Die Schildbürger – der MYTHO-Blog unterwegs in Belgern-Schildau

„Die Folgen der Dummheit für Schilda und die übrige Welt: Dass man in Schilda keine Krebse kannte, wisst ihr schon. Dass man auch noch nie eine Katze gesehen hatte, ist wohl noch viel erstaunlicher. Umso besser wusste man mit Mäusen Bescheid. Sie waren in allen Kellern, Speichern und Küchen, in den Räucherkammern, beim Bäcker, und nicht zuletzt beim Ochsenwirt. […] Nun saßen die Schildbürger auf den Trümmern ihrer Stadt und ihrer Habe, waren froh, nicht gefressen worden zu sein und beschlossen schweren Herzens, in alle Himmelsrichtungen auszuwandern. Das taten sie auch sehr bald. Und so kommt es, dass es heutzutage die Stadt Schilda nicht mehr gibt.

Und die Schildbürger auch nicht. Das heißt, es gibt sie natürlich noch. Nur ihre Enkel und Urenkel und deren Enkel und Urenkel leben über die ganze Erde verstreut. Sie wissen gar nicht mehr, dass sie von den Schildbürgern abstammen, von Leuten also, die sich, um glücklich zu werden, dumm stellten und dadurch ins Unglück gerieten, dass sie dumm wurden. Und sie können es auch gar nicht wissen, denn heutzutage gelangen die Dummen zu Ruhm und Rang, zu Geld und Glück genauso wie die Gescheiten. Woran also sollten die Dummen auf unserer Erde merken, dass sie dumm sind? Ein einziges Merkmal gibt es, woran man die Dummen erkennen kann: Mit dem, was sie erreicht haben, sind sie selten, aber mit sich selber sind sie stets zufrieden. Gebt also gut Obacht bei den anderen. Und bei wem noch? Ganz Recht, bei euch.“ (aus: Hörspiel Märchen – Die Schildbürger)

Dies ist ein Reise-Bericht von einem der auszog, der Spur der Dummheit zu folgen. Die Dummheit quasi an der Wurzel zu packen. Und den Mythos der Schildbürger zu ergründen, um dabei festzustellen, wie aktuell die Märchen noch heute (für mich) sind.

Viele Menschen kennen den Ausspruch „Schildbürger-Streich“, doch nur wenige von ihnen wissen, woher dieser stammt. Und das geht uns bei vielen Redensarten so. Sie treffen den menschlichen Kern genau, ohne noch zu erinnern, wie es dazu gekommen ist.

Dem Ursprung der Märchen um die Schildbürger ist nachzufolgen bis ins Jahr 1598, dem Erscheinen der Urfassung des Schildbürgerbuches. „Dieses Buch, welches eine eiligst überarbeitete Fassung des ein Jahr zuvor erschienenen Lalebuches war, zählt heute zu den ersten deutschen Romanen, die etwa gleichwertig auf eine Stufe mit „Don Quichote de la Mancha“ von Miguel Cervantes zu stellen sind. Beide Bücher, das Lalebuch und das Schildbürgerbuch, stammen vom gleichen Autor.“, schreibt Volker Pohlenz.

Der Literaturwissenschaftler Ernst Jeep erkannte 1890 durch regressive Analyse als Verfasser Hans Friedrich von Schöneberg, der unter dem Pseudonym Conradus Agyrta von Bellemont veröffentlichte. Schönberg, heißt es weiter, wurde am 28.2.1543 in Sitzenroda bei Schildau geboren (Sitzenroda gehört heute zu Belgern-Schildau), war kursächsischer Amtshauptmann und Hofrichter zu Wittenberg und starb am 24.3.1614 auf Gut Falkenberg/Elster. Aufgrund des Bucherfolgs über die Jahrhunderte hinweg bis zur Gegenwart, durch zahlreiche Autoren (unter anderem Erich Kästner im Jahre 1954) immer wieder neu interpretiert, bezeichnen sich mittlerweile fast 40 Ortschaften im deutschsprachigen Raum, neben der Bundesrepublik Deutschland auch noch Orte in Livland, Ostpreußen, Schlesien, Böhmen, Elsass und der Schweiz, als das sagenhafte Schilda.

Die Schiltbürger Wunderselzame Abentheuerliche / unerhörte / und bißher unbeschriebene Geschichten und Thaten der obgemelten Schiltbürger in Misnopotamia hinder Utopia gelegen“ grenzt das Territorium ein, heißt es bei Volker Pohlenz weiter.

