Mythisch Wandern – Augenblicke und Treppen

„He, Geist! Wo geht die Reise hin?“

„Über Täler und Höhn,

Durch Dornen und Steine,
Über Gräben und Zäune,

Durch Flammen und Seen
Wandl‘ ich, schlüpf ich überall,

Schneller als des Mondes Ball.“

(William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum, 2. Akt, Szene I)


Haben Sie schon einmal vom „kairotischen Moment“ gehört? Dabei handelt sich nicht um einen besonderen Augenblick, der den Reisenden in der ägyptischen Hauptstadt Kairo erwartet, wiewohl der Anblick der Pyramiden oder der Sphinx mit Sicherheit für die eine oder andere wundersame Sekunde sorgt, bei der man das Gefühl hat, die Zeit würde stillstehen. Zeit. Das passende Stichwort. Denn der „kairotische Moment“ leitet sich ab von Altgriechisch Kairos (Καιρός), was so viel bedeutet wie „eine gute Gelegenheit“ oder „das rechte Maß“. Der Begriff meint jenen einen Zeitpunkt bzw. auch das Erkennen desselben, der besonders günstig ist für eine Entscheidung. Verstreicht er, könnte sich dies durchaus unvorteilhaft auswirken.

Ein solcher Moment ereilte mich Ende des letzten Jahres: sollte meine nächste Wanderung in den Harz führen, um weiter den Wegen der Teufelsmauer zu folgen oder ins Elbsandsteingebirge, um die Ruhe von Stein und Wald zu genießen und den Geistern vom Uttewalder Grund ein Wegeopfer zu bringen? Oder sollte ich am Ende lieber zuhause bleiben, mich ausruhen und am Abend der Musik eines Klavierkonzerts frönen? Drei Gedanken. Drei Möglichkeiten. Aber welche/r davon ist „der/die rechte“?

Letztendlich entschied ich mich für die Wanderung im Elbsandsteingebirge, erneut beginnend in der Stadt Wehlen. Meine Absicht war es diesmal nicht, eine Erkundung zu starten. Sich ein wenig die Füße vertreten, das sollte es sein. Doch es kam (natürlich) anders. „Natürlich gehen wir in Feld und Wald, wenn wir wandern, denn was hätten wir davon, wenn wir in einem Garten oder auf einer Promenade herumliefen?“ Diese berichtigte Frage stammt vom schreibenden Wanderer Henry David Thoreau (1817-1862). Bei ihm fand ich denn auch einen Gedanken, der mich schon einige Male bei Ausflügen umtrieb. „[…] so leicht kann ich das Städtchen nicht abschütteln. Der Gedanke an eine bestimmte Tätigkeit geht mir dann im Kopf herum, und ich bin nicht dort, wo mein Körper ist – ich bin von Sinnen. Während meiner Wanderungen würde ich aber gern zur Besinnung kommen! Was habe ich in den Wäldern zu suchen, wenn ich an etwas denken, das außerhalb der Wälder liegt?“ (Vom Wandern, S. 17)

