Zwischen der goldenen Kolchis und dem mystischen Kaukasus – Quellen der griechisch-europäischen Mythologie

„Als Gott das Land an die Völker verteilte, saßen die Georgier beisammen, lobpreisten den Herrn bei Wein und fröhlichem Gesang und erschienen viel zu spät vor seinem Thron. Der Allmächtige zeigte sich jedoch gerührt und schenkte Ihnen das kostbarste Stück Land das noch geblieben war – sein eigenes.“ (Georgische Legende)

Zweifelsohne gehört die Frage nach den Ursprüngen der griechisch-europäischen Mythologie zu den nicht eindeutig zu beantwortenden Fragen in der einschlägigen Mythenforschung. Generell zu hinterfragen wäre, wo die europäische Mythologie, wenn es diese als solche überhaupt gibt, ihre Ursprünge hat. Dabei spielt die immer wieder erörterte Problematik von Zentrum und Peripherie ebenso wie die Frage nach einer angeblich „westlich“ bzw. „östlich“ geprägten Kultur und Mythologie im gesamteuropäischen Kontext eine nicht unwesentliche Rolle. Zweifelsohne hängt die jeweilige Betrachtungsweise vom konkreten Standort ab. Vom abendländisch-westlichen Blickpunkt, d.h. von Rom aus gesehen, wird der „Osten“ pauschal, oft auch abwertend als „Peripherie“ oder sogar als „Ende der Welt“ gesehen. Vom Osten (Byzanz, Moskau, Kijew) aus betrachtet, erscheint wiederum auch der „Westen“ als Randlage. Dabei ist es die sich zuweilen selbst zum Zentrum erhebende Peripherie, sind es jene „Ränder“, die bis in unsere Zeit hinein entscheidenden Einfluss auf die europäische Kultur und Mythologie nehmen. Allerdings fällt es aus heutiger Sicht schwer, entsprechende Nachweise dafür zu finden, da es sich zumeist um mündlich weitergegeben Erzählungen handelt, die erst spät, zumeist im Zusammenhang mit der Entstehung eigener Schriftsysteme, festgehalten wurden. Zum anderen wurden entsprechende Überlieferungen infolge der Christianisierung beseitigt, verdrängt oder umgeschrieben. Zumeist wird dabei davon ausgegangen, dass sich eine als gesamteuropäisch erachtende Kultur in erster Linie auf das griechisch-römische Erbe bezieht und damit westlichen Auffassungen folgt. „Östliche“ Wurzeln, Traditionen und Auffassungen, die mit Byzanz (bzw. dem oströmischen Reich) wie auch dem Kaukasusgebiet in Verbindung stehen, scheinen bei der Beantwortung der Frage nach den Quellen europäischer Kultur und Mythologie besonders interessant und aufschlussreich zu sein. Dabei geht es nicht nur um das sprachlich und kulturell vorherrschende griechisch geprägte Byzanz, sondern um das „Ursprüngliche“, „Heidnisch-Barbarische“ all jener Bewohner, die nicht griechisch sprachen, dafür aber vielfältige Kontakte zu anderen, nichteuropäischen Völkern, Kulturen und Mythologien (Araber, Türken, Chasaren, Perser) pflegten. Des Weiteren handelt es sich auch um die Einwanderung und Landnahme anderer Völker (u.a. der Slawen auf dem Balkan), die ihre eigene Kultur und Mythologien mitbrachten. „Die Barbaren kamen nicht über Nacht, und sie waren auch keine Außerirdischen. Sie lebten bereits viele Generationen an den Grenzen des Imperiums. Von Orient bis Okzident und von Norden bis Süden gab es Völker, die näher rückten.“ (Pedro Bádenas). Gerade an den genannten „Rändern“ kam es zu einer besonderen Synthese unterschiedlicher Kulturen und mythologischer Vorstellungen, die in einen (gesamt-)europäischen Kulturraum integriert wurden. Auf diese Weise entstand ein buntes Mosaik aus unterschiedlichen Glaubens-, Götter- und Weltenvorstellungen. Diesbezüglich schien sowohl das Byzantinische Reich als auch das Kaukasusgebiet zu einer „großen Gebärmutter der Zivilisation“ (Pedro Bádenas) geworden zu sein. Und dieses Erbe, die östlichen, post-byzantinischen Traditionen mit gemeinsamen Wurzeln, ist bis heute, trotz unterschiedlicher Kultur-, Mentalitäts- und Denkmustern in Ländern wie Russland, der Ukraine, in Serbien, Mazedonien und Bulgarien zu spüren.  

