Vom Mythos der Einsprachigkeit Teil 2 – Mehrsprachigkeit als Anfang vom Ende. Vom Schreiben aus einer sterbenden Sprache heraus

Literarisches Schreiben aus einer sterbenden Sprache heraus bedeutet an der Schwelle des Verstummens zu handeln, es verbindet den Verlust einer bedrohten Muttersprache mit der dominierenden Mehrheitssprache, in welcher Schriftsteller und Schriftstellerinnen zunehmend publizieren. Dabei hallt die Erstsprache in der Tiefenstruktur der literarischen Texte nach, kommt es zudem auch zu einem Vermischen von Kultur-Codes. Das Schreiben gerät auf diese Weise zu einer Art Festhalten an einer bedrohten Kulturwelt, um diese vor dem Vergessen zu bewahren. Dabei gerät das Schreiben über den Verlust an die Stelle des Schreibens in der Sprache selbst. Diesbezüglich weist das Sorbische im Kontext der deutschsprachigen Mehrheit eine Entwicklung auf, die von der einst noch existierenden sorbischen Einsprachigkeit über die sorbisch-deutsche Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit zu einer zunehmend deutschen Einsprachigkeit führt.

Die postulierte Einsprachigkeit bezieht sich auf das Bedürfnis nach sprachlicher und nationalkultureller Kontinuität, auf den Erhalt von Ethnie und Sprache. Das betrifft in erster Linie das Niedersorbische mit zahlreichen Versuchen die niedersorbische Sprache zu revitalisieren. Die sorbische Literatur ist ein oft übersehener integraler Teil der deutschen Literatur, das heißt die insuläre Position sorbischer Literatur und Kultur findet nur selten über die Grenzen der beiden Lausitzen Beachtung. Die Sorben wachsen überwiegend zweisprachig auf, ihre Erfahrungen sind deshalb sprachlich und kulturell doppelt codiert und von einem zweifachen kulturellen Erbe geprägt. Auf diese Weise schloss die sorbische Literatur größtenteils den deutschsprachigen Rezipienten mit ein; zweisprachige Autor-Versionen werden oft als gleichwertig aufgefasst. Die Zweisprachigkeit wie auch die Bikulturalität der Sorben reicht Jahrhunderte zurück, auch in ihrer zuweilen widersprüchlichen, abwehrenden und konkurrierenden Reaktion auf die deutsche Mehrheitssprache.

Die „sorbische Nationalliteratur“, so wie sie u. a. in der DDR im „Sorbischen Lesebuch“ (Sorbisches Lesebuch 1981) noch kanonisiert wurde, war für das Fortbestehen des sorbischen Volkes von großer Bedeutung, ohne allerdings, im Unterschied zu den slawischen Nachbarvölkern, den Polen und Tschechen, die Errichtung eines eigenen sorbischen Nationalstaats anzustreben. Die Aufgabe der genannten Anthologie wurde vielmehr darin gesehen, im Volk ein lebendiges Bewusstsein seiner selbst, quasi als eine nationale Verpflichtung wachzuhalten. Das sorbische Lesebuch bietet dem interessierten Leser einen repräsentativen Querschnitt der ober- und niedersorbischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart an. Die Tradition des deutschen literarischen Lesebuches sollte dabei bewusst für das sorbische Anliegen genutzt werden. Die Form der Zweisprachigkeit dient dazu, auch den deutschsprachigen Leser anzusprechen, da die sorbische Literatur „in vielen ihrer Texte der deutsch-slawisch-sorbischen Wechselseitigkeit verpflichtet ist“ (Lorenc 2024) und weil der weitaus größere Adressat stets der deutschsprachige Leser bleibt. Zu vergleichbaren literarischen Ausgaben zählt übrfigens auch die Lyrik-Anthologie „Aus jenseitigen Dörfern“, die ebenfalls beide Sprachen bedient (Lorenc/Tammen1992).

