„Es ist so schwer eine lebende Legende zu sein. Immer auszusehen, wie die Menschen es erwarten, immer dreißig Jahre alt, das Publikum nie zu enttäuschen. Das ist so viel Arbeit. Auch wenn man jung ist übrigens, es ist dieselbe furchtbare Arbeit. Immer die Perücke und die Schminke und der Körper. Sie war diese Anstrengung einfach müde.“ (Maria Riva über ihre Mutter Marlene Dietrich)
Es war der „Spiegel“, der 1977 seine Ausgabe Nr. 47 dem im trivial-romantischen, sentimentalen, sündigen Sinne „unverwüstlichen Mythos Marlene Dietrich“ widmete. Dabei besteht der Mythos Marlene im Wesentlichen aus immer wieder bedienten Klischeevorstellungen. Dazu gehörte auch ihre androgyne, erotische Ausstrahlung. Es war das Hamburger Schmidtchen-Theater, das von 2017 bis 2022 diesen klischeehaften Mythos Marlene in der Bearbeitung von Corny Littmann mit Kerstin Marie Mäkelburg als laszive, mondäne Diva, auf grandiose Weise zu entzaubern wusste. Zugleich war es aber auch ein Abschied von einer Legende, von einem international umjubelten Superstar, über den Ernest Hemingway schrieb: „Selbst wenn sie nichts anderes als ihre Stimme hätte, könnte sie damit dein Herz brechen.“ „Marlene Dietrich – Porträt eines Mythos“ heißt der Oscar-nominierte, exklusive Dokumentarfilm von Maximilian Schell aus dem Jahre 1984. Auch Schell hinterfragt den Mythos Marlene und erhielt dafür den Deutschen Fernsehpreis. Gekonnt nutzt er die Stimme der Dietrich und verwendet Archivaufnahmen. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf einen weiteren Film, nämlich die „gefilmte Biographie“ (2001) von J. David Riva, Enkel der Dietrich mit dem Titel „Marlene Dietrich – Her Own Song“. Riva, der „einen Teil ihrer Seele“ zeigen wollte, nimmt in seinen Dokumentarfilm auch die Besuche der Künstlerin in Polen und Israel auf. Immer wieder hebt er das politische Engagement seiner Großmutter gegen den Nationalsozialismus hervor. 2011 erschien die viel beachtete Doppelbiographie mit dem Titel „Dietrich & Riefenstahl: Die Geschichte zweier Jahrhundertfrauen“ von Karin Wieland. Tatsächlich ist über Marlene Dietrich viel gesagt und geschrieben worden. Das Interesse an ihrer Person und ihrem Leben hält ungebrochen an, auch im Sinne der Erinnerung an eine Welt des schönen Seins der zwanziger und dreißiger Jahre, die häufig das Melo-Dramatische und Authentisch-Tragische ausspart. Dazu trägt u. a. auch Josefs Vilsmaiers Film „Marlene“ (2000) bei.
Marlene Dietrich und die polnische Kultur
Eine außerhalb Polens weitgehend unbekannte, vielleicht auch verdrängte Seite der Dietrich ist ihr Verhältnis zu Polen, zu seinen Menschen und seiner Kultur. Außer in polnischen Quellen findet man diesbezüglich nur wenige Informationen. Auch in Maria Rivas umfangreicher Biographie, „Meine Mutter Marlene“ (1992), die in der polnischen Übersetzung mit dem Titel „Marlene Dietrich. Prawdziwe życie legendy kina“ (Marlene Dietrich. Das wahre Leben einer Kinolegende) 2021 erschien, gibt es nur wenige „polnische Akzente“, die auf die Besuche ihrer Mutter in Polen hinweisen. Im Jahre 1993, fast 18 Monate nach ihrem Tod, trafen in Berlin zahlreiche Container mit einer unglaublichen Menge an Sachen ein. Man geht von etwa 25 Tonnen aus.[1] Unter den Materialien befindet sich auch ein kleinen rotes Notizheft mit der Überschrift „Pologne“. Dieses Heftchen mit den dort aufgeführten polnischen Namen wurde für die polnische Journalistin Ewelina Karpacz-Oboładze zum Ausgangspunkt ihre Reportage „Marlena w Polsce“ (Marlene in Polen, 2013). Auf vergleichbare Weise entstand auch die vielgesichtige Biografie von Angelika Kuźniak, „Marlene“, die 2023 in Warschau erschien. Unter den in beiden Werken aufgeführten polnischen Namen sind zwei von besonderer Bedeutung: Zbigniew Cybulski, ein berühmter polnischer Schauspieler und der populäre polnische Musiker Czesław Niemen. Beide können durchaus als Schlüsselfiguren angesehen werden, die helfen, eine weitgehend unbekannt gebliebene Facette des faszinierenden Lebens der Dietrich aufzuzeigen. Zweimal besuchte