Midgardschlange

Mich nennt man Midgardschlange. Ich bin eine riesige Seeschlange und lebe im Urozean. Vor mir solltest du dich in Acht nehmen. Nicht, weil ich giftig bin, sondern weil mit mir das Schicksal der Welt verbunden ist. Wie du siehst, bin ich groß und mächtig. Ich bin sogar von solch riesiger Gestalt, dass ich die Welt umspanne und mir selbst in den Schwanz beiße. Ich stehe symbolisch für die regelmäßige Wiederkehr aller Dinge. Sollte ich irgendwann einmal meinen Schwanz loslassen, so wird der andauernde Kreislauf durchbrochen sein und die Welt wird im Chaos versinken. Dies geschah das letzte Mal während der großen Schlacht der Götter und der Riesen, die später auch als Ragnarök bezeichnet wurde. Ich bin das Schicksal der Welt.

Ich bin das Kind des Gottes Loki und der Riesin Angrboda. Meine Schwester ist Hel, die Herrscherin der Unterwelt, und mein Bruder ist der gefürchtete Fenriswolf. Zusammen gelten wir drei als die germanischen Weltfeinde. Thor, der Gott des Donners, trifft in den alten mythischen Erzählungen der Edda-Sagen dreimal auf mich. Er galt als der Beschützer von Midgard, der Welt der Menschen, und somit war Thor zugleich auch mein schlimmster Feind. Thor, wenn ich diesen Namen nur höre, so läuft es mir kalt den Rücken herunter. Die alten Geschichten werde ich ihm niemals verzeihen. Doch höre selbst, wie es sich damals zutrug:

Thor war zusammen mit dem Riesen Hymir hinausgerudert, um Fische zu fangen. Da ihr Hunger groß war, nahmen sie sich vor, die ganz großen Fische zu fangen. Zuvor riss Thor einem der Stiere Hymirs den Kopf ab, um ihn später als Köder an seine Angel zu binden. Ich erblickte den Kopf, biss hinein und hing am Haken. Mit Leibeskräften zog Thor an der Angel, und es gelang ihm, mich aus dem Wasser zu hieven. Gerade in dem Moment, als Thor mit seinem mächtigen Hammer dazu ansetzte, mich zu erschlagen, kappte Hymir die Leine und ich konnte entfliehen. Voller Wut und Zorn warf mir Thor noch seinen Hammer nach, der mich jedoch verfehlte. Ja, das war knapp.

In Utgard, dem Land der Riesen und Trolle, traf ich ein zweites Mal auf Thor. Der König der Riesen war Utgardloki, der ihn zum Wettstreit aufforderte. Der listige König stellte Thor eine Aufgabe, die er unmöglich erfüllen konnte. Mit Hilfe von Zauberei tarnte Utgartloki mich, die Midgardschlange, als riesige Katze. Thor sollte die Katze heben, um seine Stärke zu beweisen. Mit all seiner göttlichen Kraft versuchte er, mich emporzustemmen, doch es gelang ihm nicht, mich vollständig in die Höhe zu befördern. Lediglich ein Bein meiner Katzengestalt verließ für kurze Zeit den Boden. Nachdem Utgardloki den Schwindel offenlegte, zeigte er sich äußerst beeindruckt von Thors Stärke.   

Eines Tages war die große Zeit gekommen, die Welt musste sich neu ordnen. Ich spürte es in jeder Zelle meines Körpers und so ließ ich meinen Schwanz los, in den ich mich seit Ewigkeiten fest verbissen hatte. Den Urozean verließ ich, um im Himmel mein Gift zu verteilen. Während des großen Weltenbrandes, dem sogenannten Ragnarök, traf ich nun ein drittes Mal auf Thor. Als er mich erblickte, ergriff er seinen mächtigen Hammer und erschlug mich. Neun Schritte schafft es Thor noch zurückzuweichen, bevor er selbst in die Knie ging und meinem Gift erlag.

Vieles hatten die Menschen über mich zu berichten, und in ihren Sagen und Mythen lebe ich weiter, immer fest in meinen eigenen Schwanz verbissen. Doch eines Tages, nur die Götter allein wissen wann, werde ich wieder die Zeit gekommen sehen, meinen Schwanz loslassen und mich in die Schlacht stürzen. So, wie es immer war, und so, wie es immer sein wird.

Die Midgardschlange dankt Ihrem Autor Andreas Erler.

 

Mehr Informationen zu mir findest du unter:

Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, Verlag Kröner: Stuttgart, 2006.

Karl Simrock: Die Edda – Göttersagen, Heldensagen und Spruchweisheiten der Germanen, Verlag Neues Leben: Berlin, 1988.

Reiner Tetzner: Germanische Götter- und Heldensagen, Reclam: Stuttgart, 2000.

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .