Martin Kämpchen war ein Name in Indien, der Insidern besonders um Kalkutta herum bekannt war: ein Deutscher, der schon lange in dem nahen Shantiniketan lebte und dort Bücher schrieb und soziale Projekte betrieb. So wurde er mir in Indien beschrieben. Ich kannte nur die andere Seite, die deutsche – nämlich, dass er Indienkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war. Ich besuchte ihn vor einigen Jahren in Shantiniketan, jenem Ort, an dem Rabindranath Tagore, der Dichter, Maler und Pädagoge eine freie Universität errichtete, in der tatsächlich im Freien unterrichtet wurde. Kämpchen hat sehr viel zu Tagore publiziert und ihn, der in den 1920ern in Europa hoch angesehen war, nachdem er als erster Asiate den Literaturnobelpreis gewonnen hatte. Kämpchen spielt bis heute eine große Rolle für den Dialog zwischen Deutschland und Indien, so mit Beiträgen über Günter Grass oder Hermann Hesse in Indien, über den Hindu-Nationalismus und gegenwärtige Gesellschaftsprobleme. Interessant auch sein Beitrag in der FAZ im letzten Jahr, warum er nach Jahrzehnten in Indien kein Bedürfnis mehr verspürte, am Hype um Kafka teilzunehmen. Die asiatischen Religionen und das Christentum hat er zudem verglichen und über Gurus wie Vivekananda oder Ramakrishna geschrieben.
Das neue Buch hat mich durch den Titel angelockt: Der Duft des Göttlichen. Es geht mir hier um die den Alltag durchwirkende Präsenz des Göttlichen und Mythischen – neben vielen Beobachtungen zur indischen Familie, zur Soziologie, zu Lebensweisen und Konflikten im Alltag. In der Tat ist es der Geruch Indiens, der den unbefangenen Besucher zuerst in Bann schlägt, als Duft oder Gestank (von Tieren, Autos, Schornsteinen und Feuerstellen). Kämpchen macht uns mit einer völlig anderen Lebenshaltung bekannt, die gerade heute für die indisch-deutschen Beziehungen relevant sind. Die Geschäfte, die deutsche Unternehmer in Indien machen wollen, sollten unterfüttert sein mit dem Verständnis für die fremde Kultur. Dafür ist das Buch ein nützlicher Kulturführer – gegen Fettnäpfchen, Missverständnisse und Enttäuschungen auf dem Subkontinent.
Solche Orientierung kann mit dem Verständnis für Rangordnungen, für den Umgang mit Zeit und Sprache beginnen und sollte auch mit einer Grundkenntnis mythisch-religiöser Formen verbunden werden. Wo ist etwa das Religiöse heute in Europa oder zumindest Deutschland? Es versteckt sich in den Kirchen oder zeigt sich vielleicht auf Tattoos oder Halsketten mit Symbolen. Dazu Kämpchen im Vergleich: „Der Duft des Göttlichen wird für mich in einem Merkmal besonders wahrnehmbar: wie Menschen den Namen ‚Gott‘ aussprechen.“ In Deutschland etwa würde kaum ein Pfarrer außerhalb der Kirche das Wort benutzen, es wäre einfach peinlich. In Indien dagegen ist es völlig normal, die Namen der Götter in den Alltag zu holen, und zwar glaubhaft: „sogar wenn ein Bankdirektor sie während seiner Dienstzeit ausspricht.“ (22f.)
In Indien leben die Götter weiterhin. Mir fiel das auf bei meinen ersten Reisen dort, als mir Kinder und Erwachsene begeistert die Mythen und Geschichten aus dem Ramayana oder dem Mahabharata erzählten. Begeistert, weil die meisten Touristen davon nichts wissen wollen. Noch Goethe war kein Fan des hinduistischen Pantheons – es schien ihm alles überladen, zuvielköpfig und zuvielarmig, kurz: monströs zu sein. Aber für die Inder sind es Geschichten mit spiritueller Wahrheit. Man muss sie nur rechtzeitig kennenlernen – wie eine Sprache –, dann kennt man sich später darin aus wie in einer vertrauten Wohnung. In der Familie haben die Mythen ihre Wurzeln, dort werden sie frisch den Neuankömmlingen auf der Erde erzählt, und so hat jede Familie einen eigenen Gott und einen Guru. Daran halten auch viele Gebildete später fest, es gibt ihnen Boden-, oder besser: Himmelhaftung. Der Duft des Göttlichen gibt, so Kämpchen, Geborgenheit, emotional und existenziell.
