Glaubt man den kursierenden Wetterprognosen, verspricht der Januar 2026 so winterlich zu werden, wie man es für einen Winter erwarten darf. Kalt. Eisig. Und leise rieselt der Schnee. Glücklich, wer sich dann allabendlich in seine Höhle aka Zimmer aka Wohnung verkriechen kann und den Tag gemütlich in eine Decke eingekuschelt bei Tee, Serien, Buch verbringt. Lasst alle Wirklichkeit fahren … zumindest für den einen oder anderen Augenblick.
„Ein spannendes Lesevergnügen“ im Dazwischen von Realität und Vorstellungskraft des Leser-Ichs verspricht derzeit der Penguin Verlag bei der Lektüre von „Düstere Geheimnisse“ aus der Feder des Autors Guido Kleinhubbert; eine historische Reise der anderen Art, angefüllt mit Geschichte über prähistorische Totenstätten, Hinrichtungsrituale, Katzenmumien, durchlöcherte Schädel, sprechende Vulven (in mittelalterlichen Handschriften), mysteriöse Keller, Totenhochzeiten, eiserne Särge und Maskenmänner. Beigefügt ist dem durchaus gruseligen, aber dennoch vergnüglichen Lesestoff passenderweise noch ein „Glossar des Grauens“, in dem u. a. über „Aufhocker“, „Erweckungszentren“ und „Waterloo teeth“ informiert wird. Bei Letzteren handelt sich um die Zähne von Soldaten, die bei der Schlacht von Waterloo (18. Juni 1815) zwischen Napoleon und den alliierten Truppen Wellingtons und Blüchers ihr Leben verloren hatten. Leichenfledderer verdienten sehr viel Geld damit, dass die extrahierten Beißer zu künstlichen Gebissen weiterverarbeitet wurden.
Allen vorgestellten Geschichten ist gemeinsam, dass sie mit einem Ort verbunden sind. Und da der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie in diesem Jahr à la „Wir sind dann mal weg“ zu heiligen und (un)heiligen Orten reisen wird – sowohl fiktiv als auch in realis – hält Kleinhubberts historisch-skurrile Geschichtensammlung gleichzeitig ein paar Reiseempfehlungen bereit, falls man sich bestimmte Lokalitäten oder Objekte einmal näher besehen möchte.
Da wäre zum Beispiel der Himmelbergstollen, ein Keller im Zentrum des rheinland-pfälzischen Zweibrücken, Schutzraum während des 2. Weltkriegs und mittlerweile „Lost Place“. Rund 2.360 m² misst die Unterwelt verteilt auf 28 Einzelräume, hinzu kommt eine 12 Meter hohe Wendeltreppe sowie ein breiter Gang, der durchaus für das Durchfahren von Kutschen geeignet war. „Es muss Jahrzehnte, womöglich Jahrhunderte gedauert haben, diese […] Anlage im Untergrund zu errichten. Und trotzdem ist unbekannt, auf wen sie zurückgeht und zu welchem Zweck sie erbaut wurde.“ (S. 93) Die Spekulationen reichen von Lagerstätte (für Bier, Wein, Lebensmittel), Teil einer Befestigungsanlage, Abbaustätte für Sandstein bis hin zum Geheimversteck/ Geheimtreffpunkt (?) der Freimaurer. Im wahrsten Sinne des Worts Raum für Spekulationen.
Etwas eindeutiger ist es da um die Oldendorfer Totenstatt bestellt, eine ca. 6000 Jahre alte Nekropole südwestlich von Lüneburg. „Das etwa 20 Hektar große Areal, das etwas erhöht am östlichen Talrand der Luhe liegt, wurde mindestens 3500 Jahre lang für Bestattungen und Totenfeiern benutzt.“ (S. 41) Urnenfelder, Grabhügel und Megalithgräber aus Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit sind hier versammelt. Vor allem achtete man beim Erweitern des Areals darauf, ältere Anlagen nicht zu beschädigen. Wenn man daran denkt, wie mit mittelalterlichen Friedhöfen oder Grabstätten in Kirchen verfahren wurde, die man immer wieder ausschachtete, regt es nicht nur zur Reflexion über Leben und Tod an, sondern auch über den Respekt gegenüber Verstorbenen, etwas, das mehr und mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird. Archäologen vermuten, dass die Oldendorfer Totenstatt am Rand einer Handels- oder Reiseroute lag, schließen aber auch einen Ritualort nicht aus. Rätsel über Rätsel also.
