach, dann tat es einfach nur weh und sonst nichts. In den Wäldern hausten keine Hexen, in den Meeren keine Nixen, Hasen waren stets schneller als Igel. Man stieß niemanden in die Öfen und pflegte mit ihnen für gewöhnlich keine Konversation. Mit Gold wurde keiner überschüttete, doch dafür auch keiner mit Pech. Und hässliche Entlein blieben auf immer und ewig hässliche Entlein, das weiß doch jedes Kindelein. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie noch immer unansehnlich (man darf‘s ihnen nur nicht sagen).

I. Unterwegs auf dem Meerchen

Diese kleine „Märchen“ ist schon fast ein Tatsachenbericht. Ich selbst, der Vater eines vierjährigen Sohnes – und seit Kurzem auch noch eines ganz kleinen Däumelinchens – bekomme es in meinem Umfeld immer wieder mit: Eltern lesen ihren Kindern massenhaft keine Märchen mehr vor. Sie gelten als reaktionärer Ballast, von dem man sich endlich befreien sollte. Sie vermittelten ein falsches Weltbild und konfrontierten die Kinder zu früh mit schwierigen Themen wie Tod und Bosheit. Sexistisch seien sie obendrein und überhaupt: Es gäbe ja so viele neue, zeitgemäße Kinderbücher – wer braucht da die ollen Märchen noch? Und dies ist nicht nur die Ansicht von linksradikalen Hippieeltern, sondern scheint mir mehr und mehr die Mainstreamposition, das, was „man so sagt“, zu sein. In der Kita gehen regelmäßig Beschwerden von besorgten Eltern ein, die nicht wollen, dass Märchen vorgelesen werden, und in Gesprächen mit Altersgenossen meines Sohnes stelle ich immer wieder erstaunt fest, dass ihnen selbst die bekanntesten Märchen wie Rotkäppchen oder Schneewittchen nicht vertraut sind. Hohe Zeit, sich zu besinnen: Was spricht denn eigentlich für Märchen und warum könnte es pädagogisch wertvoll sein, sie nicht aus dem Kanon der angemessenen Kinderliteratur zu verbannen?

Ich möchte es mir freilich auch nicht einfach machen und einfach nur vorbringen, dass Traditionen vielleicht auch so etwas wie einen Wert an sich haben. Ich selektiere die Vorleseliteratur ja auch und habe wenig Lust darauf, meinem Sohn den Struwwelpeter vorzutragen – trotz der netten antirassistischen Episode mit dem Tintenfass – oder auch Märchen wie das furchtbare Der Jude im Dorn, die tatsächlich Stereotype vermitteln, die meine Kinder noch nicht einmal zu kennen brauchen. Ich bin niemand, der sofort „Zensur“ schreit, wenn man aus einem Text ein Wort tilgt, das man heute einfach nicht mehr gebraucht. Das mache ich vielmehr selbst beim Vorlesen oder freiem Nacherzählen von Märchen immer wieder. Ich ersetze das „N-Wort“, wenn es fällt, lese manche Märchen gar nicht vor oder ändere Details ab. Zumindest in meiner eigenen Version erkläre ich es umfangreich, warum die Eltern Hänsel und Gretel in den Wald schicken und stelle es so dar, als ob sie es nur widerwillig täten. In meiner Version von Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack – seit meiner Kindheit eines meiner Lieblingsmärchen, denn auch ich bin ein „Märchenkind“ – verdrischt der Vater seine Söhne zu Beginn auch nicht, sondern schimpft mit ihnen ganz doll. Nicht vorgelesen wird auch das schaurige Märchen Das eigensinnige Kind. Und auch das Märchen Die klugen Leute muss vorerst entfallen, in dem es als vollkommen selbstverständlich dargestellt wird, dass ein Mann seiner Frau physische Gewalt androht. Dass es einmal eine Zeit gab, in der es als normal galt, dass Väter ihre Ehefrauen und Kinder körperlich züchtigen, muss mein Sohn noch nicht wissen.