Unter „Misnopotamia“ kann man einerseits den damaligen kursächsischen Meißnischen Kreis vermuten, der vom Amt Torgau elbaufwärts bis an die böhmische Grenze reichte, mit Meißen als etwaige geografische Mitte. Schildau lag im Meißnischen Kreis, dem Amt Torgau zugehörig. Das Land in den Grenzen von Elbe, Saale und Eger in der Form eines Dreiecks wird ebenfalls als „Meißner Flußland„, alias Misnopotamia, bezeichnet.“ (Ebd.)

Das Schildbürger- wie auch das Lalebuch beinhalten 45 Kapitel, auch als Schildbürgerstreiche bekannt. Die ersten sechs Kapitel handeln von der Weisheit der Schildbürger, die in aller Welt klug und weise ihren Dienst tun. In den Kapiteln sieben bis 13 beschließen diese, in ihre Heimat Schildau zurückzukehren. In den Episoden 14 bis 20 beschließen die Schildbürger, fein dümmlich zu werden. In den Kapiteln 21 bis 29 stattet der Kaiser dem närrischen Volk in Schildau einen Besuch ab. Die Schildbürger begehen in den Episoden 30 bis 43 weiter ihre närrischen Streiche, bis sie sich in den Kapiteln 44 und 45 aus Angst vor dem „Maushund“, der eine Katze war, fluchtartig in alle Welt aufmachen und somit letztendlich die Dummheit verbreiten. (Ebd.) Diese wirklich kurzen Episoden bauen aufeinander auf und sind aus meiner Sicht mit Kapiteln eines Romans zu vergleichen.

In der Annahme, dass Ernst Jeep im Jahre 1890 den ursprünglichen Verfasser Dingfest machen konnte und „Misnopotamia“ östlich von Leipzig liegt, die östliche Grenze des heutigen Bundeslandes Sachsens zu Brandenburg bildet, habe ich die Stadt Belgern-Schildau besucht, die das Erbe von SCHILDAU angenommen zu haben scheint. Direkt im Ortskern, der auch sehr gut mit dem öffentlichen Nahverkehr von Leipzig erreichbar ist, gibt es fußläufig das „märchenhafte“ Rathaus, in das die Schildbürger ihr Licht hineintrugen, das Schildbürger -und Gneisenmuseum, den Schildbürgerbrunnen, den Schildbürgerspielplatz, den Schildberg mit Aussichtsturm und zahlreiche Hinweise zu den 45 Episoden oder Streiche der Schildbürger. Die Stadt bietet geführte Wanderungen auf dem Schildbürgerwanderweg, was mich annehmen lässt, auf der rechten Spur zu sein.

Schildau ist eine sehr kleine Stadt, zählt nach Angaben von Wikipedia kaum 1.500 Einwohner, was landläufig eher als Dorf zu sehen ist. Entsprechend gut vorbereitet will der Besuch dort sein. Manches ist nur zeitweise geöffnet oder zugänglich, manches nach Anmeldung und Vereinbarung.

Die Wälder um Schildau herum sind wiewohl zugänglich und erlauben es, sich einsam zu fühlen, den eigenen Gedanken nachzugehen auf dem Rundwanderweg über den Schildberg mit Aussichtsturm, der nur an Wochenenden in den Sommermonaten regelmäßig geöffnet ist und wo man von oben sicher den Blick weit schweifen lassen kann. An meinem Besuchstag im Januar wiewohl war der Turm verschlossen, der Fernblick für mich in die Ferne gerückt. Die Bewaldung lässt auch im Winter nicht tief, respektive weit, blicken.

Der Rundweg führt an den regionaltypischen aufgelassenen Porphyr-Steinbrüchen entlang zum Grenzstein der ehemaligen Landesgrenze Sachsen-Preußen, die auf dem Wiener Kongress 1815 für das Königreich Sachsen und dem Königreich Preußen für hier festgelegt wurde, nachdem die damalige Siegermacht über Napoleon große sächsische Gebiete erhielt.  Erst 1952, mit Auflösung der Länder durch die DDR, hatte die Grenze endgültig ihre Bedeutung verloren, erfährt der interessierte Wanderer vom Hinweisschild.

