Mythische Eruptionen: Über Götter, Märchen und Trickster

Ein Autorennachmittag mit der edition vulcanus

Welcher Verlag bringt Bücher über Schufte und Schelme heraus oder widmet sich den griechischen und germanischen Göttern? Interessiert sich für Tolkien, den Mythos der Montagsdemonstrationen ebenso wie für die vier Elemente, die Nacht, den Krieg und die Kindheit? Ganz klar! Es kann nur die edition vulcanus sein.

Der Leipziger Verlag, der im Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie angesiedelt ist, hat in den etwa zwanzig Jahren seines Bestehens achtundzwanzig Titel herausgebracht. An diesem Nachmittag werden mehrere Autorinnen und Autoren (u. a. Ricarda Lukas, Christoph Sorger, Reiner Tetzner, Constance Timm, Maren Uhlig) kurze Texte aus ihren Werken lesen und mit Interessierten ins Gespräch kommen.

Moderation: Elmar Schenkel

Eine Veranstaltung im Rahmen von „Leipzig Liest“ in Kooperation mit dem Budde-Haus Leipzig

„Die Erde steht offen“: Geister, Tote und der heilige Valentin

Die Welt ist rot und besteht aus Herzen. Dieser Eindruck zwingt sich einem unmittelbar auf, schaut man dieser Tage ins private Mail-Postfach, wo sich die Werbungen tummeln. Dasselbe gilt für den Marsch durch Einkaufspassagen oder – der Konsumapathie zum Trotz – für den Besuch von Cafés, Drogerien, Kaufhäusern. Von den tausenden um tausenden Internetseiten ganz zu schweigen. Herzen. Bärchen. Rosen. Schokolade. Kissen. Kitsch. Es ist überall. Und wir ahnen es: Der Valentinstag steht bevor. Der Tag der Verliebten, an dem man sich besonders lieb hat (oder lieb haben sollte), was für die restlichen 364 Tage des Jahres hoffentlich genauso gilt. Dabei ist es um den Festtag des heiligen Valentin, der am 14. Februar begangen wird, nicht gar so romantisch bestellt, zumindest nicht bis ins 14. Jahrhundert. Denn erst im Spätmittelalter erkor man den Tag, den Papst Gelasius I. im Jahre 496 offiziell als Gedenktag eingeführt hatte, als geeignet für das Fest der höfischen (und später der romantischen) Liebe. Die Süßigkeiten, Blumen und Liebesbekundungen sind sogar erst seit dem 18. Jahrhundert in Gebrauch. Auch begann um diese Zeit die Tradition, dem oder der Liebsten kleine Grußgarten zu senden, die sogenannten „Valentines“. Sogar Schlüssel erfreuten sich großer Beliebtheit, symbolisieren sie doch das Aufschließen des Herzens. Sogar an Kinder wurden sie verschenkt. Allerdings nur indirekt als Liebesbeweis, denn man sagte Schlüsseln nach, sie könnten die „Valentins-Krankheit“ abhalten. Damit war die Epilepsie gemeint, denn der heilige Valentin von Terni (3. Jahrhundert n. Chr.) wurde bei Krankheiten (allen voran der benannten „Fallsucht“), um Beistand angerufen. Allerdings war eben dieser Valentin nicht der einzige Valentin oder Valentinus. So gab es noch einen Valentin von Rom. Dieser war Priester und erlitt um 269 n. Chr. eben dort den Märtyrertod. Sein Begräbnisort, die Kirche San Valentino in Rom, galt bis zum Ende des Mittelalters als wichtiger Wallfahrtsort. Der bereits erwähnte Valentin von Terni wiederum war Bischof und erlitt das Martyrium um 273 n. Chr., nachdem er Kranke geheilt und christliche Taufen vollzogen hatte. Es wurde lange vermutet, dass es sich bei beiden um ein und dieselbe Person gehandelt haben könnte, unabhängig davon, dass in verschiedenen Kirchen Roms oder in Terni Reliquien von ihnen aufbewahrt und verehrt werden. Der endgültige Beweis darüber steht allerdings noch aus. Zudem erwähnt die „Katholische Enzyklopädie“, ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts publiziertes Nachschlagewerk zum katholischen Glauben, einen dritten Valentin, der angeblich in Afrika das Martyrium erlitt und über den ansonsten nicht viel bekannt ist.

