Meine Reise zu heiligen und (un)heiligen Orten führt auf die Inseln Malta und Gozo. In drei Beiträgen berichte ich darüber für den Blog des Arbeitskreis Vergleichende Mythologie. Zwischen Sizilien und der nordafrikanischen Küste zentral im Mittelmeeres gelegen, wird die Hauptinsel Malta flankiert von der noch kleineren Insel Gozo und dem winzigen Eiland Comino. Der maltesische Archipel bildet nach Fläche und Einwohnerzahl das kleinste Land der Europäischen Union. Auf meiner maltesischen Reise interessierten mich vor allem die zahlreichen Großsteintempel, die sich hier über sechs Jahrtausende hinweg in erstaunlicher Anzahl erhalten haben. Diese Tempel wurden in der Jungsteinzeit zwischen 3800 v. Chr. und 2500 v. Chr. erbaut. Sie sind damit älter als die ägyptischen Pyramiden, älter als Stonehenge und gehören mit Çatalhöyük und Göbekli Tepe in der heutigen Türkei zu den ältesten freistehenden Gebäuden der Welt.
Malta, ein karger Kalksteinfelsen im Meer. Auf dem Stein, denke ich. Hier trifft es zu. Es gibt keinen Fluss und keinen Berggipfel, lediglich einige Höhenzüge im Norden, und nur wenige Trinkwasserquellen existieren auf der gesamten Insel. Die Vegetation ist spärlich seit der einstige Wald bereits vor Jahrtausenden verschwunden ist, besonders dicht, ja nahezu undurchdringlich hingegen ist die moderne Bebauung samt einem labyrinthischen Straßennetz rings um die Hauptstadt Valletta. Eine scheinbar endlose Stadtlandschaft, in der ein Ort in den nächsten nahtlos übergeht und den Neuankömmling in diesem Häusermeer vergessen lässt, dass man doch meist niemals weiter als drei oder vier Kilometer von der Küste entfernt ist. Auf dieser kleinen und kargen Insel trifft man aber überall auf eine verblüffende kulturelle Fülle, die zahlreiche Ankömmlinge und Eroberer seit Jahrtausenden hinterlassen haben. Denn Malta ist im Laufe der Geschichte immer wieder erobert, besiedelt und bebaut worden. Phönizier und Römer, Araber und Normannen, der Ritterorden der Johanniter, Franzosen und Engländer – sie alle haben ihre Spuren hinterlassen, die sich bis heute in Sprache, Bauwerken und Mentalität finden lassen.
Meine Begleiterin und ich haben in einem der schmalen mehrstöckigen Stadthäuser von Senglea Quartier bezogen. Ein scharfer Wind pfeift durch die Gassen, in denen man nur wenigen Menschen begegnet. Über steile Treppenstufen geht es hinunter zum Wasser, ein Gewirr von Masten ragt vor dem Marinemuseum empor. Zahllose Jachten liegen dort, eine venezianisch anmutende Atmosphäre herrscht. Die drei Städte Senglea, Vittoriosa (Birgu) und Bormla liegen auf schmalen Landzungen und sind nur durch den Grand Harbour, den großen Hafen, von der Hauptstadt Valletta getrennt. Gewaltige Befestigungsanlagen zeugen davon, dass die Johanniter nach ihrer Ankunft auf Malta sich zuerst hier niederließen, bevor auf dem gegenüberliegenden Ufer der Meeresbucht das Fort Sankt Elmo und die Festungsstadt Valletta erbaut wurden.
