Am östlichen Ufer des Zürich-Sees, der sogenannten Goldküste, leuchtet in zartem ockergelb das Haus des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung, das er gemeinsam mit seiner Ehefrau, Emma Jung, nach eigenen Plänen im Jahr 1908 erbauen ließ. Man kann es auch vom gegenüberliegenden Ufer sehen und an dem kleinen weißen Bootshaus im Fachwerkstil erkennen. Hier wartete einst ein Segelboot darauf, Jung zu seinem Turm nach Bollingen am östlichen Zipfel des Sees zu bringen, oder seine Gäste mit einem Segeltörn zu erfreuen. Der – häufig Pfeife rauchende – Kapitän war Jung selbst.
Wo heute die CEOs von Google, Investmentbanker und viele Millionäre wohnen, und wo Tina Turner ihre Villa besaß, lebten damals überwiegend Bauern. Der heute verbreitete Traum von einem Grundstück am Wasser wurde erst später zum Trend. Das bäuerliche Umfeld dürfte Jung nicht nur wegen der damals niedrigen Grundstückspreise interessiert haben: Es entspricht seiner gesamten Lebensphilosophie, die eine Brücke zwischen Romantik und Moderne darstellt. Eine Faszination für vormoderne Anschauungen soll bei der Konstruktion des Hauses tatsächlich eine Rolle gespielt haben: während der 1923 erbaute Turm in Bollingen von afrikanischen Lehmhütten inspiriert war, sollte das Haus in Küsnacht im Stil eines Wohnturms erbaut werden – der im Mittelalter standesgemäßen Behausung für Ritter. Der Architekt und die geldgebende Ehefrau stimmten Jung jedoch dahingehend um, dass das Gebäude nicht ganz so exotisch ausfiel wie ursprünglich anvisiert. Übrig blieb ein turmförmiges Treppenhaus, auf dem Jung gegen alle Widerstände insistierte, welches der Villa ihren Dornröschen-Charme verleiht.
Im Gebäudeinnern, in dem nur mit Sondergenehmigung fotografiert werden darf, sind die Mythen der Welt zuhause. Der Buddha ruht in Bibliotheks- und Arbeitsräumen, durch bunte Glasfenster leuchten christliche Motive, und das Wohnzimmer wird von der Heiligen Familie in Öl behütet; unter den Bänden in den Bücherregalen finden sich Sagen der Juden neben den Nibelungen, sowie Erzählungen aller Völker der Welt. Jung hat das romantische Interesse an Mythen und Märchen fortgeführt, und um einen neuen, modernen Deutungsansatz erweitert: den psychologischen. Das stieß nicht überall auf Zuspruch, vor allem bei religiösen Menschen, und er ist bis heute umstritten. Auch mich persönlich überzeugt die „Jungianische“ Märcheninterpretation, die vor allem auf Jungs Mitarbeiterin Marie-Luise von Franz zurückgeht und vom amerikanischen Literaturwissenschaftler Joseph Campbell weiterentwickelt wurde, eher weniger. Der ethnologisch-religionshistorische Zugang, der in Märchen und Mythen ‚gesunkenes Kulturgut‘ (Lévy-Brühl, Hans Naumann) aus früheren zivilisatorischen Schichten, also Zeugnisse älterer religiöser Auffassungen und eines anderen Verständnisses von Weltbeziehung sieht, erscheint mir plausibler und interessanter, auch wenn er in der heutigen Wissenschaft ebenfalls umstritten ist. Trotzdem ist es Jung hoch anzurechnen, dass er sich um ein tieferes Verständnis der ältesten Erzählungen der Menschheit bemühte, wobei die ausschließliche Festlegung auf die sog. Jungianische Interpretationsmethode Jung selbst vermutlich gegen den Strich gehen würde, weil sie eher als therapeutisches Mittel denn als religionshistorische oder literaturwissenschaftliche Methode gedacht war. Jedenfalls begegnete er den Völkern der Welt mit Achtung und Interesse, tauschte sich mit Experten der jeweiligen Sprachen und Kulturen (u.a. Heinrich Zimmer für Indien, Richard Wilhelm für China, und viele andere) aus und ließ sich Zusammenhänge erklären. Er versuchte zu verstehen und verborgene Bedeutungen zu entschlüsseln; ein Indiana Jones der Psychologie, für den die Welt der Mythen ein Abenteuer mit vielen zu entdeckenden Geheimnissen war, dem sie immaterielle archäologische Schätze der Menschheit waren, die mittels psychoanalytischer Deutung vielleicht neue Relevanz für die Gegenwart gewinnen konnten. Die Bibliothek im Haus, die auf C.G. Jungs letzten Wunsch mit dem von ihm hinterlassenen Bestand vollständig erhalten ist, zeugt von diesem Schlüsselinteresse.