die Künstlerin Polen, 1964 und 1966. Die Reisen fielen in eine Zeit des politischen und kulturellen Tauwetters, einer für ein kommunistisches Land weitgehenden kulturellen Öffnung. Im zunehmenden Maße kamen jetzt auch Künstler aus dem Westen nach Polen. Zu ihnen gehörte der Weltstar Marlene Dietrich. Bei ihrer ersten Reise in den ihr noch fremd gebliebenen Osten Europas schien sie einem gängigen Stereotyp zu folgen, über den die polnische Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska mit ironischer Distanz geschrieben hatte: „La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort, nicht wahr? Pas du tout, antworte ich eisig. (La Pologne? La Pologne? Strasznie zimno tam“, 1971). Beim Einkauf bei „Dior“ in Paris hatte man die Künstlerin überzeugt, einen edlen, flauschigen Pelz zu kaufen, wären doch die Winter im Osten Europas besonders kalt. Und so reiste die modebewusste Dietrich, immerhin mit 25 Gepäckstücken, am 16. Januar 1964 von Paris über Berlin-Schönefeld nach Warschau. Dick eingehüllt war sie in einen luxuriösen, hellen Pelzmantel, und es hatte den Anschein, als würde sie nach Sibirien reisen wollen. Die Temperatur betrug bei ihrer Ankunft auf dem Warschauer Flughafen lediglich minus 2,8 Grad. Auf ihrer Zwischenlandung in Ost-Berlin war die Dietrich, von großem medialem Interesse begleitet, von den Schauspielern Wolf Kaiser (Berliner Ensemble) und Gerry Wolff, Schauspieler und Chansoninterpret, mit einem großen Blumenstrauß herzlich begrüßt worden. Gerry Wolff (eigentlich Gerald Wolff) hatte 1966 eine deutsche Version des Antikriegsliedes von Pete Seeger, „Where have all the flowers gone“ geschaffen: „Sag mir wo die Blumen sind“. Auf die Frage, ob Marlene Dietrich bereit sei, bald einmal auch „bei uns in der in der Deutschen Demokratischen Republik zu gastieren“, sagte Marlene Dietrich lächelnd: „Warum nicht?“ Sehr gern würde sie auch einmal die Stätten wiedersehen, an denen sie früher gewirkt habe…[2] Als Andenken hatte sie in Schönefeld eine Figur des durch den „Abendgruß“ des Fernsehens der DDR beliebten Sandmännchens geschenkt bekommen. Dieses kleine Sandmännchen hielt sie neben einem großen Strauß Blumen bei ihrer Ankunft in Warschau fest in ihren Händen.
Der Berliner Zwischenstopp von Marlene Dietrich auf ihrer Reise nach Warschau war auch der Anlass für die Entstehung eines aus Fakten und Fiktionen bestehenden „literarischen Verwirrspiels“. Zeitgeschichte wird von einem erprobten Trio bestehend aus der Zeichenkünstlerin Bettina Munk, der Politologin Karin Wieland und dem Soziologen Heinz Bude neu und anders erzählt. „Transit 64“[3], so der Titel des Werkes, weitet den Handlungsort Berlin auch auf den Westteil der Stadt aus. Die Mitautorin Karin Wieland hat im Jahre 2011 bereits eine Doppelbiographie mit dem Titel „Dietrich & Riefenstahl. Der Traum von der neuen Frau“[4] vorgelegt, in der sie die unterschiedlichen Lebenswege von Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl kritisch verfolgt. In „Transit 64“ äußert sich Marlene Dietrich über ihren kurzen Aufenthalt Berlin wie folgt: „Ich hätte keinen Zwischenstopp einlegen sollen. Von Paris nach Warschau, das wäre es gewesen. Die Franzosen und die Polen sind sich nah. Was mache ich nur bei diesem Scheißvolk, das sich sowieso nie ändern wird? […]. Ich gehöre nicht zu denen. Zu denen auf der anderen Seite aber auch nicht. Was haben die im Westen ein Theater gemacht, als ich überlegte, ob ich nicht im Friedrichstadt-Palast auftreten soll“. Trotz zahlreicher Warnungen wollte die Dietrich unbedingt den Osten bereisen. Ihre Konzerte in Moskau und Leningrad hatte sie dabei allerdings wohlweislich verschwiegen, nicht aber ihre Reise nach Warschau. Gefreut hatte sich Marlene Dietrich in Berlin lediglich auf die von ihr geschätzte Helene Weigel, die allerdings die Begrüßung der prominenten Künstlerin auf dem Flughafen wegen einer wichtigen Premiere abgesagt hatte. „Schade, dass sie nicht gekommen ist. […] Ob sie noch immer so stolz und scheu ist wie in den Zwanzigern? Bein hat sie nie gezeigt, konnte dafür aber laut sprechen. Den Brecht hat ja keiner verstanden mit seinem Krächzen und seinem seltsamen Dialekt. Der konnte froh sein, dass er die Weigel hatte.