Meine Routenplanung von ca. 19 Kilometern habe ich auf komoot unter Hajo04318 öffentlich zugänglich gemacht. Die aus meiner Sicht leichte Routenführung (kann abgekürzt werden) führte mich zum Ende auch ein weites Stück über asphaltierte Wege, vorbei an der Pferdesport-Arena, die eingeweiht im Jahre 2005 sich als Fahrsport-Anlage zum beliebten Treffpunkt des Fahrens mit Pferden etablierte und Austragungsort hochrangiger Fahrsportturniere (Mai bis September), unter anderem einer WM-Qualifikation, geworden ist, somit Sportler und Freunde des Sports aus aller Welt anzieht. Heute gelte die Sportanlage in Schildau weltweit in zweierlei Hinsicht als Vorbild. „Nach dem Vorbild der Pferdesport-Arena werden derzeit in Kanada, den USA ähnliche Projekte gebaut. Zum anderen adaptieren aktuell deutschlandweit die Veranstalter von Fahrsport-Turnieren den „Schildauer Ablauf“, d.h. die Prüfungen beginnen mit der Teildisziplin Dressur und enden mit dem Geländefahren, heißt es auf der Website der Stadtverwaltung. Am Wochenende vom 1. bis 3. Mai 2026 findet hier die Veranstaltung „11. Schildbürger Distanz“ statt, die ich mir in meinem Kalender bereits vorgemerkt habe. 

Direkt im Anschluss der Fahrsport-Anlage hat der hiesige Schützenverein sein Domizil und sorgte für die Gestaltung des Schildau-Denkmals auf dem Lutherweg mit der zentralen Aussage „Die ganze Welt ist voller Wunder.“

Ein Zitat, das Martin Luther zugerechnet wird.  Wir erinnern uns, im vergangenen Jahr 2025 wurde den Ursprüngen der Reformation mit den Bauernkriegen im Jahre 1525 gedacht. Im Jahre 2023 jährte sich zum 425. Mal das Erscheinen der Urfassung des Schildbürgerbuches von 1598. Der Autor Hans Friedrich von Schönberg, am 28.02.1543 in Sitzenroda bei Schildau geboren und verstorben am 24.03.1614, war demnach ein Kind dieser Zeit. Als kursächsischer Amtshauptmann und Hofrichter zu Wittenberg scheinen seine Märchen, die ehedem noch als Roman bezeichnet worden sind, gewisse Erfahrungen und Erlebnisse widerzuspiegeln, was auch die Verwendung eines Pseudonyms nahelegt.

Ich selbst erinnere die Schildbürger-Streiche rudimentär aus dem Deutsch-Unterricht meiner Grundschultage von vor bald 50 Jahren und habe sie eigens vor meiner Spurensuche aufgefrischt.

Die Schildbürger, so erfahren wir aus der Einleitung zu den Märchen-Episoden, waren sehr kluge Männer (dem Zeitgeist entsprechend eben ausschließlich Männer), die so klug waren, dass sie von fremden Fürsten abberufen wurden, um diesen mit ihrem weisen Rate zu dienen. Zwar schickten sie den Frauen Geld und gute Worte in die Heimat, die Stadt und ihr Zuhause verfiel jedoch mehr und mehr, weil es den Frauen zu viel wurde, auch noch die Männerarbeiten zu erledigen, heißt es im Roman. So entschieden die Männer, den jeweiligen Dienst in der Ferne zu quittieren und nach Hause zu reisen. Wieder zu Hause, entschlossen sie, Narren zu sein bzw. sich närrisch Fremden gegenüber zu verhalten, sodass niemand mehr auf die Idee käme, sie abzuwerben oder mitzunehmen. Und wie wir aus der Verhaltenspsychologie wissen, führen Verhaltensänderungen zu einem anderen gewünschten Verhalten, aus ursprünglich sich närrisch verhaltenden gescheiten Menschen sind dumme Leute geworden, weil spätere Generationen daraus einen Nutzen gezogen hatten und den Ursprung des Verhaltens nicht erinnerten.

„So etwas kann nur einer verfasst haben, der selbst in fürstlichen Diensten stand und dabeiblieb. Dass er nichts Gutes über sie schrieb, liegt wohl auf der Hand, denn er hatte seinen Ärger mit den nur vier Kilometer entfernten Schildauern.“ Auch das spricht für die Autorenschaft des Hanns Friedrich von Schönberg. Solche und ähnliche fantastische Geschichten haben natürlich auch einen realen Hintergrund. Was war geschehen?

