Meine Reise zu heiligen und (un)heiligen Orten führt auf die Inseln Malta und Gozo. Zwischen Sizilien und der nordafrikanischen Küste zentral im Mittelmeer gelegen, wird die Hauptinsel Malta von der kleineren Insel Gozo und dem winzigen Eiland Comino flankiert. Nach Fläche und Einwohnerzahl bildet der maltesische Archipel das kleinste Land der Europäischen Union. Auf meiner maltesischen Reise interessieren mich vor allem die zahlreichen Großsteintempel, die sich hier über sechs Jahrtausende hinweg in erstaunlicher Anzahl erhalten haben. Diese Tempel wurden in der Jungsteinzeit zwischen 3800 v. u. Z. und 2500 v. u. Z. erbaut. Sie sind damit älter als die ägyptischen Pyramiden, älter als Stonehenge und gehören mit Çatalhöyük und Göbekli Tepe in der heutigen Türkei zu den ältesten freistehenden Gebäuden der Welt. Nachdem der erste Teil meines Berichts die maltesischen Megalithtempel Hagar Qim und Mnjadra vorstellte, führt der Weg in diesem zweiten Kapitel auf die benachbarte Insel Gozo.
Die Fähre nach Gozo passiert Comino. Ein Winzling, der zwischen den beiden größeren Inseln Malta im Süden und Gozo im Norden in dem etwa sechs Kilometer breiten Meeresarm Il-Fliegu ta‘ Ghawdex liegt. Comino ist lediglich drei Quadratkilometer groß, ein zwischen zehn und zwanzig Meter aus dem Meer ragendes Felsplateau. Gerade einmal drei Menschen leben hier dauerhaft. Aber auch auf Comino weisen archäologische Funde auf eine frühe Besiedelung hin, die zumindest bis in die Bronzezeit reichen.
Gozo ist grüner und weniger verbaut als die Insel Malta. Vom Fährhafen Mgarr gelangt man mit dem Bus in wenigen Minuten in die Ortschaft Xaghra, die auf einer Hochebene liegt. Dort befindet sich der berühmte Ġgantija-Tempel. Ġgantija bedeutet „Turm der Riesen“. Einer lokalen Legende nach sollen nämlich Riesen in grauer Vorzeit das Bauwerk errichtet haben. Und beeindruckend, ja, durchaus gigantisch wirkt selbst der verwitterte Überrest der teilweise noch bis zu sechs Meter hohen Umfassungsmauer auch heute. Das mag mit dem freien Blick zusammenhängen, der hier nicht durch ein Schutzdach über der Tempelruine eingeengt wird. Und so hat man die Empfindung, den steinernen Koloss inmitten der Landschaft zumindest annähernd so zu sehen, wie er sich vor Jahrtausenden dargestellt haben muss.
Die Ġgantija ist ein Doppelheiligtum gewesen, es wird ein älterer Südtempel und ein Nordtempel unterschieden. Diese Anlage befand sich einst im Zentrum eines Areals, zu dem noch weitere kleinere Tempel und ein nahegelegener Steinkreis gehörten. Man könnte bei dieser Gesamtanlage wohl auch von einer Akropolis sprechen, denn das Tempelareal liegt am Rand der Hochfläche von Xaghra und man blickt von hier weit über die zum Meer hin sanft abfallende Landschaft.
Nord- und Südtempel sind durch eine gemeinsame Mauer verbunden, haben aber separate Eingänge. Jeweils von einem zentralen Korridor zweigen im Inneren zu beiden Seiten Apsiden ab, halbkreisförmige Bögen, wie sie für die Tempel der maltesischen Inseln typisch sind. Die Innenwände waren mit einer rotgefärbten Stuckschicht überzogen und sind mit zahlreichen Spiral- und Lochmustern verziert. Diese Apsiden der Tempel waren ursprünglich von flachen steinernen Kuppeln gekrönt. Zwar wurden bisher keinerlei Spuren von Dachbalken oder Dachbedeckungen entdeckt, doch nahe Mgarr wurde das winzige Modell eines Tempels bei Ausgrabungen gefunden. Es wurde aus dem weichen Globigerinenkalkstein geschnitzt, ist nur streichholzschachtelgroß, aber sehr genau gearbeitet und zeigt ein Dach aus länglichen Steinplatten.