Die „Wende“ von 1989/1990 hatte grundlegende gesellschaftspolitische und kulturelle Umwälzungen auch für die Sorben mit sich gebrachte und bedeutete einen tiefen Einschnitt in ihrem Leben. Der Schutz und die Erhaltung der sorbischen Sprache und Identität wurde nach der deutschen Vereinigung erstmals in den Landesverfassungen von Sachsen und Brandenburg festgelegt. Mit der „Stiftung für das sorbische Volk“ war eine Institution entstand, die die Ausübung dieser Rechte garantierte. In diesem Sinne bedurfte es nach der politischen „Wende“ im Osten Deutschlands auch einer „Wende bei den Wenden“, ein Sprachspiel von wendisch, Wandel, Wandlung, Wendemanöver bis hin zu wetterwendisch und Wunde, auf das die Literatur gerne Bezug nimmt (Liepelt 2010).

„laß mich gebrauchen, wenden, folkvolk sein/ und fremd nach neuen lebensmustern schrein./ Entleerte worte der vergangenheit/ mir fallen herab, vermodern. Letzter gruß:/ schau, asche bin ich. Asche, naher trost?/ Vor mir sind feld und furche urbar./ Land (…)“

„wendisch ist gestorben sagst du und speist/ die worte mir ins gesicht daß es stumm wird/ und silbe um silbe verschluckt die kinder/ reden nur noch in zeichen/ da ist keine fluchtmöglichkeit da ist der tausch/ sagst du und weist auf die windigen gesellen/ die glücklichen vögel mit ihren wendemanövern/ die nester in tarnkappen baun“ (Domašcyna 1998, S. 37).

Auf diese Weise kommt es in der sorbischen Literatur zu einer systematischen Dekonstruktion einstiger Einsprachigkeit, die ursprünglich auf der Prämisse beruhte, dass der Erhalt der sorbischen Identität einen strikt einsprachigen Gebrauch des Sorbischen erfordern würde. Die soziokulturelle Realität wie die gegenwärtige literarische Praxis beweisen, dass diese Auffassung überlebt ist, dass die sorbische Literatur maßgeblich von einer doppelten kulturell-sprachlichen Identität geprägt wird, dass beide Sprach- und Kulturwelten, übrigens allgemeingültig und typisch für Minderheitenliteraturen, ineinander übergehen, miteinander verschmelzen. In diesem Zusammenhang rückt neben dem traditionellen deutschen Bezug zunehmend auch der Europabezug ins Blickfeld sorbischer Kulturforschung, der auch im literarischen Werk von Róža Domašcyna eine wichtige Rolle spielt.

„Róža Domašcyna und ihre beiden Sprachen sind ein Herz und eine Seele. Das feit sie nicht vor doppeltem Spiel. Denn wer spricht schon in zwei Zungen und liebt mit einer, staut das Unerhörte in der Sperre des Munds und lässt ihm staunend seinen Lauf, schüttet ihm, zuredend, das Versbett auf? Springbein und Gangbein, die ungleichen, lassen sie nicht hinken, sondern hüpfen, entbieten einen Salto zum Gruss“ (Pietraß 1999).

Die Sprache ist für die Róža Domašcyna ein Material, mit dem sich spielen lässt, dabei ganz in einem pragmatischen Bezug stehend. Und tatsächlich geht es um ein poetisches Spiel mit sprachlichen Versatzstücken, die nicht nur aus dem Deutschen und Sorbischen, sondern auch aus anderen Sprachen wie dem Englischen und Französischen in einem „Wortall“ (Domašcyna 1997) bestehen. Es ist ein sprachlicher Kosmos, ein grenzenlos erscheinender Sprachraum in einem Wortwiderhall. Dabei können „der Fremdlinge“ und ich in einer fremd-vertrauten Sprache, im versagten Paradies bis hin zur Verdrängung aus der alten, historisch gewachsenen Kulturlandschaft vertraut bleiben: „Vielleicht ist experimentell nur das Anderssein, die Empfindung, hier zu Hause zu sein und sich doch weder als Sachse noch als Preuße zu fühlen“ (Domašcyna 2010). Es bleibt letztendlich die resignierende Feststellung: „Ich grab die hand mir in die tasche, grab mich ein / und schließ den mund, um stumm herauszuschrein“ (Domašcyna 2010). Und dieses „stumm herauszuschrein“ mag sich auch auf die „stumme“ Sprache der „stummen“ Fremden im „Stummland“ der Deutschen beziehen. Denn im Sorbischen heißt der Deutsche „Němc“ (obersorbisch) oder „Nimc“ (niedersorbisch), „němski“ bzw. „nimski“ bedeutet deutsch und Deutschland heißt „Němska“ bzw. „Nimska“.