Das ist ja ohnehin das Schöne am Vorlesen: dass man nicht an den Text gebunden ist, solange die Kinder noch nicht selbst lesen können – oder sie ihn, wie bei uns bei manchen Märchen der Fall, irgendwann fast auswendig mitsprechen können. Man kann ihn nach Herzenslust abändern, anpassen, erklärende Einschübe und pädagogische Zwischengespräche einfügen. Und erst recht gilt das ja für das freie Nacherzählen, das sich bei Märchen so anbietet. Insofern verstehe ich manche der Debatten über Kinderbücher nur bedingt, in denen es bisweilen so anmutet, als wären die Eltern bloße Vorleseautomaten, die dazu verdammt sind, die vorgegebenen Buchstabenfolgen ohne jede Korrektur abzuspulen. Doch der große Wert des Vorlesens besteht ja ohnehin darin, dass es sich eigentlich immer um ein Gespräch handelt, auch wenn es durch gegebene Texte und Bilder vermittelt ist. Es geht darum, sich ein Buch gemeinsam zu erschließen – das Vorlesen, und, wie ich meine: besonders das Vorlesen von Märchen ist das paradigmatische Beispiel einer pädagogischen Resonanzerfahrung und hat darin seinen Sinn. Dies wird jedenfalls mein erstes Argument für das Vorlesen von Märchen sein, gefolgt von vier weiteren: Zweitens leisten Märchen einen unschätzbaren Beitrag zur sprachlichen Bildung, drittens zeichnet sie ein besonderer Realismus aus – dies ist mein Kernpunkt – und viertens die märchenhafte Vermittlung von Wissen über kulturelle Archetypen und positive Werte. Fünftens schließlich brauchen wir Klassiker – heute mehr denn je.  Und am Ende stelle ich ausblickshaft für diejenigen, die ich zu überzeugen vermochte, noch einige unserer liebsten Märchenbücher sehr kurz vor.

II. Märchen als Resonanzkatalysatoren

Für was ich werben möchte, ist vor allem das Vorlesen und freie Nacherzählen, gerne auch Ausdenken und Weiterspinnen von Märchen. Um das unternehmen zu können, gilt es zunächst ganz allgemein zu klären, worin ich den Sinn des Vorlesens als kulturelle Praxis erblicke. Es geht hierbei nicht wesentlich um den Inhalt der Texte, sondern die Praxis des Vorlesens an sich, in der der Inhalt und die sprachliche Formung des Textes, wie auch die Bilder, die in den Märchenbüchern meist enthalten sind, nur ein Element sind. Vorlesen ist für mich wesentlich eine Resonanzerfahrung, womit ich mich auf den Begriff der Resonanz des Sozialphilosophen Hartmut Rosa beziehe. Er meint damit ein dynamisches Wechselspiel zwischen (mindestens) zwei Polen, in denen sich diese zwei Pole wechselseitig in Schwingung versetzen und etwas miteinander machen. Es ist zwischen ihnen eine resonierende, keine kalte oder einseitige Beziehung.

Gelungene Erziehung kann nicht anders denn als Resonanzbeziehung zwischen Erzieher und Zögling verstanden werden, möchte man sich nicht in dem berühmten infiniten Regress verlieren, der durch die Frage entsteht, wer denn die Erzieher erziehe. Es gibt nicht auf der einen Seite denjenigen, der alles weiß, kann und versteht und auf der einen Seite den Unwissenden und Unfähigen, dessen Eigenwillen es zu brechen gilt, um ihm die Wahrheit dann möglichst rein einflößen zu können. Es geht darum, gemeinsam mit dem Zögling in Resonanz zur Welt zu treten und ihm so die Fähigkeit zu vermitteln, eigenständig Resonanzbeziehungen zu Dingen, Menschen, Tieren etc. eingehen zu können. In dieser Resonanzbeziehung reift er zu einer eigenständigen Persönlichkeit – doch ebenso wird der Erzieher in diesem Prozess erzogen, bleibt nicht einfach, wer er ist.

Das Vorlesen ermöglicht die Herstellung einer solchen Resonanzbeziehung im höchsten Maße. Das Kind steht dem Erwachsenen nicht wie einem Schauspieler oder einer Erzählerstimme aus einem technischen Apparat passiv gegenüber, sondern kann ihn jederzeit unterbrechen, Fragen stellen, seiner Langeweile oder seiner Begeisterung ungehindert Ausdruck verleihen; der Erwachsene kann und sollte in jedem Augenblick die Lesung an die Bedürfnisse des Kindes anpassen – und ebenso seine eigenen. Es geht nicht einfach um eine Begegnung zwischen Text und Kind, sondern der Text dient als bloßes Medium der viel wichtigeren Begegnung zwischen Erwachsenem und Kind. Als Stimme, als ganzer Leib, ist der Erwachsene präsent und schafft eine besondere Situation der Intimität zwischen sich und dem Kind, in der idealerweise beide über das Entdeckte zusammen staunen, lachen, weinen, gähnen etc.

Wenn ich daran zurückdenke, wie mir als Kind vorgelesen wurde, ist es genau das, an das ich primär denken muss. Nicht die unterschiedlichen Bücher, sondern diese besondere Situation; an die wunderbaren Stimmen meiner Eltern, ihren Geruch, die Wärme ihrer Körper, ihre eigene Begeisterung für die spannende Geschichte.

Die besten Texte zum Vorlesen sind also solche, die diese besondere Situation der Intimität verstärken, die authentisch sowohl den Erwachsenen als auch das Kind ansprechen. Dies ist meine Erfahrung sowohl als Kind als auch als Erwachsener: Mein Sohn spürt es, so wie ich damals, sehr genau, ob mir selbst der vorgelesene Text gefällt oder nicht, ob ich ihn mit authentischem Interesse vortrage oder eher gelangweilt herunterrattere. Kinder lassen sich nicht so einfach betrügen, sie wollen von sich aus etwas zusammen mit den Erwachsenen erleben.

Wer die Wahl eines Vorlesetextes vor allem von intellektuellen, moralischen oder politischen Erwägungen leiten lassen möchte – bitte sehr. Doch er wird sich und sein Kind um die schönsten Momente des Glückes berauben, die es in der Eltern-Kind-Beziehung wohl gibt. Er befindet sich auf dem Holzweg. Und das gilt nicht für die Wahl der Vorlesetexte. Die oberste Maxime einer jeden gelungenen Erziehung: Es muss um Resonanz gehen, dafür ist jedes Mittel recht. Raufen, Ritter, Rodeln – nichts darf fehlen, man darf sich die authentische eigene Freude am Umgang mit den eigenen Kindern nicht von moralistischem oder gar politisierendem Geschwätz verderben lassen. Es geht um mein Kind und mich und darum, dass es eine glückliche Kindheit verleben darf. Moral, Politik, philosophische Erwägungen aller Art – all das hat zurückzustehen. Erziehung darf und soll Spaß machen – auch dem Erwachsenen.

Es geht also natürlich primär darum, Bücher zu wählen, die den Kindern Spaß machen. Das ist bei jedem Kind anders. Interessiert sich das Kind nicht oder irgendwann nicht mehr für Märchen, gibt es keinen Grund, sie ihm weiter vorzulesen. Doch meine Hypothese: Die klassischen Märchen begeistern von sich aus jedes Kind. Und das Faszinierende, das Märchenhafte, an ihnen ist: Sie begeistern auch uns Erwachsene und dies immer wieder neu – ohne dass wir wüssten, warum.

Ich habe selbst nie den Plan verfolgt, meinem Sohn Märchen vorzulesen. Ich war es nur irgendwann leid, immer wieder dieselben Babybücher vorzutragen, zum zehnten oder zwanzigsten Mal, die mich nicht interessierten, weil sie eben nur für Kinder interessant sind. Ich kam auf Märchen eigentlich auch nicht einmal durchs Vorlesen, sondern durch’s freie Erzählen. Ich wollte meinen Sohn durch Erzählungen zum Einschlafen bringen im Dunkeln. Anfangs bildete ich mir ein, mir einfach selbst etwas ausdenken zu können – was könnte leichter sein, als spontan eine Einschlafgeschichte für ein zweijähriges Kind zu ersinnen? Doch ich merkte schnell, dass meine Kreativität dafür nicht ausreicht. Eine Einschlafgeschichte darf weder zu aufregend noch zu langweilig sein, das rechte Maß ist schwer zu treffen. Mittlerweile bin ich ein leidlicher freier Erzähler, doch nur, weil ich begriff, dass das Geheimnis der freien Erzählung in der Kombination vorhandener Elemente besteht, nicht so sehr darin, sich etwas völlig Neues aus den Fingern zu saugen. Nicht zuletzt gilt es ja, die Aufmerksamkeit des Kindes nicht dadurch zu verlieren, den Erzählfluss permanent zu unterbrechen, um über den nächsten Handlungsschritt nachzudenken. Ich stieß jedenfalls schnell darauf, dass ich doch noch die Handlungen einiger Märchen im Kopf hatte und ich sie leicht ausschmücken, abändern und weiterspinnen konnte und mir das auch selbst Freude bereitete. So betraten wir die Märchenwelt und Märchen waren für ein gutes Jahr unsere gemeinsame Leidenschaft, ehe wir uns anderem zuwendeten.