Ein spannendes „Mythentor“ öffnet sich am östlichen Rande des Schwarzen Meeres auf dem Gebiet des heutigen Georgiens. Die ursprünglichen, vorchristlichen Mythen zwischen dem Kolchis-Reich und dem wilden Kaukasus sind in die griechisch-europäische Mythologie eingegangen und werden kaum mehr als ursprünglich fremde Entlehnungen angesehen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass historisch gesehen die kulturelle Entwicklung in Georgien wesentlich früher anzusetzen ist, als in anderen Teilen Europas. Auch wenn es in der Wissenschaft oft zu einer zeitlichen Zurückstufung Georgiens und seiner Mythologie kam, sei es durch Auslassungen, widersprüchliche historische Handhabungen, Interpretationen und Verluste, können wir von einem georgisch-griechischen mythologischen, religiösen und kulturellen Synkretismus sprechen. Das betrifft auch die Zugehörigkeit Georgiens, seiner Kultur und Mythologie, die nicht allein nur unter geographischen Aspekten oft Asien zugeordnet wird, seit der Antike zur „westlichen“, namentlich griechischen Welt. Kulturgeschichtlich gesehen gibt es in der Kaukasus-Region zahlreiche Anknüpfungspunkte und Kontakte zur griechischen ebenso wie zur römischen Welt. Es sind Giorgi Maisuradze, georgischer Schriftsteller und Kulturwissenschaftler, zufolge vier mit dem Kaukasus und Georgien eng verbundene Mythen, die hervorgehoben werden sollten: 1. Der Kaukasus – Ende der zivilisierten Welt oder Ursprung Europas? 2. Das Goldene Vlies – Mythos und Wahrheit. 3. Medeas Kolchis und die Griechen. 4. Das Interesse Roms an den Mythen vom Kaukasus. Exemplarisch möchte ich mich auf die Mythologie von den Argonauten, dem goldenen Vlies, Medea und die Mythologie von Amirani/Pometheus, als zentrale Schlüsselfiguren der georgischen Mythologie stützen.

