Bewegung und Ruhe
Was ist nicht alles totgesagt worden in den letzten 150 Jahren: der Mensch, die Geschichte, das Buch, Gott und die Büroklammer. Die Bestattungsunternehmen trugen feierliche Namen wie Monismus, Marxismus oder Poststrukturalismus. Die betroffenen Angehörigen zeigten selbstverständlich Trauer, doch konnten sie eine gewisse Heiterkeit nicht verbergen; es waren große Erbschaften im Spiel.
Man hat den Eindruck, die Moderne sei eine einzige Folge von Begräbnissen. Meist handelte es sich jedoch um verfrühte Nachrufe, Scheintode oder bewusste Falschmeldungen. Immer wieder durfte die eine oder andere Wiederauferstehung gefeiert (oder gefürchtet) werden. Daraus lässt sich schließen: der Mensch mit seinen Eigenheiten ist zäh. Er erzählt und glaubt gern, er neigt dazu, sich als Ich zu begreifen und fortwährend etwas zu tun, was im Rückblick dann Geschichte heißt.
Zu den totgesagten Dingen gehört auch das Reisen. So hat Aurel Schmidt 1992 sein Buch Wege nach unterwegs mit dem Untertitel „Das Ende des Reisens“ versehen. Seit Thomas Cook im Jahre 1851 seine ersten Waggonladungen mit Billigreisenden aus Nordengland nach London zur Weltausstellung schickte, hat sich mit dem Eisenbahnnetz auch das Netz des Tourismus über die Welt ausgebreitet. Das Ferne ist nah geworden, aber auch langweilig. Es will nicht mehr richtig anders werden im Anderswo. Gleichzeitig holen wir uns das Anderswo ins Haus, mit exotischen Souvenirs, aber vor allem aber mit den Medien. Wozu noch hinaus in die Welt? Derweil schreitet die Homogenisierung des Planeten voran: Alle 200 Meter werden wir im Durchschnitt mit einer Reklame konfrontiert, selbst wenn wir uns im hintersten Himalaja verstecken. „Die Welt ist erschlossen“, schreibt Schmidt. „Alle Orte sind besetzt wie ein okkupiertes Land, wie ein von einer Krankheit befallener Körper:“ Mit dem touristischen Reisen endet so manches romantische Ideal wie Authentizität und Individualität, etwas, was Walter Benjamin die „Aura“ eines Gegenstandes nannte, den Horizont des Besonderen.
Aber war es je anders? Gab es nicht immer diesen Gegensatz zwischen dem, der die Welt mit eigenen Augen sieht und durchwandert, und jenen, die dies als Gruppe tun, und ihre Eigenheit dabei aufgeben? Auch vor dem Massentourismus scheint dies schon der Fall gewesen zu sein. Johann Gottfried Seume etwa machte sich trotz aller Kutschen zu Fuß auf den Weg nach Sizilien. Zudem meinte er, „wer geht, sieht anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt“ und „dass „alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.“
Goethe wiederum setzte sich ab von den Reisenden der Grand Tour, die ein Programm abzuwickeln hatten: Besichtigungen, Besuche, Kontakte mit anderen Adeligen, eine reine Statusgeschichte. Er dagegen wird am Gardasee als Spion verdächtigt, weil er vor sich hin zeichnet, geht dann inkognito in Rom umher. Er ist ein produktiver Reisender, einer der alles aufzeichnet, weiterdenkt, vergleicht. Man könnte also unterscheiden zwischen dem aufmerksamen Reisenden und dem oberflächlichen, dem intelligenten und dem dummen. Der eine will alles fertig vorgesetzt bekommen, der andere macht es lieber selbst. Auch Rom und Griechenland hatten ihren Tourismus samt Souvenirindustrie und nicht jeder brachte aus fernen Ländern soviel Kundiges wie Herodot oder Solon. Heute allerdings hat dieser Gegensatz ganz andere Ausmaße angenommen. Der Träge zahlt, also wird die Welt für ihn hergestellt.
Das Reisen allein macht also nicht klüger. Man kann nicht einmal sagen, daß Bildung klüger macht; besser macht sie die Menschen leider auch nicht. Diese Erkenntnis führt auf einen grundlegenden Gegensatz zurück: Bewegung und Ruhe. Denken beginnt mit Unruhe, mit Selbstentzweiung. Die Spezies homo sapiens kann für ihr Überleben nicht einzig auf Instinkte und Automatismen zurückgreifen, sie muß sich selbst immer wieder voraus sein, vor-denken, aber auch nach-denken. Sie lebt in Zeitverzögerungen und Zeitverschiebungen. Prometheus, der den Menschen Feuer brachte und damit Technologie, der nach einer anderen Mythe die Menschen gar erschuf, ist der Vor-denker, sein Name ist „Vorbedacht“. Feuer und Bewusstsein, das bedeutet Unruhe.