“ „Transit 64“ reflektiert im Übrigen auch die Szene, in der Marlene Dietrich auf dem Flughafen in Schönefeld ein Sandmännchen geschenkt bekommt: „Gnädige Frau, gestatten Sie, wenn Sie eine Nacht mal nicht schlafen können, dann haben Sie jetzt einen Begleiter“. Die Dietrich äußerte dazu: „Das Sandmännchen Ost hatte einen Spitzbart wie Walter Ulbricht, der Chef der DDR.“ Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie stolz man beim „Deutschen Fernsehen Ost“ war, dass eben dieses Sandmännchen „noch vor dem Sandmännchen-West auf Sendung gegangen“ war.
Das als „Geschichtsutopie“ bzw. als „Politkrimi“ bezeichnete Werk „Transit 64“ kann als ein beeindruckendes, verwirrendes Spiel gelten, das eine wohl bekannte Frage aufwirft: Was wäre denn wenn gewesen? Und so entsteht eine aus Fakten, Fiktion und Zeichnungen bestehende irrwitzigen Geschichte. Das literarische Werk, das aktuelle Probleme von Freiheit, Demokratie, Diktatur, von Verschweigen und Anpassung aufwirft, kann durch seine hintersinnigen Zeichnungen teilweise auch als „Graphic Novel“ angesehen werden. Ausgangspunkt für die Geschichte war, dass angeblich Egon Bahr im Ost-Fernsehen gebannt die Live-Übertragung von der Ankunft der Dietrich in Schönefeld verfolgt hatte und ihren Berlinaufenthalt dazu nutzen wollte, ihr einen ungewöhnlichen Vorschlag zu unterbreiten. Und so kommt es im Westteil Berlins im Hinterzimmer einer Bar zu einem Geheimtreffen zwischen der „glamourösen Künstlerin“ und zwei westdeutschen Politikern: Willy Brandt, damaliger Bürgermeister von Westberlin und dem Versöhner und politischen Wegbereiter Egon Bahr. Beide wollen die Dietrich dazu überreden, als Kandidatin gegen den amtierenden Alt-Nazi Heinrich Lübcke anzutreten, um dessen Wiederwahl zu verhindern. Auf diese Art und Weise soll der alten Bundesrepublik eine neue Atmosphäre verliehen werden. „Dietrich gegen Lübcke! Tolle Idee! Die bringt schließlich Schwung in die Bude und wirbelt Ost-West, links-rechts, Frau-Mann durcheinander“. Marlene Dietrich wollte sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen und ihre Entscheidung beim Abflug nach Warschau signalisieren. Sollte sie einverstanden sein, würde sie als vereinbartes Zeichen „Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin“ singen. Was einte seinerzeit die beiden Hauptprotagonisten des Buches, Dietrich und Brandt? Tatsächlich waren sie sich bereits am 4. Mai 1960 in Westberlin begegnet und standen sich nahe. Beide waren mutig gegen die Nazis aufgetreten, galten als Ikonen des antifaschistischen Widerstands, welche die Schuld der Deutschen auf sich genommen hatten. „Wir sind beide Verräter, haben Sie das vergessen? Gegen uns halten die anderen Deutschen fest zusammen“, sagt Marlene Dietrich im besagten Westberliner Hinterzimmer zu Brandt. Als ihre erste Amtshandlung wollte Marlene Dietrich eine „Parade der deutschen Widerstandskämpfer den Ku’damm entlang anordnen. Werden nicht allzu viele sein, aber ein paar kommen zusammen.“ In Rückblenden tritt Marlene Dietrich in „Transit 64“ auch als Offizier der US-Armee auf, Willi Brandt wiederum als Widerstandskämpfer im Paris der Volksfront und im Berlin der Nazis. Beide eint kämpferischer Mut, der antifaschistische Widerstand und die Bereitschaft in der Not auch das erforderlich Notwendige und Richtige zu tun. „Transit 64“ will bewusst in das Heute hineinwirken, das Werk kann auch als eine Aufforderung, als ein Fanal gelten: „Zurück in die Zukunft! Zurück, um Voran zu schreiten; zurück um wieder offen und weltläufig zu sein.“ In diesem Sinne gleicht es auch einem Aufruf, einem Programm: „Wir wollen den verkalkten und weitgehend degenerierten Bewegungen einer zu Ende gehenden Zeit den Geist von Befreiung und Verwirklichung für eine neue Zeit entgegensetzen.“ „Transit 64“ ist aber auch ein Beweis dafür, dass der Mythos Marlene lebt!