Einfach mal abschalten. Waldluft inhalieren. Den Stress draußen lassen. Es ist viel schwieriger als man denkt, wenn der vertraute Alltagslärm plötzlich durch Vogelgezwitscher, Holzknarren, das Rauschen des Windes in den Baumkronen oder die Geräusche der eigenen Schritte ersetzt wird. Wir suchen Stille, aber halten wir das Stillerwerden aus? Zunächst nicht, wie ich feststellte. Da der Wehlgrund (der gewundene Beginn mit dem eher sanftem Anstieg zur Basteirunde) aufgrund von Straßenarbeiten gesperrt war, hieß es, entweder die Burg Wehlen zu erklimmen – immerhin die drittälteste mittelalterliche Burganlage Sachsens – oder den Ersatzweg über den Steinrücken zu nehmen. Rücken ist in dem Fall wortwörtlich zu nehmen, denn es geht ohne Vorwarnung einen Weg mit breit gepflasterten Steinen den Buckel hinauf. Strategisch platzierte Bänke bilden ein Netzwerk unauffälliger Rastplätze. Dann folgt eine weitere Entscheidung: dem Steinrückenweg folgen und bis zur Basteistraße durchlaufen oder den Abzweig zum höher gelegenen Wehlgrund-Parallelweg einschlagen? Da ich inzwischen die Steinmännchen im Uttewalder Grund als Ziel auserkoren hatte, braucht es kein langes Überlegen. Der Weg ist asphaltiert, damit die Versorgung der höher gelegenen Wehlener Häuser sichergestellt ist, daher ist es zunächst ein dumpfes Laufen. Eine Schneise festgefugter Zivilisation zwischen Abgrund und von Wald umgegebenen Sandsteingesichtern. Nach dem abrupten Hinauf folgt ein langgezogenes Hinab. „Manche gehen überhaupt nicht, andere gehen auf Landstraßen, wenige gehen querfeldein.“ (Ebd. S. 21) Mir kommen einige Wanderer entgegen, die ausschauen, als würden sie mit der Straße ebenso hadern wie ich. Als ich endlich die Wegekreuzung zum Wettinweg erreiche, wo ein weiterer Besuch in den Teufelskammern in den Beinen juckt, bin ich zunächst irritiert. Weitere Warnhinweise stehen wild verstreut auf den Wegen. Bin ich doch falsch abgebogen? Ich folge verschiedenen Mitwanderern und schiebe es in Gedanken auf den Gruppenzwang, falls irgendwo die Waldpolizei auftaucht und mich fragt, warum ich an diesem Tag hier in der Vorderen Sächsischen Schweiz unterwegs bin. Doch die Felsen grinsen nur, starr und schweigend. „He, Geist! Wo geht die Reise hin?“ Später lese ich die Erklärung bei Thoreau: „Ich glaube, dass es einen feinen Magnetismus in der Natur gibt, der uns, wenn wir uns ihm unbewusst überlassen, den richtigen Weg weisen wird. Es ist uns nicht gleichgültig, welchen Weg wir gehen. Es gibt einen richtigen Weg, aber wir neigen dazu, aus Unachtsamkeit und Dummheit den falschen zu nehmen. Wir würden gern jenen Weg durch unsere äußere Welt nehmen, den wir bisher noch nie eingeschlagen haben – der vollkommen dem Weg entspricht, auf dem wir immerzu in unserer inneren und idealen Welt unterwegs sind. Da unsere Vorstellungen von diesem tieferen Sinn noch so unklar sind, haben wir häufig Schwierigkeiten damit, unsere Richtung zu wählen.“ (Ebd. S. 25 f.)

Also keine Furcht, sich Wald und Fels zu überlassen und auch der Lockung, durch die enge Spalte der „Teufelsküche“ zu schlüpfen, nicht erliegen. Bald ist der Vorsprung erreicht, unter dem man von unzähligen Wanderern unzählige aufgetürmte Steinmännchen vorfindet. Wenn man Glück hat. Steinmännchen dienten früher häufig als Markierungen, um Reisenden die Orientierung zu erleichtern, Besonderheiten am Weg zu kennzeichnen, wie beispielsweise Gefahrenstellen an Flüssen, oder man verwendete sie, um eine Grenze zu kennzeichnen. Heutzutage sind sie vielfach Ausdrucksformen von Kunst oder man verbindet ihren Aufbau mit einer spirituellen Bedeutung. Diese kann von Balance bis Vergänglichkeit reichen. Der rechte Augenblick, gebannt in Stein. Was im Sommer wie die Manifestation einer Miniaturparade kreativen Wohlwollens, der Motivation und auch des Schutzes wirkte – immerhin durchquere ich den Uttewalder Grund und der hat mit dem Herrn der Hölle so seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht –, hat sich in eine Geröllwüste verwandelt. Kein Stein mehr auf dem anderen, vielleicht ein verfrühter Herbststurm, vielleicht Tiere, vielleicht das Werk von Menschen? Die Steine schweigen und ich opfere ihnen ein kleines rotes Steinherz, halb Abbitte und halb Eigennutz für das, was Rilke einmal „das Ungelöste“ im Herzen nannte, jene Fragen, die sind „wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind“. (Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, S. 21) Eine Antwort könnte lauten, dass sich Steinmännchen der erstaunlichen Fähigkeit zur Auferstehung erfreuen. Als ich Monate später an dieselbe Stelle zurückkehre, haben zwei von ihnen den Winterschlaf bereits abgeschüttelt. Quod erat demonstrandum. Augenblicke sind eben niemals gleich.