Warum nun aber der 14. Februar? Und warum der Bezug zur Liebe? Wie bereits erwähnt, ist der Tag ein kirchlicher Gedenktag, weil an diesem der heilige Valentin zu Tode gekommen sein soll. Er fällt allerdings auch in einen Zeitraum, der im antiken Rom eng mit dem Totenkult verbunden gewesen ist. Vom 13. bis 21. Februar fanden die „dies parentalis“ oder Parentalia statt, ein Seelenfest, welches man vor allem den Ahnen der Familie sowie den verstorbenen Eltern (parentes) widmete. Da der Februar ursprünglich den letzten Monat im römischen Kalender repräsentierte und mit dem Reinigungsfest Februa (ein Beiname der Göttin Juno, das römische Äquivalent der Hera) im Zusammenhang stand, gehörten die Pflege der Erinnerung an die Toten, Opfergaben, um die Geister wohlgesonnen zu stimmen sowie die Aussöhnung (Caristia, gefeiert am 22. Februar, um die Bande zu den verstorbenen Familienangehörigen nochmals zu stärken) zu den gängigen gesellschaftlichen und kulturellen Gepflogenheiten.

Die Römer nahmen ihre Verbindung zu den Verstorbenen sehr ernst; eine Tugend, die uns seit der Aufklärung abhandengekommen zu sein scheint, denn Tod, Sterben und Gedenken sind in unserer post-modernen westlichen Welt doch viel zu häufig mit Scham, Verdrängen und Vergessen belegt. Wir schauen in die Zukunft. Über den Tod redet man nicht. Und die Vorstellung, für verstorbene Angehörige Opfer oder Rituale im eigenen Haus abzuhalten oder sie rechtlich wie Lebende zu behandeln, erscheint dieser Tage sowohl gruselig als auch bizarr. Dass Diesseits und Jenseits aber auch ohne Berührungsängste miteinander auskommen, zeigt indes der Día de Muertos, der Tag der Toten, der jedes Jahr am 2. November in Mexiko abgehalten und wie ein Volksfest gefeiert wird. Seit 2003 zählt das Brauchtum sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Aber zurück ins alte Rom. Die Totengeister waren dort als lares, lemures, manes oder larvae bekannt. Unter Laren (lares) verstand man Schutzgeister oder auch Schutzgötter von Familien oder Orten (jeweils unterschieden zwischen lares familiares oder lares loci). Wahrscheinlich hat der Kult seine Ursprünge in den früheren Hausbestattungen, als es noch nicht üblich war, Angehörige auf Friedhöfen zu beerdigen. Der Komödiendichter Titus Maccius Plautus (254-184 v. Chr.) lässt in seinem Werk „Goldtopf“ (Aulularia) den „Hausgott“ sagen: „Ich bin der Hausgott, bin der Gott des Hauses hier […]. Schon manches Jahr/ Zerrann im Strom der Zeiten, seit ich dieses Haus/ Beschirme; mich verehrte schon der Vater, mich/ Der Eltervater dessen, der es jetzt besitzt./ Der Eltervater hat mir einst ganz insgeheim/ Mit vielem Fehlen einen Schatz von Gold vertraut.“ Im weiteren Verlauf beschwert sich der Geist zunächst über mangelnde Opfer an ihn, lobt aber die Tochter des aktuellen Hausherrn, die ihm u. a. Wein und Weihrauch spendet.

