Gargoyle

Hey, du da! Mach dein Foto und zieh Leine! Verdammte Touristen, werden auch immer aufdringlicher. Ach, du willst wissen, wer ich bin? Nun ja, ich bin der Drache Gargoyle … der Steinerne. Mein Name leitet sich von dem französischen Wort „gargouille“ her, was in der deutschen Sprache „die Gurgelnde“ bedeutet. Wahrscheinlich denkst du jetzt, ich wäre Befürworter einer übertriebenen Mundhygiene. Doch weit gefehlt, denn mein Name bezieht sich auf meine außergewöhnliche Fähigkeit, Wasser speien zu können. Du siehst, ich bin durchaus in der Lage, mich gegen allzu neugierige Touristen zur Wehr zu setzen. Also besser Abstand halten, mein Freund, und vor allem nicht nerven. Dann will ich dir meinen Traum offenbaren. Ja, auch Drachen träumen, selbst wenn sie nur aus Stein bestehen…

Wie ich bereits erwähnte, bin ich eine steinerne Kreatur. Und genau dies ist das große Dilemma meines ewig währenden Daseins. Wie angewurzelt sitze ich hier auf einem Fries der gotischen Kathedrale Notre-Dame, hoch oben über den Dächern der Stadt Paris. Die ersten Jahrhunderte war mir mein Wohnsitz ganz angenehm, damals passierte noch etwas. Man wurde mit öffentlichen Hinrichtungen unterhalten, gelegentlich brach ein Feuer aus, und die Pest raffte Tausende dahin. Das waren noch Zeiten.

Aber das ist längst vorbei. Heute macht sich die große Langeweile breit. Mit der Zeit kennt man jede Straße, jedes Dach und jede nervtötente Taube. Und nichts geschieht, außer hier und da mal ein Verkehrsunfall. Die einzige Abwechslung in den letzten Jahren war ein Großbrand in der Kathedrale Notre Dame im Jahre 2019, bei dem große Teile des Dachstuhls verbrannten. Schon glaubte ich den Tag der Apokalypse nahe. Doch Pustekuchen, das Dach wurde schnell gelöscht, und nun baut man dieses nutzlose Pfaffenasyl wieder auf.

Besonders die Tauben sind ein Ärgernis. Siehst du, da kommt schon wieder eine angeflogen. Und als hätte ich es vorhergesehen, lässt sie sich doch einmal mehr auf einen meiner steinernen Flügel nieder. Ach, wie gern würde ich wieder fliegen können, einem richtigen Drachen gleich. Feuerspeiend durch die Lüfte gleiten, mich leicht wie eine Feder hoch in die Wolken schwingen und den Menschen das Fürchten lehren. Stattdessen hocke ich hier wie erstarrt und speie Wasser. Schwer wie ein Stein, von den Erdkräften angezogen. Eigentlich bin ich doch nicht mehr als der steinerne Auslauf einer Regenrinne. Ich erfülle die große Aufgabe, das Regenwasser vom Mauerwerk abzuleiten, um die Fassade vor Verschmutzungen zu schützen und die Auswaschung des Mörtels zu verhindern. Jetzt kotet mir das Vieh auch noch den Flügel voll. Wie armselig ich doch bin, welch schweres Los ich zog. Soll ich denn auf ewige Zeit nicht mehr sein als ein steinerner Wasserauslauf, eine traurige Touristenattraktion, von den Tauben als Abort missbraucht?

Seit dem 8. Jahrhundert erzählten sich die Menschen schaurige Geschichten über einen Drachen namens Le Gargouille, der in einer Höhle nahe des Flusses Seine lebte. Zu dieser Zeit musste ich noch nicht die schwere Bürde der Versteinerung ertragen. Auch damals war ich bereits fähig, Wasser zu speien. Doch auch Feuer soll meinem Schlund entsprungen sein, so munkelte man jedenfalls. Ich beglückte die Menschen regelmäßig mit verheerenden Überschwemmungen und verbreitete Angst und Schrecken. War das ein Spaß. Um mich zu besänftigen, brachte man mir immer dann, wenn ich es verlangte, Menschenopfer dar. Diese wohlwollenden Geschenke nahm ich natürlich dankend an und ließ es mir fürstlich schmecken.

Eines Tages erschien eines dieser Menschlein vor meiner Höhle. Sein Name war Romanus von Rouen. Mein schlimmster Widersacher, wie sich herausstellen sollte. Und ich glaubte noch, er wolle sich freiwillig als Opfer darbieten. Wie einfältig und töricht von mir. Todesmutig wagte er sich in meine Behausung hinein, ergriff mich sobald und enthauptete mich. Meinen Kopf ließ dieser Unhold an der Stadtmauer aufhängen. Romanus von Rouen wurde für seine Schandtat gar noch heiliggesprochen. Diese Menschen – auch nur als Opfergabe zu gebrauchen.

