Die Vorstellung, dass Dichter nur in ihrer Muttersprache schreiben können und dass Literatur einsprachig sein müsste, ist ein Mythos, der langsam abgebaut wird. (Ilija Trojanow)
Die Norm der Einsprachigkeit reguliert Ein- und Ausschlüsse im Literaturbetrieb. […] Es geht um die Befreiung aus unbewussten, unreflektierten Prädispositionen und Vorurteilen der ‚einheimischen‘, naturalisierten Kultur. (Ilma Rakusa)
Zwischen Kopfsprache (inneres Denken) und Schreibsprache (Verschriftlichung)
Der Mythos von der Einsprachigkeit, in der Literatur oft auch als „monolingualer Habitus“ bzw. „monolinguale Matrix“ bezeichnet, bezieht sich auf die im 19. Jahrhundert aufgekommene Vorstellung, dass ein Autor und seine literarischen Texte fest an eine angeblich homogene „Nationalliteratur“ gebunden sein müssen; die historisch bedingte Mehrsprachigkeit wurde dabei ignoriert bzw. als unrein oder minderwertig eingestuft. Das Einsprachigkeitsparadigma kann somit als eine Erfindung der Neuzeit angesehen werden, die im Namen des „nation building“, einen „einheitlichen Kommunikationsraum“ herstellen und „kulturelle Homogenität“ (Dembeck/Mein, 2012,133) garantieren sollte. Im deutschsprachigen Raum ist die enge Verbindung von Sprache und Nation vor allem mit Jakob Grimm und seiner Schrift „Über den Ursprung der Sprache“ (1858) verbunden: „[D]ie kraft der sprache bildet völker und hält sie zusammen, ohne ein solches band würden sie sich zersprengen“ (Grimm, 1858, 30). Ähnliche Auffassung von der Koppelung von Staat, Volk und Sprache finden wir auch bei Herder, der eine untrennbare Einheit von „Sprache, Nation und Denken“ (Herder 1767) postuliert. Dabei war für Herder die „Sprache als Seele des Volkes“ das herausragende menschliche Kulturerzeugnis, in der sich die „Weltwahrnehmung des Menschen“ und die „Vernunft eines Volkes“ verdichtete (Herder 1767). So beschrieb Herder Kulturen teils als in sich geschlossene „Kugeln“ bzw. „Inseln“, die einen eigenen Schwerpunkt besitzen und nicht ineinander übergehen können. In der Stärkung der „Muttersprache“ sah er die Voraussetzung für eine authentische „Nationalliteratur“ (Herder 1767). Allerdings ist diese einseitige Zuschreibung in der modernen Forschung umstritten, da Herder selbst polyglott war; eine rein einsprachige Existenz war ihm fremd und seine Werke lebten von Übersetzungen und dem Austausch der Kulturen. Der Herder-Mythos besteht aber auch darin, auf welche Weise Herder instrumentalisiert wurde, wie die Muttersprache als ein „Kulturkern“ aufgefasst wurde (Herder 1767). Dementsprechend basierte dieser Mythos auf einer selektiven, stark verengten Lesart seiner sprachtheoretischen Schriften, die für den monolingualen Nationalismus im 19. Jahrhundert ausgenutzt wurden, während seine eigene Schreibpraxis, die kulturell pluralistisch und am Kulturtransfer interessiert war, zumeist ausgespart blieb. Dem Mythos der Einsprachigkeit entsprechend sollten Nationalschriftsteller in ihrem Schreiben monolingual sein, biete doch diese eine Nationalsprache dem Schriftsteller die besten Ausdrucksmöglichkeiten und ermögliche ihm, sich gegenüber anderen (fremden) Sprachen und Kulturen abzugrenzen. Regionale Dialekte, Minderheitensprachen wie auch sprachliche Einflüsse von außen wurden aus der „Nationalliteratur“ verdrängt. Moderne literaturwissenschaftliche Erörterungen, wie beispielsweise über die Ein- und Mehrsprachigkeit als literarische Ästhetik, zeigen dagegen, dass monolinguales Schreiben mehrheitlich als eine historische Ausnahme gelten kann. So bricht das Konzept der Mehrsprachigkeit und der inneren Mehrsprachigkeit zunehmend mit dem traditionellen Mythos der Einsprachigkeit.