Auch an Wegkreuzungen oder öffentlichen Plätzen verehrte und fürchtete man die Laren, denn sie galten als ortsgebunden und rachsüchtig bei Vernachlässigung. So gab es u. a. an jeder Kreuzung ihnen geweihte Schreine, die regelmäßig gepflegt wurden, bis der Kult 392 von Kaiser Theodosius II. (Codex Theodosianus) verboten wurde. Denn den männlichen Laren (sowie ihren weiblichen Gegenstücken, den Virae) sagte man nach, trotz ihrer Geisterhaftigkeit recht vital und zeugungsfähig zu sein. Zu vermuten ist, dass es sich hierbei um Reste von alten Fruchtbarkeitsriten handelt. Denn auch bei den Parentalia fallen Totenverehrung und Fruchtbarkeitsfest zusammen. So fallen in deren Zeitraum die Lupercalien (15. Februar), ein altrömischer Kult und das Hauptfest des römischen Herdengottes Faunus (sein Beiname lautet Lupercus, „Wolfsabwehrer“). Es stand für das baldige Kommen des Frühlings, das Aufblühen der Natur und die körperliche Vereinigung.

Wie den Laren wurden auch den Manen Opfer dargebracht, wobei die manes den Menschen milde gestimmt, aber auch feindlich gesinnt sein konnten. Entsprachen die Opfer nicht ihrem Sinne, konnten sie sich in larvae oder lemures verwandeln, die als äußerst tückisch und bedrohlich galten. Von „larva“ (Pl. larvae) leitet sich u.a. das Wort „Fratze“ ab und „lemures“ sollen gar mit den lamia (Lamien), vampirähnlichen Ungeheuern der griechischen Mythologie in Verbindung stehen. Eine detaillierte Untersuchung zu diesen Ableitungen ist allerdings noch offen.

Neben den erwähnten Totengeistern und Totenfesten darf das „Mundus patet“ nicht unerwähnt bleiben, das übersetzt „die Welt steht offen“ bedeutet, aber besser mit „die Erde steht offen“ wiederzugeben ist. Angeblich geht es auf Romulus, den legendären Gründer der Stadt Rom zurück, der nach dem Abbild des Himmels eine Grube ausgehoben haben soll (laut Plutarch, Romulus 11,2). Diese war den Geistern der Verstorbenen geweiht und wurde, bis auf drei Ausnahmen im Jahr (24. August, 5. Oktober, 8. November) mit einem Stein verschlossen gehalten. Der Stein, und damit die Erde, trennte auf diese Weise Diesseits und Jenseits symbolisch voneinander. Wurden beide Welten allerdings miteinander verbunden, galten für das Zusammentreffen von Toten und Lebenden bestimmte Richtlinien. Es durften weder Hochzeiten noch Schlachten stattfinden. Geschäfte blieben geschlossen. Es waren Festtage und eine weitere Bezeichnung für sie lautet „Mundus Cereris“, bezogen auf Ceres, die Göttin des Ackerbaus, der Fruchtbarkeit und der Ehe; man kann auch sagen, dass es sich hierbei um eine Art römisches Erntedankfest gehandelt hat, das eben nicht nur den Lebenden offenstand, sondern an dem man auch die Verstorbenen teilhaben ließ, um sowohl das Leben als auch die Vergänglichkeit zu preisen. Tod und Leben stehen also auch hier in einem engen und direkten Zusammenhang.

Und der heilige Valentin? Er ist durch und durch „christlichen Ursprungs“ und sein Todestag lag recht günstig zu eben jenen Toten- und Fruchtbarkeitsfesten, die es durch den neuen Glauben zu missionieren, vor allem aber zu transformieren galt. Der neue Glaube an den einen Gott und seinen Sohn bot keinen Platz mehr für polytheistische Gebräuche, auch wenn man dem Christentum zugutehalten muss, dass es die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten bis zur Aufklärung auf seine Weise bewahrt hat. Dass sich die romantischen (und vielleicht sogar fruchtbarkeitsfördernden) Aspekte in unseren Tagen wieder eingeschlichen haben, verdanken wir, wie bereits erwähnt, vor allem der höfischen Liebe und der Romantik. Ein Grund mehr also, mit einem Herzen nicht nur den/die Liebste/-n zu beschenken, sondern auch die Geister zu besänftigen.