Der Autor kann dazu mehrere Anekdoten mitteilen. Als er sein Bankkonto eröffnen will, verwickelt ihn der Bankdirektor erstmal in ein Gespräch über Gott – wird er sich offenbaren? Hat es Bedeutung für mein Leben? Zwischendurch unterschrieb der Beamte Akten, gab den Fragen seiner Angestellten kurze Antworten und wendete sich dann wieder der Gottesfrage zu. Kann man sich das in einer deutschen Sparkasse vorstellen? Oder der analphabetische Bauarbeiter, der dem Autor in aller Treue eine Geschichte aus dem Ramayana, einem der großen Epen, erzählt, Einzelheiten ausmalend und vor allem daran glaubend.
Leider kann dieser wörtliche Glauben in den Fundamentalismus führen und so kam es in dem angeblichen Geburtsort des Gottes Rama, im nordindischen Ayodhya, zu schlimmen Ausschreitungen zwischen den Hindus und Moslems, da beide diesen Ort für sich beanspruchten (vgl. Tempelberg in Jerusalem). Hygiene spielt keine Rolle, wenn es um das Baden im heiligen Ganges geht: „Die Gangā strömt vom Himmel direkt auf die Erde – wie kann ihr Wasser schmutzig sein!?“ Heiliges Wasser kann man trinken, egal wie belastet es durch Industrie, Leichen oder Abfall sein mag. Kämpchen wie viele andere christlich erzogenen Menschen wundern sich über die unklaren Grenzen zwischen Gut und Böse in der indischen Weltanschauung. Für die Hindus wird die Welt der Menschen in der Götterwelt widergespiegelt – ähnlich wie in der griechischen oder nordischen Mythologie. Da können Götter so korrupt sein wie Zollbeamte und Göttinnen wie femmes fatales agieren.
Und die unsichtbare Welt spiegelt sich im Alltag: „Wer aufmerksam durch die Städte und Dörfer reist, entdeckt, wohin das Auge blickt, Symbole des Göttlichen. Viele Baumarten sind bestimmten Gottheiten geweiht. In den Ästen flattern Wimpel und bunte Tuchstreifen oder hängen Blumengirlanden. In den Städten liegen in den Wurzeln zahlreicher Bäume kleine Steinfiguren oder bemalte runde Steine oder ähnliche Zeichen, die einen sakralen Bereich markieren.“ (26) Dazu gehört auch die weithin verbreitete morgendliche Begrüßung der Sonne. Viele verrichten ihre Pujas, ihre Gottesverehrung an Tempeln oder kleinen Altären, Bildern und Statuen im Einklang mit dem Sonnenlauf. Bei meinen eigenen Reisen in Indien wurde ich oft geweckt von lautem Trommeln und Singen bei Sonnenaufgang. Der Vollmond wird in den Dörfern gefeiert, der auch als Geburtstag eines jeweiligen Gottes oder einer Göttin gilt. Dazu kommt das Holi-Fest im Frühling, in dem man sich karnevalesk mit Farben besprüht, das aber auch einen religiös-dionysischen Hintergrund hat. Kämpchen erkennt hier und andernorts die Philosophie der Maya, der täuschenden Welt. Zwei Wirklichkeiten begegnen sich: zum einen die der trügerischen Wirklichkeit, eine von Illusionen getragene Welt, in der wir von unseren Sinnen getäuscht werden – zum anderen die des fragenden Geistes, der diese Schleier zu durchschauen vermag. Dadurch entstehen Ambiguitäten im Alltag, Unsicherheiten, was etwa Pünktlichkeit und Erinnerung angeht, und eine Relativierung, wenn etwas schief läuft – ah ja, es war Maya. Ein gewisser Unernst, so Kämpchen, durchziehe daher das Leben, manchmal schwer ertträglich für einen Deutschen oder Europäer. Er vermisst Gestaltungswillen im Leben mancher, „sie scheinen wie Schmetterlinge leicht und verträumt über ihre Existenz zu schweben“ (33). Diese Beobachtungen gehen auf seine eigenen Erfahrungen zurück – aber man schließe daraus nicht eine allgemeine Gültigkeit. Ich habe viele Inder und insbesondere Inderinnen kennengelernt, die das genaue Gegenteil verkörpern: sehr klare, vom Willen gesteuerte Menschen, die genau wussten, was sie wollten.
Kämpchen behält bei allem Mythischen auch die soziale Struktur im Blick, insbesondere die Familie, die eine Rangordnung mit sich bringt und den Götterfamilien zugeordnet werden kann. Familien haben oft eigene Gurus oder Lebenslehrer. Bei Hochzeiten tritt die mythische Welt wieder ganz in die Wirklichkeit. Brahmanen werden aktiv und Astrologen berechnen die Horoskope der Heiratswilligen, die oft noch von der Familie ausgesucht werden.