Das Deutsche kann sich in der Literatur aus der Lausitz auf Grund deutsch-sorbischer Sprachkontakte auch slawisch anfühlt, so wie bei Erwin Strittmatter. Seine dichterische Identität verdankt er seinen slawischen Urmüttern. Allerdings ist die weibliche Erzähltradition eine mündliche, eine kaum in schwarzen Lettern auf Buchseiten gedruckte. Bei entsprechenden sprach- wie literaturwissenschaftlichen Analysen kann vor allem Strittmatters Roman „Der Laden“ als eine „Fundgrube an sprachlichen Daten“ dienen, schreibt doch der Autor in einer „Lausitzer Varietät“, die man kaum noch hört (Weißhoff 2026). So verwendet Strittmatter nicht nur sorbische Realien, Orts- und Personennamen, er beschreibt auch die sorbisch-deutsche Doppelwelt als ein gemeinsames Kulturgut (Weißhoff 2026). Strittmatters „Der Laden“ gehört mit dem „Reiz des Vermischten“ zu den „literarischen Zugängen zur sorbischen Lexik“ indem er den „neulausitzischen Dialekt“ und damit auch „originäre sorbische Lexik“ miteinander verbindet (Zakar/ Drescher 2010, 44). Der Roman kann damit auch als ein „Appell an die fast verschwundene Welt der Niedersorben betrachtet werden“ (Zakar/ Drescher 2010, 44). So bekennt Strittmatters Protagonist:

„Auch ich bin Halbsorbe, und in der Stadtschule werden sie mich später wendischer Kito und Krumitzka, Brotranft, nennen. Ich gebe mit Mühe, aber so hochdeutsch ich auch zu reden wähne (…), gegen den Gesang der slawischen Urmütter in mir komme ich nicht auf. In jedem Menschen is een Ton, mit dem wird er geboren, und den trägt er zu Grabe, sagt Großtante Lidola, die Hexe. Ich nehme es mir zu Herzen, und ich verstecke meinen slawischen Urton nicht mehr“ (Strittmatter 19983, 44-45).

Während sich Strittmatter allein des Deutschen als Schreibsprache bedient, nimmt seine jüngere Schriftstellerkollegin Róža Domašcyna die „Stimmen der Mütter“, die „Nachgeburt ihrer Großmutter“, die „gestundete Zeit“ der Sorben auf, die ihr die Zunge löst, sie geradezu dazu treibt „Gedächtnis zu sein“: „Ein echo rief mit der stimme der totenfrau ICH HÖRE DICH und las mir hundert irdische jahre aus der hand.“ Und so verbleibt die Poetin im sprachlich-dichterischen Zwischenland nunmehr der Zweisprachigkeit. Im „zwieland mit doppelzüngiger duellität“, im „Nomadisieren zwischen den Sprachwelten“ verharrt sie, harrt sie aus, überschreitet die Sprach- und Kulturgrenzen; es war ein „Schreiben aus einer sterbenden Sprache“ heraus (Strobel 2007, 403-404). „Sorbisch ist eine sterbende Sprache“ äußert die sorbische Schriftstellerin selbst (Domašcyna 1999, 32). Gleichgewichtige, komplementäre Publikationen in sorbisch und deutsch können letztendlich nur mit Mühe durchgehalten werden; immer häufiger wird hinterfragt, ob sich denn eine sorbische Publikation noch lohnt. Ihren Weg zur Literatur beschreibt die sorbische Dichterin Róža Domašcyna dabei selbst wie folgt:

