Maneki Neko

Hallo du da, kaufe mich! Schau doch nicht so verdutzt. Hier bin ich, ganz oben im Regal … das sitzende Kätzchen, das so lieb mit dem Pfötchen winkt. Bin ich nicht wunderschön? Und überhaupt nicht teuer. Ach so, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Maneki Neko, was in deiner Sprache so viel wie die „Winkende Katze“ bedeutet. Ich bestehe zwar nur aus billigem Plastik, doch an mir wirst du deine Freude haben. Die paar Cent sollte dir dein Glück schon wert sein.

In China bezeichnet man mich auch als die „jīnmāo“, die „Goldene Katze“. Ein einfacher Mechanismus in meinem Inneren sorgt dafür, dass mein Pfötchen unablässig auf und nieder schwingt. Nur eine leere Batterie kann mich davon abhalten. Ursprünglich in Thailand erfunden, übernahmen die Chinesen schnell diese Technik. Neuerdings gibt es mich sogar mit einer eingebauten Solarzelle. Eigentlich gehöre ich auf jedes Fensterbrett. Wie, du hast noch keine Maneki Neko am Fenster stehen? Na, dann wird es aber Zeit. Kaufe mich!

Da ich zumeist als ein Glücksbringer gelte oder die Kundschaft hereinbitte, sieht man mich häufig vor den Eingängen von Restaurants, Lotterie- und Ladengeschäften sitzen. Sogar vor Bordellen winke ich freundlich die Laufkundschaft herbei. In Taiwan und in Thailand haben mich die Menschen ebenfalls in ihr Herz geschlossen. Neuerdings finden auch zunehmend Europäer und Amerikaner Gefallen an meiner freundlichen Erscheinung. Gefalle ich dir auch? Kaufe mich und all Deine Träume werden wahr!

Der Kult um mich stammt ursprünglich aus China und Japan. Katzen galten als fleißige Mäuse- und Rattenfänger, weswegen mit uns das Glück verbunden wurde. Doch sagte man uns auch die Fähigkeit nach, wir könnten uns in schreckliche Dämonen verwandeln. Deshalb fürchteten sich viele Menschen vor uns. Vor mir musst du aber keine Angst haben. Ich kann niemandem etwas Böses tun. Ich bin dein Glück.

Meine Gestalt geht auf die japanische Katzenrasse Bobtail zurück, die vor allem durch einen Stummelschwanz gekennzeichnet ist. Dem chinesischen Aberglauben zufolge beginnt es zu regnen, wenn sich eine Katze mit den Pfötchen das Gesicht wäscht. Da dieses Putzen den Menschen auch wie ein Winken erschien, glaubte man, ich würde die Gäste ins Haus hineinbitten. 

In Japan deutete man mein Winken als Warnung vor einem bevorstehenden Unglück, weswegen Katzen in der japanischen Tradition als Wiedergeburt der Göttin Kannon galten, die als Göttin der Gnade Verehrung fand. Entstanden ist der Kult um mich wahrscheinlich in der sogenannten Edo-Zeit während der Shōgun-Herrschaft im Zeitraum zwischen den Jahren 1603 und 1868. Über meine Herkunft ranken sich die verschiedensten Legenden. Wenn du mich kaufst, werde ich sie dir verraten.

Eines Tages wurde eine japanische Geisha auf der Toilette von ihrer geliebten Katze angefallen. Da man glaubte, das Tier wäre tollwütig geworden, schlug ihr der Hausbesitzer mit einem Schwert den Kopf ab. In hohem Bogen flog das Haupt der Katze in die Toilette, wo es der dort lauernden Giftschlange in den Kopf biss und somit die Geisha rettete. Sie trauerte sehr um ihr geliebtes Haustier. Zum Trost schenkte ihr der Hausbesitzer eine Keramikfigur in Form der irrtümlich getöteten Katze.

In einer weiteren Geschichte über meine Herkunft wird von einer Reitergruppe von Samurai berichtet, die am Eingang des Tempels von Gōtoku-ji nahe der Stadt Edo eine kleine sitzende Katze vorfand. Da sich das Tier gerade das Gesicht wusch und die Samurai dies als ein freundliches Winken deuteten, betraten die Krieger den Tempel auf friedliche Weise. Die Bewohner ließen sie am Leben.

Eine Sage berichtet davon, wie der japanische Herrscher Ii Naosuke auf dem Heimweg von der kaiserlichen Falknerei in einen Platzregen geriet. Um Schutz zu suchen, stellte er sich unter einen großen alten Baum. Ganz in der Nähe bemerkte er einen alten ärmlichen Tempel. Vor dem Eingangstor erblickte er eine Katze, die ihm offenbar ganz aufgeregt zuwinkte. Sogleich eilte er zu dem Tier, um herauszufinden, was es von ihm wolle. In diesem Moment fuhr ein Blitz in den alten Baum, der Ii Naosuke nur knapp verfehlte. Aus Dankbarkeit spendete er viel Geld für den Tempel, was ihn vor der Schließung bewahrte.

