Es geht um den Realismus – Warum wir mehr Märchen brauchen! 2

IV. Märchen sind realistisch

Doch ich weiß, dass meine bisherigen Argumente keinen Märchenskeptiker werden überzeugen können. Es geht in der Märchenkritik ja doch vor allem um den Inhalt der Märchen und deswegen muss der Märchenapologet auch ihn endlich ins Visier nehmen.

Es mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, ausgerechnet den Märchen einen besonderen „Realismus“ zu unterstellen. Es sind ja gerade im Gegenteil völlige Phantasiegeschichten, die außerhalb unserer Welt und unserer Zeit spielen. Es würde prima facie ja sogar naheliegen, Märchen gegenüber skeptisch zu sein, weil sie lauter übernatürliche Wesen, Wunder, Zauberei und vieles mehr beinhalten. Wieso die kleinen Kinder mit solchen Entitäten verwirren und ihre Vorstellungskraft unnötig bezirzen?

Doch dieses Argument scheint mir so weit hergeholt, dass es sich kaum einer Entkräftung lohnt. Man kann auch einem Zweijährigen schon ohne Weiteres erklären, dass Märchen eben in einer Phantasiewelt spielen – auch wenn man selbst manchmal spaßeshalber so spricht, als ob es diese Märchenwesen wirklich gebe. Im Gegenteil vermittelt man ihnen damit eine wichtige ontologische Lektion, die weitaus komplexer als der sogenannte „Realismus“ ist: Es gibt einerseits einen Unterschied zwischen der realen, physischen Welt und der Märchenwelt, doch man kann eben auch so tun, als ob es Märchenwesen wirklich gäbe und man kann bei einem Märchen genauso mitfiebern wie bei dem Bericht über ein reales Geschehnis – womöglich sogar noch mehr –, auch wenn es eben nur ausgedacht ist. Märchen sind, wie alle anderen Fiktionen auch, fiktiv, aber eben darum nicht irreal, ihre Beziehung zur Realität des Alltags ist komplexer und vielschichtiger.

Märchen definieren sich gerade darüber, dass sie der gewöhnlichen Realität im striktesten Sinne entzogen sind. Dies verdeutlicht schon die Formel „Es war einmal“, die sie in eine tiefe Vergangenheit verlegt, die völlig unbestimmt ist. Wo Ortsnamen in Märchen auftauchen, sind diese selbst Teil des erhabenen Rätsels, das uns jedes von ihnen darbietet; kein Märchen beansprucht wirklich, an einem definiten irdischen Ort zu spielen, irgendwie mit der irdischen Kausalkette verbunden zu sein. Das unterscheidet sie von Sagen, Mythen und religiösen Texten, die, so abstrus ihr Inhalt sein mag, sich alle anmaßen, in irgendeiner Form über reale Begebenheiten zu berichten, ja sogar den kausalen Ursprung unserer alltäglichen Welt aufzudecken. Gewöhnliche Literatur spielt hingegen meist in einer Welt, die der unsrigen irgendwie nachempfunden ist, bei Märchen ist das gar nicht so leicht zu sagen. Sie spielen eben wirklich in der Märchenwelt und zur Märchenzeit.

Moderne Kinderbücher zeichnet hingegen meist ihr „Realismus“ aus. Sie bilden Szenarien ab, die dem Alltag der Kinder entsprechen und ein leichtes Verständnis ermöglichen sollen. Bärchen Brumm geht mit seinen Eltern in den Zoo, Häschen Huschi streitet sich mit ihrer kleinen Schwester um den roten Ball, beim Fußballspielen lernt Theo den Wert der Freundschaft … Es geht hier bewusst darum, die alltägliche Lebensrealität der Kinder nachzubilden und ihnen darauf aufbauend auf nicht gerade subtile Weise „wichtige Einsichten“ zu vermitteln: Zähneputzen ist Muss, man muss im Streit auch mal nachgeben, man soll nicht bei Rot über die Ampel gehen … Wichtig ist vor allem, dass möglichst viele Kinder nichtdeutsche Vornamen, körperliche Beeinträchtigungen und dunkle Hautfarbe haben und dass sich Jungs und Mädchen möglichst wenig stereotyp verhalten. So sieht jedenfalls das perfekte Kinderbuch unserer Zeit aus.