Das Erzählen oder Vorlesen von Märchen ist dabei keine bloße Rückerinnerung an die eigene Kindheit, es ist ein Neuentdecken. Die bedeutenden Märchen – es gibt natürlich auch solche von minderer Kraft – begeistern dadurch, dass man sie immer wieder mit neuen Augen liest, mit anderen Ohren hört. Ihre Handlung ist schnell erzählt, ihre Sprache leicht und klar – doch als Gesamtgebilde sind sie sonderbar rätselhaft; nicht einfach schön, sondern erhaben, gerade weil man den Eindruck hat, sie nie ganz verstehen zu können, besser: Sie immer wieder neu verstehen zu müssen. Diese Erhabenheit spüren auch schon die Kinder. Es ist etwas mit diesen Geschichten, doch nicht einmal die Erwachsenen wissen genau zu sagen, was dieses „etwas“ ist.  Es gibt nur ganz wenige moderne Geschichten und selbst nur sehr wenige Kunstmärchen, die diese Tiefe erreichen, die tief gerade durch Oberflächlichkeit ist. Diese Dimension ist zuvorderst den wirklich alten, den Grimm’schen Märchen zu eigen.

Ich nehme als Beispiel eines unserer Lieblingsmärchen, Das tapfere Schneiderlein, von dem mein Sohn zeitweise so begeistert war, dass er es permanent szenisch nachspielen und im Schneidergürtel in die Kita gehen wollte. Das Schneiderlein ist für mich rätselhafter, je länger ich über es nachdenke. Ist es ein Tölpel, wie der Beginn seiner Abenteuer nahegelegt? Oder ein listiges Genie, das durch seine Gewitztheit einen scheinbar überlegenen Gegner nach dem anderen besiegt? Manchen Nazis war das Märchen jedenfalls ein Dorn im Auge, werde hier doch „typisches jüdisches“ Verhalten glorifiziert.[1] Es scheint aber dennoch alles andere als manipulativ zu sein, überhaupt keinen klaren Plan zu verfolgen. Und dennoch ist ebenso klar, dass das Schneiderlein als Typus funktioniert, dass er überhaupt nicht anders sein könnte als genau so, wie er ist, Dummkopf und Schelm zugleich.

III. Märchen als Sprachschule

Eine Schwierigkeit, die mich beim freien Nacherzählen der Märchen ereilte, war, dass ich unwillkürlich versuchte, genau diese Erhabenheit der Märchen durch ihre Profanisierung, sprich: Psychologisierung, zu tilgen. Ich überlegte mir für die Handlungen glaubwürdige Motive, um sie wahrscheinlich zu machen, ergänzte Nebenhandlungen, Landschaftsbeschreibungen, Einblicke ins Innenleben der Charaktere … Doch das Märchen lebt eigentlich genau von seiner schlichten sprachlichen Form, die alles aufs Wesentliche reduziert, in der jedes Wort notwendig, keines gewollt wirkt. Jedes gute Märchen beinhaltet stehende Formeln, in denen etwas von einem Zauberspruch lebt – wenn sie nicht explizit Beschwörungsformeln beinhalten.