Der Argonauten-Mythos und dies Suche nach dem Goldenen Vlies

Eine der ältesten griechischen Mythen thematisiert die abenteuerliche Fahrt der Argonauten mit ihrem Schiff Argo (Die Schnelle) auf der Suche nach dem legendären „Goldenen Vlies“, aber auch nach Wissen und Weisheit ins „goldene Land“ Kolchis, das bereits in assyrischen Texten aus dem 12. Jh. v. Chr. Erwähnung fand. Die Kolchis war neben Iberien ein wichtiger Staat auf dem Gebiet des heutigen Georgiens. Diese alten Reiche können dank ihrer außerordentlichen geographischen Lage als eine wichtige Brücke zwischen Europa und Asien, zwischen Okzident und Orient angesehen werden. Auf diese Weise ist das heutige Georgien zu einem wichtigen Begegnungsort verschiedener Zivilisationen und Kulturen in einem Wechselspiel zwischen den antiken Kaukasuskulturen einerseits und die durch Griechen und Römer gleichermaßen geprägte Kultur und Mythologie des Westens geworden. Und so waren das Land Kolchis und der Kaukasus, nicht zuletzt auch mythisch-kulturell gesehen, besonders nahe an das „traditionelle Europa“ herangerückt. Umberto Ecco stellte diesbezüglich fest, dass eben „dieser Rand der Welt“ das europäische „Zentrum“ wesentlich beeinflusste und nachhaltig prägte. Der Argonauten-Mythos, die erste umfassendere europäische Erzählung, die über das alte Kulturreich Kolchis berichtet, wird gegenwärtig auch als ein okkulter Einweihungsritus des „esoterische Wissen des Ostens“ in die westliche Kultur im Sinne eines „spirituellen Weisheitstransfer“ (Frank Teichmann) interpretiert. Die Erzählung von den griechischen Argonauten, die sich auf die Suche nach dem „Goldenen Vlies“ in das mystische Land Kolchis begaben, sollte eigentlich auf einer geheimen Botschaft über die Methode zur Gewinnung von Gold in den Bergflüssen des Kaukasus mit Hilfe wolliger Schaffelle beruht haben… In der griechischen Version wird davon ausgegangen, dass es Zeus war, in der georgischen dagegen der Schöpfergott Ghmerti, der den Geschwistern Helle und Phrixos vor ihrer bösen irdischen Stiefmutter mit Hilfe eines geflügelten Widders (Chrysomallos) mit goldenem Fell zur Flucht verhalf. Doch von den Geschwistern erreichte allein nur Phrixos das gepriesene Sonnenreich Kolchis mit seiner weinumrankten Hauptstadt Aia (Aja), wo ihn König Aietes zunächst freundlich empfang. Der Widder wurde geopfert, das goldene Vlies an einer Eiche im Hain des Gottes Ares befestigt und von einem riesigen, nie schlafenden Drachen bewacht. Seitdem galt das „Goldene Vlies“ in allen Überlieferungen als ein Symbol für Reichtum und Weisheit. Phrixos‘ Schwester Helle hatte auf der wilden Flucht auf dem Widder den Halt verloren, stürzte ab und ertrank an einer Meeresstelle, die in der Antike als Hellespont bekannt wurde und heute Dardanellen heißt. Tatsächlich entstanden zahlreiche griechische Siedlungen am kolchischen Ufer des Schwarzen Meeres wie z. B. Dioskurias (Suchumi), Phasis (Poti) und Pithiunt (Pizunda). Sie legen beredtes Zeugnis ab von den regen Handelskontakten und einem überaus fruchtbaren und ununterbrochenen Kulturaustausch mit Griechenland bis zum Fall von Konstantinopel im Jahre 1453. Jüngste archäologische Untersuchungen auf dem Gebiet Westgeorgiens brachten den Beweis für eine hochentwickelte Zivilisation der Kolchis, ein Land, das tatsächlich überaus reich an Edelmetallen und Kunstfertigkeiten war.

Der Medea-Mythos

Der Argonauten-Mythos beinhaltet im zweiten Teil der Erzählung die tragische Liebesgeschichte zwischen dem griechischen Helden Jason und der Tochter des kolchischen Königs Aietes, Medea, die ihn mit Hilfe einer magischen, aus Zauberkräutern bestehenden Salbe vor Feuer und Gewalt schützte. Die mächtige Magierin und Heilerin Medea züchtete wundersame Heil- und Giftpflanzen im Garten der Hekate. Mit Hilfe dieser Wundermittel war Jason in der Lage zwei mächtige, feuerschnaubende Stiere im Kampf zu bezwingen. Medea wagte es des Weiteren auch, Jason vor ihrem gefährlichen Vater zu warnen, der die Argonauten letztendlich vernichten und ihr Schiff verbrennen wollte. Mit ihrer Zauberkraft betäubt sie auch den mächtigen Drachen, der das „Goldene Vlies“ bewacht, und so gelingt beiden, mit ihrer kostbaren Beute, die Flucht nach Griechenland. Über den griechischen Abschnitt im Leben der Medea gibt es widersprüchliche Narrative. Während in den griechischen Überlieferungen die von Jason schändlich betrogene Medea als eine fremde, wahnsinnige Giftmischerin und grausame Rächerin gilt, die ihre Nebenbuhlerin und ihre eigenen zwei Söhne als Stammhalter Jasons tötet, wird sie in den georgischen Erzählungen als eine warmherzige, kluge und vernünftige Heilerin beschrieben, die keinen Kindesmord begangen hat. Es war übrigens Euripides, der den georgischen Originalmythos umgeschrieben hatte, Medea auf das „böse Weib“ reduzierte und ihr den Rufmord an ihren Kindern andichtet. „Dem Schmerze hingegeben, ohne Speise liegt Sie da, verzehrt in Tränen sich die ganze Zeit, seitdem sie weiß, verraten sei sie vom Gemahl.“ (Euripides, Medea) Übrigens hatte auch für die Athener, im Gegensatz zu Korinth und Sparta, Medea eben nicht ihre Kinder getötet. Bis heute gehört Medea zu den eindrücklichsten Frauenfiguren der georgischen und griechisch-europäischen Mythologie. Ihre tragische Geschichte und ihre grausame Tat zählen zu den umstrittensten Elementen dieses uralten Mythos, der zu den bekanntesten, widersprüchlichsten, geheimnisvollsten wie faszinierendsten Stoffen der Weltliteratur gehört.