Mythisch zeichnet sich hier ab, was bei den Vorsokratikern als philosophischer Gegensatz erkennbar wird. Die einen sehen Bewegung (Heraklit), die anderen Ruhe und Einheit (Parmenides). Man könnte den Unterschied auch den zwischen Eins und Zwei nennen. Parmenides spricht von der Einheit des Seins mit dem Denken (die Interpretation seines Satzes über die Einheit ist eine lebenfüllende Tätigkeit). Nach ihm ruht alles, es ist alles eins, es bewegt sich nichts. Heraklit dagegen ist der Denker der Zwei: des Zwistes, des Zweifels. Es gibt nichts, wenn es nicht zwei gibt. Der Streit bringt alles hervor, Polarität und Differenz sind die Bedingungen von Erkenntnis wie Geschichte.
Das Aufbrechen eines solchen Gegensatzes zwischen Stille und Bewegung fällt in die von Karl Jaspers so genannte „Achsenzeit“ im ersten vorchristlichen Jahrtausend, als in verschiedenen Teilen der Welt ähnliche ethische und philosophisch-religiöse Systeme entwickelt wurden. Auch in der chinesischen Philosophie gibt es diesen Gegensatz zwischen Dynamik und Stille, zwischen dem Willen zur Geschichte und dem Weg der Willenlosigkeit. Die Daoisten lehnen die gesellschafts- und geschichtsbezogene Lebensvorstellung der Konfuzianisten ab. Das Wissen der Gelehrten ist für sie eine sinnlose Akkumulation, die zugleich sinnlos in ihrer Bewegung ist. Hüte dich vor der grenzenlosen Gier dieser ‚Bildung’, sagt Zhuangzi, etwa 200-400 v. Chr:
Unser Leben ist begrenzt,
doch das Wissen ist grenzenlos.
Gefährlich ist’s
Dem Grenzenlosen nachzugehen
Mit dem, was Grenzen hat.
Darin, scheint mir, liegt eine fundamentale Kritik dessen, worauf unsere eigene Moderne aufgebaut ist: endlose Bewegung. Ihr letztes Ziel heißt Information – oder die Verwandlung allen Seins in Zeichen. Das Zeichen aber steht für Abwesendes, es signalisiert geradezu eine Flucht vor dem Realen. Das Internet spiegelt uns die aktuelle Verfassung unserer grenzenlosen Bedürfnisse vor. Doch wir selbst bleiben als Menschen Begrenzte.
Reisen, so oft und so weit wie möglich, ist eine weitere Ausgestaltung dieser Bewegungswelt. Der andere große Daoist, Laozi, hatte daher auch einen Vers gegen das Reisen parat:
Geht man nicht aus der Tür,
kennt man die Welt.
Blickt man nicht aus dem Fenster,
sieht man des Himmels Weg.
Je weiter man ausgeht,
desto weniger kennt man.
Das Reisen ist Ablenkung und Inbild der Unruhe, die später Blaise Pascal zu dem berühmten Satz veranlasste: das ganze Unglück der Menschen bestehe darin, dass sie nicht in der Lage seien, ruhig in ihrem Zimmer zu bleiben. Pascal hat allerdings auch den Omnibus erfunden, er wohnte im Haus der Widersprüche. Die philosophische Schule der Bewegung, die zu Hegel, Marx und Nietzsche und Bloch führt, lebt von der Unruhe, vom Fortschritt in die Utopie, zur Synthese und Endzeit, in die Zeit des Übermenschen. Die andere Schule, die der Ruhe und Stille, fordert das Einkehren des Menschen bei sich, das Innehalten, die Meditation. Neben Parmenides sind die Stoiker zu nennen oder Mystiker wie Meister Eckhart, Schopenhauer, vielleicht auch Heidegger. Die einen wollen die Erde umrunden, um sich selbst zu erkennen, die anderen, bleiben lieber gleich zu Haus oder im Schwarzwald. Dass etwas fehlt, wissen die einen wie die anderen.