In jedem Fall verzaubert ihre Sprache und es ist dieses schöne, leicht antiquierte, voller seltsamer, teilweise mundartlicher, Wendungen steckende Sprache, die in neueren Kinderbüchern naturgemäß fehlt und auch in den meist enttäuschenden Modernisierungen der Märchen. Es gibt wohl keine bessere Möglichkeit, den Kindern ein gutes Deutsch zu vermitteln – und das erst recht im Kindergartenalter, in dem sie noch so prägbar sind. Wieso die Kinder allzufrüh mit schlechter Sprache verderben, ihren Sprachschatz nicht um so großartige Märchenvokabeln wie „Herzeleid“ oder „Gesottenes“ (von dem ich bis heute nicht so recht weiß, was es eigentlich ist) oder grammatikalische Formen wie „ward“ oder dem Dativ-e bereichern. Man braucht sich jedenfalls nicht zu beklagen, dass der Genitiv aus dem aktiven Sprachgebrauch verschwindet, wenn man den Kindern nur noch moderne Bücher vorliest, so wundervoll diese auch sein mögen.

Auch hier geht es mir nicht um ein kulturkonservatives Argument, sondern um weitaus mehr: Sprachvermittlung ist Weltvermittlung. Wir bringen den Kindern nicht einfach das Sprechen bei, wir vermitteln ihnen eine durch diese Sprache vorstrukturiere Art zu leben, zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen. Je reicher diese Sprache, desto reicher diese Welt, desto wirklichkeitsgesättigter. Wir stiften so das Fundament jeder weiteren Weltanverwandlung und -entdeckung – und mehr noch: Jeder Selbstentdeckung und Selbstwerdung, die nur in und durch Sprache, durch den Entwurf einer je eigenen Lebensgeschichte, zu gelingen vermag. Hält man den Kindern die Märchensprache vor, beraubt man sie eines Stücks möglicher Welt- und Selbsterfahrung.

Ein Beitrag von Paul Stephan


Paul Stephan, M. A., studierte Philosophie, Soziologie und Germanistik an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. und dem University College Dublin. Neben seinem Studium gründete er 2014 die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie, die u. a. die jährlich erscheinende Zeitschrift Narthex. Heft für radikales Denken herausgibt. Stephans Forschungsschwerpunkte sind neben der Philosophie Nietzsches die Theorien von Marx und Stirner. Er interessiert sich allgemein für die Geschichte der modernen Philosophie in ihrer kontinentalen Variante von Rousseau bis Laruelle und hat in diesem Bereich zahlreiche Texte veröffentlicht.


Anmerkungen:

[1] Der berüchtigte nationalsozialistische Märcheninterpret Georg Schott etwa deutet ihn als abschreckendes Beispiel, als „Juden an sich“ (Weissagung und Erfüllung im deutschen Volksmärchen. München 1936, S. 201). Die kritische Intention des Märchens, das doch so klar eine Anklage der Dummheit der irdischen „Riesen“, der Großen und Mächtigen, ist, vor deren Prahlerei sich das Schneiderlein nicht blenden lässt, sondern sie durch seine eigene einfach überbietet, wird so ins gerade Gegenteil verkehrt.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

2 Antworten auf „Es geht um den Realismus – Warum wir Märchen brauchen! 1“

  1. „… dass das Schneiderlein als Typus funktioniert, das er überhaupt nicht anders sein könnte als genau so, wie er ist, Dummkopf und Schelm zugleich.“

    Lieber Paul Stephan,

    als selbst einmal Märchen „verschlingend“ und später meinen drei Kindern vorlesend, nicht zuletzt bei der Grimm’schen Gesellschaft an der Humboldt Uni ein wenig „tiefer“, als nur „oberflächlich“ den Beiträgen lauschend… kann ich Ihre Überlegungen, Intensionen und vor allem den „Resonanzraum“ überwiegend nachvollziehen.