Dieses niederträchtige Verbrechen hätte damals mein Ende bedeuten können, doch die Geschichte sollte weitererzählt werden. Aus der Legende von der Tötung des fürchterlichen Drachens Le Gargouille entwickelte sich der makabre Brauch, Drachenköpfe in Mauern oder Fassaden zu meißeln, um somit den Sieg der Christen über den Teufel symbolisch zum Ausdruck zu bringen. In der biblischen Schrift der Offenbarung des Johannes wird ja der Teufel mit dem Drachen gleichgesetzt. Ein Umstand, der mir durchaus schmeichelt und mein düsteres Gemüt ein wenig aufheitert. Der Teufel steht mir gut zu Gesicht. Aber du irrst dich, wenn du mich für den großen Meister selbst hältst. Ich bin nicht der Meister, sondern lediglich sein treu ergebener Gehilfe. Du willst seinen richtigen Namen wissen? Der Meister trägt viele Namen.

Die ersten Gargoyle-Figuren entstanden in Frankreich an den Fassaden von Kathedralen oder Rathäusern, etwa um das Jahr 1150 nach Christus. Mit dem Siegeszug des gotischen Baustils verbreiteten wir uns auch andernorts in Europa. Anfangs wurden wir meist noch eher tiergestaltig dargestellt, doch mit der Zeit wandelte sich unser Aussehen in Richtung grotesker Teufelsgestalten. In der Zeit des Historismus Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts griff man das gestalterische Element der mittelalterlichen Wasserspeier wieder auf und integrierte es in die Fassaden zahlreicher Gebäude.

Von da an war ich in Stein gebannt, der Beginn meines ewigen Wartens auf bessere Tage. Doch mit jeder Mieterhöhung, mit jedem Obdachlosen mehr auf den Straßen von Paris und mit jedem Bordellbesuch dieser kleinen Menschlein werde ich stärker. Mit jedem achtlos in die Welt geblasenen Gramm Kohlendioxid rückt der große Tag näher. Der Meister hat euch gut erzogen. Schau, deine Kamera. Wie funktioniert sie? Mit Elektrizität etwa? Oder wie bist du hergekommen? Mit dem eigenen Auto? Merkst du was?

Schau dich um, wie viele es von uns gibt. Heute hocken sie da noch wie versteinert, doch sie alle teilen meinen Traum. Und die Menschen scheinen sich ja unsere Rückkehr geradezu herbeizusehnen. Ich erinnere da nur an den großartigen Kinofilm „Der Glöckner von Notre Dame“ von Wallace Worsley aus dem Jahre 1923. In der Anfangsszene präsentiert sich der buckelige Quasimodo, wie er zwischen uns stehend unsere schaurigen Grimassen nachäfft. Dies beflügelte natürlich die Phantasie der Menschen, und wir hielten Einzug in zahlreiche Werke der Literatur und der Unterhaltungsbranche. Besonders hervorzuheben ist hierbei auch die schaurige Geschichte „Der Steinmetz und die Wasserspeier“ von Clark Ashton Smith aus dem Jahre 1932. Die Story ist schnell erzählt: Ein Steinmetz aus dem Mittelalter macht es sich zur Aufgabe, teuflische Wasserspeier zu erschaffen. Unbewusst überträgt er jedoch seinen Hass und seine Lust auf zwei dieser steinernen Kreaturen, woraufhin sie zum Leben erwachen und in der Stadt Angst und Schrecken verbreiten. Als der Steinmetz schließlich versucht, sie zu zerstören, wenden sich die Kreaturen auch gegen ihn. Im Jahre 1943 erschien Fritz Leibers Kurzroman „Spielball der Hexen“. Eine Hexe haucht einer Gargoyle-Statue, die sie auf dem Dach des Hochschulgebäudes vorfindet, mit Hilfe von Zauberei Leben ein. In der weiteren Geschichte setzt der Gargoyle einem Anthropologieprofessor nach, der Hauptfigur des Romans. Eine ähnliche Geschichte erzählt Sidney Hayers Film „Hypno – Night of the Eagle“ aus dem Jahre 1962, in dem der zum Leben erwachte Gargoyle jedoch die Gestalt eines Adlers hat und am Ende gar seine Erschafferin tötet. In der Fernsehserie „Doctor Who“ aus dem Jahre 1971 wird in der Folge „Daemons“ ein steinerner Gargoyle mit Hilfe von Telekinese zum Leben erweckt. Im Jahr 2007 erschien Ayton Davis Fernsehfilm „Gargoyles – Monster aus Stein“: Im Mittelalter wird der Skulptur eines heidnischen Gottes Leben eingehaucht. Diese wendet sich jedoch gegen ihren Schöpfer. Schließlich erschafft sich der Dämon ein ganzes Heer weiterer Gargoyles. Lange Zeit später entdecken Nazis die wieder zu Stein erstarrten Skulpturen und erwecken sie erneut zum Leben.