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Der Kleine Pauly: Lexikon der Antike. Bd. 4. München 1979 sowie Bd. 7 München 1999.

Franz Böhmer: Ahnenkult und Ahnenglaube im alten Rom. Leipzig: 1943.

Lexikon des Mittelalters. Bd. 8. Stuttgart 2000.

Plautus: Goldtopf-Komödie. Reclam: Stuttgart 1986.

Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot

„Wer den Gong ertönen läßt,
dem erscheinet sie sofort!
Weiß wie Jade,
kalt wie Stahl:
das ist die schöne Turandot!“
(Turandot, Giacomo Puccini, Libretto)

Als der italienische Komponist Giacomo Puccini im Jahr 1920 zusammen mit dem Liberettisten Guiseppe Adami und dem Dramaturgen Renato Simoni über dem Stoff seiner sechs Jahre später uraufgeführten Oper „Turandot“ zu brüten begann, schrieb er Letzterem geradezu hoffnungsvoll: „machen wir ein Märchen, gefiltert durch unser modernes Gehirn!“ Das Märchen lag dem Kreativ-Trio zu dieser Zeit längst vor, u. a. in Form des Theaterstücks „Turandot“ von Friedrich Schiller (1802 uraufgeführt), welches auf einer Vorlage des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi aus dem Jahr 1762 beruhte. Darüber hinaus war dem Stoff bereits eine Reihe von Vertonungen vorausgegangen. Franz Seraph Destouches, Carl Maria von Weber, Antonia Bazzini sind nur einige der Namen, die sich der Geschichte annahmen. Daher war sich Puccini unsicher, auf welche Weise er den bereits bekannten Stoff zum Leben erwecken sollte. Am ehesten schien ihm dies über die Psychologie der Figuren möglich, mehr noch über die Gefühle. „Sie müssen das Letzte an Gefühl und Rührung herausholen … und sie können die rechten Verse finden!“, schreibt er an Adami. „[Der] Liebesausbruch muss wie ein leuchtender Meteorstein unter die rufende Volksmenge fallen, die mit gespannten Nerven … das Fluidum der Liebe begeistert aufnimmt.“

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Zur Liebe in Kultur und Mythos »Die Schöne und das Biest«

Podiumsdiskussion mit Elmar Schenkel, Constance Timm, Christoph Sorger und Reiner Tetzner
Was ist Liebe? Warum ist es in der heutigen Zeit geradezu eine Notwendigkeit, diese Frage im Diskurs eines gegenseitigen Miteinanders zu stellen? Ist Liebe die Lösung für unsere Probleme? Kann Liebe uns retten? Liebe und Lieben sind seit jeher Urbedürfnisse der Menschen. Dies spiegelt sich in den weltweiten Vorstellungen der Kulturen und Religionen wider: Eros, Amor, Aphrodite, Cupido, Venus, Freya, Ištar, Astarte, Hathor und Inanna sind nur einige der zahlreichen bekannten Liebesgottheiten in den Mythologien verschiedener Religions- und Kulturgemeinschaften. Dabei lässt sich das große Thema Liebe auffächern in die verschiedenen Facetten wie Verliebtheit, Fruchtbarkeit, Erotik, Verlangen. Aber auch Verständigung, gegenseitiges Begreifen, Akzeptieren und Annehmen sind als Ideen von Liebe wichtiger denn je und literarisch durch alle Zeiten hin beständig aufgegriffen und verarbeitet worden.

In der Podiumsdiskussion stellt der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie unter dem Titel »Die Schöne und das Biest« sein Jahresthema 2019 vor und diskutiert über kulturelle und literarische Aspekte, die sich mit Nächstenliebe, den Schattenseiten der Liebe, der Psychologie der Liebe sowie der Liebe in Mythos und Märchen befassen.