Der Amirani (Amiran)-/Prometheus-Mythos

Beim Amirani/Prometheus-Mythos können wir von einer Überlagerung einer scheinbar gemeinsamen Mythologie ausgehen, auch wenn die Erzählung nachfolgend unter Berücksichtigung nationaler, historischer und kultureller Unterschiede zumeist verengt und national vereinnahmt wurde. Im Unterschied zum populären Prometheus-Mythos wurde der georgische Amirani-Mythos, der zu den wichtigsten Narrativen der georgischen Mythologie zählt, erst vom 18. Jahrhundert an schriftlich festgehalten. In der neueren georgischen Forschung wird allerdings davon ausgegangen, dass es erste schriftliche Überlieferungen wahrscheinlich bereits seit dem 6. Jahrhundert gegeben hat, die letztendlich zur Grundlage für die Herausbildung unterschiedlicher Mythologien der Georgier, Griechen, Armenier, Osseten und weiterer Völker des Kaukasus wurden. Die Erzählungen über die titangleichen Helden Amirani/Prometheus weisen zahlreiche gemeinsame Motive auf, so u.a. das Stehlen des Feuers, die Bestrafung des mutigen Helden durch einen Gott durch das Anketten an einen Felsen, das Fressen seiner Leber durch einen Vogel und die Schöpfung menschlicher Wesen. „Als Himmel und Erde geschaffen waren, das Meer in seinen Ufern wogte, die Fische sich im Wasser tummelten, die Luft von Vögeln durchschwirrt und die Erde von Tieren aller Art belebt war, da blickte Prometheus auf die Erde hin, und es fehlte ihm an Geschöpfen, deren Leib so beschaffen war, dass der Geist in ihm Wohnung nehmen soll und die Erdenwelt beherrschen konnte“. Und so nahm Prometheus/Amirani Ton von der Erde, befeuchtete ihn mit Flusswasser, knetete ihn und formte daraus den Menschen nach dem Ebenbild der Götter. Prometheus, der dem alten Göttergeschlecht der Titanen entstammte, wurde der Menschen Lehrmeister. Gegen den Willen der Götter stahl er das göttliche Feuer vom vorüberrollenden Wagen des Gottes Helios und brachte es den Menschen. Als Strafe dafür wurde er auf Geheiß von Zeus in der „schlimmsten Einöde des Kaukasus“ mit unlösbaren Ketten an einen gewaltigen Felsen geschmiedet. Jeden Tag kam ein Adler, der von seiner immer wieder nachwachsende Leber fraß. Erst Jahrhunderte später erlöste ihn Herakles, indem er den Adler des Zeus tötete. Im Unterschied zu der nahezu vollständig in schriftlicher Form fast ununterbrochen überlieferten griechischen Mythologie von Prometheus, gibt es im georgischen Kontext zunächst lediglich eine mündliche Tradierung der georgischenAmirani-Mythologie wie auch von georgischen Sagen, Legenden und Märchen, mit deren Aufzeichnung erstmals im 17./18. Jahrhundert begonnen wurde. Ihre wahre Herkunft wird allerdings auf die Zeit zwischen 3.000 und 2.000 vor unserer Zeitrechnung geschätzt. Der Held Amirani war einer Erzählversion zufolge der Sohn der strahlend schönen georgischen Göttin der Jagd, Dali, die mit ihren in der Dunkelheit leuchtenden langem Haar zahlreiche Männer, so auch einen sterblichen Jägersmann anzog, welcher der Vater Amiranis werden sollte. Als die Frau des Jägers von der Affäre ihres Mannes mit Dali erfuhr, schnitt sie dieser im Schlaf die wunderschönen, verführerischen Haare ab und entnahm ihrer Gebärmutter den ungeborenen Leib eines Jungen, den sie Amirani nannte. Als Zeichen seiner halbgöttlichen Herkunft trug er Symbole der Sonne und des Mondes auf seinem Körper und besaß auch einen goldenen Zahn. Aufgezogen wurde Amirani in der Wildnis vom Jäger Silkalmakhi und dessen Frau Darejan. Bereits als Jüngling bewies er immer wieder seine gewaltige Kraft im Kampf gegen Dämonen und Drachen. Ebenso wie Prometheus brachte auch Amirani den Menschen das Feuer. Er entführte Kamar, die schöne Tochter des Himmelsgottes und Besitzers des himmlischen Feuers, lehrte den Menschen den Gebrauch von Metall und wurde zur Bestrafung an einen Felsen des Kaukasus (wahrscheinlich am Berg Kasbek), „am Rande der bewohnten Welt“ geschmiedet, wo ihm schwarze Raben das Fleisch aus der Brust rissen.