Das Motiv von der im Osten herrschenden sibirischen Kälte wird auch in „Transit 64“ von der Figur der Marlene Dietrich geäußert: „Sibirien ist das da draußen nicht, aber eiskalt wird es sein. Sie ist froh, dass sie den gefütterten Lammfellmantel anhat“. Es offenbart sich erneut nach ihrer Ankunft in Warschau in dem für sie reservierten Hotel. Ungastlich und kalt erschien ihr das Hotel „Europejski“. „Um nichts in der Welt werde ich hier, in diesem eiskalten ‚Totenhaus‘ bleiben“. Daraufhin wurde die Dietrich, nunmehr zu ihrer Zufriedenheit, im luxuriösen „Bristol“, dem besten Hotel der Stadt, untergebracht. In Warschau gab Marlene im „Kongresssaal“ (Sala Kongresowa) des Kultur- und Wissenschaftspalastes (Pałac Kultury i Nauki) acht Konzerte, die von ca. 32.000 Menschen besucht wurden. Das Publikum feierte die Künstlerin frenetisch. Für ihre polnischen Zuhörer sang sie „Ich kann dir nichts als Liebe geben, meine Liebe“ und die begeisterten Polen sang für sie aus voller Kehle das polnische Lied „Sto lat“ (100 Jahre sollst du werden), mit dem man sich in Polen traditionell ein langes, gesundes und glückliches Leben wünscht. In ihren Memoiren schreibt die Dietrich später, dass sie nirgendwo so warm, enthusiastisch und herzlich begrüßt wurde wie in Polen. „Überall habe ich ein wundervolles Publikum, aber ein solches großartiges nur in Warschau!“ Nach ihrem zweiten Auftritt in Warschau fuhr Marlene Dietrich mit dem Taxi zum Ghetto-Denkmal. Mit einem Strauß weißen Flieders in ihren Händen sank sie auf ihre Knie und brach tiefbewegt in Tränen aus. In ihren späteren Aufzeichnungen schreibt sie: „Seit den grauenhaften Missetaten, die mich veranlasst hatten, Deutschland den Rücken zu kehren, hatte ich mich schuldig für das deutsche Volk gefühlt. Jetzt mehr denn je.“
1966 besuchte Marlene Dietrich Polen zum zweiten Mal. Dieses Mal kommt es zu einer denkwürdigen Begegnung mit dem charismatischen polnischen Filmstar Zbigniew Cybulski in Breslau (Wrocław). Der polnische Schauspieler, der als Symbol der tragischen polnischen Nachkriegsgeneration gilt, war durch die Verfilmung seines Romans „Asche und Diamant“ (Popiół i diament) von Jerzy Andrzejewski der Dietrich bekannt geworden. Der einflussreiche amerikanische Filmproduzent und Schauspieler, Martin Scorse, hatte die Romanverfilmung hoch gelobt, ihn sogar als einen der großartigsten Filme überhaupt bezeichnet. In Frankreich wurde die Verfilmung durch den polnischen Regisseurs Andrzej Wajda (1958), der französische Titel lautete „Cendres et diamant“, als bester ausländischer Film mit dem „Étoile de Cristal“ (1959) ausgezeichnet. Marlene Dietrich hatte bereits einige polnische Filme gesehen, doch der beste war für sie ohne Zweifel „Asche und Diamant“: „Das ist ein echtes Kunstwerk. Im Gedächtnis ist mir vor allem die Schauspielkunst von Cybulski geblieben. Was für ein großartiger Schauspieler!“ Diesen „polnischen James Dean“ wollte sie unbedingt während ihres Besuchs in Polen treffen. Zur Begegnung kam es am 6. März 1966 in Wrocław (Breslau) im seinerzeit elegantesten Hotel der Stadt, „Monopol“. Dort wartete bereits ein Strauß Rosen, in den polnischen Nationalfarben weiß-rot gehalten, mit einer Nachricht auf sie: „Ich mache Fehler, wenn ich auf Französisch schreibe – deshalb schreibe ich Ihnen auf Polnisch. Ich bin überaus glücklich, dass ich Sie hier begrüßen darf. Das ist keine Floskel, sondern die volle Wahrheit. Zbyszek.