Das Fabelwesen des Monats August

Grendel

Was mich am meisten stört, sind diese Met saufenden, grölenden Menschen, die da in ihrem Langhaus sitzen. Immer wenn sie andere abgeschlachtet haben, feiern sie und dann gibt es diesen unerträglichen Lärm. Das macht mich regelmäßig wütend. Hier ist mein Sumpfreich, hier lebe ich mit meiner Frau Mama und wir herrschen hier seit Urzeiten. Meine Mutter stachelte mich an: Los, zeig‘s ihnen! Ich ging dann hin, brach durch das Dach oder riss eine Wand heraus und griff mir einen dieser Burschen. Ich habe ihn zerschmettert, aber es hat nichts genützt. Sie feierten immer wieder, diese Alkis. Immerhin bekamen sie Angst vor mir. Eines Tages haben sie einen Krieger aus Südschweden geholt. Er hatte diesen albernen Namen: Beowulf, also wohl Bienenwolf! Aus Angst, ihn Bär zu nennen, denn vor Bären laufen sie weg. Egal, ihn schickten die Feiglinge in den Kampf gegen mich. Es war ein harter Kampf. Er riss mir einen Arm ab und brachte ihn als Trophäe in die Halle. Mit mir war es dann zu Ende. Aber mit meiner Mutter hat er nicht gerechnet. Die hat noch härter gekämpft als ich, unter Wasser! In unserem Sumpfloch. Das Blut, das da floss, zerfraß das Schwert. Nun, leider hat er auch sie hingemordet. Und sie konnten wieder feiern.

Über mich setzten sie Gerüchte in die Welt: ich sei ein Abkömmling von diesem Verbrecher Kain, aus dem Geschlecht der Riesen und so weiter. Ich weiß nicht, aus welchem dummen Buch sie das hatten. Alles nur Gerüchte, weil sie feige waren. Ich war der Chef im Sumpfland, mit meiner Mutter natürlich. Unsere Vorfahren wohnten hier und dann kamen diese Feiglinge und Trottel und machten unseligen Krach. Wer würde sich da nicht wehren wollen? Könnte ich schreiben, würde ich dem Autor des Beowulf einen Brief schicken. Naja, eigentlich habe ich Mitleid, denn er hatte keine Ahnung. War wahrscheinlich sogar ein Mönch, was immer das schon wieder ist, ein Schreiberling. Im 20. Jahrhundert gab es einen anderen Schreiber, der mich besser verstanden hat: John Gardner. Titel seines Romans: Grendel. In diesem Buch bin ich mal der Held, nicht diese Schwachmaten. Mein Name kommt wahrscheinlich von Grund, gründeln und so weiter. In der Schweiz soll es einen Ort geben, der heißt Grindelwald. Wenn ich noch lebte, würde ich dort Ski fahren gehen, Hauptsache weg von diesen assigen Sumpfkriegern und ihrer Met-Halle!

 

Grendel bedankt sich bei seinem Autor Elmar Schenkel.

 

Mehr zu lesen über mich gibt’s bei:

Beowulf. Das Angelsächsische Heldenepos. Kommentiert und mit
Anmerkungen versehen von Hans-Jürgen Hube. Wiesbaden: Marix 2005.

Seamus Heaney, Beowulf. A New Translation. London: Faber 1999. (Der
irische Lyriker Heaney erhielt den Nobelpreis 1995 und hat neben
Beowulf auch altirische Texte übersetzt oder nachgedichtet)

https://www.reclam.de/detail/978-3-15-020243-2/Beowulf

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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