„Ich habe versucht zu schreiben und das in Sorbisch. Erste Schritte auf dem Gebiet waren in sorbischer Sprache. Einiges wurde in Literaturzeitschriften veröffentlicht. Später als Student an dem Literaturinstitut in Leipzig war das Problem, daß man mit dieser Sprache nichts anfangen konnte und ich war mehr oder weniger gezwungen, mich in Deutsch zu artikulieren. Das war kein einfacher Weg… Ich musste erst eine Schmerzgrenze überschreiten. Es geht einfach nicht, daß man versucht zu übersetzen. Das ist nicht möglich. Schon deswegen, weil die sorbische Sprache eine slawische Sprache ist und so vom Sprachgefühl sich ziemlich vom Deutschen unterscheidet“ (Domašcyna 2010).

Die Möglichkeit des zweisprachigen Schreibens erscheint schließlich in Gestalt eines „Zwiegesichtigseins“… das auch als ein Stück des eigenen Ichs begriffen wird, zumeist als gleichwertige, anderssprachige Versionen, auch eigener oder fremder Übersetzungen in einem Spiel mit ethisch-kulturellen Identitäten des Dazwischenseins.

„Irgendwann habe ich angefangen, an einem Text in zwei Sprachen zu arbeiten und habe dann festgestellt, daß man vielleicht korrigieren kann aus der einen in die andere, daß man Gedanken verdeutlichen kann, indem man in der anderen Sprache überprüft oder Schwachstellen besser finden kann und Undeutlichkeiten, indem man diese Vergleiche anstellt. Es ist ein glücklicher Fall, wenn das funktioniert“ (Domašcyna 2010).

Manche ihrer Texte verfasst die Dichterin in zwei Autorversionen bzw. „Komplementen“ innerhalb eines Gedichtes mit zum Teil gewagten Sprachexperimenten als Zeichen des Binären in der Verdoppelung: „Unterm Doppelstern“- vom sprachlichen Doppeltem, von Ver-Ein-Na(h)mung; Doppelung nicht nur als „Dualität“, sondern auch als herrschende „Duellität“ in Sinne vom „Alternativen Gewinnen oder Verlieren“: „im zwieland mit doppelzüngiger duellität / wer null wer original wer kopie“ (Domašcyna 1998). Eine mögliche Alternative im Rückzug wäre das Sich-Verstecken hinter der Sprache, doch auch diese bietet kein Entrinnen aus den Doppelungen, aus den zwei Loyalitäten: „freilich versteckt hinterm doppelfenster bei verschlossener doppeltür/ zum doppelzimmer im doppelbett unterm doppelgewebe zugedeckt bis zum doppelkinn einen doppelkonsonanten auf den doppellippen“ (Domašcyna 1998).

Letztendlich führt diese Art des Schreibens zu einer polarisierenden Einsprachigkeit, das Sorbische wird deutsch übertüncht, deutsch durchtränkt, gar deutsch gekränkt (Schenkel 2026). Während die Sprache der Eltern und Großeltern noch erklingt, immer noch wahrgenommen wird, kommt es in der sorbischen Gedichtversion zu einem düsteren, geradezu schmerzlich wahrgenommenen „Austausch der Zungen“: „Schleifen erstarren,/ Stimmen verstummen/ In den Ecken der Halbnacht/ In den Katakomben verbiegen wir unseren Kindern die Zungen“ schreibt Róža Domašcyna in ihrem melancholischen Gedicht „Aussicht auf morgen“ aus dem Gedichtband „Zaungucker“. In der abgemilderten deutschen Version heißt es:

„Die stimmern unserer mütter/ aus jenseitigen dörfern/ flattern beschleift/ zu den schlafstädten her,/ aus einbetonierten löchern/ über den straßen/ werfen die fremden/ staunende augen/ spiele und jubel/ bis zur erschöpfung/ wir tauschen im fluge/ den eigenen kindern die zunge die zunge“ (Domašcyna 1991).