Mysteriös, aber magisch, ging es im römischen Sorviodurum (dem heutigen Straubing) zu. Dort stieß man bei Ausgrabungen auf menschenähnliche Tonfiguren mit Armen und Beinen. Was auf den ersten Blick relativ unspektakulär anmutet, lässt auf den zweiten Blick an römisches Voodoo denken. Alle Figuren „weisen Einstichlöcher vor allem an Augen, Mund, Ohren, Bauch, Genitalbereich und Armen auf. Röntgenaufnahmen offenbarten, dass die Nadeln zum Teil über vier Zentimeter tief in die Figuren getrieben worden wurden, bevor sie in den Ofen kamen“. (S. 70) Wahrscheinlich ist, dass durch die sogenannten „Zauberpuppen“ Schadensmagie betrieben wurde. Alles, was der Figur widerfährt, soll auch dem lebenden Pendant widerfahren. Ähnliches ist über die mittelalterlichen Atzmänner bekannt; „atz“ von mittelhochdeutsch „atzen“ für „auszehren“. Und auch in der 2024 gezeigten Sonderausstellung „Magie – Das Schicksal zwingen“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale waren Figuren einer Bizango-Armee ausgestellt, hinter Gittern zum gegenseitigen Schutz, denn die von mumienhaft bis alienartig wirkenden Figuren können angeblich sowohl heilen als auch Schaden verursachen, Ratschläge erteilen oder sich in reale Monster verwandeln. Bizango wird mit dem haitianischen Voodoo assoziiert, ist allerdings eine Geheimgesellschaft. Wie gut, dass es im Museumsshop relativ harmlose, wenn auch in Glas gepackte Häkel-Puppen (inkl. Nadeln) für den magischen Hausgebrauch zu kaufen gab.
Wenig Zauberhaftes hätten wohl die Bewohnerinnen und Bewohner des „Gutleuthauses“ in Freiburg (Breisgau) zu berichten. Durch Zufall stieß man bei Bau eines Parkplatzes über den dazugehörigen Friedhof, auf dem im Mittelalter vornehmlich Lepra-Kranke bestattet wurden. Viele der untersuchten Knochen und Schädel zeugten von Wucherungen und andere Deformationen, Leprakranke galten als lebende Leichname. Aber auch Nachweise von Tuberkulose und Syphilis konnten die Forscher erbringen. „Wenn die Aussätzigen das Spitalgebäude verließen, mussten sie besondere Vorsicht walten lassen. So wurden sie angewiesen, mit ihren hölzernen Klappern Radau zu machen oder ‚Aussatz! Aussatz!‘ zu rufen, um auf sich aufmerksam zu machen.“ (S. 89) Man stelle sich den Lärm vor, wenn es solche Anweisungen während der Corona-Pandemie gegeben hätte.
Sogenannte „Leprosorien“ wie das „Gutleutehaus“ verfügten dank Spenden meist über genug finanzielle Mittel, um den Erkrankten ein würdiges Dasein bis zum Tod zu ermöglichen. Allerdings soll es wohl nicht wenige Zeitgenossen gegeben haben, die sich, den Historikern zufolge, durch das eine oder andere Bestechungsgeld ihren Weg ins Spital und damit in die Vollversorgung ebneten. Obwohl man mittlerweile hinreichende Kenntnisse über die Lepra und deren Übertragungswege besitzt, gilt die Krankheit weiterhin nicht als besiegt. Noch immer infizieren sich jährlich Tausende vornehmlich in den ärmeren Gegenden unseres Planeten mit geringerer medizinischer Versorgung.
Nachdem nun viel von Tod, Zauber und Krankheit die Rede war, zum Abschluss der kleinen Buchvorstellung ein wenig mehr Lebendigkeit. Diese kommt daher in Gestalt eines Glasphallus, der im Nonnenkloster Herford (Nordrhein-Westfalen). Kurioserweise wurde das Stück bei Ausgrabungen einer Latrinenanlage des 16./17. Jahrhunderts gefunden. Nach der Säuberung „kam ein etwa 20 Zentimeter langer Phallus aus grünlichem Glas zum Vorschein; ein schnurgerades Teil von der Größe einer Banane und der Dicke einer Salatgurke, mit nachgebildeter Schambehaarung und beschädigtem Sack: Ein Hoden war noch dran, der andere musste irgendwann abgebrochen sein.“ (S. 123) Wie der Phallus nach Herford kam, ist bis heute ein Rätsel. Allerdings ging es im Kloster nicht so keusch zu, wie man das von einem solchen Ort erwarten durfte. Angeblich waren die Nonnen sowohl Männern als auch Frauen gegenüber recht aufgeschlossen. Ähnliche Nachrichten sind auch für Männerklöster überliefert, u.a. in Schwaben. Einige Archäologen haben bezüglich der Verwendung des Phallus von Herford sogar die These aufgestellt, er sei eigentlich ein Trinkgefäß gewesen, aus dem feucht-fröhlich gepichelt wurde. Trotzdem ist die Interpretation, es handle es sich doch um ein Sexspielzeug, bislang weiterführend, zumal ähnliche Objekte in den Quellen erwähnt werden, so u.a. in den „Kurtisanengesprächen“ des italienischen Schriftstellers Pietro Aretino (1492-1556). Darin berichtet die Besitzerin eines Glasphallus: „Leider hatte ich kein warmes Wasser wie die Nonne, der ich die richtige Anwendung des kristallenen Stängels abgesehen hatte; aber Not macht erfinderisch: Ich pinkelte ganz einfach in das Ding hinein.“ (S. 126)
Irgendwie beruhigend, dass es nicht nur streng moralisch oder düster auf der Welt zugegangen ist und zugeht. Wer also gern auf Entdeckungstour nach den Geschichten hinter der Geschichte geht, dem sei das Buch von Guido Kleinhubbert wärmstens anempfohlen.
Ein Beitrag von Dr. Constance Timm
Literaturhinweis:
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.