Kämpchen beschreibt auch die Rolle der Medien, vom Radio bis zum PC, wie sie allmählich in die Familien einbrachen und dort geradezu zum Zentrum des Alltags wurden. Inder, meint er, sind ein bildungs- und schaulustiges Volk. Man solle sich nur einfach einmal hinstellen und eine Zeitlang nach oben schauen, und sogleich sieht man sich von neugierig Mitschauenden umgeben. Die Ankunft des Fernsehens in den Hütten und Häusern hatte etwas Mythisches. Es wurden nicht nur mythologische Serien ausgestrahlt, die dann in aller Munde waren, sondern die Ausstrahlung erzeugte auch eine sakrale Atmosphäre in der Familie. Die Hausfrau, so Kämpchen, stellte oft eine Öllampe auf den Apparat und zündete Räucherstäbchen an. Aber inzwischen sei das Gerät nicht viel mehr als eine „bewegte Zimmertapete“ (87). Bollywood hat hier Platz genommen, auch betreiben viele Gurus ihre eigenen Kanäle, um ihre Lebensweisheit auszuschütten.
Paradox im Alltag Indiens scheint die Rolle der Frauen zu sein. Auf der einen Seite erfahren gerade Göttinnen eine große Verehrung, ebenso die weiblichen Gurus. Flüsse haben eine weibliche Natur, insobesondere die Ganga, bei uns „der Ganges“. Sie stürzt sich wild vom Himmel herab, wird von dem Gott Shiva gezähmt und ins Flussbett gebracht. Sie steht für Fruchtbarkeit, zumal sie mit drei Göttern verheiratet ist. In der Mythologie haben auch die beiden Prinzipien, das männliche Shiva und das weibliche Shakti ihren Platz: „Ohne Shakti ist der Mann und das Männliche ‚machtlos‘, leblos.“ (113). Dazu kommen mächtige Göttinnen wie Durga oder die Zunge zeigende Kali hinzu, in denen das Weibliche mit zerstörerischen Kräften verbindet. Durga etwa hat zehn Arme, strotzt vor Waffen und besiegte den Büffeldämon. Aber wo bleibt das im Alltag? Kämpchen ist der Meinung, dass die Stärke der Frauen im Hintergrund ausgelebt wird, von wo aus sie die männlichen Familienmitglieder unter Kontrolle haben. Dennoch gibt es in Indien zweifellos eine Unterdrückung der Frauen, die bis hin zu Gruppenvergewaltigungen oder Femizid gehen kann. Frauen sind besonders der üblen Nachrede ausgesetzt und leiden an Herabsetzung und Grausamkeiten (114). Kämpchen bezieht sich auf die Studie der Religionswissenschaftlerin Katharina Kakar Frauen in Indien, in der sie den Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in Indien nachgeht. Im Übrigen hat er dieser Forscherin wie auch deren Gatten, dem Psychoanalytiker Sudhir Kakar sein Buch gewidmet. Das deutsch-indische Ehepaar hat sich über Jahrzehnte in vergleichenden Analysen westlicher und indischer Psychologie genähert – und darin spielen Mythen immer wieder eine große Rolle.
Die große Beliebtheit von Bollywood mit seiner Romantik und Musik, vor allem mit seiner Tanzwut, ist sowohl im Mythos als auch im Alltag verwurzelt. Im Mythos wird die Welt durch Trommelrhythmen hervorgebracht, die Götter sind oft Tanzende. Und die Welt wird auch durch den Tanz des Nataraja Shiva wieder ins Nichts zurückgetanzt. Die Inder verstehen daher sehr gut, was Nietzsche immer wieder durch den Tanz ausdrücken wollte, nicht zuletzt in Zarathustras Vorrede: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.“ Nietzsche konnte sich schließlich nur noch einen tanzenden Gott vorstellen, und darin war er der indischen Mythologie sehr nahe. Kämpchen stellt immer wieder fest, dass Musik und Tanz gerade in den ärmeren Schichten eine große Bedeutung haben. Bei den Santals in seiner bengalischen Nachbarschaft verging kein Tagesausklang, „ohne dass mehrere Männer zur Trommel griffen und einen Tanzrhythmus intonierten.“ (145) Dann wurde gesungen, getrunken und getanzt. Heute findet man dies jedoch kaum noch, aber Kinder lernen immerhin noch auf dörflichen Festen die ersten Tanzschritte, die Lieder und die Rhythmen. So werden etwa Sponsoren, die Schulen oder Kindergärten unterstützen, mit tänzerisch-musikalischen Darbietungen belohnt, die das ganze Jahr über eingeübt wurden. Der Duft des Göttlichen ist in Indien noch nicht ganz verweht.
Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel
Martin Kämpchen: Der Duft des Göttlichen. Indien im Alltag. Ostfildern: Patmos 2025. Gebunden, 173 S., € 20.00.
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.