Von der Magie der Musik ohne Worte
Die Magie der wahren Musik braucht der Worte nicht, sie beruht vielmehr auf der Fähigkeit, Emotionen direkt zu übertragen, ohne die Sprache dabei unmittelbar bemühen zu müssen. Vielmehr scheint die Musik selbst eine Art universelle Sprache zu sein, sie überwindet Grenzen und findet bei ihren Zuhörern eine einzigartige Resonanz. Das trifft auch auf „The Magic of Marlene“ zu, auf die Magie ihrer Musik, die Magie ihrer Bilder, ihre Gestik, Mimik und Blicke. Ihre betonte „emotionale Intelligenz“, die sich zwischen bewusster „Zurückhaltung“ und gleichzeitig herausgestellter Ausdruckskraft ihrer Stimme bewegt, eben jener „besonderen Hauch“ der Dietrich, berührte ihre Zuhörer immer wieder. Das traf auch auf Polen zu, wo es ihr problemlos gelang, eine persönliche, geradezu intime Verbindung zu ihrem begeisterten Publikum herzustellen, ohne dass die Zuhörer ihre gesungenen Texte verstehen mussten. Und so sind die Konzerte von Marlene Dietrich in Polen als eine „unvergessliche Inszenierungen von Gefühlen“, als ergreifendes „gehörtes Fühlen“ in bleibender Erinnerung geblieben. Es war neben dem polnischen Film eben auch die polnische Musik, welche die Dietrich besonders schätzte, und das betraf bei Weitem nicht nur auf Chopin zu. So verehrte sie das legendäre polnischen Klavier-Duo Marek (Tomaszewski) und Vacek (Wacek Kisielewski) mit ihrem außergewöhnlichen Improvisationstalent. Marek und Vacek begleiteten Marlene Dietrich auf ihren Konzertreisen und unterstützte sie musikalisch bei ihren Auftritten. Diese Vorstellungen halfen den internationalen Ruf der beiden Künstler zu begründen, denen es mit großem Talent gelungen war, die „polnische Estradenmusik“ mit der großen klassischen Kunst zu vereinen.
Von besonderer Bedeutung war die Begegnung Marlene Dietrichs mit der „Avantgarde-Ikone“, dem polnischen Sänger Czesław Niemen und seiner Band „Die Blauschwarzen“ (Niebieskoczarni). Niemen hatte in seiner Rockballade „Seltsam ist diese Welt“ (Dziwny jest ten świat), die Menschen beschworen, endlich Hass und Gewalt zu überwinden und mehr Menschlichkeit zu zeigen. Das Lied verband die Musik des Rocks mit Elementen der klassischen Musik, aber auch mit dem Jazz, der Soulmusik wie auch mit Volksballaden und der Kirchenmusik. Das zu einer Hymne, zu einem Aufschrei der jungen Generation im damaligen Polen gewordene Lied, „Seltsam ist diese Welt“, drückte ihre Befindlichkeit aus, in einer ungeliebten, seltsamen Welt leben zu müssen. Es war ein Gefühl, das auch später viele Menschen teilten, die gleichfalls spürten, in einer seltsamen, unverstandenen Welt leben zu müssen.[1]
„Seltsam ist diese Welt, / wo es immer noch so viel Böses gibt. / Und es ist seltsam, / dass so viele Jahre schon / der Mensch den Menschen verachtet. / Diese seltsame Welt, / Eine Welt menschlicher Angelegenheiten, / manchmal ist beschämend dies zuzugeben. / Aber es ist doch häufig so, / dass jemand mit einem bösen Wort / tötet wie mit einem Messer. / Doch Leute guten Willens gibt es mehr / und ich glaube fest daran, / dass diese Welt / dank ihnen niemals zugrunde geht. / Nein! Nein! Nein! / Die Zeit ist gekommen, / Höchste Zeit, / den Hass in sich zu zerstören“.
