Hydra

Ich werde Hydra genannt. Als ein schlangenähnliches Ungeheuer mit vielen Köpfen bereichere ich die Sagenwelt der griechischen Mythologie. Verliere ich einen meiner zahlreichen Köpfe, so wachsen mir alsbald zwei neue nach. Mein zentrales Haupt gilt als unsterblich. In der griechischen Sprache wurde eine Wasserschlange auch als Hydra bezeichnet.

Ich bin das Kind der beiden Ungeheuer Echidna und Typhon. Echidna, die als meine Mutter gilt, ist eine Chimäre aus einer Schlange und einem schönäugigen Mädchen. Mein Vater Typhon ist ein himmelhoher Riese mit zahlreichen Schlangen- und Drachenköpfen. Sein mächtiger Körper wird von zwei Schlangenleibern getragen, die ihm als Beine dienen. Mit meiner furchterregenden Erscheinung stehe ich meinen Eltern in nichts nach. Auch meine Geschwister sind ähnlich gut geraten. Zu nennen wäre da vor allem mein Bruder Kerberos, der als mehrköpfiger Hund den Eingang zur Unterwelt bewacht. Meine Schwester, die griechische Sphinx, gilt gar als Dämonin der Zerstörung und des Unheils. Aber auch meine Schwester Chimära, ein Mischwesen aus einem Löwe, einer Ziege und einer Schlange, vertritt würdig unsere glorreiche Familiendynastie. 

Mein mythischer Kampf mit den für seine Stärke berühmten griechischen Heroen Herakles war im antiken Griechenland jedem bekannt. Um den in einem Anfall von Wahnsinn begangenen Mord an seiner Frau und seinen Kindern zu sühnen, bekam Herakles von König Eurystheus zwölf sagenhafte Aufgaben zugewiesen. Die zweite Aufgabe bestand darin, die Hydra, also meine Wenigkeit, zu erlegen. Meine Heimat waren die Sümpfe rund um die griechische Ortschaft Lerna. Deswegen nennt man mich auch die lernäische Hydra. Dort lebte ich einsam und zurückgezogen in einer dunklen Höhle. Zusammen mit seinem Neffe Iolaos bestieg Herakles einen Wagen, um mir entgegenzueilen.  Die vor den Wagen gespannten Rosse dirigierte Iolaos mit den Zügeln und er hielt erst an, als die beiden meine Höhle erreichten. Sogleich sprang Herakles vom Wagen. Um mich aus meinem Versteck zu zwingen, schoss er brennende Pfeile auf mich ab. Wutentbrannt und zischend kroch ich aus meinem Unterschlupf hervor, bäumte mich auf und reckte meine neun Hälse Herakles entgegen. Doch unerschrocken packte er mich mit seinen Bärenkräften, so dass ich mich nicht aus meiner misslichen Lage befreien konnte. Doch plötzlich bekam ich eines seiner Beine zu fassen, was ich sogleich umschlang. Herakles, nun selbst in einer brenzlichen Situation gefangen, begann sogleich damit, meine Köpfe, einen nach dem anderen, mit seiner Keule zu zerschmettern. Doch dieser Versuch mich zur Strecke zu bringen erwies sich als vergeblich, da jedem zerschlagenen Kopf unmittelbar zwei neue nachwuchsen. 

Mein Mitstreiter war der Riesenkrebs Karkinos, den Göttin Hera, Gattin des Göttervaters Zeus, zu mir schickte, um mich und meine Kräfte zu unterstützen. Karkinos begann damit Herakles am Fuß zu attackieren. Wenig von den Attacken beeindruckt, zertrat Herakles schließlich den Krebs mit seinem Fuß. Doch die heldenhafte Aufopferung des Krebses Karkinos sollte nicht umsonst gewesen sein.  Als Lohn für seine mutige Tat, erhob Hera Karkinos in den Himmel, wo er fortan als Sternbild des Krebses am nächtlichen Himmelsgewölbe erstrahlt.

Doch zurück zu meiner Person. Im Kampf mit dem Herakles war ich eindeutig im Vorteil, bis er seinen Gehilfen Iolaos zu Hilfe rief. Mit einer Fackel gerüstet, machte sich Iolaos daran, den umgebenden Wald zu entflammen. Das lodernde Feuer ergriff meine enthaupteten Hälse und brannte sie aus. Dies machte es mir unmöglich, meine abgeschlagenen Köpfe zu erneuern und somit meine Stärke zu vervielfachen. Alles kam so, wie es kommen musste.  Schließlich schlug mir Herakles auch meinen letzten Kopf ab, mein zentrales Haupt, das mir Unsterblichkeit verlieh. Meinen Kopf vergrub er am Wegesrand und wälzte einen schweren Fels darüber. Meinen Rumpf hingegen spaltete Herakles in zwei Teile und in meine Galle tauchte er seine Pfeile. Seit dem galten Herakles Pfeile als unfehlbar tödlich.

In späterer Zeit galt mein Kampf gegen den Herakles auch als eine Allegorie für die Trockenlegung der schädlichen lernischen Sümpfe durch einen kulturschaffenden Heroen. Einer anderen historischen Interpretation der Sage folgend, wollte sich Herkles durch einen Kampf mit mir von lästigen Geschwüren befreien.

Mit meiner körperlichen Erscheinung stehe ich als sprichwörtliches Gleichnis für eine Situation, in der jeder Versuch einer Eindämmung unweigerlich zu einer Eskalation führt. Vor allem zu Zeiten der Französischen Revolution griff man diese Betrachtungsweise auf und man münzte sie um, auf die Erstürmung der Bastille in Paris. Dem vielköpfigen Schlangendämon einer absolutistischen Herrschaft wurden die zahllosen Köpfe abgeschlagen, meist auf der Guillotine. Die Rolle des heldenhaften Herakles übernahm hierbei selbstverständlich das siegreiche französische Volk.

 

 

Die Hydra dankt ihrem Autor Andreas Erler.

 

Mehr über mich zu erfahren gibt bei:

Wilhelm Heinrich Roscher: Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Bd. 1 u. 2. Verlag B. G. Teubner: Leipzig, 1890.

Kurt Sprengel, Johann Jacob Gebauer (Hrsg.): Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneikunde. Halle 1800.

Konrat Ziegler/Walther Sontheimer/Hans Gärtner (Hrsg.): Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Bd. 5, DTV: München, 1979.

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Eine Antwort auf „Hydra“

  1. Es erinnert mich an tötliche Pfeile aus der Galle. D.h. Wir können mit sauer aufstössenden Galle Pfeilen , (verbal) andere verletzen oder sogar (verbal) mundtot machen.

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