Reisen als Lebenskunst
Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton beginnt sein Buch über eine Amerikareise mit den Worten: „Es ist mir noch nie gelungen, meine alte Überzeugung abzulegen, dass Reisen den Geist einengt.“
Die Gefahr des Reisens besteht in einer Möglichkeit, sich selbst zu täuschen. Man sieht die Fremde und die Fremden wie man sie erwartet und findet sich damit nur bestätigt in alten Vorurteilen. Wer gereist ist, glaubt etwas zu wissen, was die Daheimgebliebenen nicht wissen, und doch weiß er (meistens) nicht mehr. Er unterliegt der Täuschung, zu wissen, dass er etwas weiss. Ein Mensch wie Sokrates dagegen braucht nicht zu verreisen, denn der Zweifel ist ihm immer zur Stelle. Aber noch immer gehen wir auf Reisen, um ein anderes Licht auf unsere Existenz, unseren Alltag zu erhalten. Diese Verfremdung durch Distanz, die uns einem vermeintlichen Eigenen, dem Selbst, näher bringen soll, entspricht dem Staunen, das am Anfang allen Philosophierens steht. Und nicht nur am Anfang. Ein Philosophieren, das das Staunen verlernt hat, hat diesen Namen nicht verdient. Das Reisen kann im besten Fall einen philosophischen Denkprozeß, eine Selbstbefragung auslösen, die auf eine Relativierung oder Wiederentdeckung des längst Bekannten hinausläuft.
Chestertons Werk ist von eben diesem Drang zum Staunen durchzogen und das gibt seinen literarischen Phantasien einen hintergründigen philosophischen Gehalt. Ich denke an die Diskussion zwischen einem Anarchisten und einem Ordnungsliebhaber in seinem Roman The Man Who Was Thursday (Der Mann, der Donnerstag war, 1908). Während der Anarchist das Chaos als Wurzel aller Kunst ansieht, preist der andere die Ordnung, denn diese sei viel unwahrscheinlicher als das Chaos. Das Unwahrscheinliche ist das Überraschende. Dass Züge nicht ankommen, ist viel eher zu erwarten in diesem Universum als das Gegenteil, und so enthält ein Kursbuch viel mehr Phantastik als jedes Feuerwerk der Kreativität. Wer so redet, muß schon von der Erleuchtung gegessen haben. Das Reisen mag die älteste Technik darstellen, die Lebenskräfte des Staunens zu erwecken, sozusagen die somatischen Grundlage der Philosophie. Sie sind kaum von Angst, Erstarren, Erschrecken, aber auch nicht von freudiger Erregung zu trennen. Etymologisch hängt reisen mit reissen (sich herausreissen, vgl. auch das engl. to rise) zusammen. Es deutet eine Mühe, ja Gewalt an, die mit solch einer Bewegung einhergeht und die sich noch im engl. travel erhält, das wiederum auf das frz. travail als Arbeit, Mühe zurückgeht. Wer in die Fremde geht, wird sich auch selbst zu einem gewissen Teil fremd. Er mag wohl all das, was ihn bislang definierte, in Frage stellen. So winkt man dem Reisenden zwar beim Abschied nach, aber nicht ohne Bedenken. Ein wenig gibt man ihn schon auf.
Einer hat sich zu Hause fremd gemacht und in der Fremde wird er es ohnehin sein. Das Fremdsein ist jedoch, so schreibt Georg Simmel in seinem Essay „Der Fremde“, auch eine „ganz positive Beziehung, eine besondere Wechselwirkungsform.“ Der Fremde kann im günstigen Fall etwas objektiver sein als die Einheimischen, weil weniger verstrickt in Parteiung und Gewohnheit. Natürlich wirft man dem Fremden auch Oberflächlichkeit vor, er verstehe ja gar nichts von dem Land, das er so unstet durchreist. Das war immer ein beliebtes Argument gegen die Juden, dass sie eben nicht verwurzelt seien in der jeweiligen „Gastkultur“. Simmel rehabilitiert diese Rolle, indem er die besondere Proportion von Nähe und Ferne, die der Fremde verkörpert, als einen Beitrag zur Freiheit ansieht, als Durchbruch zu abstrakteren und allgemeineren Qualitäten, die über das organisch gewachsene Gemeinwesen hinausgehen. [1]
Wer Freunde in fernen Städten besucht, stellt fest, dass sie sehr oft etwas an ihrem eigenen Ort zum ersten Mal sehen, weil der Gast sie danach fragt. Wenn sie schon nicht selbst verreisen können, um sich einen erneuernden Blick auf ihre Heimat zu erlauben, so sollten sie denen dankbar sein, die ihnen ihre fremden Augen leihen und ihren Alltag in ein anderes Licht stellen. Ich zeigte neulich chinesischen Besuchern das Leipziger Völkerschlachtdenkmal. Sie sagten, das Denkmal habe das Fengshui chinesischer Königsgräber. Der Bau hat für mich nun an Rätsel gewonnen. So kann der Fremde Heimat aufwerten, ja sie erst zu einer machen.
