Hereinspaziert. Hereinspaziert. Die Sonne verspricht gute Laune. Und der Ort ruft. Vorfreude und Neugier liegen beim Betreten der Neuen Messe Leipzig in der Luft. Kakophonie, Kostüme und natürlich Bücher, Bücher, Bücher sind angesagt auf der Leipziger Buchmesse 2026. The same procedure … Ich reihe mich an den Scannern für den Einlass ein – der zuvor passierte Metalldetektor hat nicht gepiepste, erster Stresstext bestanden – und freue mich, wie reibungslos Technik und Orga-Konzept funktionieren; kein Frustschutz wie ein Jahr zuvor nötig. Ich werfe mich in den Trubel und von dem gibt es wie immer reichlich; wiewohl mir auffällt, dass es auf den breiten Verbindungsgängen oberhalb der Treppen keine zusätzlichen Veranstaltungsstände gibt. Stattdessen rasten dort Besucherinnen und Besucher, vom Mittagsloch übermannt, mit und ohne Bücherbeute.
Mein erster Anlaufpunkt ist Halle 5 und der Stand des mareverlags. Der Verlag publiziert seit 2002 rund um das Thema Meer, darunter u. a. Werk von Dracula-Autor Bram Stoker („Das Geheimnis der See“), Arthur Conan Doyle („Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“) oder der Roman „Erebus“ von Monty Pyton Darsteller Michael Palin, der die Geschichte eines jener Schiffe erzählt, welche Teil der legendären Franklin-Expedition auf der Suche nach der Nordwestpassage waren. Mir hat es in diesem Jahr das Sachbuch des niederländischen Historikers Adwin de Kluyver „Der geträumte Norden“ angetan. Der Norden, „das ist ein Gebiet der Abgeschiedenheit, niedriger Temperaturen und natürlicher Hindernisse, hoher Berge, tiefer Täler, endloser Ebenen und rauer Meere. […] Der Norden ist herausfordernd und gefährlich, doch auf seine seltsame Weise auch anziehend. […] Der hohe Norden ist letztlich nicht mehr als eine Idee, ein Sammelsurium aus Mythos, Traum, Sehnsucht und Klischee.“ (Der geträumte Norden, S. 12 f.) Nach all den immer noch währenden und wohl auch nie endenden Debatten um Ost und West (egal wie weit man diese geografisch fassen möchte) erscheint mir solch ein Richtungswechsel recht erfrischend zu sein. Auf die Lektüre freue ich mich schon jetzt und wünsche dem mareverlag mit seinem wohltuend anderen Buchprogramm, dass er auch angesichts der neuen digitalen Herausforderungen noch lange weiterbestehen mögen.
Um das Medium Buch und die Herausforderungen für Lektoren angesichts einer immer präziser arbeitenden KI ging es denn auch in einer der vielen Diskussionsrunden auf der Messe. KI ist nicht der Lage die Ästhetik eines Textes zu erschließen, hieß es unter anderem, allerdings eignen sich die aktuellen Versionen von ChatGPT schon jetzt durchaus für umfassende Korrektorate. Inwieweit aber KI die Arbeit von Lektorinnen und Lektoren ersetzen kann/sollte, daran schieden sich dann am Ende irgendwie die Geister im Abwägen von Risiken und Nebenwirkungen. „Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so schlau als wie zuvor“. Dann doch lieber in Halle 4 weiter nach haptischen Büchern gestöbert, als sich zu sehr in künstlichen Gedankenschleifen verlieren. Ich statt der Edition Hamouda einen Besuch ab, die 2025 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde und sich neben einer breiten Palette an Sachbüchern, vor allem dem Bereich Geisteswissenschaften widmet. So erscheint hier auch die Reihe Kleines Mythologisches Alphabet, in welcher Autorinnen und