Dabei ist klar: Eigentlich geht es in diesen Büchern natürlich nicht um Realismus, sondern um Moralismus und um die Darstellung einer Welt, von der jedem Kind klar ist, dass es sie auch nicht gibt, sondern dass sie ihrerseits eine Märchenwelt ist. Was man den Märchen doch eigentlich vorwirft, ist gerade ihr Realismus. Sie beinhalten ja all das, was in diesen neumodischen Kinderbüchern systematisch ausgespart wird, und zwar nicht ausnahmsweise, sondern regelmäßig: Tod, Krankheit, Neid, Rachsucht, Boshaftigkeit, Ungerechtigkeit, Grausamkeiten aller Art. So gut wie alle Märchenfiguren scheinen ja Waise oder Halbwaise zu sein und von ihren eigenen Stiefeltern ins Unglück gestürzt zu werden. Genau das ist es doch, was sie in den Augen moderner Eltern ebenso anstößig erscheinen lässt wie Spielzeuggewehre und dass man den Kindern allzu plastisch vom Krieg in der Ukraine erzählt.

Diese Kritik ist nun alles andere als neu und gehört keineswegs exklusiv dem „aufgeklärten“ Allerweltslinksliberalismus unserer Zeit an. Genau so wurde schon beim Erscheinen der Bücher argumentiert, wie man jedenfalls der Vorrede der Originalfassung der Grimm’schen Märchensammlung selbst entnehmen kann.[1] Sie betonen darin, dass sie ihre Anthologie durchaus als „Erziehungsbuch“ verstanden wissen wollen, doch

suchen für ein solches nicht jene Reinheit, die durch ein ängstliches Ausscheiden dessen, was Bezug auf gewisse Zustände und Verhältnisse hat, wie sie täglich vorkommen und auf keine Weise verborgen bleiben können, erlangt wird, und wobei man zugleich in der Täuschung ist, daß, was in einem gedruckten Buche ausführbar, es auch im wirklichen Leben sei. Wir suchen die Reinheit in der Wahrheit einer geraden, nichts Unrechtes im Rückhalt bergenden Erzählung.[2]

Die Grimms verweisen dann, wie ich oben, auf die Eigenverantwortung der Eltern für die Auswahl des dargebotenen Materials und holen schließlich zum rhetorischen Gegenangriff aus:

Nichts besser kann uns verteidigen als die Natur selber, welche diese Blumen und Blätter in solcher Farbe und Gestalt hat wachsen lassen; wem sie nicht zuträglich sind nach besonderen Bedürfnissen, der kann nicht fordern, daß sie deshalb anders gefärbt und geschnitten werden sollen. […] Regen und Tau fällt als eine Wohltat für alles herab, was auf der Erde steht; wer seine Pflanzen nicht hineinzustellen getraut, weil sie zu empfindlich sind und Schaden nehmen könnten, sondern sie lieber in der Stube mit abgeschrecktem Wasser begießt, wird doch nicht verlangen, daß Regen und Tau darum ausbleiben sollen. Gedeihlich aber kann alles werden, was natürlich ist, und darum sollen wir trachten.[3]

Mit anderen Worten: Hört auf, eure Kinder für dumm zu halten! Mutet ihnen ein wenig Wirklichkeit zu! Verdummt sie vor allem nicht!

Das Kernargument für die Märchen scheint mir zu sein: Gerade, weil sie gewissermaßen im safe space einer Parallelwelt spielen, gelingt es ihnen, in kindgerechter Weise über ernsteste Themen zu sprechen und die Kinder dadurch in spielerischer Form mit Aspekten der Wirklichkeit zu konfrontieren, die sie früher oder später ohnehin erfahren werden.

Es geht natürlich nicht um die ungeschminkte Konfrontation mit dem Schrecken der Wirklichkeit. Es geht um Realismus in der Maske des Märchens. Genozide, Konzentrationslager, Vernichtungskriege – ja, davon braucht und sollte man den Kindern nur spärlich zu berichten. Kinderliteratur sollte tatsächlich im besten Sinne „erbaulich“ sein, sollte den Lebensmut der Kinder nicht dadurch ersticken, dass man sie unvorbereitet mit dem peinigt, was schon für die meisten Erwachsenen kaum erträglich ist.