Am Ende des Gedichts stoßen wir erneut auf ein von der Dichterin häufig verwendetes Motiv: dem Tausch der Zunge, der auf einem mehrfachen kulturellen Austausch anspielt. Allerdings verflüchtigt sich die sorbische Sprache zusehends, zurückzuführen auf die geringe Reichweite derjenigen, die die sorbische Literatur noch im Original lesen können. Sorbische Stimmen sind am Verstummen. Und wenn die Dichterin in ihrer eigenen Sprache schweigt, dann klingt auch ihr Wort nicht mehr fremd. Verstummen, Sprachlosigkeit und (Sprach-)Tod haben als Motive, als semantisches Feld in der sorbischen Kultur und Literatur eine lange Tradition, nicht zuletzt auch in einem Weiterleben nach dem Tode, einem Weiterleben der Totgesagten und des Totgesagten, vielleicht auch in einer erhofften Auferstehung nach dem Tod. „Die tödin kommt“ greift das Motiv vom tragischen Tod der Sprache auf; trotz christlich-katholischer Überformung lebt etwas Heidnisch-Archaisches fort, nicht nur in der Dulderin Maria gesehen, sondern auch im slawisch-weiblichen Tod, der Todfrau oder Tödin:

„die sprache verröchelt/ ich benenne noch einmal die dinge/ im bilderbuch wie am anfang (…)/ jede sprache verendet mit einem menschen/ doch wenn du ihn nachahmst läßt du ihn/ auferstehn in deiner person/ was wichtig ob er noch lebt (…)/ aber wordflöz ist erdflöz/ ist das liegende/ an überhängen und bruchstellen/ nistet die füchsin/ die tödig kommt“ (Domašcyna 1998, 9).

Mit der Kraft der Magie stellt das „erdflöz“ eine Keimzelle neuen Lebens einen zu bewahrenden Schatz im Sinne einer Wiedergeburt dar, sei es lediglich im wirkungsvollen Gebrauch der Sprache und sei es nur durch einen einzelnen. Dabei wird das weiße sorbische Leintuch zu einem vielschichtigen Symbol, das für Vergänglichkeit, Verlust, für sprachliches Verstummen steht. Das weiße Tuch bedeutet Trauer, das Weiß zeigt sich in der Trauerkleidung und in den Fronleichnam-Prozessionen. Im sorbischen Kontext greift das weiße Leintuch auch auf die mystische sorbische Sage vom Schlangenkönig zurück. Legt man nämlich ein solches weißes Tuch an einer sonnigen Stelle aus, dann kann der Schlangenkönig zu Besuch kommen, um seine goldene Krone darauf abzulegen; und man bietet ihm dann Milch und eingeweichte Brotstücke an. Es waren geweihte, hochwasserfreie Stellen, an denen man beruhigt eine Heimstatt für den Schlangenkönig errichten konnte, und so erscheinen schützende, gekreuzte Schlangenköpfe auch an den Giebeln der dort gebauten sorbischen Häuser. Das weiße Leintuch steht zugleich für den Versuch, die Erinnerung an die sterbende Sprache festzuhalten. Erhalten bleiben dabei im Verschwinden begriffene sorbische Sprachfunde, Wortfetzen aus einer vergangenen Wortkindheit, die zu verschwinden drohen und in einer grenzüberschreitenden Dichtung wie in einem Fischnetz eingefangen werden. Es sind ins Deutsche hinübergerettete „Sprachlaute“, „Stimmfaden“, die häufig mit kleinen Geschichten verwoben werden, mit der Kriegszeit, mit der verstorbenen Großmutter, dem nicht mehr lebenden Vater, der heimatlichen Lausitz. Sie verbindet Erdberührungen mit Himmelsehnsucht. Deutsche und sorbische Liedfetzen und Wortfetzen berühren sich an den Nahtstellen des Sprachgeflechts, zuweilen liebevoll, zärtlich, wie „swontschko“ (kleine Sonne). Dem Ende der einen Welt soll eine neu zu benennende Welt folgen.

