Cheshire Cat

Da standen sie alle um mich herum – genauer gesagt, um meinen Kopf herum – , wild gestikulierend und diskutierend, und stritten sich, wie man mich enthaupten solle. Der König, dieser Dummkopf, meinte, dass alles, was einen Kopf habe, auch geköpft werden könnte. Der Henker, der mir klüger scheint, weigerte sich und sagte, das sei ihm noch nicht untergekommen, dass er eine Enthauptung vornehmen solle bei einem Kopf ohne Körper. So etwas werde er zu seinen Lebzeiten sicher nicht mehr tun. Die Königin aber, diese Enthauptungsmaschine, rief bloß: Wenn ihr nicht sofort was macht, werdet ihr allesamt geköpft! Zum Glück war da noch dieses Mädchen namens Alice, die auf mir unbekannte Weise in unser Wunderland geraten war und die ich kurz zuvor kennengelernt hatte. Man fragte sie um Rat. Wenn jemand klug ist, dann kann es nur eine Siebenjährige sein. Aber die Arme wusste auch nicht weiter und sagte nur, diese Katze gehöre doch der Herzogin. Also ließ man die Herzogin holen – und das gab mir genug Zeit zu verschwinden.

Darin liegt nämlich meine Kunst: ich bin eine Meisterin im Verschwinden. In eurer deutschen Übersetzung verschwindet zum Beispiel das Wort „Cheshire“ – ich bin im englischen Original die Cheshire Cat, nicht irgendeine hergelaufene Grinsekatze! Übersetzer lassen so manches verschwinden, manchmal denke ich, es sind Taschendiebe. Aber gut, Grinsen ist mein Metier, und eben das Verschwinden… Als das Mädchen mich auf einem Baum antraf, zeigte ich ihr dieses Kunststückchen: Verschwinden, Erscheinen, Verschwinden, wie es die Zauberer machen. Das verwirrte sie etwas. Aber sie war ohnehin etwas verwirrt. Sie hatte sich verirrt in unserem wunderlichen Land. Ich gab ihr weisen Rat, denn ich kenne mich in wunderländischer Geographie aus. Sie wollte wissen, wohin sie von hier aus gehen solle. Ich sagte, das hänge davon ab, wohin sie denn wolle. Sie sagte, Hauptsache irgendwohin. Ich: Das ist kein Problem, irgendwann kommst du irgendwo an, du musst nur lang genug gehen. Das schien sie zu verstehen, auch wenn sie nur eine Romanfigur war, im Gegensatz zu mir. Ich weiß, meine Aussprüche werdet ihr im 20. Jahrhundert auch in euren absurden Theaterstücken hören; aber wir waren halt etwas schneller, Freunde. Ich geniere mich nicht zu sagen, dass ich ein gewisses Genie habe oder bin, was Prophezeiungen angeht. Sowas fliegt mir zu. Und übrigens nicht diesem Mathematiker Lewis Carroll, der behauptet, mich erträumt zu haben; denn in Wirklichkeit habe ich Lewis Carroll erträumt, dieses Pseudonym. In Wirklichkeit heißt er Charles Lutwidge Dodgson. Wer sich ein Pseudonym zulegt, macht sich zu einer Art Fabelwesen. Ich dagegen habe kein Pseudonym, was zweifellos beweist, dass ich nicht imaginär bin. Ich habe andere Verwandte, die sich unter Pseudonymen in der Weltliteratur herumtreiben, Katzen, die Bücher zu schreiben vorgaben: Eine japanische Katze schrieb einen Roman unter dem Namen Natsume Soseki, mit dem wenig originellen Titel: Ich bin eine Katze, gut ein halbes Jahrhundert nach mir. Ein deutscher Kater verfasste musikalische Aufzeichnungen und nannte sich E.T.A. Hoffmann, der sich wiederum als Kater Murr aufführte. Das habe ich nicht nötig. Ich bin einfach die Cheshire Katze.

Ich erklärte jener Alice auch noch, wer hier überall wohne, der verrückte Hutmacher zum Beispiel oder der Märzhase. Wir sind alle hier verrückt, sagte ich, auch du. Wieso ich, wollte Alice mit ihrem beschränkten Horizont wissen. Weil du sonst nicht hierhin gekommen wärest. Und dann verschwand ich und nur mein Grinsen blieb in der Luft zurück. Klar, sie war perplex und wunderte sich, denn noch nie in ihrem Leben hatte sie ein Grinsen ohne Katze gesehen. Kinders, es gibt noch viel zu lernen in unserem Wunderland!