Die in der Draufsicht einem Kleeblatt ähnliche Anordnung der Apsiden führte zu der Bezeichnung „Kleeblatt-Tempel“ und entsprechenden Spekulationen zu deren kultischer Bedeutung. Da zahlreiche weibliche Terrakottafiguren mit stark betonten Körperformen bei Ausgrabungen gefunden wurden (die bekannteste ist die im Hypogeum von Hal Saflieni gefundene sogenannte „Sleeping Lady“, zu sehen im Archäologischen Museum von Valletta), geht man vor allem von einer weiblichen Fruchbarkeitsgottheit aus, die ihre Entsprechung in der Bauform der Tempel fand.
Die Entstehungszeit der Ġgantija wird auf mindestens 3700 v. u. Z. datiert. Damit gehört diese Anlage zu den ältesten auf dem maltesischen Archipel. Der Tempel wurde fast vollständig aus Korallenkalkstein erbaut. Sicher deshalb, weil diese Kalksteinart unmittelbar am Rand des Plateaus abgebaut werden konnte, der weichere und damit leichter zu bearbeitende Globigerinenkalkstein hingegen hier nur in tieferen Lagen vorkommt und erst mühsam auf die Anhöhe hätte transportiert werden müssen.



Als meine Begleiterin und ich die Ġgantija besichtigen waren zufäligerweise keine anderen Besucher anwesend. Vielleicht wirkte der Ort schon deshalb stärker auf uns als andere Tempelanlagen, die wir besichtigten. Hier jedenfalls, an diesem einst heiligen Ort, erbaut in einer Zeit, in der die Gottheiten noch jung, Zweifel, Ironie und Unglaube noch fern waren, an dieser Wohnstatt des Göttlichen ließ sich – so schien es uns – noch heute etwas von jener einstigen Präsenz erspüren. Vor dem nach Osten geöffneten Eingang liegt eine mächtige Steinschwelle. Und von dieser Schwelle aus – die verwitterten Steinmasse der Umfassungsmauer im Rücken – kann der Blick in die Insellandschaft schweifen, weiter über das umgebende Meer wandern und hinauf in den überwölbenden Himmel. Fragen stellen sich während dieser Schau ein: Welche Rolle spielten astronomische Phänomene bei der Anlage der Tempel, welche Kulthandlungen wurden hier vollzogen? Warum wurde der maltesische Archipel überhaupt derart intensiv kultisch markiert? Und seit wann? Begann es vor 7000 Jahren, vor 10 000 Jahren? Der Himmel schweigt ebenso wie das Meer. Nur der Inselboden gibt vielleicht im Lauf der Zeit weitere Antworten. Mit jedem weiteren Fund und modernen Methoden der Archäologie ergeben sich neue Erkenntnisse, wandelt sich unser Bild vorgeschichtlicher Zeiträume.