Wenn ich nicht auf den Fremden warten kann, so muß ich mich selbst in die Fremde aufmachen. Ernst Bloch fand im Aufbruch der Reise den Wärmestrom seines Marxismus gefunden. Das Märchen von denen, die auszogen, eine bessere Welt zu suchen, ist ihm geläufig, aber auch das märchenhafte Sprechen als Verzauberung der Hörer. So inspiriert sich Blochs Stil am Vergangenen, das uns fremdgeworden ist: Sage, Märchen, Wunderglauben, Sprichwort und Volksweisheit, und lässt es in sein utopisches Denken fließen. Der von Hoffnung auf Besseres Beseelte muß sich geradezu die Formel des Wanderers, des Reisenden, des Sehnsüchtigen und Bewegten zu eigen machen. Vielleicht rührt daher der Eindruck, bei Blochs Philosophie handele es sich um eine der ewigen Jugend, eine Philosophie des ständigen Aufbruchs. Es geht ihm aber nicht nur um die räumliche Reise, denn schließlich bezieht sich sein Prinzip Hoffnung auf die große Verwandlung alles Bestehenden. Reise ist nur eine mögliche Medizin, die der Verfremdung des Vertrauten dient. Im produktiven Heimweh sieht Bloch ein verfremdendes Elixir, „das die verlassene, längst abgestumpft erfahrene Umgebung selber farbig, ja utopisch macht und ihr neue Seiten abgewinnt.“ (3. Teil, Kap. 18)
Kein Wunder, dass Bloch auch ein großer Leser Chestertons war. Der Engländer empfahl, man solle sich öfter auf den Kopf stellen, um der Welt andere Farben zu geben. Sein Werk ist voller Kopfstände, die auch Paradoxien heißen, und die Klage über das Ende des Reisens wird man bei ihm vergeblich suchen. Wir müssen lernen zuhause zu reisen. Es muß nicht nur das eigene Zimmer sein, das man wie Xavier de Maistre in 42 Tagen durchqueren kann (Reise um mein Zimmer, 1794). Die Kunst besteht darin, in der scheinbaren Monotonie der Oberfläche von Alltag und Umgebung Tiefendimensionen zu entdecken. Auch in der Pfütze liegt ein Mittelmeer. Wetter, Licht und Jahreszeit ver- und entschleiern diese Dimensionen. Du gehst nie zweimal in dieselbe Landschaft, auch wenn es deine eigene ist. Es gibt ein spanisches Sprichwort: der Pilgerweg nach Santiago de Compostela beginnt vor deiner Haustür.
Figuren der Reise
Wie das Denken nach unterschiedlichen Figuren verläuft, so auch das Reisen. Es gibt erzwungenes und freiwilliges, Abenteuer oder Unterhaltung suchendes, es gibt lustbetontes und erkenntnisbezogenes Reisen. Man könnte diese Figuren als Urmuster des Denkens sehen. Etwa Odysseus, der zahlreiche Abenteuer durchlebt, bevor er in seine Heimat zurückkehren darf. Die Götter und Göttinnen umweben ihn mit diesen Abenteuern, einer Art verwirrender Maya, wie die Inder sagen würden, einem Schleier der Täuschungen. Die göttlichen Wesen lieben oder hassen ihn und dementsprechend weben sie an seinem Lebenstuch. Odysseus ist aber auch der Aufklärer, wie Adorno und Horkheimer in ihrer einflussreichen Dialektik der Aufklärung ihn skizziert haben. Die Zerstörung von Zauber und Mythos erzeugt selbst wieder mythologische Verhaltensmuster. Die beiden Philosophen der Kritischen Theorie sahen in dieser Figur die Ambivalenz des bürgerlichen Menschen, dessen Aufgeklärtheit letztlich auch in neue Unmenschlichkeit führt. Die „Fluchtbahn des Subjekts vor den mythischen Mächten“ mündet in eine weitere Karriere, die Bürgerlichkeit. Adorno und Horkheimer sehen sie im Helden des neuzeitlichen Abenteuerromans aufdämmern.
