„Die Leute haben ihre Sterne, aber es sind nicht die gleichen. Für die einen, die reisen, sind die Sterne Führer. Für die anderen sind sie nichts als kleine Lichter. Für wieder andere, die Gelehrten, sind sie Probleme. […] Aber alle Sterne schweigen. Du, du wirst Sterne haben, wie sie niemand hat …“ (Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz)
Heute schon geschaut, wie die Stene stehen? Vermutlich werfen die wenigsten allabendlich einen Blick nach oben. In Städten werden Himmelsbeobachtungen aufgrund der zunehmenden Lichtverschmutzung ohnehin immer schwieriger. Die Nacht ist nicht dieselbe wie vor tausenden von Jahren und doch irgendwie dieselbe. Paradoxon Dunkelheit.
Der Blick in die Sterne bedeutet für uns auch mehr oder minder regelmäßig das Horoskop zu lesen. Auswahl dafür existiert reichlich. Fast jede Tageszeitung oder Illustrierte wartet damit auf. Alternativ kann man durch unterschiedlichste Online-Seiten klicken oder sich dank einer schier unüberschaubaren Auswahl an Büchern so ausführlich wie möglich über Sternzeichen, Aszendenten, Mondzeichen, Konjunktionen etc. aufklären lassen. „Weißt du, wie viel Sternlein stehen…„
Schon in sumerischen Beschwörungsformeln aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. ist vom „Skorpion des Himmels“ die Rede. Die mit seiner Hilfe wachgerufene Magie sollte gegen reale Skorpione wirken. „Sie wird seine Hörner an die Erde binden. Sie wird seinen Schwanz an seine Seite legen. Ich werde ihn wie einen Stier neben ihr binden.“ (Vgl. die Übersetzung von Nicolas M. Gill in: Schicksal, S. 11)
Der „Skorpion des Himmels“ verweist auf das Sternbild Skorpion. Die Erwähnung ist die bislang älteste eines Tierkreiszeichens überhaupt. „Auch andere Sternzeichen […] haben Vorläufer, die sich über mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen lassen. So geht das Tierkreiszeichen Schütze auf ein Sternbild zurück, [das] die Babylonier nach [dem Kriegsgott] Pabilsag, dem Stadtgott von Larak, benannt hatten.“ (Ebd.) Larak, gelegen im heutigen Irak, zählte in sumerischer Zeit zu den frühen religiösen und politischen Zentren. Wenig verwunderlich also, dass in Mesopotamien nicht nur die astronomischen Wurzeln des Tierkreises liegen, sondern hier im 5. Jh. v. Chr. auch passenderweise die Horoskopie erfunden wurde. Weissagungen über die Zukunft sind so alt wie die Menschheit; ob Wolken, Feuer, Wasser, Handlesen, Wünschelruten oder Tarotkarten. Wir sind nicht nur fasziniert von der Vorstellung des eigenen Schicksals und dem Wunsch es ändern zu können, sondern suchen mittels Deutungen nach Ordnung, Sinn und Gewissheit im Leben. So viele Mythen und Geschichten hat der Himmel hervorgebracht, dass es fast folgerichtig erscheint, ihn auch für die Vorhersehung zu Rate zu ziehen. „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“
Der Himmel ist zudem leichter zu beobachten als die tiefe See oder das Innere der Erde. Früher gebrauchte man ihn ebenfalls zur Zeitrechnung. So ist der Tierkreis ursprünglich ein in zwölf Abschnitte gegliedertes astronomisches Koordinatensystem zur Berechnung von Himmelskörperpositionen. Ein Beispiel hierfür sind die Mondtabellen. Sie weisen nicht nur alle Vollmonde des Jahres aus, sondern u.a. auch deren Positionen im Tierkreis oder die Abstände zu Ekliptik, was wichtig war, um Finsternisse vorhersagen zu können. Die dazugehörigen Rechenanweisungen sind in sogenannten Prozedurtexten hinterlegt.