Nur wenige hundert Meter westlich des Tempelareals befand sich eine unterirdische Bestattungsanlage, ein Hypogäum, das vermutlich bereits vor 6000 Jahren angelegt worden war. Möglicherweise bildeten natürliche Höhlen im Korallenkalkplateau den Ausgangspunkt für diese Grabanlage, die nach und nach durch künstlich angelegte Kammern erweitert wurden. Markiert waren die unterirdischen Grabkammern durch einen Steinkreis von circa 45 Metern Durchmesser. Diese – Brochtorff Circle oder auch Xagħra Stone Circle genannte – Megalithanlage konnte noch zu Beginn des 19. Jahrhundert besichtigt werden. Zeichnungen aus den 1820er Jahren zeigen mehrere aufrecht stehende meterhohe Großsteine, an die sich allerdings bereits einhundert Jahre später niemand mehr erinnerte. Allein die Geschichte der Entdeckung und des erneuten Vergessens dieser prähistorischen Anlage ist für sich schon faszinierend und erzählenswert: In den 1820er Jahren besuchte der dänische Maler Charles de Brochtorff die Inseln Malta und Gozo und fertigte neben anderen auch verschiedene Aquarellzeichnungen genau dieses Steinkreises an. Sogar die erste Ausgrabung an diesem Ort, die im Jahr 1829 stattfand, bildete er damals ab. In der Folgezeit geriet der Steinkreis jedoch rasch wieder in Vergessenheit. Die Megalithen wurden von Einheimischen als Steinbruch genutzt und schließlich ebnete man das Areal vollständig ein, um die brachliegende Fläche landwirtschaftlich nutzen zu können. Erst als man in den 1960er Jahren zufällig auf die Zeichnungen Charles de Brochtorff aufmerksam wurde, konnten der Ort und die genaue Lage der Steinsetzungen durch den Archäologen J.M. Attard-Tabone wiederentdeckt werden. Hilfreich war dabei der Umstand, dass die Ackergrenzen den ursprünglichen Steinsetzungen gefolgt waren und diesen weitgehend entsprachen. Ab 1987 erfolgten dann erneut Ausgrabungen. An diesem Punkt stellte sich mir die Frage: wenn schon knapp 200 Jahre genügten, um eine aufgefundene archäologische Stätte erneut verschwinden und vergessen zu lassen, wie viel mag dann von dem, was vor Jahrtausen existierte und zwischenzeitlich bekannt war, inzwischen wieder in Vergessenheit geraten sein?
Das Areal des Brochtorff Circle war während meines Gozo-Aufenthalts nicht öffentlich zugängig. Vielleicht sind weitere Grabungen geplant oder finden bereits statt. Neben Keramik wurden hier figurative Skulpturen gefunden, die Votivgaben gewesen sein können. Unterschiedliche Terrakotta sowie zahlreiche Knochenfunde zeugen jedenfalls davon, dass an dieser Stelle über Jahrtausende hinweg Menschen bestattet und Opferkulte praktiziert wurden, und dies in unmittelbarer Nähe zum Ġgantija-Tempelbezirk. Eine kultische Verbindung zwischen den Tempeln und der Begräbnisstätte scheint deshalb nahezuliegen. Und auch auf der Insel Malta lässt sich ein solcher Zusammenhang für das Hypogeum von Hal Saflieni und den Tempelbezirk von Tarxien annehmen. Dorthin soll der dritte Teil meines Berichts führen.
Ein Beitrag von Jörg Jacob
Jörg Jacob, 1964 in Glauchau geboren. Nach einer Ausbildung zum Polsterer war er freier Mitarbeiter der Leipziger Volkszeitung sowie Mitarbeiter einer Begegnungsstätte für Kunst und Kultur. 1998-2002 studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (Abschluss 2003). Nach Veröffentlichungen von Kurzprosa in namhaften Anthologien und Zeitschriften erschien 2006 sein Romandebüt. Jacob erhielt verschiedene Auszeichnungen und Stipendien, u. a. den Gellert-Preis für seinen Roman Das Vineta-Riff. Seit 2010 betreut er verschiedene Projekte und Schreibwerkstätten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Jörg Jacob lebt und arbeitet als freier Autor in Leipzig, zuletzt erschien Godot gießt nach/Herr Tod will leben, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2019, fluten, 2022, Aus der Stadt und über den Fluss: Zwölf Versuche über das Gehen, 2022 sowie Gefährten der Stille: Erzählung, 2024.
Literaturhinweise:
„Lesereise Malta“, Carola Hoffmeister, Wien: Picus Verlag 2018.
„Malta“, Linda O´Bryan und Hans Zaglitsch, Stuttgart: Belser Verlag 2002.
„Die Tempel von Malta“, Sigrid Neubert, Sybille von Reden, Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag 1988.
„Malta und die Baukunst seiner Megalith-Tempel“, Joachim von Freeden, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1993.
„Das Geheimnis der Megalith-Kulturen“, Wolfgang Korn, München: Anaconda Verlag 2024.
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.