Doch den Tod, das „Böse“ (also das willentliche Tun des Unmoralischen), die Krankheit, die in den Märchen immer wieder auftauchende zerstörerische Urkraft des Neides und der Rache – von Friedrich Nietzsche so wortreich als „Ressentiment“ beschrieben, von den anonymen Dichtern der Märchen schon längst erkannt –, Gewalt, Kampf, Betrug, Unglück, Dummheit; all das gibt es und im wörtlichen Sinne jedes Kind, das man nicht künstlich verdummt hat, weiß es oder wird es doch einst wissen. Doch es gibt eben – Realismus ist nicht Zynismus – auch das Gegenteil: Treue über den Tod hinaus, Gerechtigkeit, den Sieg des Guten, den Lohn der Tapferkeit, den Triumph über die Missgünstigen, den Preis der Geduld. Immer wieder verkünden die Märchen in ihren wechselnden Gestalten doch eine Botschaft: Wer mutig ist und sich bemüht, der kann und wird siegen;  dem werden das Glück und die beschirmenden guten Mächte hold sein. Dieses „Prinzip Hoffnung“, wie es Ernst Bloch bezeichnen sollte, der in seinen Werken nicht von ungefähr immer wieder auf Märchen rekurriert, ist der Inbegriff der Märchenmoral. Ohne ihn aussprechen zu müssen, drehen sich die Märchen doch immer wieder um diesen einen Punkt; sie lehren nicht das Fürchten, sondern das Hoffen, doch nicht das abwartende, sondern das tätige. Märchen bieten so Rahmen und Orientierungspunkte an, die die Kinder ein Leben lang begleiten und dabei unterstützen können, mit der „realen Realität“ produktiv umgehen zu können. Das Prinzip Hoffnung manifestiert sich in ihnen in immer wieder neuer Gestalt. Mehr kann man von guter Kinderliteratur nicht erwarten.

Die realistische Kraft der Märchen offenbaren nicht zuletzt die modernen Kunstmärchen, in denen es gerade die äußerste märchenhafte Verfremdung es erlaubt, radikale Gesellschaftskritik zu üben. Des Kaisers neue Kleider oder Das kalte Herz – ich muss bekennen: mein eigentliches Lieblingsmärchen –, sind zeitlose Anklagen gegen die Dummheit einer von Gier und Anerkennungssucht bestimmten erkalteten Lebenswelt, die gerade dadurch wirken, dass es eigentlich keine Anklagen sind, sondern einfach nur zeigen, was geschieht, wenn die objektiven Tendenzen des modernen Kapitalismus sich der Subjekte bemächtigen. Was kann es Wichtigeres geben, als den Kindern auf subtile Weise frühzeitig den Stachel der Kritik einzupflanzen? Man muss ihnen keine langen Vorträge halten, man muss ihnen einfach zeigen, was Macht eigentlich ist und wie das Böse die Menschen in seinen Bann schlägt.

Der Erwachsene wird diese Märchen mit Überraschung, aber auch mit Erschrecken lesen. Beschreibt Andersen nicht eindrücklich, wie gute Teile der gegenwärtigen „Hochkultur“ funktionieren? Hat er, der Lesende, sich nicht selbst, jedenfalls in Phasen seines Lebens, in Holland verirrt? Und der Erwachsene wird verstehen, dass selbst unverdächtigere Märchen Hauffs wie Zwerg Nase und Die Geschichte von dem kleinen Muck bei erfahrungsgesättigter Lektüre einem rücksichtlosen Realismus verpflichtete Sozialstudien sind. Der frühe Tod Hauffs mit nur 24 Jahren ist jedenfalls das wohl größte Unglück der deutschen Literaturgeschichte.