Die polarisierenden Debatten um Einsprachigkeit versus Mehrsprachigkeit können als eines der spannendsten Themen in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur gelten. Die „äußere“ Sprache dient dabei nicht allein nur als Werkzeug, sie ist vielmehr die erlebte innere Resonanz, begriffen als ursprünglicher Quell, als innere Reflexion, als intuitives Instrument das sprachlich-kulturelle Sein aus sich heraus auszudrücken bevor es nachfolgend schriftlich fixiert wird. Es geht also hier um die „innere Stimme“, um die poetische Umschreibung der „Sprache in mir“ (Kijowska 2016). Hierbei geht es auch darum, die traditionell enge, innige Verbindung von der Erstsprache bzw. ihren körperlichen, kulturellen wie emotionalen Bezug zur „Mutterzunge“ auf dem Weg zum eigenen „literarischen Ich“ aufzuzeigen. Dieses dialogische Prinzip der inneren Mehrsprachigkeit beschreibt somit das schöpferische Zusammenspiel verschiedener sprachlicher Varietäten innerhalb einer Sprache, um das Sprachbewusstsein zu fördern und damit Mehrstimmigkeit wie auch soziale und kulturelle Unterschiede aufzuzeigen. Die „Sprache in mir“ zeigt sich zunächst als ein reines Empfinden, sie besteht aus einem intuitiven Fluss aus Gedanken, Emotionen und Bildern; sie kann aber auch als eine Form der „inneren Mehrsprachigkeit“, als „Schreiben im Kopf“ oder als eine Art „Sprachmischung“ begriffen werden. Eine solche innere Mehrsprachigkeit kann alle „Sprachformen“ betreffen, die innerhalb eines zur Verfügung stehenden „Sprach-Repertoires“ eingesetzt werden; das gilt auch für das Spannungsfeld zwischen Mundart und Hochsprache. Dabei kann eine Kluft zwischen dem in der Kopfsprache Gedachten, Gefühlten und dem in der Schreibsprache Ausgedrückten entstehen, kann zuweilen auch zu einer Flucht aus der Erstsprache führen. Zur kritischen Überprüfung mag dabei das laute Lesen dienen, und Kopfgedanken können zunächst aus einem natürlichen Zwang heraus mit der Hand aufgeschrieben werden. Diese Arbeitsweise dient als bewusste Disziplinierung, um den Textfluss zu bremsen und dem gedanklichen Prozess eine tiefere Verbindlichkeit zu geben und das „vorschnelle Entgleiten der inneren Wahrheiten zu vermeiden“, äußert der Schweizer Erfolgsschriftsteller Nelio Biedermann (Farkas 2025). Zu hinterfragen wäre bei weiteren Vertretern der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur, in welcher Sprache dieser innere Monolog, dieses poetische Gedankenspiel, diese Intuitionen entstehen. Oder aber, ob sich diese Überlegungen möglicherweise überhaupt einer konkreten Sprache entziehen. Aufschlussreich ist weiterhin, wie das Konzept einer textinternen, textübergreifenden Mehrsprachigkeit u. a. in einer latenten, unterschwelligen, ursprünglichen sprachlichen Präsenz realisiert wird. Würde das möglicherweise bedeuten, dass es eine Art noch nicht strukturierter, innerer „Ursprache“ aus Klängen, Farben, Assoziationen und Emotionen gibt, die es gilt in einem weiteren Schritt einzufangen und in eine konkrete, künstlerisch verdichtete Sprache zu überführen? Wäre in diesem künstlerisch-kreativen Prozess unsere präverbale Erfahrung damit weitreichender als unser tatsächlich zur Verfügung stehender Wortschatz? Haben wir es in der Tat mit einer Art des „Über-Setzens“ von der „inneren Stimme“ im Unterbewussten zum „Symbolisch-Konkreten“ in der (Schreib-)Sprache zu tun, in welcher die präverbale „poetische Essenz“ durch den tatsächlich vollzogenen Akt des Aussprechens bzw. Formulierens, des schriftlichen Festhaltens und Ausdrückens erst ihre konkrete Form erhält (Dembeck/Uhrmacher 2016)? Ein weiterer interessanter Aspekt ist das „Scaffolding“, das sich auf die Frage bezieht, inwieweit die innere sprachliche Stimme als eine Art Gerüst im Verlaufe des Schreibprozesses bis hin zum „Fading“, dem Abbau der sprachlichen, stilistischen und narrativen Hilfs- bzw. Leitkonstruktionen in einem sprachlich heterogen erscheinenden Text dienen kann. Dabei kann ein solches literarisches „Scaffolding“ (Kniffka 2019) temporär, oder aber auch dauerhaft, im Schreibprozess fungieren und zwar in Form von narrativen Einbettungen (diegetisches Scaffolding) in einer metaphorischen, inneren Mehrsprachigkeit, in der gezielt anderssprachige Realien und (Code-)Wörter in die Erzählperspektive