Nach ihrer Vertreibung von Rhodos durch die Osmanen im Jahr 1523 wurden die Johanniter zu Maltesern, Kaiser Karl V. überließ 1530 dem zunächst heimatlos gewordenen Orden die Inseln Malta und Gozo. Die mächtigen Mauerwerke und Forts erinnern noch heute eindrücklich an die Bedrohung, die damals jederzeit am Horizont in Form feindlicher Flotten auftauchen konnte. 1565 war es dann auch soweit: die gewaltige Flotte des osmanischen Sultans Suleiman erschien vor Malta. Nach erbitterten Kämpfen wurde das Valletta vorgelagerte Fort Sankt Elmo zerstört, die stark befestigten Städte Birgu und Senglea aber hielten den Angriffen stand. Doch das benachbarte Gozo wurde im 16. Jahrhundert immer wieder von osmanischer Korsaren überfallen, tausende Bewohner in die Sklaverei verschleppt. Der Ritterorden der Johanniter konnte sich lange Zeit auf Malta behaupten, erst Napoleon und nach dessen Niederlage die Engländer beendeten dessen Herrschaft auf Malta. Doch so viel auch über die Neuzeit bekannt ist, so wenig weiß man bisher über die erste Kultur auf dem maltesischen Archipel. Denn meine maltesische Reise führte mich vor allem zu den Megalithbauten, die sich hier über sechs Jahrtausende hinweg in erstaunlicher Anzahl erhalten haben. Diese Großsteintempel wurden in der Jungsteinzeit zwischen 3800 v. Chr. und 2500 v. Chr. erbaut. Sie sind damit älter als die ägyptischen Pyramiden, älter als Stonehenge und gehören mit archäologischen Stätten von Çatalhöyük und Göbekli Tepe in der heutigen Türkei zu den ältesten freistehenden Gebäuden der Welt.

Auf einer Anhöhe über dem Meer schweift der Blick übers offene Meer nach Süden. Weit draußen ragt ein einzelner Felsblock aus dem Wasser, ein Miniatur-Malta. Der Felsblock hat sogar einen Namen: Filfla. Ein unbewohntes sechs Hektar kleines Plateau, fünf Kilometer vor der Küste von Malta. Ich bin von Valletta hierher auf diese Anhöhe an der Südküste gekommen, um zwei der Großsteintempel zu besichtigen, die sich in unmittelbarer Nähe zu einander befinden. Ħaġar Qim auf der Hügelkuppe und wenige hundert Meter unterhalb Mnajdra. Beide sind seit 2009 jeweils von einer Zeltkuppel überwölbt, um die Steine der Tempel vor weiterer Verwitterung zu schützen. Ħaġar Qim vorgelagert ist ein Besucherzentrum, das grundlegende Informationen zu den steinzeitlichen Bauwerken und ihren Erbauern dokumentiert. Ohne solche Informationen bleibt der touristische Besucher ratlos im Angesicht der gewaltigen Steine, die er hier besichtigen kann. Die Umfassungsmauer der Tempelanlage ist im Laufe der Jahrtausende bereits stark verwittert. Abgeschliffen von Wind und Regen. Dennoch sind selbst die Überreste imposant: lange Reihen von Quadern aus Globigerinen-Kalkstein. Die beiden sich gegenüberliegenden Eingänge der Anlage sind in die Richtung der sommerlichen und winterlichen Mondwende ausgerichtet. So dass bei dieser Anlage auch die Funktion eines frühzeitlichen Observatoriums vermutet wird. Im Inneren steht man dann einer verwirrenden Anzahl kleiner Räume und Durchgänge gegenüber, die von einem Hauptraum abzweigen. Damit weicht Ħaġar Qim in seiner Anlage von der typischen Kleeblattform der maltesischen Tempel ab. Möglicherweise war die ursprüngliche Gestalt hier eine andere und es wurden im Lauf der Zeit Umbauten vorgenommen. Auch eine Orakelfunktion wird für eine der kleineren Kammern angenommen, da es darin eine Öffnung in der Rückwand gibt, durch die nach außen kommuniziert werden konnte. Mehrere Altarsteine lassen jedenfalls vermuten, dass unterschiedliche kultische Praktiken ausgeübt wurden. Einige der Steine sind mit Lochmustern oder Ornamenten – meiste Rankenmuster oder Spiralen – verziert. Und hier wurde neben anderen skulpturalen Fragmenten auch die Statuette einer Frau, die etwa 20 cm große „Venus von Malta“ gefunden, die, wie andere Funde auch, im Archäologischen Museum von Valletta zu sehen ist.