Der Reformator Martin Luther war fast ein halbes Jahrhundert tot. Somit fehlte dem Protestantismus eine Führungsfigur. Der Protestantismus driftete in verschiedene Strömungen auseinander. Der albertinische Kurfürst August I., ein Anhänger Luthers, starb im Jahre 1586. Seit 1577 wird in Kursachsen die evangelische Glaubensinquisition mit Haft, Folter und Kerker eingeführt. 158O wird im Konkordienbuch die Eintrachtsformel festgelegt, wo das orthodoxe Luthertum gegen den Calvinismus vorgeht. Dadurch wird die katholische Gegenreformation begünstigt, die evangelischen Reichsstände gespalten und schließlich verliert Kursachsen die Führungsrolle im deutschen Protestantismus.

1586 wird Christian I., Sohn und Nachfolger August I, bis 1591 Kurfürst. Unter dem Einfluss von Kanzler Dr. Krell, der auch Christians Erzieher war, gewinnt der Calvinismus an Einfluss in Kursachsen. Man spricht auch von der zweiten Reformation. Einige Gesetze, wie die Konkordienformel von August I., werden stillschweigend abgeschafft. Der Einfluss der Stände auf den Landesherrn wird geschwächt, wo auch der Landtag weniger bis gar nicht mehr tagt.

Als Christian I. 1591 stirbt, ist sein Sohn und designierter Nachfolger Christian II. noch ein Kind. Die Regierungsgeschäfte in Kursachsen übernimmt der ernestinische Herzog Friedrich Wilhelm von Sachsen–Weimar, ein orthodoxer Lutheraner. Er beruft für den 22.2. bis 3.3.1592 den Landtag in Torgau ein. Daran nimmt auch Hans Friedrich von Schönberg teil. Tagesordnungspunkte sind unter anderem der Generalangriff gegen den Calvinismus und die Verhaftung des bürgerlichen Kanzlers Dr. Krell, der in einem Prozess zum Tode verurteilt wurde. Er wurde 1601 mit dem Schwert enthauptet.

Schildau als Stadt war bis zu jenem Landtag 1592 schriftsässig und damit für den Landtag fähig. Vertreter des Adels, darunter auch von Schönberg, wollten diese kleinen Städte unter dem Deckmantel der Ausrottung des Calvinismus, der den orthodoxen Lutheranern als Irrlehre galt, aus den Landtag drängen. 1592 verliert Schildau seine Landtagsfähigkeit. Der zivile Ungehorsam auf dummgute Art, ohne Gewalt gegen die Obrigkeit, ist eine Art Protest gegen die damaligen Zustände und macht das Buch auch heute für uns so interessant. (Siehe Pohlenz)

Sören Kierkegaard wird im 19. Jahrhundert über den Protestantismus seiner Staatsreligion schreiben, die Religion diene nicht der allmählichen Verbesserung der Welt, eher einem Ausstieg aus ihr.

Schildau, wurde im Jahr 1170 erstmals urkundlich erwähnt. Für mich Beweis, dass der Ursprung der menschlichen Dummheit oder auch nur die Dummheit von Obrigkeiten nicht in Schildau begründet liegen können, gibt es doch bezeugte menschliche Torheiten viel älteren Datums.

Die Spurensuche nach dem Ursprunge der Dummheit kann also fortgesetzt werden. Auf die Fragen, die sich mir stellen, darf die geneigte Leserschaft gerne antworten:

Ist vielleicht das Märchen „Wie die Schildbürger Licht ins Rathaus brachten“ wieder aktueller denn je? Haben die heutigen Rathäuser und Parlamente den Blick auf die Bürger verloren/verschlossen, sitzen gar im Dunkeln? Und wenn ja, wie lässt sich Licht in die Oberstuben bringen?

Ich hoffe, das Lesen machte ähnliche Freude wie die Vorbereitungen, der Ausflug mit den Erkundungen und Einsichten wie auch das Verfassen dieses Beitrages. Schildau ist eine Reise wert, DIE SCHILDBÜRGER haben auch im Jahre 2026 ihre aktuellen Bezüge und Botschaften für mich nicht verloren.

Ein Beitrag von Harald Johanns


Harald Johanns, ist im April 2022 aus dem westlichen Westen der Republik nach Leipzig gezogen und wurde vom 3. Mythentag in den Bann des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. gezogen. Hintergründiges sichtbar machen und Erkundungen der näheren wie weiteren Welt sind ihm ein Anliegen, dass er auch gerne teilen möchte.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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