V. Märchen als Archetypenkunde

Die Grimms drücken es mit dem ihrer „naiven“ Zeit eigenen Pathos so aus:

Wir wollen in gleichem Sinne diese Märchen nicht rühmen oder gar gegen eine entgegengesetzte Meinung verteidigen: ihr bloßes Dasein reicht hin, sie zu schützen. Was so mannigfach und immer wieder von neuem erfreut, bewegt und belehrt hat, das trägt seine Notwendigkeit in sich und ist gewiß aus jener ewigen Quelle gekommen, die alles Leben betaut, und wenn es auch nur ein einziger Tropfen wäre, den ein kleines zusammenhaltendes Blatt gefaßt hat, so schimmert es doch in dem ersten Morgenrot.[4]

Moderner ausgedrückt: Märchen vermitteln jahrtausendealte Urerfahrungen, kulturelle Archetypen; sie sind ein einmaliger angesammelter Erfahrungsschatz, an dem teilzuhaben nur hilfreich sein kann für Kinder – und ebenso für Erwachsene. Sie legen in den Kindern einen festen Keim eines gesunden, optimistischen Weltverhältnisses, als Basis eines jeden gelungenen Lebens, und konfrontieren sie mit einer Vielzahl von Grundkonstellationen der comoedia humana, die ihnen später immer wieder begegnen werden und mit denen umzugehen sie in der Märchenwelt spielerisch versuchen können. Die Identifikation mit den Protagonisten der Märchen – wie etwa im Fall meines Sohnes mit dem tapferen Schneiderlein und phasenweise auch dem gestiefelten Kater – ermöglicht es den Kindern zugleich, einen ersten Sinn für das eigene Selbstverständnis zu gewinnen. – Welche Kinderbücher bieten sonst ein so reichhaltiges Reservoir an möglichen Selbstentwürfen an?

Zu betonen gilt es dabei, dass die Märchen, wenn man sie wirklich genau betrachtet, überraschend „unsexistisch“ sind. Das Klischee von der zu rettenden Prinzessin wird den realen Märchen in keinster Weise gerecht, es gibt genau so viele, in denen es genau umgekehrt ist (Brüderchen und Schwesterchen, Die zwölf Brüder, Das singende springende Löweneckerchen, sogar Hänsel und Gretel) oder in denen Mädchen und Frauen aktive Protagonistinnen sind, die aus eigener Kraft die dargestellten Gefahren meistern (Frau Holle, Die Gänsemagd, Die kleine Meerjungfrau, Die Sterntaler).

Gerade in einer Zeit der Unsicherheit und Flexibilisierung brauchen wir die stille Kraft der Märchen mehr als alles andere. In weiser Voraussicht haben hier Eichhörnchen Nüsse für uns versteckt, die wir in der Winterwelt der Moderne nun verspeisen dürfen.

Ich möchte dies abschließend noch einmal an unserem Lieblingsmärchen Das tapfere Schneiderlein untermauern – doch man könnte es an jedem Märchen zeigen. Ich denke nämlich, dass die Gleichzeitigkeit von Dummheit und Listigkeit gerade der Witz, die tiefe Wahrheit ist, die dieses Märchen zeigen soll. Genauer gesagt: Seine anfängliche Naivität – er geht ohne Zweifel, so, wie es erzählt wird, wirklich davon aus, eine hervorragende Leistung erbracht zu haben – verleiht dem Schneiderlein erst die Kraft, es mit all den Feinden aufzunehmen. Doch auch der Riese ist sich seiner selbst gewiss; der Schneider weiß gleichzeitig um seine, vermeintliche, Unbesiegbarkeit und ist eben doch Realist genug, seinem Glück durch diverse Listen nachzuhelfen. Es gibt keine Größe ohne Hybris – doch ebenso nicht ohne Wirklichkeitsmut. Unbeirrbares Urvertrauen gepaart mit wachstem Realismus – klarer kann man den Schlüssel zu irdischem Erfolg wohl kaum darstellen als in jener Figur.

VI. Märchen als Klassiker

Einst waren die Grimm’schen Märchen ein Klassiker in jedem Kinderzimmer. Jedes Kind kannte Schneewittchen, Dornröschen, Aschenputtel und wie sie alle heißen. Dies ist, wenn weder in den Kitas noch in den Elternhäusern Märchen vorgelesen werden, heute nur noch bedingt der Fall. Es gibt so gut wie keine kindlichen Klassiker mehr.

Dies ist natürlich eine allgemeine Tendenz. Klassiker- und Kanonskepsis ist in allen kulturellen Bereichen weit verbreitet. Der Kanon wird als kontingentes Ergebnis von Machtkämpfen interpretiert und als Anmaßung. An seine Stelle sollen vielfältigere Perspektiven treten.