Autoren zu Kultur- und Religionsgeschichte und Literatur publizieren. Am gegenüberliegenden Stand von C.H.Beck, einem der Schwergewichte der Buchbranche, entdecke ich ein weiteres Buch, das am Ende in meinem Bücherbeutel landet; „Sokrates – Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert“ aus der Feder der in Chicago lehrenden Philosophie-Professorin Agnes Callard. Nicht die historische Person Sokrates steht hier im Mittelpunkt, sondern sein philosophische Methodik, angewandt auf die Postmoderne. „Es gibt eine Frage, der Sie ausweichen. Sogar jetzt, während Sie diesen Satz lesen, weichen Sie ihr aus. Sie sagen sich, dass Sie gerade keine Zeit haben. Sie sind voll und ganz damit beschäftigt, die nächsten 15 Minuten über die Bühne zu bringen. Es gibt so Vieles, das jeden Tag zu erledigen ist. […] Ihr Leben ist voll. Es gibt darin keinen Platz für die Frage: ‚Warum mache ich das überhaupt?'“ (Sokrates, S. 9) Das Buch regt an zum Fragen stellen, aber auch um miteinander ins Gespräch zu kommen, Gespräche jenseits von Social Media Geplänkel, die existentielle Fragen nach Sinn und Unsinn von Leben, Gesellschaft und dem alltäglichen Miteinander stellen.
Um Leben, Geist und vor allem Fantasie geht es in Halle 3, u. a. am Stand von Forgotten Creatures, wo man Sagengestalten und Fabelwesen sowohl in liebevoll bebilderten Romanen als auch in detailliert recherchierten Sachbüchern entdecken kann – in der dritten Expedition des Konstantin O. Bolt kommt es sogar zum Aufstand der Fabelwesen. Noch heute ist der Glaube an Zwerge, Einhörner oder Drachen höchst lebendig, faszinierend und wichtig nicht nur als Nervennahrung, sondern auch für die Verwurzelung unseres Selbst in einer Welt, die nicht nur aus rationalen Fakten, Alltagstrott und geplanten Strukturen besteht. Mithilfe eines (vorgesagten) Zauberspruchs am Stand erhält man eine besondere Karte. Meine handelt von der Buschgrossmutter. Diese stammt der Sage nach aus Thüringen, haust an der Saale und herrscht dort als Naturgeist über das Moosvolk. Für uns Menschen gilt sie als Schreckgestalt und so manche Kinder hat ihr Erscheinen wohl schon in die Flucht geschlagen. Natur will eben respektiert und auch mit der nötigen Aufmerksamkeit behandelt werden. Star Wars tragisch-ikonischer Bösewicht Darth Vader (wahrscheinlich nicht das Original) ist ebenfalls dieser Meinung, zumindest schreitet er hoheitsvoll am Stand vorbei und zieht so manche staunend-vorsichtige Blicke auf sich. Ich suche mein Heil ein wenig in der Flucht und komme am Stand der Mosaik vorbei. Die 1955 erstmals erschienenen DDR-Comics aus der Feder von Hannes Hegen (eigentlich: Johannes Hegenbarth), beginnend mit den Digedags (ab Ende der 1970er Jahre übernehmen dann die Abrafaxe), erfreuen sich auch heute noch – nicht nur bei Sammlerinnen und Sammlern – große Beliebtheit. Anlässlich des 125-jährigen Bestens der Neuen Bachgesellschaft gab es 2025 sogar ein Mosaik-Sonderheft mit dem Titel „Buben, Dame, König, Bach!“. Das gefällt bestimmt auch Bernd, das Brot, mit dem man sich am Rand der sogenannten Messe-Fressmeile (Büchermägen sind äußerst hungrig) fotografieren lassen kann. Auch Ernie und Bert in Lebensgröße geben sich an anderer Stelle die Ehre. Ein wenig Nostalgie muss schließlich sein. Vor allem auch wenn man es durch die Welt der Dark Romance (oder: Dark Romantasy) geschafft hat.