eingestreut werden (Ivory 2024). Aufschlussreich ist, ob und wie entsprechende sprachlich-kulturelle Spuren, Realien und Bilder, wie Syntax, Metaphorik, Redewendungen, wie Rhythmus und Klang der Herkunftssprache, bewusst oder unbewusst, in die Schreibsprache eingewebt werden. So wird beispielsweise in Nelio Biedermanns gefeiertem Roman „Lázár“ (2026) das Ungarische, das der Schweizer Schriftsteller selbst nur ansatzweise kennt, zielgerichtet als ein „atmosphärisches Stilmittel“ genutzt, das heißt die eingestreuten ungarischen Realien, Namen und Ausdrücke verleihen dem Text zusätzlich eine exotische, geheimnisvolle und melancholische Färbung; sie spiegeln auf diese Weise die tiefe Verwurzelung seiner aus der ungarischen Adelsfamilie der Lázárs stammenden Figuren in der untergehenden ungarisch-österreichischen Donaumonarchie wider. Zugleich stellt der ungarische Kontext auch den Bezug zur ungarischen literarischen Tradition her. Aufgrund seiner überhöhten ungarischen Familiengeschichte, aber auch des gewählten ungarischen Titels, „Lázár“, wird der Roman, der im Frühjahr 2026 in der ungarischen Übersetzung erschien, von seinen ungarischen Lesern als Abgesang auf das alte königliche Ungarn gelesen. Damit kehrt der gefeierte deutschsprachige Roman mit Hilfe der ungarischen Übersetzung in die Sprache und den kulturellen ungarischen Kontext zurück, aus denen seine zentralen Motive hervorgegangen sind.
Literarische Einsprachigkeit auch den bewussten Verzicht auf das Code-Switching, auf das Experimentieren mit mehr als nur einer Sprache, denn diese allein soll nur zur gesellschaftlichen Teilhabe führen. So wird die deutsche Literatursprache u. a. von Migrationsschriftstellern als ein zentrales Aneignungs- und Integrationsmedium genutzt, um sich zielstrebig in das deutschsprachige literarische Feld einzuschreiben. Damit wird es auch Schreibenden mit Zuwanderungsgeschichte ermöglicht, ihre Lebensgeschichten in die Sprache eines gemeinsamen deutschsprachigen Kulturraums zu integrieren. Auf diese Weise können sie sich als ein wichtiger Bestandteil der Kultur- und Literaturszene des Aufnahmelandes positionieren. Das Aufbrechen bisheriger einsprachiger Normen wird heute zumeist als eine lobenswerte Entwicklung begrüßt. Einsprachigkeit in der Literatur wird dabei größtenteils als ein veralteter, historisch überlebter Mythos gewertet, der sich in erster Linie auf Nationalstaaten und „Nationalliteraturen“ bezieht und Mehrsprachigkeit und Multikulturalität leugnete. Vorstellungen von einer möglichen Rückkehr zur Einsprachigkeit in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur scheinen in einem spürbaren Kontrast zur gelebten hybriden, mehrsprachigen und transkulturellen literarischen Praxis zu stehen, sie werden zumeist als eine Beschränkung der künstlerisch-poetischer Freiheit angesehen. Ein derartiger „monolingualer Habitus“ scheint der Erkenntnis entgegenzustehen, dass Sprache und Identität dynamische Prozesse sind. Allerdings galt die deutsche Literatursprache lange Zeit auch bei Autoren mit „Migrationshintergrund“ als ein (einsprachiges) Ideal, um in die deutschsprachige Literaturlandschaft aufgenommen zu werden. Dabei wird das polarisierende Etikett „Post-Migrationsliteratur“ von zahlreichen literarischen Vertretern als stigmatisierend und im Bezug auf ihre Biographie als ausgrenzend abgelehnt. Andererseits gewinnt die „Stimme in mir“ gerade in dieser Literatur in Dialogform, in Fragen der Identität und Selbstbestimmung und in einer verorteten Gesellschaft zunehmend an Aufmerksamkeit. Zahlreiche Autoren verhandeln die Erinnerungen und Traumata ihrer Eltern bzw. Großeltern in vermittelten bzw. erworbenen Erzählungen. Dabei wird die „innere Stimme“ zu einem literarischen Echo der eigenen Familiengeschichte, das mit der eigenen Befindlichkeit in den deutschsprachigen Ländern abgeglichen wird. Das generationelle Gedächtnis lässt dabei Realien und Codewörter in der weitgehend verklungenen Eltern- bzw. Großelternsprache jenseits der gewählten Schreibsprache wieder aufklingen. Die Debatte um eine Rückkehr zu einer elaborierten, auch aus ästhetisch Gründen angeeigneten Einsprachigkeit bezieht sich auf eine Tendenz, bei der literarische Texte ausschließlich in der deutschen Standardsprache verfasst werden, ohne