Dabei ist Jungs Hinwendung zu archaischen Lehmhütten und Erzählungen vielleicht weniger als post-romantische Schwärmerei oder antimoderne Rebellion einzustufen, wie so oft geschehen, sondern als sehr moderne Reaktion auf die geistigen Erschütterungen seiner Zeit: die Abkehr weiter Teile der Gesellschaft vom Christentum und der erste Weltkrieg, der Zerfall althergebrachter Institutionen wie Ehe und Kirche, und die Verwissenschaftlichung von Lebensbereichen, die vormals im Zuständigkeitsbereich der Religionen lagen, schienen es erforderlich zu machen, grundlegende Fragen nach den Wurzeln des Menschen, seiner ursprünglichen Natur, und der Natur der Seele zu stellen. Anstatt Jung mit den konservativen Kräften des Fin de Siècle und des frühen 20. Jahrhunderts kurzzuschließen, sollte man ihn vielleicht eher im Kontext avantgardistischer Geistesströmungen der Moderne lesen, zu denen z.B. auch der Primitivismus gehört (Anm. 1).
Eines seiner zentralen Anliegen war dabei die heilende Kraft der Imagination, der Bilder, und man darf nicht vergessen, dass Jung als reformierter Pfarrerssohn hier schon früh prägende Erfahrungen machte. Dieses Anliegen muss man ernst nehmen, insbesondere wenn man sich die psychischen und kulturellen Auswirkungen der puritanisch-calvinistischen Bild- und Imaginationsfeindlichkeit vergegenwärtigt, die uns aus der Geschichte bekannt sind. Jungs unermüdliche, teils heftige Kritik am protestantischen Bildersturm ist in vielen Aussagen belegt. Sein Interesse an Symbolen und Mythen (schon bei Johann Jakob Bachofen werden Mythen als Ausdeutungen von der menschlichen Imagination entsprungenen Symbolen verstanden, seine Werke befinden sich auch in Jungs Bibliothek) kann als direkte Reaktion auf die religiöse Tradition, deren psychisches Erbe er angetreten hatte, gelesen werden. Religionshistorisch betrachtet steht Jung damit in einer anti-calvinistischen und anti-ikonoklastischen Tradition, in der auch führende Vertreter des lutherisch geprägten Pietismus zu verorten sind, die ebenfalls auf der seelischen Bedeutsamkeit der Bilder bestanden (z.B. Johann Arndt in seiner 1597 veröffentlichten Ikonographia, nachdem er sich den fürstlich angeordneten, calvinistischen Umbildungen seiner Kirche widersetzt und infolgedessen seine Pfarrstelle verloren hatte).
Im Garten des Hauses, umgeben von Immergrün, steht eine Stele aus Stein, der Jung den Namen Atmavictu (Lebensgeist bzw. Atem des Lebens) gab. Die Figur ist inspiriert von den Kabiren, einer Gruppe alter, geheimnisvoller Götter, die auf der griechischen Insel Samothrake verehrt wurden und vor allem Seeleuten als helfende Schutzgötter dienten. Jung meißelte die Figur nicht selbst, aber sie war einer Schnitzerei nachempfunden, die er auf einer Englandreise angefertigt hatte. Schon als Zehnjähriger hatte er eine ähnliche Figur geschnitzt, die ihm Kraft spendete, wenn er sie aufsuchte (Anm. 2). Jungs künstlerische Sensibilität ist vielfach festgestellt worden, vor allem von Künstlern, bei denen sich Jung anhaltender Beliebtheit erfreut. Sie wurde vollends sichtbar in den Ausstellungen seiner Bilder, die um das Jahr 2010 in europäischen und amerikanischen Museen im Rahmen der Veröffentlichung des Roten Buchs gezeigt (Anm. 3) und im Jahr 2023 noch einmal im Museum Haus C.G. Jung präsentiert wurden. Der Atmavictu ist von Jung durchaus phallisch gedacht, als richtungweisende Lebenskraft der Seele – wenngleich Jungs Denken insgesamt deutlich weniger phallozentrisch ist als das von Freud. Seine Weigerung, seelische Regungen auf Sexualtriebe zu reduzieren, führte schließlich zum Bruch mit seinem väterlichen Mentor aus Wien. Man könnte, wenn man Entsprechungen in der europäischen Mythologie- und Psychologiegeschichte finden wollte, bei Atmavictu an den Grünen Mann der Kelten denken, oder vielleicht sogar an Hildegard von Bingens Heilige Grünkraft, die sancta viriditas, die etymologisch ebenfalls mit der männlichen Lebensenergie (vir = Mann) verknüpft ist, und die als kreativer Lebenstrieb in der Seele des Menschen und in der Natur wirksam ist.