„ich benenne noch einmal die dinge/ im bilderbuch wie im anfang: swontschko/ die sonne gelegt in die wasser der flüssin nebenher/ die füchsin, die zugleich fuchs ist/ und starka die gänsin“ (Domašcyna 1998, 9).

Das Hinüberretten ins Deutsche erfolgt u. a. durch das sorbische grammatikalische Geschlecht in der Weiblichkeit des Todes, des Wasser, des Flusses oder im Deutschschreiben sorbischer Wörter wie „swotschko“, eigentlich sorbisch „słónčko“. Der Sprachtod, die Sprachtödin, führt zu einem Aufgehen in der Sprache der Mehrheitsgesellschaft, geschuldet letztendlich auch dem weggebaggerten Sprachboden durch „die raubtierhafte Gier nach (Braun-)Kohle“ (Schenkel 2026). „Ich taumelte… zum grubenrand. Dort pumpten motoren in filterbrunnen pausenlos mein blut aus dem erdkörper“ (Domašcyna, 2010) Hinzu kommt das „Aufbrechen“, das „Rübermachen“ in den Westen und damit das Abschneiden der nährenden sprachlichen Nabelschnur, das Aufgehen in zumeist esoterischen Texten bereits in deutscher Sprache geschrieben. Das bewusst in seiner Mehrdeutigkeit gewählte Wort „aufgebrechen“ kann „abreisen“, „neu anfangen“, aber auch „entzweigehen“ und „auseinandergehen“ bedeuten.  Denn keiner wollte in der Fremde die nach dem Verlassen des sorbischen Sprachraums mitgenommene Sprache verstehen; über sie lachten nur die Fremden, weil es doch wohl bessere Sprachen gäbe… Und so hat die sorbische Dichterin die „abgenagten Wortkerne“ in einer Schachtel aufbewahrt, und schüttelt man diese, dann kann man noch die wortkerne hören, vielleicht ihre Kernworte verstehen:

„genußverfalln mein land geht in den westen/ die völker schieben sich einander ein/ im turnus aller wenden des jahrhunderts/ wird neu entdeckt besetzt hier jeder stein/ weh uns im angesicht/ das verderben/ die sehnde blindheit und der wahre trug/ weh uns das wissen um des treckens erbe/ das ruhelos immer nicht genug/ wehe uns im zuge mitgezerrt das hoffen/ auf was? das gehen auf den nächsten schritt/ das was uns überkommt nach jedem tritt -/ den rückzug vor uns alle wege offen (Domašcyna  1998, 95).

In diesem Kontext stellt sich die bange Frage, wie viel Leser diese Gedichte, diese Texte lesen können bzw. sich noch die Mühe machen sie überhaupt lesen zu wollen? Und es bleibt die Frage nach dem Woher und dem Wohin. Es ist die Angst vor dem Verschwinden, vor dem Verstummen, vor dem Todesschicksal in einem nicht ankommenden „Zerrbild Zukunft“, in Bildern der Skepsis, der Melancholie, des Schmerzes bis hin zum widerständigen, lebendigen, sensiblen Empfinden einer utopischen Gegenkraft, das auch als Leitmotiv dienen kann:

„Regenlaub, sprich zu mir,/ wärme mich,/ Dunkel,/ lass mich sehen mit Augen, den Atem noch spüren/ unter der Haut/ Nacht ohne Sterne,/ sei mein Zelt,/ wenn ich der Liebe gedenke./ Wiegt mich, ihr Jahre,/ in euren Armen/ Tausend Schmerz/ will ich dann tragen./ Gib mir Vergessen,/ nur Trost, mach Schlaf,/ mir nicht Angst/ Die hellen Gestalten/ durchschreiten mich lächelnd,/ Freunde, Verwandte -/ alle leben sie, winken grüßend herüber/ Und so leicht/ wird mir,/ ich träume/ den alten Traum, träum ihn/ wieder von uns, bis er/ wach ist am Tag“ (Lorenc 2023).