dass diese mit Mehrsprachigkeit oder transkulturelle Kulturcodes vermischt werden. Fehlerhaftes „Gebrochenes Deutsch / broken German“ (Tomer Gardi 2016) bzw. „Gastarbeiterdeutsch“ oder „Kanak Sprak“ als „Mißtöne vom Rande der Gesellschaft“ (Feridun Zaimoglu 1995) werden in sprachlich klar und meisterhaft beherrschten deutschsprachigen Texten oft bewusst vermieden. Autoren und Autorinnen nichtdeutscher Herkunft wehren sich häufig dagegen, allein nur auf ihre Herkunft bzw. die Herkunft ihrer Großeltern oder Eltern reduziert zu werden. Sie wollen stolz ihre Kontrolle über den Schreibprozess in der deutschen Sprache demonstrieren, literarische Identität jenseits von ethischen Kategorien konstruieren, um damit uneingeschränkt als Teil der deutschsprachigen Literatur wahrgenommen zu werden. Mit einer bewusst zur Schau gestellten deutschen Einsprachigkeit wollen sie mit Erwartungshaltungen des deutschen literarischen Marktes, mit dem ihnen immer wieder zugeschriebenen Migrationshintergrund wie multilingualen Praktiken brechen, um eine klar definierte Heimat in der deutschen Sprache zu finden. Zuschreibungen wie ihre Zugehörigkeit zu einer „migrantischen zweiten oder dritten Generation“ lehnen sie ebenso vehement ab, wie den Zwang automatisch hybride Texte zu schreiben.
Die Existenz einer offensichtlichen wie latenten vielstimmigen Literatur im deutschsprachigen Bereich ist bei allen Varietäten der deutschen Sprache, die innerdeutsche inbegriffen, nicht zu leugnen, auch wenn diese von neoliberalen und deutsch-nationalen Kräften erneut in Frage gestellt wird. Der Mythos von der angeblichen Einsprachigkeit erweist sich zumeist als eine Fiktion; es ist ein Mythos, der mit der tatsächlichen gegenwärtigen kulturell-literarischen Wirklichkeit nur noch wenig in Einklang zu bringen ist, aber dennoch immer wieder neu thematisiert wird. Die „multilinguale Wende“ (multilingual turn) wird dabei ignoriert. Dieser Auffassung zufolge wäre jedem Individuum also nur eine Sprache in einer natürlichen Sprachgemeinschaft eigen, die als Grundlage für die Herausbildung staatspolitischer Einheiten genutzt werden könne. Demzufolge wäre Mehrsprachigkeit nichts weiter als eine bloße Vervielfältigung von Einsprachigkeit, die als ein grundlegender Katalysator der Aufklärung, der Alphabetisierung, der Gesetzgebung, des nationalen akademischen Lebens und der einsprachigen, auch übersetzten Literatur erhoben wird. Die gegenwärtige Forschung ist sich allerdings nicht einig, welche Vor- und Nachteile Einsprachigkeit mit sich bringt. Ignoriert nicht die Konzentration auf die allgemeine „Sprachigkeit“, egal in welcher Form auch immer, Ein-, Zwei-, oder Mehrsprachigkeit, die lebenden Sprecher und deren Sprachpraxis? Welche Sprecher bzw. Schreiber haben dieses „Eins-Werden“ in der Sprache überhaupt benötigt und welche Rolle hat dabei die nationale Literatur gespielt? Hat nicht der Mythos von der Einsprachigkeit auch eine historische Dimension? Stimmt unser Bild von den Repräsentanten einer „Nationalliteratur“ aus heutiger Sicht überhaupt noch? Wurden nicht zahlreiche, heute als „Nationalschriftsteller“ geltende Autoren nur einer einzigen verpflichtenden Nationalsprache zugeschrieben? War nicht der aus dem historischen Litauen stammende polnische Schriftsteller Adam Mickiewicz von einem litauischen Heimatdichter zum polnischen Nationalschriftsteller gemacht? Und wie ist in diesem Zusammenhang der Beginn des polnischen Nationalepos „Pan Tadeusz“, „Litauen du mein Heimatland“ zu erklären (Trepte 2007)? Es war u. a. die nationale Wiedergeburt im östlichen Europa, die zur Schaffung einer Kultur- und Sprachnation ohne eine bestehende Eigenstaatlichkeit beigetragen hatte. So trug die nationale Wiedergeburt in Böhmen zur Entwicklung des Tschechischen von einer Volkssprache zu einer modernen Literatursprache bei. Ihre Vertreter wie Josef Dobrovský oder Josef Jungmann gelten als nationale „Erwecker“, die ihre patriotischen Schriften allerdings zunächst in deutscher Sprache schrieben und Übersetzungen aus dem Deutschen als sprachlich-stilistisches Werkzeug nutzten. Ähnliches könnte auch über die Repräsentanten der „Nationalen Wiedergeburt“ in weiteren Literaturen, so der ukrainischen, litauischen, belorussischen und sorbischen gesagt werden.