Eintritt: 3,- / 2,- EUR

Veranstaltung des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Leipzig

Was ist Liebe? – Eine mythische und literarische Einführung

Wenn wir von Liebe sprechen, verbinden wir mit ihr das intensive Gefühl von Zuneigung, Geborgenheit, Aufgehobensein, Verbundenheit, das sich im menschlich-emotionalen Erklärungskanon nicht mehr steigern lässt. „Es ist was es ist sagt die Liebe“ in Erich Fried’s (1921-1988) bekanntem Gedicht und würde man eintausend Menschen darüber befragen, würde man wohl eintausend verschiedene Antworten erhalten. Denn Liebe ist nicht nur der romantische Höhepunkt jeder Paarbeziehung, so wie sie in Medien, Dichtung, Romanen, Liedern oder Kunst im Regelfall proklamiert wird. Liebe kann sich auch auf Gruppen beziehen, auf die Familie, Geschwister, Freunde, zu Tieren, Natur etc. Es gibt kein Limit für Liebe.

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Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: „Trickster“, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

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Zwischen Angst und Hoffnung: Der künstliche Mensch in Mythos und Science-Fiction

Stellen Sie sich vor: Ihr Wissen, Ihre Gedanken, Ihre Meinungen und Ansichten, Ihre Träume und Vorstellungen,  ja sogar Ihre Gefühle – also alles, was Sie sind und was Sie ausmacht, wäre auf einer Disc gespeichert, die kaum größer ist als die Speicherkarte einer Digitalkamera. Ein Stick für das Backup Ihres Selbst. Sie könnten den Körper wechseln, wann und wie Sie es wollten. Nie wieder Krankheiten. Nie wieder gebrochene Knochen. Nie wieder Angst vor dem Tod. Sie wären unsterblich. Geht nicht, sagen Sie? Doch, sage ich. Die Serie „Altered Carbon“ (Netflix, 2018), basierend auf dem gleichnamigen Roman von Richard Morgan, stellt „das Unsterblichkeitsprogramm“ in der dystopischen Welt des 24. Jahrhunderts vor und outet sich dabei als ein Hybrid aus Blade Runner und Ghost in the Shell. Im Mittelpunkt stehen dabei die sogenannten „Meths“ (in Anspielung auf Methusalem, den Großvater Noahs, der dem Alten Testament zufolge 969 Jahre alt geworden sein soll). Durch den Kauf von Körpern oder mit Hilfe von Klonen verlängern sie ihr Dasein über Jahrhunderte hinweg. Doch das ewige Leben hat sie skrupellos gemacht, vergnügungssüchtig und abgestumpft gegenüber dem Leben. Den Meths gegenüber stehen all jene Menschen, die sich entweder keine oder nur standardisierte neue „Körper“ leisten können. Manche müssen mit dem Vorlieb nehmen, was sie bekommen. Andere lehnen einen neuen Leib aus religiösen Gründen ab und verbringen die Ewigkeit gefangen in immer wiederkehrenden Träumen oder in einer holografisch erzeugten Welt. „Altered Carbon“ ist Science-Fiction. Krimi. Und ein Stück weit Philosophie. Was ist der Mensch? Was ist Seele? Was ist Körper? Und was davon ist wichtiger? Sind wir tatsächlich die Schöpfer einer unendlichen Existenz oder durch die Unsterblichkeitssticks am Ende selbst zu Geschöpfen in endlichen und künstlichen Hüllen geworden?