1964 hatte Marlene Dietrich den polnischen Sänger im Vorprogramm eines Auftritts in Warschau gehört. Dort sang Niemen ein anderes Lied. Es war ein Song über den tief empfundenen Liebesschmerz mit dem Titel: „Ob Du Dich noch erinnerst?“ (Czy mnie jeszcze pamiętasz?): „Und wenn du dich erinnerst, dann gib mir einen Beweis dafür, oder hast du mich bereits vergessen…“[2] In einem Interview sagte Niemen später: „Ich sang gerade. In der Pause kam sie (Marlene) auf mich zu, ergriff meine Hand und sagte: Dieses Lied gefalle ihr sehr.“ Das Lied voller Sehnsucht und Schmerz hatte ihre Seele zutiefst bewegt, auch wenn sie den für mehr als dreitausend Menschen in polnischer Sprache gesungenen Text nicht verstand. Es war die Magie eines Liedes, die universelle Sprache einer grenzenlosen Musik, die in ihrer emotionalen Direktheit keiner wörtlichen Übersetzung bedurfte. Marlene erinnerte sich beim andächtigen Zuhören an ihre Mutter, die sie einst gebeten hatte, Deutschland – und damit auch sie – zu verlassen. Tränen rannen ihr über das Gesicht und verwischten ihr Make-up: „Du hast meine Mutter gesungen! Ich muss dieses Lied haben, ich muss es singen, für meine Mutter!“ sagte sie zu Niemen. Sie hatte verstanden, dass Niemen das große Talent besaß, menschliche Seelen zu berühren. Kurz vor seinem Tod bekannte Czesław Niemen, dass die Begegnung mit Marlene Dietrich den größten Einfluss auf seine Karriere hatte. Für die Dietrich war Niemens Lied eine Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Leben, mit ihrer inneren Zerrissenheit, ihren Zweifeln und Emotionen. Das Lied drückte für sie Reue, Heimweh, Wehmut aus. Es war eher ein Gebet, ein inständiges Flehen aus tiefster Seele. Und so schrieb sie im November 1964 den deutschen Text zu einem Lied, das sie in Polen zum ersten Mal gehört hatte: „Mutter, hast Du mir vergeben?“ Das Lied wurde in das Album „Die neue Marlene“ (1964) aufgenommen, das reifere, vermehrt nachdenkliche, nostalgische, wehmütige Lieder enthält.
„Mutter, hast du mir vergeben? / Mutter, denkst du noch daran? / Mutter, hast du mir vergeben, was ich dir angetan? /
Heimat, hast du mir vergeben? / Heimat, denkst du noch daran? / Heimat, hast du mir vergeben, / was ich dir angetan?
Das Glück lockte mich fort von dir. / Fort von Heimat und Haus. / Ich ging mit all den anderen, / und kam nie mehr nach Haus. /
Mutter, kannst du mich noch lieben? / Mutter gib mir deine Hand. Bin dein Kind doch geblieben, / fremd im fremden Land.
Mutter, ich will in die Heimat. / Mutter, die Zeit ist zu groß. / Mutter, ich will in die Heimat. / Nimm mich in deinen Schoß.[3]
Als die Amerikaner im Frühsommer 1945 in Berlin einrückten, sprach die Dietrich per Militärfunk mit ihrer Mutter, Ende September desselben Jahres konnte sie ihre Mutter wiedersehen. Marlenes Mutter, die sich geschworen hatte, Hitler zu überleben, starb im November 1945. Rechtzeitig gelang es Marlene noch rechtzeitig zu ihrer Beisetzung einzutreffen. Die polnische Übersetzung des Liedes der Dietrich: „Matko, czy mnie przebaczysz?“, ist als die besondere „Geschichte eines Liedes“ auch in Polen bekannt geworden. Es war die gleiche Melodie, aber mit zwei verschiedenen Texten. Dabei wurde das Lied durchaus auch als eine Art Brücke zwischen beiden Ländern und Kulturen verstanden. Der Musik ohne Worte kam hier, neben dem nunmehr verständlichen Text, erneut eine enorme Bedeutung zu. Das hatte auch Swjatoslaw Richter verstanden, als er am Tag der Beisetzung von Marlene Dietrich am 16. Mai 1992 nicht nur 500 rote Rosen nach Berlin schickte, sondern spontan in der Großen Aula der Ludwig-Maximillians-Universität München einen Klavierabend mit Werken von Haydn, Beethoven, Chopin, Debussy, Ravel und Skrjabin als „Hommage an die große deutsche Künstlerin Marlene Dietrich“ gab.[4]
Polen war für die Dietrich bereits vor ihrem Besuch kein unbekanntes Land gewesen. Den „Heldenmut“ der gegen Hitler und den stalinistischen Terror Stalins aufbegehrenden Dietrich hatte stets „die polnische Nation“ bewundert. Ihre dezidiert antifaschistische Haltung hatte sie mit den meisten Polen mit ihren „mutigen, weiten Herzen“ geteilt. Viele gleichgesinnte Polen hatte Marlene bereits im Exil kennengelernt: „Ich hatte mein Vaterland aufgegeben, weil es mir Schande machte.“ Und daran erinnerte sie sich während ihrer Polenbesuche; und sie wurde von ihrem polnischen Publikum ausgezeichnet verstanden: „Ich hatte meine Heimat und Sprache verloren. Niemand, der das nicht erlitten hat, kann das nachempfinden, was ich fühle.“ Nach ihrem letzten Konzert in Polen wendete sich Marlene Dietrich mit folgenden Worten an ihr Publikum: „Ich muss Ihnen Adieu sagen. Und ich möchte Ihnen gerne sagen, dass Sie mich zu Tränen gerührt haben, weil ich Sie so sehr bewundere. Ich habe Ihren Mut während des Krieges bewundert. Und ich liebe Sie.“ Die Künstlerin versprach, bald wieder nach Polen zu kommen.