Auf Malta sind etwa 30 Tempelstandorte bekannt, einige gut, andere nur noch in Fragmenten erhalten. Diese Tempel sind zwar unterschiedlich in ihrer Größe und Lage, doch immer haben sie mehrere kleeblattartig angeordnete Räume, die eine ovale Form haben und allesamt von einer erhöhten Umfassungsmauer umgeben sind. Kurven und Wölbungen sind auffällige charakteristische Merkmale der Bauwerke. Die Konstruktion der Eingangstore besteht aus zwei senkrecht stehenden großen Tragsteinen, ein Deckstein jeweils liegt waagerecht auf, ein typisches Konstrukt der Megalitharchitektur.
Hagar Qim wurde ebenso wie Mnajdra und die anderen Tempel aus zugeschnittenen Werksteinen oder wenig bearbeiteten Bruchsteinen errichtet. Entsprechendes Baumaterial war und ist auf Malta mit zwei hier vorkommenden Kalksteinarten reichlich vorhanden: Vorherrschend ist Globigerinenkalkstein, der leicht bearbeitet werden kann, da er sehr weich ist. Steine aus diesem Material wurden besonders im Innenbau und für Skulpturen verwendet. Im Laufe der Zeit nahm die Oberfläche dieser Steine dann unter Lufteinwirkung eine rötlich- bis goldbraune Färbung an. Der wesentlich härtere Korallenkalkstein war schwieriger zu bearbeiten. Aufgrund ihrer Haltbarkeit wurden Steine aus diesem Material zumeist für den Außenbau, also die Umfassungsmauern verwendet. Sicher spielte es aber auch eine entscheidende Rolle, welche Gesteinsart in der Umgebung eines anzulegenden Kultplatzes jeweils vorhanden war.
Von Ħaġar Qim führt der Weg nach Mnajdra bergab, denn dieser Tempelkomplex liegt tiefer und näher am Meer. Eine Umfassungsmauer hat hier drei separate Tempel umschlossen, der älteste von ihnen soll vor etwa 5700 Jahren erbaut worden sein.
Über Funktionen und Bedeutung der Anlagen bestehen unterschiedliche Ansichten. Auch Mnajdra, so eine Vermutung maltesischer Archäologen, könnte unter astronomischen Gesichtspunkten erbaut worden sein. Zweifellos aber war es in seiner Zeit eines der bedeutendsten religiösen Zentren der Insel. Möglicherweise steht diese Anlage auch im Zusammenhang mit der – der Küste vorgelagerten – Felseninsel Filfla. Denn diese Insel war zur Zeit der Anlage von Mnajdra aufgrund des niedrigeren Meeresspiegels wesentlich größer als heute und vielleicht auch besiedelt. In diesem Fall wäre es von der Mnajdra-Bucht aus am günstigsten zu erreichen gewesen.


Ein Beitrag von Jörg Jacob
Jörg Jacob, 1964 in Glauchau geboren. Nach einer Ausbildung zum Polsterer war er freier Mitarbeiter der Leipziger Volkszeitung sowie Mitarbeiter einer Begegnungsstätte für Kunst und Kultur. 1998-2002 studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (Abschluss 2003). Nach Veröffentlichungen von Kurzprosa in namhaften Anthologien und Zeitschriften erschien 2006 sein Romandebüt. Jacob erhielt verschiedene Auszeichnungen und Stipendien, u. a. den Gellert-Preis für seinen Roman Das Vineta-Riff. Seit 2010 betreut er verschiedene Projekte und Schreibwerkstätten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Jörg Jacob lebt und arbeitet als freier Autor in Leipzig, zuletzt erschien Godot gießt nach/Herr Tod will leben, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2019, fluten, 2022, Aus der Stadt und über den Fluss: Zwölf Versuche über das Gehen, 2022 sowie Gefährten der Stille: Erzählung, 2024.
Literaturhinweise:
Hoffmeister, „Lesereise Malta“, Wien 2018.
Zaglitsch / O´Bryan, „Malta“, Stuttgart 2002.
Neubert, Die Tempel von Malta, Bergisch Gladbach 1988.
J. v. Freeden, Malta und die Baukunst seiner Megalith-Tempel, Darmstadt 1993.
Korn, „Das Geheimnis der Megalith-Kulturen“, München 2024.
Hahn, „Sonnentage – Mondjahre“, Leipzig 1989.
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