Soweit meine zugegeben beachtlichen philosophischen Bemerkungen. Klar, dass sich die Kritiker und Kulturhistoriker mit solch einem Genie beschäftigen müssen. Woher kommt diese Katze, fragen sie, wer ist sie in Wirklichkeit? Der eine behauptet, ich heiße Cheshire Cat, weil ich auf einem Käse von dort zu sehen bin, als Reklamefigur. Oder weil sie in der Grafschaft Cheshire den Käse in Katzenform verkaufen. Man schneidet ihn von hinten, vom Schwanz her ab, so dass nach und nach nur der Kopf übrig bleibt. Eklige Vorstellung.

Alles Käse!

Oder man findet mein Grinsen irgendwo in englischen Landkirchen, in Stein gemeißelt. Klar, meine Grimasse ist ja auch nicht von schlechten Eltern. Sogar in Emojis und Hängeketten – catenaries – hat man mich entdeckt. Überall sehen sie jetzt mein Grinsen. Auch auf Wirtshausschildern, wo ein armer Schildermaler den Löwen nicht hinbekam, und eine grinsende Katze daraus wurde. Alles etwas naiv gedacht. Da gefällt mir schon besser, wenn ein Mathematiker schreibt, ein Grinsen ohne Katze sei ein schönes Sinnbild für die reine Mathematik, für ein körperloses Universum, das entspricht schon eher meiner Würde: reines Zahlenwerk! So hat man nach mir auch optische Effekte benannt (ein Teil verschwindet, während ein anderer Teil auftaucht) oder mich in der Partikelphysik entdeckt. Ich grüße meinen Verwandten, Schrödingers Katze! Von ihr wissen die Wissenschaftler auch nicht, ob sie existiert oder nicht. Meist ist sie zugleich da und nicht da.

Auch die Astronomen berufen sich auf mich, wenn Sternhaufen verschwinden und wieder auftauchen, irgendwo in Ursa Major. Der Große Bär ist sicherlich mein Stammvater. Und sogar zum Klimawandel habe ich etwas zu sagen.

Alles schön und gut.

Doch ich will euch ein Geheimnis flüstern. In Wirklichkeit bin ich nichts anderes als die Fiktion. Ihr wisst vielleicht, dass irgendwelche Spitzköpfe im 20. Jahrhundert gesagt haben, der Autor sei (wie Gott) tot. Über diesen Lewis Carroll kann man das behaupten, über mich jedoch nicht. Ich lebe weiter, ich verschwinde nur und ich komme wieder, wie die alten Götter, die im Winter geopfert werden und im Frühjahr wieder die Menschen angrinsen, als sei nichts geschehen. Der Text, die Erzählung, ich sitze auf dem Baum und gebe den Figuren Rat in meinem Buch. Ich, die Katze, stamme wie der von mir erfundene Lewis Carroll aus dem nordenglischen Cheshire. Die Fiktion, die ich bin, ist wie ein Kopf ohne Körper, eine Kopfgeburt. Sie hat keine Realität, sie findet nur in der Sprache statt, in der Vorstellung. Deshalb kann sie nicht bestraft werden durch Enthauptung. Durch Verzögerung und Verschwinden überlebe ich, so wie alle Fiktion. Mein Bruder Angelus Silesius, ein Kater aus Schlesien, schrieb einmal:

Freund, es ist auch genug! Im Fall du mehr willst lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.

Ich die Katze, das Buch, der Autor. Schaut mich noch einmal an, bevor ich verschwin…. 🙂 🙂 

Die Cheshire Cat dankt ihrem Autor Elmar Schenkel.

 

Mehr über mich findet Ihr bei: 

 

Ackerman, Sherry L. Behind the Looking Glass. Reflections on the Myth of Lewis Carroll. Newcastle 2008.

Beer, Gillian. Alice in Space. The Sideways Victorian World of Lewis Carroll. Chicago 2016.

Boysen, Margret. Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta. Berlin 2016.

Brown, Celia. Alice hinter den Mythen. Der Sinn in Carrolls Nonsens. Paderborn 2015.

Davis, Richard Brian, ed. Alice in Wonderland and Philosophy. Hoboken, NJ 2010.

Gardner, Martin, ed. Lewis Carroll, The Annotated Alice. London: Penguin 2002.

Jones, Jo Elwyn/ J. Francis Gladstone. The Alice Companion. A Guide to Lewis Carroll’s Alice Books. London 1998.

Shanley, William et al. Alice zwischen den Welten. Eine märchenhafte Reise durch das Universum der modernen Wissenschaft. München 2000.

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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