Wie wir Menschen aus Riesen gemacht wurden

In der nordischen Mythologie gibt es im Bereich der Entstehung und dem Vergehen der Welt einige Motive, die sich durch die Brille der modernen Kosmologie wunderbar interpretieren lassen und von denen ihrer drei in diesem Beitrag dargestellt werden sollen. Das heißt jetzt keineswegs, dass heutige wissenschaftliche Erkenntnisse in den Mythen vorweggenommen wären oder dass die Altvorderen hier tiefere oder prophetische Einblicke in die Natur gehabt hätten, bevor neuartige Beobachtungsmöglichkeiten eine Empirie in dem Sektor überhaupt erst möglich gemacht haben. Wir lesen im Folgenden nichts aus den Mythen heraus, sondern hinein. Das ist aber gerade in der Interpretation von Mythen nichts Ehrenrühriges, sondern im Gegenteil etwas, was den zeitlosen Charakter eines Mythos unterstreicht, kann man doch durch die Applikation heutiger Erkenntnisse an die jahrhundertealte Bilderwelt eben diese Bilder unbeschadet in die heutige Zeit transferieren und so an die Bilder geknüpfte Lehren, gesellschaftlicher oder spiritueller Natur, in die Neuzeit tragen, gar nutzbar machen. Man darf dabei nur nicht vergessen, dass diese Interpretation keinesfalls mit der Vorstellungswelt derjenigen übereinstimmt, die mit diesen Bildern Geschichten erzählt oder sie verschriftlicht hatten, sondern nur unseren eigenen Blickwinkel darstellen. Ein erquickliches Vergnügen ist es dennoch oder auch gerade deshalb.

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Der Ausfall des Festes – Ein kurzer Blick mit Nietzsche und Bataille auf die derzeitige Lage von Kultur und Gesellschaft

Schon im vergangenen Jahr während bzw. kurz nach dem ersten Lockdown entstand das schwerwiegende Problem, wie Künstler verschiedenster Art und die Veranstaltungsbranche den schmerzhaften Einschnitt in ihre Arbeit bewältigen könnten, insofern er nicht bereits fatal war. Ausfälle von Lesungen, Aufführungen, Konzerten, Schließung von Theatern, Ausstellungen und Kinos bedrohen nach wie vor die Existenzen der Kunstschaffenden und frieren das in Gesellschaft stattfindende kulturelle Leben völlig ein. Ich möchte in den folgenden Absätzen nicht auf dieses schmerzlich bekannte Problem eingehen, sondern auf eines, das damit mehr oder weniger direkt zusammenhängt, aber tendenziell in eine andere Richtung weist: Der Ausfall des Festes.

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Stephen Fry: Helden. Die klassischen Sagen der Antike neu erzählt

Helden. Heroes. Heroen. Als Kind und Teenager wurde ich nicht müde, mithilfe diverser (halb)göttlicher Helden der griechischen und römischen Mythologie dem zuweilen tristen Alltag zu entfliehen. Meine allererste Begegnung mit diesen coolen Typen hatte ich als Schulkind im Alter von 11 Jahren – in den Lesebüchern der fünften und sechsten Klassenstufe fanden sich mehrere phantastische Nacherzählungen griechischer Heldensagen. Ich kämpfte, bangte und litt mit Odysseus und Herakles. Im Kino unserer Kleinstadt lief mindestens einmal jährlich Desmond Davis‘ Film „Kampf der Titanen“ (1981), in dem der tapfere Perseus gegen allerlei furchteinflößendes mythisches Personal antreten muss, ehe er die liebreizende Andromeda zärtlich in seine starken Arme schließen kann.

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Apophis – Schlange, Schildkröte, Sandbank Oder: Von der Dunkelheit

Die dunkle Jenseitsschlange Apophis, wie sie die schwarzen Sandbänke der Zeit Nacht für Nacht gegen die Götterbarke wirft, sich hütend vor den Klingenblicken von Tefnut und Seth. Wie sie ihre Schlingen gelegt hat durch die Stunden des „Amduat“, um die Toten stolpern zu machen auf ihren Wegen in die Rechtschaffenheit des nächsten Raums, die Blüten der anderen Welt, auf die man ein Leben wartet. Ist es der Gott aus den westlichen Wüsten, der sie unter den Kiel stupst, die Götterkatze, die einst ihren Kopf gewinnt, aus dessen Verlöschen ein ruhiges und ungestörtes Paradies rührt? Man kann es nicht sagen, man weiß es erst, wenn es geschieht und man noch nicht ahnt, was dem vermodernden Fleisch des Reptils dann entspringt – aber versuchen will und muß man es auf seiner Reise durch die Nacht, in kätzischer Eleganz, das Messer der Pupillen fest in den Pranken. Es kann nicht mehr schlechter werden.

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Beatrice oder Die verklärte Herrin

Ein Gruß

Diese Liebesgeschichte beginnt so einfach, dass mancher, der über Dante schrieb, sie als unglaubwürdig und romanhaft bezweifelte oder ganz verwarf. Warme Frühlingssonne erleuchtet die Hügel der Toskana und die Gassen und Gärten der Stadt am Arno. Florenz ist schon eine der größten europäischen Städte dieser Zeit. Noch überragen nicht die weit ausladend gewölbte Kuppel Brunelleschis und der marmorweiße Campanile Giottos die ziegelroten Dächer. Sondern die düsteren, schmucklosen Wohntürme der untereinander vielfach zerstrittenen Adelsgeschlechter werfen, wie es heute nur noch in San Gimignano zu sehen ist, ihre Schatten auf ärmlichere Quartiere. Es ist der 1. Mai des Jahres 1274. Der begüterte Kaufmann Folco Portinari gibt in seinem Garten mit Musik, Wein und Speisen ein Blütenfest. Eingeladen sind Geschäftsleute und Nachbarn, unter ihnen auch die zum niederen Adel gehörende Familie Alighieri. Ihr Sohn Dante, noch nicht ganz neun Jahre alt, erblickt zwischen den spielenden Kindern Bice, die Tochter des Hauses. Das rote Kleid leuchtet im frischen Grün des sprießenden Laubes. Sie steht, bezeugt der Dichter später, „im Beginn ihres neunten Lebensjahres“.

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Vergil und Dante oder: Handschlag der Klassiker

Am Karfreitag des Jahres 1300 verirrt sich ein Wanderer in einem furchteinflößend finsteren und dichten Wald, weil er von seinem Weg abgekommen ist. Als er den Waldrand erreicht hat, erblickt er eine Anhöhe, über der gerade die Sonne aufgeht. Er kann sie aber nicht erreichen: Drei wilde Tiere nähern sich ihm bedrohlich, eine Pantherkatze, ein Löwe und eine Wölfin. Der Wanderer weicht erschrocken zurück …

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