“ Für das Rendez-vous stand nur wenig Zeit zur Verfügung; die Dietrich musste nach ihrem gefeierten Auftritt in der Breslauer „Jahrhunderthalle“ zu Konzerten nach Warschau weiterreisen. Im aufgeknöpften weißen Leinenhemd und mit einer Flasche polnischen Wodkas in der Hosentasche, war Cybulski am Abend ins Hotel gekommen. Die polnischen Medien spekulieren, ob es eine „Romanze“ zwischen dem ungleichen Paar war, das immerhin ein Altersunterschied von 26 Jahre trennte, oder ob die beiden „nur“ die Liebe zum Film und zum Wodka verband.[5] Zu den von Cybulski angebeteten Künstlerinnen aus Frankreich gehörten übrigens auch Édith Piaf und Marie Laforệt. Marlene bewunderte die schauspielerische Kunst, aber auch die besondere Ausstrahlung und den „erotischen Gang“ Cybulskis. In ihren Memoiren notierte sie scheinbar beiläufig: „Habe ich ihn (vielleicht) geliebt?“ Während ihres Treffens tranken und tanzten sie im „Metropol“, und Cybulski sang ihr das melancholische Chanson „Bonjour tristesse“ in der Version von Juliet Gréco ins Ohr: „Depuis qu‘on est ensemble / Tu viens chaque matin / Me donner la première caresse / Bonjour tristesse“. (Seit wir zusammen sind / kommst Du jeden Morgen / um mir die erste Streicheleinheit zu geben / sei gegrüßt Traurigkeit.) Der polnische Star begleitete seine Angebetete zum Zug nach Warschau, sie waren unzertrennlich. Der Schlafwagenführer verhinderte jedoch, dass Cybulski mit nach Warschau fuhr. Und so war er gezwungen, aus dem bereits fahrenden Zug zu springen, ohne sich noch von der Dietrich verabschieden zu können. Während ihrer Gespräche hatte der polnische Schauspieler der Dietrich vorgeschlagen, gemeinsam einen Film zu machen. Beide blieben nach ihrer Breslauer Begegnung auch weiterhin im Kontakt, sie schrieben sich Briefe und tauschten kleine Geschenke aus, doch aus dem angedachten Filmprojekt wurde nichts. Bei Cybulskis Besuch in Paris im Juli 1966 hinterließ er Marlene bei ihrer Sekretärin eine Nachricht, er bat um einen Rückruf. Zehn Tage lang wartete er, angeblich stets mit dem Telefon am Ohr, vergeblich auf einen Anruf. Vielleicht hatte die Sekretärin die Nachricht nicht weitergegeben… Am 8. Januar 1967 kam es zu einem tödlichen Unfall, Cybulski war bei einem Sprung auf einen fahrenden Zug ums Leben gekommen. In ihrem Tagebuch schrieb die Dietrich: „Bis heute verfolgt mich dieser sinnlose Tod eines großartigen Menschen und großen Künstlers. […] Cybulski wird nicht vergessen werden, was man von den meisten Schauspielern nicht sagen kann.“
Fortsetzung folgt
Ein Beitrag von Dr. Hans-Christian Trepte
Anmerkungen:
[1] Maria Riva, hatte 1993 den Nachlass ihrer Mutter an das Museum für Film und Fernsehen, Abteilung Kinemathek, in Berlin verkauft. Er ist dort als „Marlene Dietrich Collection“ zugänglich (SDK DietrichM).
[2] Darüber berichtete der „Augenzeuge“ 1964/04. Marlene Dietrich auf der Durchreise in Berlin. https://berlin.museum-digital.de/singleimage?imagenr=153330#map=1.75/478.50/480.00/0
[3] Bude Munk Wieland (Heinz Bude, Bettina Munk, Karin Wieland): Transit 64. München: Hanser 2025.
[4] Karin Wieland: Dietrich & Riefenstahl – Der Traum von der neuen Frau. München: Hanser 2011.
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.
[5] https://plejada.pl/polscy-celebryci/zbigniew-cybulski-oczarowal-marlene-dietrich-nie-mogli-sie-rozstac/78rszj8