Für die Ziele des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e.V. besonders interessant ist vielleicht die Frage nach dem Anteil der in der Bibliothek befindlichen Bücher, die mythologisch ausgerichtet sind. Nach meiner Einschätzung könnte man mehr als die Hälfte zu dieser Kategorie rechnen, auch wenn nicht immer explizit das Wort Mythos im Titel enthalten ist. Der Bestand zeigt einen umfassend gebildeten europäischen Gelehrten mit Spezialinteresse an religionswissenschaftlichen und ethnologischen Themen. Nicht nur die Seelenbilder (bzw. Vorstellungen) alter Völker von den Navajo über Altägypten und Irland bis China, sondern auch die Geschichte und Literatur des europäischen Mittelalters waren in Jungs Gedankenwelt präsent: Tristan und Isolde, die Vita Merlini, das Ancrene Riwle (Handbuch für Einsiedlerinnen), das walisische Mabinogion, die Geschichte der Merowinger, Minnesangs Frühling in der Schweiz, die Werke von Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Meister Eckhart und Mechthild von Magdeburg machen deutlich, dass das Mittelalter eine Jungs inneren Atmavictu anregende Quelle der Inspiration gewesen sein dürfte. Das bestätigt auch die Mediävistik-Studentin, die uns durch die Räume führt, und betont seine Vorliebe für mittelalterliche Burgen, die sich in den oben erwähnten bunten Glasfenstern und dem Erkerturm niederschlug. Neben mythologisch-ethnologisch ausgerichteten Arbeiten ist natürlich auch die zeitgenössische psychologische und psychiatrische Forschung samt älteren Werken zur Seelenkunde vertreten, ebenso wie tierpsychologische Arbeiten, z.B. Kurt Graesers Die Vorstellungen der Tiere (1906) und Karl Groos’ Die Spiele der Tiere (1907). Dabei wird auch ein Faible für die englischsprachige Literatur sichtbar: Die Bibliothek enthält außerordentlich viele Werke von H.G. Wells, die Gedichte von William Butler Yeats und William Blake, Dramen von Eugene O’Neill, Walt Whitmans Leaves of Grass, Romane von Sir Rider Haggard, George Merediths The Shaving of Shagpat, Essays von Ralph Waldo Emerson, und Sekundärliteratur zu Shakespeare und den frühesten Werken der englischen Literatur…
Das Haus ist nur an zwei Tagen der Woche geöffnet, weil es noch von C.G. Jungs Nachfahren bewohnt ist. Manchmal finden Sonderausstellungen statt. Der Kauf einer Eintrittskarte beinhaltet eine Gruppenführung. Wir danken der Stiftung der Werke C.G. Jung und der Stiftung C.G. Jung Küsnacht sehr herzlich für die Unterstützung und die Genehmigung zur Verwendung der Bilder.
Ein Beitrag von Dr. Claudia Richter
Anmerkungen / Referenzen:
- Einen Grundstein zu einer solchen Neubetrachtung legt Jay Sherry: Jay Sherry, Carl Gustav Jung. Avantgarde Conservative, New York: Palgrave Macmillan, 2017; Ders. The Jungian Strand in Transatlantic Modernism, New York: Palgrave Macmillan, 2018.
- C.G. Jung – Reise ins Unbewusste, Heft zur Sonderausstellung, Stiftung C.G. Jung Küsnacht, Juni 2023, S. 36-39.
- z.B. im Zürcher Rietberg Museum, im Rubin Museum of Himalayan Art in New York, im Musée Guimet in Paris, und im Hammer Museum in Los Angeles. Das Tate Modern in London zeigte Jungs Arbeiten in der Ausstellung Hilma af Klint und Piet Mondrian: Forms of Life im Jahr 2023. In Deutschland konnte man die Bilder bislang nicht sehen.
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.