Mythos deutsche Einsprachigkeit versus innerdeutsche Zweisprachigkeit in zeitgenössischen literarischen Erinnerungen (an die DDR)
Mit dem Vollzug der deutschen Einheit kam es zu einer bis heute fortdauernden kommunikativen Verunsicherung, die auf das stark formalisierte, wenig verständliche, geradezu fremd wirkende westdeutsche Beamtendeutsch zurückzuführen ist, das nach 1990 auf das offizielle SED-Deutsch in der Verwaltungssprache der DDR traf. Dabei offenbarte sich eine deutliche soziologische und sprachliche Kluft zwischen dem durch den DDR- Alltag geprägten ostdeutschen Sprachgebrauch und dem westdeutschen, stark mit Fremdwörtern durchsetztem Beamtendeutsch; es offenbarte sich ein sprachlicher Riss, der sich auch in der Literatur bis heute zeigt. Diese deutsch-deutsche sprachliche Befindlichkeit wird zum Teil auch unter dem Aspekt „postkolonialer Perspektiven auf das östliche Europa“ (Frysztacka 2025) betrachtet und zwar in einem Spannungsfeld zwischen dem staatlichen und kulturpolitischen Selbstverständnis der DDR, dem sogenannten „Kaderwelsch“ und den überstülpten sprachlichen Normen der alten Bundesrepublik, die in Folge der postsozialistischen Transformation und des u. a. auch als „Anschlusses“ interpretierten Wiedervereinigung nach 1990 übernommen wurden. Das führte zu einem deutlichen Sprachwandel, der bis heute als eine Form der ökonomischen, gesellschaftlichen, kulturellen und sprachlichen „Kolonisierung“ angesehen wird. Nach wie vor sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland hör- und sichtbar, auch in einem typischen Code-Switching zwischen der Alltagssprache und dem gesteuerten offiziellen Sprachgebrauch. Entsprechende wissenschaftlich vertiefte Einschätzungen und Wertungen bedürfen eines kompetenten soziokulturellen Hintergrundwissens und entsprechender kommunikativer Rahmenbedingungen über die Sprache und den Sprachgebrauch in der DDR, die nicht ex post und einseitig aus einer besserwisserisch-westdeutschen Perspektive gewertet und interpretiert werden dürfen. Zumeist völlig unverstanden bleibt dabei die zweideutige, kritisch, ironisch-sarkastische Idiomatik in einer fast ausschließlich nur mündlich weitergegebene „andere“ deutschen Sprache wie beispielsweise „Mumienexpress“, „Betonköpfe“, „Rotlichtbestrahlung“, „falten gehen“, „endversorgt“, „Horch und Guck“, „Rennpappe“, „Erichs Dröhnung“, „rote Socke“, „Bückware“. Hinzu kommen ostdeutsche Doppelbedeutungen wie Schallplattenunterhalter, Stadtbilderklärer, Zellstofftaschentuch, Gliedermaßstab, Polylux, Broiler, Patenschaft, Kollektivbewusstsein.