    Das oben aus Ihrem Beitrag zitierte jedoch wirft mindestens eine Frage auf, die – zugegeben – beim Vorgang des Vorlesens, hie und da „zensierend“, dabei aber das Fliessen nicht unnötig unterbrechend… verzeihen Sie, aber hier, beim Schreiben doch ein wenig daneben ging.
    Die viel ältere Konstellation, die des David gegen Goliath dürfte aus Volkserzählungen und unwillkürlich adaptierten Varianten… in diesem Märchen Eingang gefunden haben.
    Auch in vielen anderen Erzählungen (…) führt der Wurf eines Steins oder gezielter Schlag „inmitten“ der Stirn (siehe asiatische Kampfsportart!) zum „Besiegen“ des Gegenüber und hat somit weder was mit der Religions- noch Berufs- noch sonstiger Zuordnung zu tun, außer mit der (fehlerhaften!) Rezeption der Umgebung, des nicht „richtig“ Verstehen (wollens, könnens?) bzw. des nicht zu Ende oder vollständig ausgesprochenem „zwei (Fliegen!!!) mit einem Schlag“ … (fehl) interpretiertem… im Märchen durch das Auftreten des Riesen, aber einer wodurch auch immer entstandenen – bedrohlichen! – Situation wohl auch nicht bereit oder fähig zu differenzieren.
    Ein Kind mag es vllt in seinem noch „unverdorbenen“ Gespür als unstimmig empfinden… doch ganz gewiss nicht mit „Nazis“ in Verbindung bringen, denn auch dies hat für das Kind absolut keine Bedeutung, keinen Bezugspunkt, etc. (selbst dann nicht, würde ich behaupten, wenn es Teil einer solchen Gemeinschaft sein sollte).

    Die Bezeichnungen „Dummkopf“ und/oder „schlau“ sind der Rezeption, dem wahrscheinlich hysterischen und wie es scheint auch diskriminierendem „Hören-Sagen“… entnommen.
    Das Schneiderlein selbst aber, könnten wir, wenn wir uns hineinversetzen wollten annehmen, empfand wohl weder das eine, noch das andere… ja nicht einmal, so könnte man weiter denken, „dumm gelaufen“ oder gar „selbst schuld“ oder dergl., sondern wahrscheinlich pure Angst, mindestens aber bedrohliches Unbehagen und aus dieser Not, gewiss nicht die Zielgenauigkeit einer Kampfsportart kennend, sondern lediglich „Glück gehabt“… das aber in Fortsetzung, innerhalb des Resonanzraums, der Rezeption, eher nicht als Mut in der Not, aber „Heldentum des Dummkopfs“ weiter erzählt wird , da stets reduziert mit den Attributen der danach erfolgten sozialen, religiösen, politischen Färbungen. In Resonanzräumen, die bis heute (!) eine „aufgetischte“, vorgelesene oder erzählte Mär … nach Gutdünken, als Sensationsnachricht, ja oft als gewollte Inszenierung, Provokation, usw. … selten aber oder kaum von Empfängern, Lesern, Zuhörern auch als Spiegelbild gesehen bzw. verstanden wird.
    Die heutige Flut, ja fast Tsunamis an Meldungen, Nachrichten, etc. lässt kaum Zeit und Raum zu, überfordert in vielerlei Hinsicht. Jeden von uns. Unabhängig von Klassifizierungen, etwa in berufstätige, alleinerziehende oder sonst anders und auch nicht Eltern, Großeltern, etc. Hier absichtlich nicht zu benutzenden, etwaigen Definitionen von „Erwachsen“ oder „Kind“, denn ein Kind war mal und ist insofern jeder, fühlt sich nicht selten, z.B., bei der o.g. Flut an Überforderungen – als „Kind“…
    Ein psychosoziales Phänomen, mit allen seinen Produkten, wozu Märchen auch zu zählen sind.

    Verstehen Sie es bitte als Anregung.
    Für Ihre, in Form Ihres Beitrags, möchte ich mich bedanken.

    Mit freundlichen Grüßen,
    L. Häussler

  2. Ein schöner Artikel. Mit einer kleinen Anmerkung: Meines Erachtens sollte Banalisierung (im Artikel: Profanisierung) und Psychologisierung nicht als gleich hingestellt werden. Es gibt durchaus gute Psychologisierung (die festhält, dass im Märchen innerlich Bewegendes narrativ angesprochen wird, aber das Rätselhafte auch als Solches stehen lassen kann) und schlechte Psychologisierung (die eine alles erklärende psychologische Theorie voraussetzt, sei sie jungianisch, freudianisch oder wie auch immer geprägt). Wenn der Märchen Erzählende etwa im Dialog sagt: „Das kann ich mir ganz gut vorstellen“ oder „Das finde ich jetzt aber furchtbar“ oder „Das tapfere Schneiderlein ist doch ein toller Typ, oder?“ ist das meines Erachtens auch psychologisierend, aber auf eine gute Weise.

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