Ich teile diese Skepsis in Teilen. Sie ist schlicht Ausdruck der Pluralisierung unserer Lebenswelt. Doch wir sehen zugleich auch die Schattenseite dieses Prozesses. Der gemeinsame kulturelle Bezugsraum, den die Klassiker einst stifteten, erodiert; dadurch verkümmert die Möglichkeit des Gesprächs, das zwar von Differenz, aber auch von Gemeinsamkeit lebt. In Großstädten wie Berlin oder sogar Leipzig gibt es längst eine Vielzahl von unterschiedlichsten Kitas und Schulen, die die verschiedensten Nischen bedienen, wachsen die Kinder weitgehend abgeschirmt in den Milieus ihrer Eltern auf. Und das ist ja nicht unbedingt schlecht. Doch damit zerfällt eben zugleich jedweder Verständigungshorizont, der es ermöglichen würde, gesellschaftliche Konflikte nicht bloß als Machtkämpfe auszufechten, sondern im Rahmen dialogischer Vermittlungsprozesse zu verarbeiten.

Märchen käme dabei eine entscheidende Rolle zu. Ihre Bedeutung ist universell. Es gibt ja nicht nur die Grimm’schen Märchen und die modernen Kunstmärchen, alle Kulturen haben ihre je eigenen Märchen hervorgebracht, in denen jeweils jedoch ähnliche Archetypen dargestellt werden. Märchen aus allen Kulturen sollten vorgelesen werden als Schulung in interkultureller Kompetenz. Ich habe selbst mit großem Genuss gemeinsam mit meinem Sohn die wundervolle Welt von Tausenundeiner Nacht und zuletzt die mir bis dahin weitgehend unbekannten ägyptischen Mythen entdeckt – denn vielleicht sind Märchen einfach das: säkularisierte Mythen, die ihren religiösen Nimbus verloren, darum jedoch nichts von ihrer mystischen Kraft eingebüßt haben. Und es gäbe noch so viele Mythen- und Märchenkulturen zu entdecken.

Märchen, egal aus welcher Kultur, sprechen zu jedem. Und wenn man möchte, sind sie ja auch ohne Weiteres universalisierbar. Es spricht nichts dagegen, die Geschichte der tapferen Schneiderin zu erzählen und die Handlung der Geschichte nach Afrika oder Asien zu verlegen, wenn man sie illustrieren möchte. Rotkäppchen kann genauso gut auch ein Junge sein. Sobald man Klassiker sakrosankt behandelt, sterben sie genauso, wie wenn man sie einfach ignoriert. Wir bedürfen ihrer, heute mehr denn je, aber sie bedürfen auch uns, die sie immer wieder neu interpretieren und auslegen, als Vehikel unserer je eigenen Welt- und Selbstdeutung benutzen.

VII. Mehr–chen!

Die Märchenphase ist mittlerweile vorerst zu Ende und mein Sohn hat das zeitweise exzessive Interesse an den Grimm’schen Märchen verloren. Doch ich möchte dieses „Märchenjahr“ nicht missen und entdecke mit ihm weiter fleißig neue Welten. Gegenwärtig ist an die Stelle der Märchen die Welt der Pokémon getreten, mittlerweile geradezu ein moderner Klassiker. Und letztendlich sind die Pokémon ja auch Märchenfiguren, oft dem japanischen Märchenschatz entnommen, hausen ähnlich den Märchenwesen in einer eigenen Welt, verkörpern wie sie unterschiedliche Archetype, beflügeln die kindliche Phantasie. Und auch hier ist derselbe unschuldige Realismus am Werk, den ich an den Märchen so schätze. Auch Themen wie der Tod, das Böse, Streit und Kampf werden nicht ausgespart, doch immer wieder in die Grundbotschaft des Spiels gerahmt: Wer sich bemüht und seine Pokémon als Freunde behandelt, kann all das überwinden und am Ende der beste Trainer der Welt werden. Eine wichtigere Weisheit kann man Kindern nicht schenken.