Die ostdeutsche Erinnerung an die DDR und an die „Wende“ scheint auf den ersten Blick ein generationsspezifisches Narrativ in der deutschsprachigen Literatur zu sein und bezieht sich in erster Linie auf die Generation der „Zonenkinder“ (Jana Hensel). Die „Generation Mauer“ (Ines Geipel) erfährt allerdings mit den nachfolgenden Generationen eine merkliche Entgrenzung (Norkowska 2020). Sprachlich kommt es zu einer Neuorientierung, zu einer Abkehr vor allem vom politisch und staatlich reglementierten DDR-Sprachgebrauch, zugleich aber auch zu einer Auseinandersetzung mit dem neuen, westdeutsch dominierten Diskurs im vereinten Deutschland. Die sprachliche wie literarische Verarbeitung erfolgt in mehreren Phasen über mehrere Generationen hinweg, sie reicht von der erwähnten „Wendeliteratur“ über die Literatur der „Nachgeborenen“ bis hin zur „dritten Generation (Ost)“. Dabei hält der Literaturstreit über die Deutungshoheit ostdeutscher Geschichte, über ostdeutsche Gesellschaft, Literatur und sprachliche Besonderheiten, der bereits 1990 um Christa Wolf entbrannt war, bis heute fast ununterbrochen an. Christa Wolf reflektierte über das Schweigen und den Verlust der alten ostdeutschen Wortbedeutungen als einem vollzogenen Sprachwechsel wie folgt: „Wir haben nicht nur unsere Systeme gewechselt, sondern mussten auch eine neue Sprache lernen, um im eigenen Land nicht fremd zu wirken. Westdeutsch musste zum Teil wie eine Fremdsprache gelernt bzw. besser angeeignet werden“ (Samson 1999). Der importierte Sprach- und Codewechsel wurde von „Aufbauhelfern“, die spöttisch auch als „Kolonialbeamte“ bezeichnet wurden, mit besonderem Eifer und Elan vorangetrieben. Diese wurden mit Hilfe einer Sondervergütung, „Buschgeld“ oder auch „Buschzulage“ genannt, in den „wilden Osten“ gelockt. Die offenkundige sprachliche und kulturelle Distanz hält bis heute an. Kritisiert wird diesbezüglich vor allem die westdeutsche Sicht und Interpretation. Die westdeutsch dominierte Einsprachigkeit wird dabei immer wieder in Frage gestellt, die sich in einer falsch verstandenen „ostdeutschen Sprache“, in der sprachlichen Kluft zwischen der DDR-Vergangenheit und der gesamtdeutschen Gegenwart, aber auch in einem „gefälschten Wortschatz“ im Spannungsfeld zwischen Bewahren und Anpassen zeigt (Strittmatter 2026). Dabei handelte es sich nicht nur um einen durch die Realitäten in der DDR geprägten Wortschatz, sondern auch um eine spezifische, codierte, doppelbödige Sprache, die zumeist nur von den Eingeweihten, den „Eingeborenen“ verstanden wird. Damit wird der postulierte Mythos von der sprachlichen Einheit der deutschen Sprache in Frage gestellt. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang der Roman „Gittersee“ (2023) von Charlotte Gneuß exemplarisch angeführt, der eine heftige Debatte um die Deutungshoheit von Geschichte, Gesellschaft, Kultur und Sprache in der DDR auslöste. Gneuß, 1992 in Westdeutschland geboren, wird vorgeworfen, dass so in der DDR doch kein Mensch gesprochen habe. Die Schriftstellerin, die fiktional über eine in Dresden verbrachte Kindheit schreibt, hat die gesellschaftlichen und sprachlichen Gegebenheiten nicht ausreichend genug recherchiert. Der in Dresden sozialisierte ostdeutsche Schriftsteller Ingo Schulz verfasste eine Mängelliste mit den von Gneuß begangenen historischen und sprachlichen „Unrichtigkeiten“ (Kegel 2023). Zwar war das gesellschaftliche und politische System der DDR in Folge der friedlichen Revolution von 1989/1990 verschwunden, doch die Menschen mit ihren Verletzungen, Verlusten, ihren sozialen wie sprachlichen Eigenschaften waren immer noch da, existieren weiter. Die Traumata der Vergangenheit sind nicht tot, sie werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die sprachlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Brüche gilt es auch literarisch auszusprechen und nicht zu beschönigen, geht es doch um das Ringen um die eigene ostdeutsche Befindlichkeit und Perspektive. Zu hinterfragen ist in diesem Zusammenhang, ob sich die deutsche Gegenwartsliteratur von der Idee einer reinen Einsprachigkeit löst, sich hin zu einer dynamischen inneren Mehrsprachigkeit bewegt und sprachliche Varietäten entwickelt. Es handelt sich hier um zeittypische, regional gefärbte und unterschiedlich sozialisierte Sprachwelten als prägende Stilmittel innerhalb einer Literatursprache, eines „Deutschen ohne Grenzen“ (Eder 2015). Es ist ein zuweilen ein trotzig erscheinendes „auch-Deutsch“, ein nicht normiertes Deutsch, ein anderes Deutsch, das auch als eine ästhetische Strategie in der deutschen Gegenwartsliteratur aufgefasst werden kann. Dabei geht es um das Zulassen von Erinnerungen an Lebenswelten, die in der Schwebe bleiben zwischen sprachlich definierten Kulturräumen und vielschichtigen Identitäten. Das schließt auch den verhaltenen Widerstand der Literatur gegenüber der sprachlichen Überfremdung, dem modernen, stark amerikanisierten „New Speak“ mit ein. In der ostdeutschen Sprachvarietät ist dagegen der Einfluss des Russischen stark zurückgedrängt worden, er bezieht sich nur noch auf einige wenige Entlehnungen und Wortübersetzungen wie Kader, Natschalnik, Pionier, Subbotnik, Tschapka, Datsche; geblieben ist u.a. die Soljanka auf ostdeutschen Speisekarten.