Bis in die neueste Zeit hat die Figur des Odysseus Literatur und Kunst angezogen – man denke nur an James Joyce oder den karibischen Autor Derek Walcott (Omeros). Er steht in jedem Fall Odysseus für den Heimatlosen und Verbannten, den es nach Hause zieht. Demgegenüber wäre die Figur des Händlers zu sehen, des Diplomaten oder des Spions. Sie gehen in die Welt aus mehr oder weniger freien Stücken, sie wollen Kontakte knüpfen und Schätze nach Hause bringen. Die Figur trägt zur Kommunikation und zur Globalisierung bei, vielleicht auch zum Verrat. Man denke an Marco Polo, den Graf von Pückler-Muskau, der reiste, um eine Frau zu finden, an Gertrude Bell, T.E. Lawrence, Graham Greene, die allesamt im britischen Geheimdienst standen.
Zwei weitere Figuren der Bewegung sind zu nennen. Zum einen der Pilger, der sich auf die Reise an einen bestimmten heiligen Ort begibt, um dort bestimmte Wohltaten für die Seele oder den Leib zu erhalten: Heilung von Krankheiten, Ablässe von Sünden, Glück. Die Wallfahrt ist keine christliche Erfindung, sie scheint geradezu eine menschliche Konstante zu sein. Kaum eine Religion, die nicht solche Art von Bewegung auf heilige Ziele hin förderte. Auch heute, in einer teilweise nachchristlichen, agnostischen Zeit und Weltgegend suchen Menschen Transzendenz durch Reisen und machen sich wie Shirley MacLaine, Paolo Coelho oder Hape Kerkeling auf nach Santiago de Compostela oder wie Alexandra David-Nèel nach Tibet.
Noch einer geht auf eine Suche, doch anderer Art. Den Forscher treibt die Wissenslust. Er möchte Erkenntnisse nach Hause bringen. Schon Herodot wird es so ergangen sein, verschärft aber gehört eine solche Haltung in die Neuzeit und ihren wissenschaftlichen Horizont. Nach Bacon geht die Reise über die Neue Welt hinaus in den Pazifik, wo sein Neues Atlantis liegt, das ganz und gar der Wissenschaft gewidmet ist. Die englischen Forscher nutzten das globale Netz ihrer Seefahrt, um die Bestände der Royal Society an Funden aus der ganzen Welt aufzubauen. Ohne die Forschungsreisen von Darwin und Wallace wäre es lange nicht zur Evolutionslehre gekommen. Kein Gesamtbild der Natur wäre möglich ohne diese Reisenden, die in Kleinstarbeit Mineralien, Pflanzen und Tiere sammelten oder über die Sitten der Eingeborenen ihre Berichte schrieben. In Deutschland verkörpert Alexander von Humboldt diesen Wissensdrang. Erkenntnisse werden gesammelt, um einen Sinn für den Zusammenhang herzustellen, für die schöne Ordnung oder Kosmos, wie sein Hauptwerk heißt. Die Reise ist damit Suche nach einem Sinn, der über das Individuelle hinausgeht.
Als fiktionales Gegenstück zu den Reisenden ließe sich das Werk Jules Vernes sehen. Michel Serres hat bei Verne drei Typen von Reisen ausgemacht. Neben dem geographischen Reisen zum Mittelpunkt der Erde oder zum Mond unternehmen Vernes Helden Reisen ins Innere, in die Psyche. Der Mittelpunkt der Erde liegt im Unbewußten. Schließlich Reisen in das Wissen, die Technik und den Erkenntnisstand der Zeit. Hinzunehmen könnte man das Reisen als Form der Rebellion, die auch Flucht werden kann. Der Inbegriff dafür ist der Kapitän Nemo (immerhin ein anderer Name des Odysseus), der endlos die Tiefen der Meere durchkreist, weil er gegen die Politik oben rebelliert– ein Ahasver der Ozeane.