Marlene ist auch heute in Polen unvergessen geblieben. Davon legt auch das polnische Theater Zeugnis ab. „Marlena. Das letzte Konzert“ (Marlena. Ostatni koncert, 2017), so heißt die im Warschauer „Teatr Polski“ gezeigte Retro-Vorstellung. Der Regisseur, Józef Opalski, stellt den Widerstand der jungen Marlene gegen den Nazismus besonders heraus. Das Stück gleicht aber auch einem Traum, es ist der Traum von einer Künstlerin, die sich in keinen Rahmen, in keine Formen oder Schemata einfügen lässt. Marlene Dietrich bleibt, vergöttert, geliebt, gehasst und verdammt in unserer Erinnerung weiter bestehen, durchaus ambivalent: großartig und tragisch, stark und schwach, empfindsam und unerbittlich, ohne eine „Heilige“ sein zu wollen. Und so zeigt auch das polnische Musikprojekt „Vor Ihnen – Marlene Dietrich“ (Przed państwem – Marlena Dietrich), in dem die polnische Sängerin Izabella Bukowski-Chądzyńska vom Teatr Polski nicht nur weltbekannte Lieder der Dietrich auf Polnisch, Englisch und Französisch singt, die ganze Ambivalenz der Dietrich. In Breslau (Wrocław) entsteht zurzeit ein Film in der Regie von Borys Lankosz mit dem Titel „Jak być kochanym“ (Die Kunst geliebt zu werden). Die Filmpremiere ist für das Jahr 2027 vorgesehen. Der Film ist dem polnischen Schauspieler Zbigniew Cybulski gewidmet, thematisiert auch die denkwürdige Begegnung des Filmstars mit Marlene Dietrich. Dabei erklingt die Musik von Czesław Niemen. Gespielt wird Cybulski von der „Ikone des polnischen Kinos“, Marcin Dorociński. Im Jahre 2001 fand die Premiere des Stückes „Szary Anioł“ (Der Graue Engel) in der Regie des Theaterregisseurs und Chansonniers André Hübner-Ochodlo am „Teatr w Remizie“ in Hel (Hela) statt. Aufgeführt wurde das Stück auch am „Teatr Muzyczny“ in Gdynia. Auch hier werden bekannte Lieder der Dietrich gesungen. Der Theatersommer im „Teatr Atelier“ in Sopot (Zoppot) bringt seit 2024 den „Grauen Engel“ (Szary Anioł) als „intimes Porträt“ von Marlene Dietrich zu Aufführung. Den Text dazu hat der junge deutsche Autor Moritz Rinke geschrieben; der „Graue Engel“ (1996) war sein Debüt. Das Stück thematisiert die letzten Jahre der Dietrich in ihrer Wohnung in Paris. Es ist der Monolog einer alternden, einsamen Diva, einer Ikone, die auf ihr Leben zwischen Mythos und Vergänglichkeit zurückblickt. Das polnische Schauspiel „Édith i Marlene“, auf der Bühne des Warschauer Kulturhauses „Świt“ im Jahr 2022 erstmals aufgeführt, hat die lebenslange Freundschaft zum Thema, die die Chansonlegende Édith Piaf mit Marlene Dietrich verband. Wahrscheinlich hatte die Dietrich an ihre Freundin Piaf und ihr bekanntes Lied, „Non, je ne regrette rien“ gedacht, als sie, im Rückblick auf ihr Leben, schrieb: „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen. Aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe.“ Es war ein Vermächtnis, das, trotz aller Widrigkeiten, ein Leben ohne Reue zelebriert. Ob Marlene Dietrich dabei auch an Polen, an Zbigniew Cybulski und Czesław Niemen dachte?
Ein Beitrag von Dr. Hans-Christian Trepte
Anmerkungen:
[1] https://www.youtube.com/watch?v=wTjLZwpmufw
[2] https://www.youtube.com/watch?v=JYPADejZwcY
[3] Marlene Dietrich Mutter hast du mir vergeben YouTube
[4] Sviatoslav Richter: Out of Later Years in memoriam Marlene Dietrich. Live Classics (1998).
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.


