Kyklop (Zyklop)

Wir sind die Kyklopen. Unser Name stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie die „Kreisäugigen“. Viele kennen uns auch unter unserer eingedeutschten Bezeichnung als die „Zyklopen“. Um nicht unnötig Verwirrung zu stiften, stellen wir uns an dieser Stelle lieber unter unserem deutschen Namen vor.  Wir sind wahre Riesen und haben kreisrunde Augen oder ein zentrales Auge auf der Stirn. Und wir sind viele. Deshalb ging man bereits in der Antike dazu über, uns gewissen Kategorien zuzuordnen. Man unterschied zwischen den hesiodischen Gewitterdämonen, den homerischen Riesen und den mythischen Baumeistern. Uns allen gemeinsam ist das ungewöhnliche Aussehen unserer Augen und unsere riesenhafte Gestalt. Da wir alle als Zyklopen bezeichnet werden, dabei jedoch so unterschiedlich sind, werden wir uns an dieser Stelle dem interessierten Leser getrennt voneinander vorstellen.

Beginnen wir mit der Gruppe der hesiodischen Gewitterdämonen. Hesiod war ein Dichter der griechischen Antike. In seinem Buch „Theogonie“, etwa aus dem 7. Jahrhundert vor Christus, beschrieb er unsere Rolle im griechischen Pantheon ausführlich. Wir sind die einäugigen Söhne des Himmelsgottes Uranos und der Erdgöttin Gaia. Wir tragen die Namen Brontes, Steropes und Arges. Aufgrund unserer Abstammung wurden wir von den Menschen als gottgleich verehrt. Unsere Geschwister sind nicht weniger beeindruckend als wir. Zu nennen wären da vor allem unsere drei riesenhaften Brüder, die als „Hekatoncheiren“ bezeichnet werden. Ihr Name bedeutet so viel wie die „Hundertarmigen“. Jeder von ihnen hat fünfzig Köpfe und einhundert Hände. Sehr beeindruckend. Aber dem nicht genug. Auch die mächtigen 12 Titanen, die mit ihrem Riesenwuchs andere Gottheiten um Längen berragen, gehören zu unseren Geschwistern. Sie bilden das älteste Göttergeschlecht der „Theogonie“. Man kann sich leicht vorstellen, was passiert, wenn die alle zusammenkommen. Um dem drohenden Unheil vorzubeugen, schloss uns Uranos, samt seiner kompletten Nachkommenschaft, in Erdgöttin Gaia ein. Doch Göttervater Zeus konnte uns Zyklopen befreien, wofür er von uns einen Blitz, einen Zündkeil und den Donner erhielt. In Hesiods Epos „Eoien“ wurden wir schließlich durch Gott Apollon getötet.  

Dann gibt es da die Gruppe der homerischen Zyklopen. Der griechische Dichter Homer schildert in seinem ihm zugeschriebenen Epos der Odyssee eine Begegnung des Helden Odysseus mit uns. Wir gelten als die Söhne des Meeresgottes Poseidon. Nach den trojanischen Kriegen landete Odysseus mit einem seiner Schiffe an der Küste einer Insel an (in späteren Quellen ist von der Zyklopeninsel an der Küste des Ätna auf Sizilien die Rede) und er betrat mit seinen 12 Gefährten eine Höhle. Es war die Wohnhöhle des riesenhaften einäugigen Schafshirten Polyphem, einem unserer Brüder. Nachdem der Zyklop seine Schafe in seine Behausung trieb, bemerkte er die Eindringlinge. Sogleich fraß er zwei der Gefährten von Odysseus. Danach rollte er einen riesigen Stein vor die Höhle und legte sich schlafen. Da der Stein zu schwer war, um ihn aus eigener Kraft wegzurollen, wagten die Gefangenen nicht, Polyphem zu töten. Am nächsten Tag diente ein weiterer Gefährte dem Zyklopen als Mahlzeit. Doch Odysseus ersann eine List, und so servierte er dem Riesen zu der Mahlzeit einen gehaltvollen Wein. In angetrunkenem Zustand fragte Polyphem nach dem Namen von Odysseus, woraufhin dieser sich mit dem Namen Niemand zu erkennen gab. Bald war der Riese vom Genuss des Weines müde, und so legte er sich schlafen. Die gute Gelegenheit ergreifend, stießen nun die Gefangenen dem Zyklopen einen glühenden Pfahl in sein Auge. Vor Schmerzen wie von Sinnen, schrie Polyphem die anderen Zyklopen um Hilfe herbei. Als die herangeeilten Riesen ihn fragten, wer dies getan hätte, antwortete Polyphem den Zyklopen: „Niemand habe ihn geblendet. Niemand habe versucht ihn zu ermorden“. Daraufhin beachteten die anderen Zyklopen Polyphem nicht weiter. Am nächsten Morgen machte sich Polyphem bereit, seine Schafe zur Weide zu treiben. Jedes einzelne Tier tastete der nun blinde Riese sorgfältig ab, um nur den Schafen das Verlassen der Höhle zu ermöglichen. Doch Odysseus und seine Gefährten klammerten sich um die Bäuche der Schafe und so gelangten sie aus der Höhle heraus. Die Flucht war gelungen. 

Auch als Baumeister betätigten wir uns. Diese Gruppe von Zyklopen soll in den antiken griechischen Städten Tiryns und Mykene vor allem gewaltige Mauern aus Stein errichtet haben, die als „Zyklopenmauern“ bezeichnet wurden. In der Zeit des hellenistischen Griechenlandes wunderten sich die Menschen über die monumentalen Bauwerke ihrer Vorfahren. Die einzelnen Steinquader dieser Bauten waren gewaltig und nahezu fugenlos zusammengesetzt worden. Das konnte nur das Werk von übernatürlichen mythischen Wesen sein. So entstand der Mythos von uns Zyklopen als große Baumeister.

In der heutigen Zeit fragt sich so manch einer, ob die gewaltigen Bauwerke in den modernen Städten, wie zum Beispiel in New York oder in Peking, nicht von übernatürlichen Riesen geschaffen worden. Der Mensch wächst an seinen Erfahrungen und seinem Wissen, doch die menschliche Phantasie wird uns Zyklopen bis in alle Ewigkeit die Rolle des großen Baumeisters zuweisen. Sei also gespannt, welche Wunder wir noch vollbringen werden. 

Die Kyklopen danken ihrem Autor Andreas Erler.

 

Mehr Informationen über uns findest du unter:

Hesiod: Theogonie – Griechisch/Deutsch. Otto Schönberger (Übersetzung, Hrsg.). Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1999.

Homer: Odyssee. Johann Heinrich Voß (Übersetzer). Anaconda Verlag 2015.

Karl Kerényi: Die Mythologie der Griechen – Die Götter- und Menschheitsgeschichten. dtv, München 1994.

Christoph Jamme, Stefan Matuschek: Handbuch der Mythologie. Philipp von Zabern, Darmstadt 2014.

Robert von Ranke-Graves: Griechische Mythologie – Quellen und Deutung. rororo, Hamburg 2001.

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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