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Halloween 3.0: „Köpfe werden rollen“

Im dritten Teil unseres diesjährigen Specials im Zeichen des Schaurigen, das sich bislang mit reitenden Toten sowie Folklore, Geistern und Kürbissen beschäftigt hat, sind wir nun den Mythen um Sleepy Hollow und dem Reiter ohne Kopf auf der Spur. Den meisten ist die Geschichte wahrscheinlich durch den 1999 erschienenen Film von Tim Burton mit Johnny Depp und Christina Ricci (und natürlich ebenfalls legendär: Christopher Walken als kopflosen Reiter) bekannt. 2013 bekam der düstere, märchenhaft und gleichzeitig skurril anmutende Film, der Grusel und den einen oder anderen Lacher perfekt kombiniert, Konkurrenz durch eine gleichnamigen Serie. Dieses Sleepy Hollow (u. a. mit Tom Mison und Nicole Beharie in den Hauptrollen) verlegt die Handlung – per Zeitreise – in die Gegenwart und verbindet dabei Mysterie- und Krimihandlung in mittlerweile 4 Staffeln.

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Willkommen beim Mytho-BLOG

 

  Mythos [altgriechisch: μῦθος, „Rede“, „Wort“, „Erzählung“, auch „Fabel“, Plural: Mythen; von mytheĩsthai: „reden, lautmalen, erzählen“] ist überlieferte Dichtung oder sagenhafte Erzählung aus der Vorzeit eines Volkes oder einer Volksgruppe, die u. a. von Göttern, Halbgöttern, Naturgeistern, Dämonen, der Entstehung- und dem Untergang der Welt, der Erschaffung des Menschen etc. handelt. Mythen können als „symbolischer Ausdruck von Urerlebnissen […] angesehen werden“ (Häcker/Stapf, 2009, 667). Aber auch Ereignisse, Personen und Dinge können – glorifiziert, mit fiktiver Geschichte oder symbolischer Bedeutung ausgestattet – zur Legende, zum Kultbild, Leitbild oder zur Ikone und damit zum Mythos werden.

Mythen bilden den archaischen Kern davon, was unserer Vorstellung nach die Welt im Inneren und Äußeren zusammenhält, und sind, auch weil sie einen eigenen Anspruch auf beziehungsweise eine eigene Vorstellung von Wahrheit für sich in Anspruch nehmen, tief im kulturellen Gedächtnis verwurzelt.

Die Zusammenstellung aller Mythen eines Volkes oder einer Volksgruppe (wie bspw. der Griechen, Germanen, Kelten etc.) wird als Mythologie bezeichnet.

Was der Mythos im Konkreten ist, was ihn ausmacht, was ihn abgrenzt, was ihn verklärt, was Mythen also im Grunde zu Mythen macht und welche Problematiken sich hierdurch ergeben, darüber gibt es seit dem  19. Jahrhundert vor allem in den Wissenschaften ganz unterschiedliche Vorstellungen und Definitionen.

Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie möchte einem breiten, generationenübergreifenden Publikum Einblicke in die Mythen und Mythentheorien der Welt vermitteln. Dazu führt der seit 1995 bestehende Verein, der deutschlandweit einzigartig ist, im Jahr zahlreiche Lesungen, Vorträge und Podiumsdiskussionen durch, deren Erkenntnisse vielfach Eingang in die Schriftenreihe des vereinseigenen Verlags mit dem klingenden Namen „edition vulcanus“ finden. Aber auch aktuelle und vergangene mythische, literarische und kulturelle Lektüre, Exkursionen, ureigene Gedanken zum Mythos, zur Rezeption von Mythen oder deren Verarbeitung in Film, Kunst und Theater zählen zu den Aufgaben des Arbeitskreises und werden ab sofort in regelmäßigen Abständen in unseren Beiträgen vorstellt.

Es lohnt sich also, jeden Freitag auf unseren Seiten vorzubeizuschauen, denn die Arbeit am Mythos hört niemals auf.

Willkommen auf unserem Mytho-BLOG.

Beitrag von Dr. Constance Timm

Literatur:

Hartmut Häcker, Kurt-Hermann Stapf: Dorsch Psychologisches Wörterbuch, 15. Aufl. Bern 2009.