Du siehst, die Phantasie der Menschen kennt keine Grenzen, wenn es um die Ankündigung unserer Rückkehr geht. Aber dem nicht genug. Manchmal entwickelt der menschliche Geist die abstrusesten Ideen. So dienten wir beispielsweise auch als eine Art von Gefäß, in das ein dämonischer Geist oder eine teuflische Kraft einfährt. Die Kurzgeschichte „The Horn of Vapula“ von Lewis Spence aus dem Jahre 1932 beschreibt einen Bischof, der einen Pakt mit dem Teufel schließt. Da er ihn jedoch nicht einhält, bannt der Teufel den Familiengeist des Bischofs in einen ziegenartigen Wasserspeier, der von da an jahrhundertelang des Nachts umherwandelt. Auch in die bekannten Marvel Comics hielt die Figur des Gargoyle Einzug, doch nimmt er hierbei eine Stellung als Superheld ein. Ein Mann schließt mit einem Dämon einen Pakt. Sein Geist fährt in einen Wasserspeier ein, um einen Superhelden zu entführen. Schließlich wendet sich der belebte Gargoyle gegen den Dämon und wird somit selbst zum Superhelden. Eine bemerkenswerte Wandlung von einer Schreckensfigur hin zu einem Kämpfer für das Gute.

Auch die Trickfilmindustrie griff das Bild der guten Gargoyles auf. In Walt Disneys Zeichentrickserie „Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit“ aus dem Jahre 1993 wird eine Gruppe schottischer Gargoyles nach einem tausendjährigen Schlaf zum Leben erweckt. Ihre Burg wurde jedoch mitten in das moderne Zentrum der Stadt New York verpflanzt. Tagsüber erstarren sie zu Stein, nachts jedoch erwachen sie zum Leben und kämpfen gegen das Verbrechen. Im Jahr 1996 erschien Disneys Trickfilm „Der Glöckner von Notre Dame“ in den Kinos. Darin werden Gargoyles als freundliche und singende Wesen dargestellt, die der Heldenfigur helfend zur Seite stehen. Zugegeben, das sind schon allerliebste und herzerweichende Kreaturen. Aber ich sage dir, das dient alles nur der Täuschung. Wir haben noch jeden hinters Licht geführt. Gargoyles sind böse, merke dir das!

Sogar den heimischen Computer dieser naiven Menschlein haben wir bereits erfolgreich erobert. Mit dem Computerspiel „Heroes of Might and Magic“ können Gargoyles, die aus Obsidian oder Stein bestehen, vom Spieler selbst gesteuert werden. Im Spiel „Ultima“ erscheinen gar zwei unterschiedliche Rassen von Gargoyles, die aufgrund einer Katastrophe ihre Heimatwelt verlassen müssen und in der Welt der Menschen Zuflucht finden. Im Spiel „BatMUD“ werden Gargoyles als Sklaven oder Hexer dargestellt, von denen einige von Dämonen besessen wurden und nun einen eigenen Willen entwickeln. Als fürchterliche Monster, die in ihrer steinernen Gestalt nichts ahnenden Heldenfiguren auflauern, werden Gargoyles im Spiel „Dungeons & Dragons“ charakterisiert. Zudem existieren mittlerweile zahlreiche Webseiten, die uns Gargoyles thematisieren und Informationen über uns verbreiten. Selbst in den großen Videoportalen wie YouTube oder TikTok sind wir bereits präsent.

Du siehst, wir sind überall. Glaubst du mir jetzt? Wir haben die Welt ganz im Geheimen, unterhalb eurer Wahrnehmungsschwelle, unterwandert, um dem Teufel den Weg zu bereiten. Die Prophezeiung wird sich erfüllen, der große Traum wird wahr, und ich werde wieder fliegen.

In meinem rechten Flügel juckt es mich schon. Ja genau, der Flügel, auf dem die Tauben so gern ihr Geschäft verrichten. Das Leben kehrt zurück in meine erstarrten Glieder. Der Tag meiner Rückkehr ist nah. Bald werde ich wieder unter den Lebenden weilen.

Um eines möchte ich dich noch bitten: Gehe in die Kathedrale und bete zu unserem großen Meister und Gebieter. Auf dass sich die Prophezeiung alsbaldig erfüllen möge. Und jetzt zieh ab, sonst gibts doch noch ne Dusche.

Diese nervigen Touristen immer … und diese Tauben … einfach nur schrecklich.

Der Gargoyle dankt seinem Autor Andreas Erler.

 

 

Mehr Informationen über mich findest du unter:

Pamela Allardice: Myths, Gods and Fantasy – A Sourcebook. Prism Press, Bridport 1991.

Michael Camille: The Gargoyles of Notre-Dame: Medievalism and the Monsters of Modernity. Chicago Press, Chicago 2008.

Jeffrey Andrew Weinstock: The Ashgate Encyclopedia of Literary and Cinematic Monsters. Routledge, London 2016.

Gary R. Varner: Gargoyles, Grotesques & Green Men – Ancient Symbolism in European and American Architecture. Lulu Press, Morrisville 2008.

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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