Jeder Abschnitt des Tierkreises erhielt seinen Namen von einem nahegelegenen Sternbild. Die Geschichten dahinter sind teilweise logisch, teilweise muten sie für moderne Ohren auch etwas skurril an. Der Wassermann etwa geht zurück auf den babylonischen Gott „Gula“ (der Große). Man stellte ihn sich als Riesen vor, aus dessen mächtigen Schultern Wasser floss. Der Stier wird zum einen mit dem babylonischen Himmelsstier assoziiert, zum anderen befinden sich in diesem Sternbild auch die Plejaden, Babylonisch „zappu“ genannt, was so viel bedeutet wie „Borste“ oder „Haarbüschel“. Im älteren Sumerischen nannte man sie MUL.MUL, was so viel wie „Sterne-Sterne“ meint. Die Plejaden haben bereits auf der bronzezeitlichen Himmelsscheibe von Nebra eine frühe Abbildung erfahren, hier allerdings ohne Sternbild-Bezug.
Der antiken Geschichte des Tierkreises widmet sich noch bis 10. Januar 2027 eine kleine aber feine Sonderausstellung im Neuen Museum Berlin. Geografische Schwerpunkte bilden dabei Mesopotamien, Ägypten und Kleinasien.
Anhand der gezeigten Exponate wird schnell deutlich, dass Abbildungen des Tierkreises eher im hellenistischen Ägypten zu verorten sind, die babylonischen Überlieferungen indes vornehmlich auf Keilschrifttexten beruhen. Anders als der „Skorpion des Himmels“ dessen Bedeutung in einen magisch-rituellen Kontext eingebettet ist, stammt die früheste detaillierte Sternzeichenbeschreibung aus der neu-assyrischen Zeit des 7. Jh. v. Chr.
„Die Großen Zwillinge sind zwei bärtige Figuren, die von einem kurkurru-Behälter begleitet werden. Über ihren Köpfen sind einzelne Sterne eingezeichnet. Die vordere Figur, die sich vor dem Kiefer des Stiers befindet, trägt eine Peitsche in der linken Hand. Die hintere Figur trägt eine Sichel-Axt in der linken Hand.“ (Vgl. VAT 09428, in: Ebd. S. 36; die Bedeutung von „kurkurru“ ist bis heute unklar)
Wir kennen die Zwillinge vor allem durch die griechischen Mythen des sterblich-unsterblichen Dioskuren-Paars Kastor und Pollux, deren Namen von den hellsten Sternen des Sternbilds stammen. Bei den Ägyptern konnten sie aber auch als Mann und Frau dargestellt sein und die Babylonier assoziierten sie gar mit zwei Unterweltsgottheiten. Besonders schön dargestellt sind sie im Tierkreis von Esna, welcher zur Deckendekoration des nachchristlich errichteten Tempels für den Schöpfergott Chnum gehört. Die ursprüngliche Farbenpracht der Zeichen kam allerdings erst durch die Renovierung zum Vorschein. Integriert sind hier auch die sogenannten Dekane.
Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. belegt, dienten sie ursprünglich der nächtlichen Zeitmessung, „indem 12 nacheinander aufgehende oder kulminierende Sterne die Nacht in Stunden gliederten. Um die tägliche Verschiebung der Sternaufgänge zu berücksichtigen, erschufen die Ägypter komplexe Dekanlisten […], die auch als diagonale Sternkalender bekannt sind.“ (Ebd. S. 44) Die Dekane galten zunächst als eigene Sternbilder, entwickelten sich aber später „zu wirkungsmächtigen, göttlichen oder dämonischen Wesen mit Einfluss auf Zeit, Schicksal, Leben und Tod“. (Ebd.) Diese Vorstellungen wurden in hellenistischer Zeit übernommen und in den Tierkreis integriert.
Im Gegensatz zur Darstellung des Tierkreises von Esna ist der Tierkreis aus dem Hathortempel des oberägyptischen Dendera (ca. 50 v. Chr.) tatsächlich kreisförmig und, man höre und staune, auch die einzig bekannte runde altägyptische Himmelsdarstellung. Eine vergrößerte Abbildung kann man denn auch im Neuen Museum bestaunen, wenn man im Mythologischen Saal einen Blick in die Höhe wirft. Auch hier finden sich die bekannten Tierkreiszeichen, die Planeten und Dekane wieder. Zudem sind einige besondere Sternzeichen aufgeführt, der heilige Rinderschenkel zum Beispiel, der etwa dem bekannten Sternbild des Großen Bären entspricht, oder das Sternzeichen der Göttin Taweret, ein aufrechtstehendes trächtiges Nilpferd mit Löwenbeinen, das sich ganz vornehm auf einen Stock stützt.