Ein Beitrag von Dr. Hans-Christian Trepte


Literaturhinweise:

Róža Domašcyna: Wortall 1997 https://www.ejournal.at/LitPrim/roza.html (08.08.2026).

Róža Domašcyna: zwischen gangbein und sprintbein, 2. Aufl., Berlin 1998, S. 37.

Róža Domašcyna: selbstredend selbzweit selbdritt. Berlin 1998.

Róža Domašcyna: Wortall https://www.ejournal.at/LitPrim/roza.html (08.08.2026).

Róža Domašcyna: Wortall oder Die Farben der Mandelkrähe. Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen https://www.theater-bautzen.de/spielplan/inszenierung/wortall-oder-die-farben-der-mandelkraehe-/-wortall-abo-kontinent-nadzija (08.08.2026).

Sorgenvoll romantisch. In: Neue Zürcher Zeitung 20.03.2003.

Róža Domašcyna: Zaungucker. Planet lyrik, 10 (2010). https://www.planetlyrik.de/roza-domascyna-zaungucker/2010/10/ (08.08.2026).

Róža Domašcyna. Aussicht auf morgen. In: Dies.: Zaungucker. Berlin 1991.

Róža Domašcyna: Aus einer strebenden Sprache heraus. Neue Zürcher Zeitung Nr. 187 14/15.8.1999, S. 32.

Kito Lorenc: Es war nicht die Zeit. Göttingen 2023.

Kito Lorenc (Hrsg.): Sorbisches Lesebuch. Vorbericht. Planet Lyrik 20 (2024). https://www.planetlyrik.de/kito-lorenc-hrsg-sorbisches-lesebuch/2024/02/ (08.08.2026).

Aus jenseitigen Dörfern. Zeitgenössische sorbische Literatur, hrsg. v. Kito Lorenc u. Johann P. Tammen (edition die horen). Bremerhaven 1992.

Kito Lorenc: Sorbisches Lesebuch. Serbska ćitanka, hrsg. v. Kito Lorenc. Leipzig 1981.

Martin Liepelt: Die Rolle der Medienarbeit bei der Existenzsicherung der sorbischen Kultur. Bachelorarbeit. Hochschule Mittweida  https://monami.hs-mittweida.de/frontdoor/deliver/index/docId/617/file/Bachelorarbeit_Martin_Liepelt_Bibliothek.pdf (08.08.2026).

Richard Pietraß (1999): Aus: Dichterleben. Steckbriefe und Kusshände. LyrikHeft 19 Warmbronn 2016.

Elmar Schenkel: Róža Domašcynas Dichtung. So hellsichtig übertüncht ist sorbische Lyrik. In: Frankfurter Allgemeine, 03.07.2026.

Erwin Strittmatter: Der Laden: Roman-Trilogie, Berlin 1983, 1987, 1992.

Jochen Strobel: Schreiben – aus einer sterbenden Sprache heraus. Die sorbische Minderheits-Literatur innerhalb der deutschen Mehrheitsliteratur von und nach 1989. Jürgen Joachimsthaler/Hans-Christian Trepte (Verantwortlich): National-Texturen. National-Dichtung als literarisches Konzept in Nordosteuropa. In: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte. Band XVI/2007. Nordost-Institut Lüneburg, S. 381-410.

Lena Weißhoff: Der Laden. In: wort – sprache – welt. 15. Februar 2026. https://www.wort-sprache-welt.de/2026/02/15/der-laden/ (08.08.2026).

Viktor Zakar/Alexander Drescher: Sorbische Lexik in der deutschen Literatur der Lausitz. In: Lětopis 57 (2010) 1, S. 65-77.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.