„Hoch am Kaukasus in Eisen / Amirani schmachten mußt / schwarze Raben um ihn kreisen / reißen auf des Tapfren Brust. / Um das Feuer uns zu geben, / kühn er es den Göttern stahl. / Ewig flammend wird sein Leben / Leuchtend allen als Fanal.“

Das schreibt der georgische Nationaldichter Akaki Zereteli (1840-1950), der u.a. auch den Text des wohl bekanntesten georgischen Liedes, „Suliko“, verfasste. Amirani wird im westlichen Kulturbewusstsein allerdings kaum wahrgenommen, und es scheint auch keine nennenswerten größere literarischen Darstellungen von ihm zu geben. Zwar hat sich seine Geschichte in einige wenige Reiseführer über Georgien verirrt, aber er ist nur selten in einschlägigen Mythologie-Lexika zu finden. Amirani wurde auch in der Wissenschaft wie auch in der breiten Öffentlichkeit kaum oder „nur in Klischees wahrgenommen“, wurde zumeist „den kulturellen Leistungen anderen Länder“, hier Griechenlands, zugeordnet (Arlt). Es war der georgische Exilschriftsteller Grigol Robakidse, der den Prometheus/Amirani-Mythos neu interpretierte, Amirani zu einem Freiheitskämpfer seiner georgischen Heimat erhob und die archaischen, „magischen Quellen“ des Kaukasus aufspürte.

„Hier ist die Erde noch in Wahrheit ‚Mutter Erde‘, warmschößig, früchteträchtig. Bis zur Beklemmung spürt man den gewaltigen, lebendigen, urhaften Mythos. Vorweltliches umweht und umweht dich“ (Robakidse).

Der Amirani-Mythos wird gegenwärtig immer mehr zu einem zentralen Motiv, um die tragische Geschichte Georgiens zu verdeutlichen. Mit der Rettung und Erlösung Amiranis würde für die Bewohner des Kaukasus endlich ein „goldenes Zeitalter“ anbrechen. Allerdings wird Amirani, im Unterschied zum Prometheus-Mythos, in den meisten georgischen Erzählungen nicht aus seiner misslichen Lage befreit, wartet er vergeblich auf seiner Erlösung.    

Wenn wir Georgien und seine Kultur in einem lebendigen, nachhaltigen interkulturellen Austausch als eine uralte europäische Zivilisation ansehen, dann scheint das kein Widerspruch zu sein. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch das Christentum, das bereits Anfang des 4. Jahrhunderts zur Staatsreligion Georgiens geworden war. Von tragender Bedeutung war dabei des Weiteren auch das autarke georgische Alphabet aus dem 5. Jahrhundert, das als eines der ältesten, vollständigen alphabetischen Systeme gilt. Die Inschriften auf vorchristlichen Denkmälern zeugen von einer sehr alten Schriftkultur und können als ein besonderes „kulturelles Kleinod“ angesehen werden. Neben dem Gold und dem reichen Erzählschatz war es der Wein, der den Ruhm Georgiens begründete. Wein ist Teil der gelebten georgischen Identität; und es ist gewiss kein Mythos, das von Georgien über Griechenland auch der georgische Ausdruck „gwino“ (ghvino) als das älteste Wort für Wein Eingang in die meisten europäischen Sprachen gefunden hat.  