Dagegen kommen unsere bekannten Tierkreiszeichen doch recht konservativ daher, oder? Zumindest die Jungfrau ist wenig spektakulär. Immerhin reicht die Bedeutung ihres Namens vom recht nüchternen Babylonischen „Furche“ bis hin zum Demotischen für „Edle Dame“, bei den Griechen schlicht „Jungfrau“. Sie konnte u.a. mit einer Kornähre dargestellt sein. Bedenkt man, dass das Sternzeichen heute zwischen dem 24. August und dem 23. September eingefasst ist, also faktisch Sommerende und Herbstbeginn einrahmt, ergibt der Bezug zur Ernte aber durchaus Sinn.
Etwas anders sieht es beim Löwen aus. Zumindest namenstechnisch sind sich hier Babylonier, Ägypter und Griechen ausnahmsweise einige. Löwe bleibt Löwe. Oft steht er auf einem drachenartigen Wesen, während er von einem Raben in den Schwanz gebissen wird. Wahlweise kann ihn jemand am Schwanz ziehen.


Sehr viel exklusiver ist da der Steinbock, der in alten Abbildungen als Mischwesen erscheint. Sein ursprünglicher Name war denn auch Ziegenfisch (Babylonisch), Ziegengesicht (Ägyptisch) und „der mit den Ziegenhörnern“ (Griechisch). Der Vorderteil des Körpers ist denn auch der Ziegen/dem Steinbock (die Hörner ändern während der Jahrhunderte ihre Form) ähnlich, der Hinterleib entspricht dem Körper eines Karpfens. Steinbock-Abbildungen sind archäologisch recht häufig anzutreffen, auf Siegeln, Münzen oder Gemmen beispielsweise. „Seine Bedeutung wuchs, als Octavian, der spätere römische Kaiser Augustus, den Steinbock während der römischen Bürgerkriege (44 – 31 v. Chr.) zu seinem Emblem machte und das Wesen zu einem Symbol für Erneuerung, politische Hoffnung und den Beginn eines neuen Goldenen Zeitalters wurde.“ (Ebd. S. 37) Mehr Steinböcke braucht die Welt!
Was bedeutet das Ganze nun aber astrologisch? Dieser Frage auf den Grund zu gehen, würde wohl den Umfang des Artikels sprengen. Wie oben erwähnt, geht das Erstellen von Horoskopen ebenfalls auf die Babylonier zurück, allerdings galt das nicht allein für Herrscher, Priester und Adlige, sondern faktisch für alle. Das Schicksal betrifft schließlich jeden von uns.
„Ein Horoskop – ob antik oder modern – enthält die Positionen von Mond, Sonne und Planeten im Tierkreis zum Zeitpunkt der Geburt. Anhand dieser Daten bestimmten Astrologen das Schicksal des Neugeborenen und trafen Vorhersagen zu Charakter, Aussehen, Gesundheit, Lebensweg, und vieles mehr.“ (Ebd. S. 66) Auch hierzu gab es natürlich entsprechende Handbücher.
In einem solchen, verfasst im römischen Ägypten des 1.-3. Jh. n. Chr., heißt es denn auch ziemlich ominös: „Wer in der Zeit geboren wird, in der Merkur im ‚Haus des bösen Dämons‘ steht, wird entstellt sein und eine verborgene Krankheit wird ausbrechen in seinem Körper. Nichts wird ihn jedoch von seinen Wünschen abhalten und niemand wird es wagen, sich seinen Wünschen zu widersetzen. Wenn er älter wird, wird er Besitzer von Vermögen sein und seine letzten Tage werden schön sein.“ (Ebd. S. 74)
Alles Gute ist eben auch beim Schicksal und dem Blick in die Sterne nie beisammen. Aber vielleicht hilft ja dafür ein Ausstellungsbesuch weiter, um den verborgenen Geheimnissen des Himmels auf die Spur zu kommen.
Ein Beitrag von Dr. Constance Timm
Literaturhinweis:
Schicksal in den Sternen. Die Anfänge des Tierkreises. Sonderschriften der Ägyptischen Sammlung 10. Staatliche Museen zu Berlin. Preußischer Kulturbesitz. Berlin 2026.
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.
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