Meine Beine tragen mich weiter durch das Uttewalder Felsentor. Einige Stellen im Grund hier scheinen niemals zu trocknen, egal zu welcher Jahreszeit man den Weg geht, stelle ich fest. Es gibt auch Augenblicke, die (scheinbar) nicht enden. Mein eigener zerbricht indes abrupt, als ich alsbald vor der Wahl stehe, den märchenhaften Formen des Schleifgrundes zu folgen oder die steinerne Treppe in Angriff zu nehmen, die linksseitig zum Ort Uttewalde führt. Aus dem Gang durchs Märchenreich zurück in die Zivilisation also. Ein wenig erinnert mich der Aufstieg an die Treppe nach Mordor, die Fordo Beutlin und Samweis Gamdschie im Herr der Ringe nehmen. Besser nicht zurückzublicken. Die steinernen Stufen sind größtenteils frei von Geländer. Etwas mehr Nervenkitzel bietet der Kluftsteig, welchen ich wenige Minuten zuvor rechtsseitig des Grundes passiert habe – günstig für alle, die den Weg in Richtung Bastei abkürzen wollen. In beiden Fällen ist nach erfolgreichem Aufstieg der Blick von sicherer Felsenstelle allerdings grandios, und als Räuber einige Jahrhunderte früher hätte man hier problemlos auf Beute in Gestalt von Reitern oder Fuhrwerken warten können. Alles eine Frage der Geduld und eben des rechten Moments.

Nach einem kurzen Abstecher in den Sonnenschein geht es schlussendlich wieder über Treppen – sehr viel breiter und angenehmer zu laufen – nach unten. Ich folge dem Grund zurück und weiter zurück bis zu einem Abzweig, der mich erneut über einen Aufstieg zur Buschholzstraße und damit zurück nach Wehlen bringt. Kühe grasen hier oben für gewöhnlich und interessieren sich nicht für Wandermänner und Wanderfrauen. Nicht einmal der grandiose Fernblick auf den Lilienstein vermag sie aus dem wunderen Zustand der gepflegten Langeweile und des Nicht-Wissens zu reißen. Vielleicht sollten wir uns an ihnen ein Beispiel nehmen. Oder wie Thoreau es ausgedrückt hat: „Mir scheint, dass ein […] Bedarf für eine ‚Gesellschaft zur Verbreitung nützlicher Unwissenheit‘ besteht, die wir ‚Wundervolles Wissen‘ nennen wollen, ein Wissen, das in einem höheren Sinne nützlich ist, denn das meiste unseres sogenannten Wissens, dessen wir uns rühmen, ist nichts anderes als die Einbildung, etwas zu wissen, sodass wir uns des Vorteils unserer tatsächlichen Unwissenheit berauben.“ (Vom Wandern, S. 60 f.) Wie wunderbar, wenn es gelingt, beim Wandern nur mit dem Jetzt zu fließen und Alltagsmaschinerie, (selbstauferlegte) Verpflichtungen, (Termin-)druck und dergleichen im Takt der Schritte und im Rhythmus des Atems einfach nur in der Natur zu sein. „He, Geist! Wo geht die Reise hin?“

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm


Wanderempfehlung: Start Stadt Wehlen, Aufstieg über Steinrücken mit linkem Abzweig in Richtung Uttewalde. Strecke gesamt ca. 7 km. Mittelschwere Wanderung, gute Kondition und Trittsicherheit erforderlich.

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm


Literaturhinweise:

Henry David Thoreau. Vom Wandern. Kampa Verlag: Zürich 2022.

Rainer Maria Rilke. Briefe an einen jungen Dichter, Insel Verlag: Leipzig 1950. Online: http://www.rilke.de/briefe/160703.htm


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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