Im Zusammenhang mit dem Mythos der Einsprachigkeit kommt der nicht verstummten „ostdeutschen Stimme in mir“ eine wichtige Bedeutung zu, die sich auf die aktuelle literarische Auseinandersetzung mit der Sozialisation und Identität im vereinten Deutschland bezieht. Es geht um jenen „Seelenriss“ (Geipel 2010), der auf Erfahrungen und Erlebnisse sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik zurückzuführen ist und sich in einem häufigen Navigieren zwischen zwei verschiedenen kulturellen und sprachlichen Welten zeigen kann (Casper-Hehne 2008). Um diesen „Seelenriss“ einer Heilung zuzuführen, bedarf es einer eigenen, unabhängigen literarischen Stimme, um die gemachten ostdeutschen Erfahrungen zu etablieren. Es sind ostdeutsche Stimmen, die zunächst notorisch „wegerzählt“ wurden, Stimmen mit einem doppelten Bewusstsein und dem Vermögen zwischen den Zeilen zu lesen und Zwischentöne zu vernehmen. Ihre literarischen Repräsentanten vertreten eine unverfälschte, ostdeutsche Sicht, sie brechen mit der vorherrschenden westdeutschen Deutungshoheit. Oft geht es dabei um die Suche nach einem „dritten Raum“, um einen Austragungsort gesellschaftspolitischer und kultureller Positionen in „Gegengeschichten“ in einem Spannungsfeld von „Ver- und Entortung“. Die nicht mehr vorhandene DDR wurde ebenso wie Ostdeutschland nach der Vereinigung aus einer „Leerstelle“, aus einem „Nicht-Raum“ zu einem kulturell-literarischem „Imaginationsraum“. Diese bis heute anhaltende „Nicht-Wahrnehmung“ des Ostens war oft genug die Ursache für die Abwesenheit der Mauerkinder und die weggebrochene ostdeutsche Muttersprache. Es war nicht nur der Unterschied in der Sprache, der zu einer Sehnsucht nach Mythen und einem neuen Suchmodus führte. Es war die sächsische Schriftstellerin Jana Hensel, die mit ihrem Generationentext „Zonenkinder“ (Hensel 2002), 13 Jahre nach dem Mauerfall auf den Phantomschmerz der Einheitskinder aufmerksam machte. Eine Generation fing an über sich zu erzählen. In ihrem literarischen Werk „Umkämpfte Zone“ (Geipel 2019) analysiert sie Besonderheiten der ostdeutschen Sprachvariante im Zusammenhang mit der damit verbundenen Sozialisation in der DDR. Es ist das Leben in der DDR, das tiefe psychologische und gesellschaftliche Spuren in der ostdeutschen kulturellen Identität, in einem Underdog-Syndrom wie auch in der ostdeutschen Sprachprägung hinterlassen hat, die u. a. auch aus den nicht aufgearbeiteten Traumata der „Doppeldiktatur“ in Deutschland resultiert. Es war jenes miese Gefühl, trotz derselben Sprache deklassiert, diskriminiert zu sein. Immer wieder zeigten sich deutlich spürbare Trennwände. Der „Generation Mauer“, die ein vollständiges Leben vor 1989 hatte und sich ein vollständiges nach 1989 aufbaute, ging es um ein individuelles wie kollektives „Entschweigen“. Hinter den Wörtern, Ausdrücken und Redewendungen verbergen sich zumeist unterschiedliche historische, kulturgeschichtliche und biographische Erfahrungen. Und so schreibt Hensel nachvollziehbar: „Ich möchte, dass die Wörter an der Stelle richtige Wörter sind, Wörter, die sich auskennen, die sich beistehen, die nichts absorbieren, nichts abfedern, sondern die kenntlich machen“ (Geipel 2019). Und so erzählen nicht nur die Vertreter der Mauerkinder wegen all des Ungeklärten, Verschwiegenen, Verdrängten über ihre ureigenen Gründe für Freude, Trauer, Aufbegehren und Wut. Die Sprache, die ihnen blieb, war beschädigt, sie galt es neu zu erfinden. Das „Ost-Idiom“ glich dabei „einer leeren Hülle, die darauf wartet, neu gefüllt zu werden“ (Geipel 2019, 262), auch von den nachrückenden Generationen. „Das individuelle Selbst-Begreifen wird so als eine bis in die Gegenwart spezifische innerfamiliäre Herausforderung sichtbar, die exemplarisch für die Suche nach einem gesamtdeutschen kollektiven Selbstverständnis steht. Um in die Zukunft blicken zu können, müssen wir die Vergangenheit begreifen. Nur so können aktuelle politische Entwicklungen verstanden und produktiv begegnet werden“ (Michel/Grimm 2023).
