Es geht um den Realismus – Warum wir mehr Märchen brauchen! 2

IV. Märchen sind realistisch

Doch ich weiß, dass meine bisherigen Argumente keinen Märchenskeptiker werden überzeugen können. Es geht in der Märchenkritik ja doch vor allem um den Inhalt der Märchen und deswegen muss der Märchenapologet auch ihn endlich ins Visier nehmen.

Es mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, ausgerechnet den Märchen einen besonderen „Realismus“ zu unterstellen. Es sind ja gerade im Gegenteil völlige Phantasiegeschichten, die außerhalb unserer Welt und unserer Zeit spielen. Es würde prima facie ja sogar naheliegen, Märchen gegenüber skeptisch zu sein, weil sie lauter übernatürliche Wesen, Wunder, Zauberei und vieles mehr beinhalten. Wieso die kleinen Kinder mit solchen Entitäten verwirren und ihre Vorstellungskraft unnötig bezirzen?

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Es geht um den Realismus – Warum wir mehr Märchen brauchen! 1

Es war einmal eine Zeit, in der man den Kindern keine Märchen mehr erzählte. Wölfe konnten nicht mehr sprechen und waren erst recht nicht mehr böse, Füchse waren nicht listig, „Zwerg“ und „Riese“ waren bloß noch Beleidigungen, die man aber nicht sagen sollte als braves Kind. Küsse vermochten es nicht, jemandem aus dem Zauberschlaf zu wecken – und wenn man sich in die Spindel stach, dann tat es einfach nur weh und sonst nichts. In den Wäldern hausten keine Hexen, in den Meeren keine Nixen, Hasen waren stets schneller als Igel. Man stieß niemanden in die Öfen und pflegte mit ihnen für gewöhnlich keine Konversation. Mit Gold wurde keiner überschüttete, doch dafür auch keiner mit Pech. Und hässliche Entlein blieben auf immer und ewig hässliche Entlein, das weiß doch jedes Kindelein. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie noch immer unansehnlich (man darf‘s ihnen nur nicht sagen).

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Jenseits von Max und Moritz: der mehrdimensionale Wilhelm Busch

On revient toujours à ses premiers amours – man kehrt immer zurück zu den ersten Liebschaften – so bei mir Wilhelm Busch. Beim Aufräumen entdeckte ich Hefte mit Nachzeichnungen vom Lehrer Lämpel, Max und Moritz, Witwe Bolte, Schneider Böck und welche anderen Figuren dieses Universum des 19. Jahrhunderts noch bewohnten. Wilhelm Buschs Bilder, später auch die Texte, waren für mich eine Brücke in diese Vergangenheit. Ich fand die dicken Bände im bäuerlichen Haus meiner Großeltern auf dem Dorf und las in ihnen, während sie sich zum Nickerchen in ihre Gemächer zurückzogen. Es war die größte Stille, die man sich vorstellen kann, die Mittagsstille auf dem Lande. Und in diese stürzten sich Sonderlinge und foppende Affen, alte Junggesellen und dralle Mädchen, Imker und Bienenköniginnen – ein Staat für sich, und doch mit unsichtbaren Banden verknüpft mit diesem Haus, in dem ich solche Comic-Gestalten verschlang. Mit meinen Busch-Kopien wollte ich mir Eindruck verschaffen, vor allem bei einem Mädchen, das als einziges unser Jungen-Gymnasium damals besuchte. Der Versuch ging daneben, aber der Busch, der blieb.

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