Griechische Sphinx

Ich bin die griechische Sphinx, eine nahe Verwandte der ägyptischen Sphinx, und ich liebe Rätsel. Im griechischen Volksglauben galt ich als weibliches Wesen, wohingegen meine ägyptischen Vorfahren als männliche Sphingen betrachtet wurden. Ich habe den Körper eines Löwen und den Kopf eines Menschen. Ab dem 8. Jahrhundert wurde ich auch mit den Flügeln eines Vogels und einen Schlangenschwanz abgebildet.

In der griechischen Mythologie gelte ich als die Tochter der beiden Ungeheuer Thyphon und Echidna und meine Geschwister heißen Hydra, Chimaira, Kerberos und Orthos. Doch über meine Abstammung gab es verschiedene Theorien. Dem griechischen Reiseschriftsteller Pausanias zufolge bin ich die uneheliche Tochter des Laios, dem König von Theben. Um die Verwirrung perfekt zu machen, erkannte ein Kommentator von Euripides’ Drama “Die Phoinikerinnen” auch im Trojaner Ukalegon, gehörend zu den Stadtältesten, einen meiner Väter.

Häufig wurde ich als unheilabwendende Gottheit, als Wappentier an Heiligtümern oder an Grabanlagen abgebildet. Im Laufe der Zeit wandelte sich jedoch meine Rolle von einer geflügelten Schutzdämonin hin zu einer Dämonin der Zerstörung und des Unheils. Vor letzterer fürchteten sich die Menschen. Wahrscheinlich nannten sie mich deshalb Sphinx, was aus der griechischen Sprache stammt und „die Würgerin“ bedeutet.

Dem griechischen Mythos nach lebte ich auf dem Berg Phikeion, westlich von Theben. Dort lauerte ich vorbeikommenden Reisenden auf und tötete sie, darunter auch den Sohn des Königs von Theben. Es wird zudem behauptet, dass ich mit einer Seemacht herumgezogen sei, um Raub zu betreiben. Etwa ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. gab ich meinen Opfern ein Rätsel auf: „Was ist es, das mit einer Stimme begabt, bald vierbeinig, zweibeinig und dreibeinig wird?“ Ich erwürgte und verschlang jeden, der das Rätsel nicht lösen konnte. Die Antwort von Oedipus, dem Sohn des Königs von Theben, der später seinen Vater tötete, seine Mutter ehelichte und sich die Augen ausstacht, lautete „der Mensch“. Er krabbelt im Kleinkindalter auf allen vieren, geht als Erwachsener auf zwei Beinen und stützt sich im Alter auf einen Stock. Mit seiner Antwort löste Ödipus das Rätsel, dessen Antwort er nur im Traum erfahren haben konnte, und ich stürzte mich zugleich von einem Felsen in den Tod. Theben war von mir befreit.

Auch stellte ich meinen Opfern häufig ein weiteres Rätsel: „Wer sind die beiden Schwestern, die sich stets gegenseitig erzeugen?“ Eigentlich ist es ganz einfach. Es ist der Tag und die Nacht, denn in meiner Heimat, dem antiken Griechenland, wurden Tag und Nacht als weibliche Wesen personifiziert. Wohl dem, der die richtige Antwort kannte. 

In die griechische Mythologie gelangte der Kult um mich und meine Rätsel über die minoische Kultur Kretas. Dem Volksglauben der Griechen nach, soll ich die Gedankenspiele von den Musen erlernt haben. Man glaubte, dass sich Ideen nicht von selbst entwickeln, sondern von außen durch Götter beziehungsweise Musen eingegeben werden.

Wer mich kennenlernen möchte, dem empfehle ich eine Reise nach Griechenland. Im archäologischen Museum von Delphi kann man mich in Form der Sphinx von Naxier bestaunen. Dort thront mein steinernes Abbild auf einer ionischen Säule aus Marmor. In ferner Vergangenheit überblickte ich von meinem erhabenen Horst aus weite Gebiete der Insel Naxos. Kein Reisender konnte meinem scharfen Blick entfliehen und meine Rätsel unbeantwortet lassen.

Kennst auch Du die richtige Antwort?

 

Die Griechische Sphinx dankt ihrem Autor Andreas Erler.

 

Mehr über mich zu lesen, gibt es unter:

Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Bd 5. DTV: München, 1979.

Gebhardt, Harald/Ludwig, Mario: Von Drachen, Yetis und Vampiren. Fabeltieren auf der Spur. BLV: München, 2005.

Helmut Scheuer, Michael Grisko (Hrsg.): Liebe, Lust und Leid. Zur Gefühlskultur um 1900. Kassel University Press: Kassel 1999.

Otto Höfer, Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Bd. 6, Leipzig, 1937.

Pausanias Description of Greece. Translated with a commentary by J. G. Frazer. Macmillan: London, 1898.

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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