Ein Beitrag von Dr. Hans-Christian Trepte
Literaturhinweise:
Hiltrud Casper-Hehne/Irmy Schweiger (Hg.): Deutschland und die „Wende“ in Literatur, Sprache und Medien. Interkulturelle und kulturkontrastive Perspektiven. Göttingen 2008.
Till Dembeck/Anne Uhrmacher (Hg.): Das literarische Leben der Mehrsprachigkeit. Methodische Erkundungen. Heidelberg 2016.
Till Dembeck/Georg Mein: Postmonolingual schreiben? Zum Jargon der Philologie. In: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 3 (2012), S. 133-147.
Jürgen Eder/Zdeněk Pecka (Hrsg.): Deutsch ohne Grenzen. Deutschsprachige Literatur im interkulturellen Kontext. Brno 2015.
Christoph Farkas: Warum schreibst du, Nelio Biedermann. NZZ 11. November 2025.
Clara M. Frysztacka: Der postkoloniale Blick auf das östliche Europa. Geschichte und Gegenwart eines erfolgreichen Ansatzes. In: Copernico 25.02.2025. https://www.copernico.eu/de/themenbeitraege/der-postkoloniale-blick-auf-das-oestliche-europa-geschichte-und-gegenwart-eines-erfolgreichen-ansatzes (06.08.2026).
Ines Geipel: Generation Mauer. Stuttgart 2020.
Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Stuttgart 2019. https://dorit-linke.de/blog/2019/03/18/herausragend-umkaempfte-zone-von-ines-geipel/ (06.08.2026).
Ines Geipel: Das Ding mit dem Osten. In: Frankfurter Allgemeine, 14.08.2019. https://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/das-ende-der-ddr-ines-geipel-ueber-das-ding-mit-dem-osten-16328498.html (06.08.2026).
Ines Geipel: Seelenriss. Stuttgart 2010.
Jakob Grimm: Über den Ursprung der Sprache. Berlin 1858.
Johann Gottfried Herder: Fragmente über die neuere deutsche Literatur. Riga 1767 und Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Riga 1784.
Jana Hensel: Zonenkinder. Reinbek 2002.
Alicia Ivory: Scaffolding Writing Instruction. HMH. 20.05.2024. https://www.hmhco.com/blog/scaffolding-writing-instruction?srsltid=AfmBOop0YIHE6DKueJznfDHFKppjKP0s0Tj6geFHGmymBf0f3TNl7DcQ (06.08.2026).
Sandra Kegel: Diskussion um „Gittersee“. War die DDR doch lecker? In: Frankfurter Allgemeine 20.09. 2023. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wie-lecker-war-die-ddr-ingo-schulzes-kritik-am-roman-gittersee-19188021.html (06.08.2026).
Marta Kijowska: Die Sprache in mir – Szczepan Twardoch und sein »Morphin«. In: NZZ. Feuilleton. 02.06.2016.
Gabriele Kniffka: Scaffolding. LMU. Sprache im Fach. 2019. https://epub.ub.uni-muenchen.de/61965/1/Kniffka_Scaffolding.pdf (06.08.2026).
Sabine Michel/Dörte Grimm: „Die anderen Leben. Generationsgespräche Ost. In: Deutschlandarchiv, 31.08.2023. https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/539597/die-anderen-leben-generationengespraeche-ost/ (06.08.2026).
Katarzyna Norkowska: Polyphonie ostdeutscher Erinnerung an die DDR. Zum generationsspezifischen Narrativ in autobiographischen Schriften. Oxford German Studies Volume 49 2020.
Gunhild Samson: Die »neue Sprache« bei Christa Wolf: Utopie und Wirklichkeit. In: GERMANICA, 25 (1999), S. 1-7.
Hans-Christian Trepte: Adam Mickiewicz (1798-1855) – Vom litauischen Heimatschriftsteller zum polnischen Nationalschriftsteller. In: Nordost-Archiv, Bd. 16 2007, S. 78-102.
Feridun Zaimoğlu: Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft. Hamburg 1995.
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.
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