Zu guter Letzt einige Praxistipps für alle, die, ob mit oder ohne Kinder, die Märchenwelt erkunden möchten. Unter den unzähligen Ausgaben der Grimm’schen Märchen kann ich besonders empfehlen die fast 1.000 dünne Seiten starke, vollständige unveränderte Ausgabe von Grimms Märchen, die 2022 bei Anaconda erschien mit den klassischen Illustrationen des Jugendstilkünstlers Otto Ubbelohde, die sich interessanterweise in Japan größter Beliebtheit erfreuen. Diese Ausgabe beinhaltet das äußerst aufschlussreiche Vorwort der Grimms und zeigt, wie vielfältig ihre Märchenwelt eigentlich ist und wie winzig der Ausschnitt aus ihr, den man für gewöhnlich kennt. Wobei sie wohl eher etwas für neugierige Erwachsene als für Kinder ist.

Die schönste Ausgabe einer sprachlich modernisierten Auswahl der Grimm’schen Märchen, die ich kenne, ist Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat mit Illustrationen von Julie Völk. Ähnlich wie Ubbelohde vermag es ihr minimalistischer Stil, die Märchen als Ausdruck von Archetypen sichtbar zu machen, ihnen ihre Erhabenheit nicht durch falsch verstandene Pseudokonkretion zu rauben, sondern sie durch Reduktion zu unterstreichen.

Besonders gefallen haben uns weiterhin die Märchenbände, die 2014 im Betz-Verlag erschienen sind. Wir lasen Die schönsten Märchen von H. C. Andersen, illustriert von Otto S. Svend und die von Mario Grasso großartig bebilderten Bände Die schönsten Märchen von Wilhelm Hauff und Die schönsten Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Grasso gelingt es, den orientalistischen Glanz des 19. Jahrhunderts ohne Kitsch in unsere Zeit zu retten. Horst Künnemann gelang es in letzterem Band, die ansonsten aufgrund ihrer weitschweifigen Erzählweise für heutige Leser kaum mehr erträglichen orientalischen Märchen wunderbar nachzuerzählen, ohne ihnen ihre deftige realistische Spitze zu nehmen.

Ein besonderes Fundstück in unserer örtlichen Stadtbibliothek war ferner der farbenprächtige Band Mythopedia, illustriert vom Künstlerinnenkollektiv Good Wives and Warriors mit Texten von Anna Claybourne, erschienen 2020 im Laurence King Verlag. Enzyklopädisch werden hier mythische Wesen aus allen Kontinenten vorgestellt. Vom aztekischen Gott Quetzalcoatl, dessen Namen wir nach einiger Übung tatsächlich aussprechen konnten, über europäischen Figuren wie dem Pegasus und Ratatoskr bis hin zur ägyptischen Mythologie – hier wurde die Faszination für Bastet, Seth und Co. erstmalig erweckt – und den wenig bekannten Mythen Ozeaniens und des südlichen Afrikas. Auch hier geht es meist blutrünstig zu und die Mythen handeln von gewaltigen Spinnen mit tausenden Augen, erbarmungslosen Monsterfischen, hinterlistigen Ungeheuern, die sich als schöne Frauen tarnen, um ihre Opfer nachts zu zerfleischen. Eher eine Enzyklopädie der Urängste als der Urhoffnungen; doch wie kann man die Kinder besser auf die Brutalität Welt, die es doch nun mal gibt, vorbereiten als durch derartige Geschichten? Sie lehren das rechte Fürchten, Furcht ohne Verzagen.

Ein Beitrag von Paul Stephan


[1] Nur kurz angemerkt kann hier werden, dass diese ganze Debatte darum, welche Kinderbücher ihrem Inhalt nach zur Erziehung geeignet sind und welche nicht, uralt ist. Sie wird beispielsweise intensiv bei Augustinus und bei Rousseau geführt (in den Confessiones und in Émile). Augustinus lehnt die paganen Mythen wegen ihrer Unmoral ab, Rousseau möchte die Kinder am liebsten überhaupt nichts lesen lassen. Würden sie ihre eigenen Positionen konsequent zu Ende verfolgen, müssten die allermeisten Verfechter der heutigen Bücherzensur bei Augustinus anfangen und bei Rousseau enden.

[2] Grimms Märchen. Vollständig nach der Ausgabe von 1812/15. Köln 2022, S. 8. Ich werde auf diese wunderbare Edition später noch kurz eingehen.

[3] Ebd., S. 9.

[4] Ebd., S. 8.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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