„Als Gott auf Erden lebte, beschloss er, das Leben der arbeitsmüden Menschen interessanter zu machen. Er dachte lange nach und beschloss, ein Getränk zu erfinden, das die Menschen für eine Weile ins Paradies zurückversetzen konnte.“ (Georgische Legende über den Wein)

Ein Beitrag von Dr. Hans-Christian Trepte


Literaturhinweise:

Byzanz – die gemeinsame Wurzel. https://canal.uned.es/uploads/material/646e5c2d6ff5a76a4463e327/BYZANZ_DEU_Text.pdf(Zugriff 12. September 2025).

Umberto Eco: Baudolino. München / Wien 2001.

Heinz Fähnrich: Königin des Waldes: Sagen und Mythen aus Georgien. Greiz 2013.

Heinz Fähnrich: Lexikon georgischer Mythologie. Wiesbaden 1999.

Nugesha Gagnidze: Prometheus bei Grigol Roakidse. Phasis 17, 2014 file:///C:/Users/Administrator/Downloads/Prometheus_bei_Grigol_Robakidse.pdf (Zugriff 12. September 2025)

Georges Hausemer: Lesereise Georgien. Wien 2018.

Giorgi Maisuradze / Patrick Schollmeyer: Medeas Heimat. Georgien in der Antike. Darmstadt 2018.

Frank Teichmann: Die griechischen Mysterien. Stuttgart 2007.

Michail Tschikowani: Das Buch vom Helden Amirani. Ein altgeorgischer Sagenkreis. Mit einem Essay „Amirani und Prometheus“. Leipzig und Weimar 1978.

Christa Wolf: Medea. Stimmen. Berlin 2008.


Bildliche Darstellungen:

Die Statue der Medea in Batumi:

https://www.shutterstock.com/de/image-photo/medea-statue-batumi-georgia-may-2019-2102993965 (Zugriff 12. September 2025).

Die Statue des Amirani:

https://georgiaabout.com/2014/02/20/the-treasure-caves-of-khvamli/statue-of-amirani/ (Zugriff 12. September 2025).


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie

 

Eine Antwort auf „Zwischen der goldenen Kolchis und dem mystischen Kaukasus – Quellen der griechisch-europäischen Mythologie“

  1. Das ist schon so eine Sache, mit diesen Mythologien. Es wird sehr viel auf altgriechisch bezogen. Das altgriechische Alphabet wird dabei als erstes echte Alphabet der Welt genannt. Auf dieser Grundlage wurde dann das lateinische Alphabet mit 26 Buchstaben entwickelt (das altgriechische Alphabet hat 24 Buchstaben). In Deutschland (und vielen anderen Ländern) wird heute das lateinische Alphabet benutzt.

    Sicher ist, dass die Mythologie von den Mustern / Mechanismen alle irgendwie identisch sind. Die Namen unterscheiden sich zwar, jedoch spielt das kaum eine Rolle („Namen sind Schall und Rauch“). Ich habe vor einigen Jahren angefangen, mich konkret mit der griechischen Mythologie. Man denkt, dass man dann irgendwie „Wissen“ erlangt. In Wirklichkeit wurde ich jedoch immer Unwissender und hatte nur noch Rätsel im Kopf, die sich nicht enträtseln lassen. Kurios ist beispielsweise, dass man im Rahmen der griechischen Mythologie kunterbunt überall landet, nicht nur nach Osten (Byzanz, Kaukasus, etc.), man landet auch in Südfrankreich und der Gründung der Stadt Marseille. In GB landet man auch, da geht es dann plötzlich um die Kelten. Kann man das WIRKLICH kapieren? Wer sich für die Kelten im Rahmen der griechischen Mythologie interessiert ->

    https://www.mythologie-antike.com/t816-galates-keltos-mythologie-eponymer-heros-der-gallier-kelten

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