Eine andere Geschichte berichtet von einer alten Frau in Geldnot. Um ihre Schulden zu begleichen, wurde ihr angeraten, doch ihre geliebten Katzen zu verkaufen. Dies brachte die Alte jedoch nicht übers Herz. Stattdessen töpferte sie Nachbildungen ihrer geliebten Tiere, die sie gewinnbringend veräußerte. Ihre Tonfiguren kamen bei der Kundschaft so gut an, dass sie schließlich all ihre Schulden begleichen konnte.

Auch aus jüngster Zeit ist eine Legende um meine Herkunft überliefert. Ein Fischhändler befand sich aufgrund eines Unfalls in finanziellen Schwierigkeiten, da er für eine gewisse Zeit nicht arbeiten konnte. Doch trotz seiner Armut hielt er immer ein paar Essensreste für eine herrenlose Katze bereit, die ihn ab und an besuchte. Eines Tages erschien das Tier mit einer goldenen Münze im Maul, die der Fischhändler gewinnbringend verkaufte. Dadurch gelang es ihm sein Geschäft zu retten und die schwere Zeit zu überstehen.

Na, das sind doch schöne Geschichten, oder nicht? Nun musst du mich aber auch kaufen. Sonst werde ich noch als Ladenhüter enden. Was wäre das für ein armseliger Mythos? Bedenke, auch winkende Kätzchen haben Krallen.

Traditionell wurde ich aus glasierter Keramik hergestellt, die aufwändig bemalt wurde. Die gestalterischen Elemente sind stets die gleichen, jedoch variiere ich häufig in Größe und Farbe. Manchmal verwendete man sogar Blattgold, um mich zu verzieren. Um meinen Hals trage ich meist ein rotes Bändchen mit einem goldenen Glöckchen oder einer verzierten Plakette, auf der die Schriftzeichen dessen eingraviert sind, was herbei gewunken werden soll. In der Regel ersehnt man sich Glück, Geld oder Kundschaft. Neuerdings werden wir zumeist aus Plastik hergestellt und für wenig Geld in der ganzen Welt zum Kauf angeboten. Beste Qualität „Made in China“. Wer will denn nicht glücklich sein oder gar reich? Jetzt hast du die Gelegenheit. Jeden Cent, den du in mich investierst, wirst du tausendfach zurückerhalten. Schau mich an: Können diese Augen lügen?

Eine besonders wichtige Rolle spielen meine Farben. Werde ich dreifarbig dargestellt, so soll ich Glück und Wohlstand bringen. Weiß hingegen symbolisiert Reinheit und Unschuld. Eine schwarze Maneki Neko wehrt böse Dämonen ab und soll vor Stalkern schützen. Besonders Frauen mögen mich in Schwarz. Die goldene Maneki Neko steht für Reichtum, eine Rote hingegen hilft Krankheiten vorzubeugen. Erscheine ich in Pink, so soll ich einen Liebhaber anlocken. Welche Farbe gefällt Dir am besten? Kaufe mich in Gold, da machst du nichts falsch.

Auch ist es sehr wichtig darauf zu achten, mit welchem Pfötchen ich winke. Rufe ich Kundschaft herbei oder bitte ich die Gäste herein, so winke ich stets mit links. Mit meiner Rechten hingegen winke ich Glück und Reichtum herbei. Je höher ich das Pfötchen halte, desto mehr Glück wird meinem Besitzer zuteil. Und jetzt mal ehrlich, wer kann denn unschuldiger und freundlicher winken als ich?

Habe ich dich überzeugt? Wie, du hast schon genug bunten Plastikkram aus China zuhause? Da kann man natürlich winken, so viel man will. Schade. Auch für winkende Miezekätzchen werden die Zeiten härter. Irgendwann werde ich wieder in bester glasierter Keramik erscheinen, nein, in bestem chinesischen Porzellan. Du wirst schon sehen.

Ich werde weiter winken, das Glück wird kommen!

Maneki Neko dankt ihrem Autor Andreas Erler.

 

 

Mehr Informationen über mich findest Du unter:

Ju Brown, John Brown: China, Japan, Korea – Culture and Customs. BookSurge, North Charleston 2006.

P. C. Cast, Leah Wilson: Nyx in the House of Night –  Mythology, Folklore, and Religion in the P.C. and Kristin Cast Vampyre Series, Smart Pop, Dallas 2011.

Sandra Choron, Harry Choron, Arden Moore: Planet Cat – A Cat-Alog, Houghton Mifflin Company, Boston MA 2007.

Bruce Fogle: Encyclopedia of the Cat: The Definitive Visual Guide, Dorling Kindersley, London 2008.

Tom Howard: The cat chronicles –  One cat … nine adventurous lives … each lived in a different time and place, Running Press, Philadelphia 1993.

Alan Scott Pate: Maneki neko, Japan’s beckoning cats – From talisman to pop icon, Mingei International Museum’s Billie Moffitt Collection, San Diego 2011

Sam Stall: 100 Cats Who Changed Civilization – History’s Most Influential Felines, Quirk Books, San Francisco 2007.

James M. Vardaman, Michiko S. Vardaman: Japan from A–Z. Mysteries of Everyday Life Explained, Tuttle Publishing, 1995

Peter Warner: Perfect Cats, Sidgwick & Jackson, London 1991.

Jill C. Wheeler: Japanese Bobtail Cats, ABDO, Minneapolis 2012.

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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