Doch alle diese Figuren werden von einer einzigen reflektiert, die zu Beginn der Neuzeit am Horizont westlicher Phantasie aufstieg: Don Quijote. Wenn wir ihn als Typ des Reisenden benennen wollen, so ist er der Irrende. Das Irren ist aber wie das Staunen ein grundlegend philosophisches Verhalten. Irren ist nicht nur, wie es das Sprichwort will, menschlich im mitleidigen Sinn, es ist dem Menschen auch notwendig, ja definiert ihn geradezu. Sokrates brachte seinen Zuhörern bei, wie man vernünftig mit dem Irren und dem Irrtum umgehen kann. Dort wo kein Irrtum stattfindet, ist auch mit Erkenntnis nicht zu rechnen. Nicht-Irren können Maschinen, nicht jedoch das erratische Bewusstsein. Aber der Irrtum ist konstitutiv für die schöpferische Leistung. Fehler und Lücken sind geradezu Bedingungen der Möglichkeit für Erkenntnis, was sich am Witz sehen lässt. Ohne Fehler und Lücken könnten wir keinen Witz erzählen oder verstehen.
Der Ritter von der traurigen Gestalt ist gleichsam die Karikatur der europäischen Expansion. Er verkörpert Europas Ruhelosigkeit und die Irrtümer, die daraus entstehen. Aus der Sicht des chinesischen Weisen Laozi sind alle Typen von Reisenden Irre. „Geht man nicht aus der Tür, kennt man die Welt“, sagt er. Don Quijote aber ging aus der Tür und kannte die Welt nicht mehr. Milan Kundera sah in diesem Akt den Beginn des Romans.
So verweisen am Ende alle Figuren, indem sie Variationen von Selbsttäuschung darstellen, auf eine einzige Reise: die Lebensreise, die von der Geburt über verschiedene Stationen unweigerlich in den Tod führt. Der Ängstliche mag den Tod oder die Hindernisse des Lebens fürchten, der Abenteurer mag sie suchen, so wie der Forscher eine Ordnung sucht, der Händler reist durch das Leben wie ein einziges Geschäft. Sie alle glauben jedoch, der Tod – das Ende allen Reisens –sei durch Reisen zu überlisten. Gilgamesch reist an die Ränder der Welt, um das Kraut der Unsterblichkeit zu suchen. Vielleicht liegt hier der wahre Antrieb aller reisenden Bewegung: Erweiterung des Lebens als Verlängerung, als Hoffnung auf Unsterblichkeit, Ablenkung vom Tode, ja Negation. Philosophieren heißt sterben lernen, soll Platon gesagt haben. Dann wäre Reisen das Gegenteil allen Philosophierens. Aber die Reise als Lebensreise ist auch fortgesetzte Lehre über Leben und Tod. Der Abschied, die Ankunft, der Aufenthalt, die Abfahrt – all das sind Momente zwischen Geburt und Lebensende. Als Reisende können wir sie immer erleben, wenn wir es nur bewusst tun. Dann wäre Reisen eine Form des Philosophierens.
Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel
Literaturhinweise:
Adorno. Theodor W. und Max Horkheimer. Dialektik der Aufklärung. Frankfurt/M.: Fischer 1969.
Bloch, Ernst. Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1977.
Chesterton, Gilbert Keith. Die Wildnis des häuslichen Lebens. Berlin: Berenberg 2006.
De Maistre, Xavier: Die Reise um mein Zimmer. Weimar: Gustav Kiepenheuer 1976.
Kranz, Gisbert. Chesterton: Prophet mit spitzer Feder. Augsburg: Sankt Ulrich Verlag 2005.
Laozi (Lao Tse). Tao Tê King. Zürich: Manesse 1950.
Leed, Eric. Die Erfahrung der Ferne, Frankfurt: Campus 1993.
Johann Gottfried Seume. Mein Sommer 1805. Leipzig: Reclam 1987.
Schmidt, Aurel: Wege nach unterwegs. Das Ende des Reisens. Zürich: Benziger 1992.
Serres, Michel. Jouvences sur Jules Verne. Paris: Les Éditions de Minuit 1974.
Simmel, Georg. Das individuelle Gesetz. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1987.
Zhuangzi. Auswahl. Hrsg. Günter Wohlfahrt. Stuttgart: Reclam 2003.
Anmerkungen:
[1] Simmel selbst, das sei hier in Parenthese angemerkt, ist eben so ein Fremder in der deutschen Geistesgeschichte, einer der sich kaum klassifizieren lässt: Soziologe, Phänomenologe, Kulturphilosoph, Essayist? Ähnliche Fälle stellen solche vergessenen, aber doch gerade heute spannend zu lesenden ‚Philosophen’ dar wie: Eugen Rosenstock-Huessy, Rudolf Kassner, Owen Barfield oder Pavel Florensky.
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